Nach den blutig niedergeschlagenen Demonstrationen wankt das Regime im Iran. Die Proteste in der Diaspora halten an. In Berlin ist der iranische Widerstand aktiv.
In einer alten, hübsch sanierten Stadtvilla am Rande des Berliner Stadtteils Grunewald logiert seit 26 Jahren der Nationale Iranische Widerstandsrat (NWRI). Hier fallen die vielen Kameras an Masten und Bäumen, die das Gelände sichern, nicht weiter auf, das gehört in der Villenkolonie zum Straßenbild. Gut 500 Meter entfernt, auf der anderen Seite einer achtspurigen Magistrale, hat das israelische Generalkonsulat seinen Sitz. Im Gegensatz dazu hat der Iranische Widerstandsrat keinen diplomatischen Status, sondern ist nach eigener Darstellung die größte Oppositionsorganisation der iranischen Diaspora in Europa.
Allein in Deutschland leben über 300.000 Menschen mit iranischem Migrationshintergrund, mehr als 120.000 haben sich in den vergangenen 25 Jahren einbürgern lassen (Quelle: Mediendienst Integration). Damit ist die iranische Community in Deutschland europaweit die größte und weltweit eine der größten.
Immer wieder hat die iranische Opposition Großdemonstrationen organisiert, um auf die Situation in ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Auch Anfang Januar vor dem Brandenburger Tor.
Zwischen neuem Schah und Demokratie
Zur gleichen Zeit waren in der iranischen Hauptstadt Teheran Markthändler, die „Basaris“, auf die Straßen gegangen und hatten gegen die explodierenden Preise für Grundnahrungsmittel demonstriert. Binnen weniger Tage hat sich daraus die bislang größte Demonstrationsbewegung gegen das Regime im ganzen Land entwickelt. Die Revolutionsgarden, Spezialeinheiten des Regimes, gingen mit gnadenloser Gewalt dagegen vor. Allein die Zahl der Toten wird von internationalen Beobachtern auf bis zu 20.000 geschätzt. Das Regime selbst hat offiziell etwa 5.000 Getötete eingeräumt. Bis jetzt ist das genaue Ausmaß des erneuten Volksaufstands nicht genau verifizierbar. Das Internet im Land war abgeschaltet und funktioniert selbst drei Wochen später nur sehr begrenzt.
Hossein Yaghobi lebt seit über 40 Jahren in Berlin und befindet sich seit 47 Jahren im Widerstand gegen das Mullah-Regime, also seit der Gründung der Islamischen Republik Iran unter dem damaligen Revolutionsführer Ayatollah Chomeini 1979. Der heute 63-jährige Yaghobi hat noch als Jugendlicher die blutige Schreckensherrschaft von Schah Reza Pahlavi miterlebt und hofft nun auf eine iranische Volksdemokratie. „Das Tor steht derzeit dafür weit offen, der Wächterrat ist geschwächt, um Ali Chamenei ist es einsam geworden“. Doch Chamenei als persischer Herrscher kann sich weiter in seinem Amt halten. Diaspora-Widerstandskämpfer Yaghobi muss einräumen, dass der Widerstand im eigenen Land nicht ausreichen wird, es braucht Hilfe von außen. Doch weder die USA noch Israel werden sich darauf einlassen. Auch die arabischen Staaten fürchten einen politisch instabilen Iran, der die gesamte Region politisch weiter schwächen würde. Lieber mit den Mullahs in Teheran irgendwie klarkommen als eine Revolution mit mehr als ungewissem Ausgang. Dazu sind die Erinnerungen an die Folgen der US-Intervention im Irak vor 23 Jahren noch zu gut in Erinnerung.
Trotzdem hält sich die größte iranische Widerstandsgruppe in Westeuropa, der Nationale Iranische Widerstandsrat, bereit, wenn sich das iranische Volk erfolgreich gegen den Religions- und Wächterrat aufgelehnt hat und Demokratie einkehren soll. „Die Präsidentin des Widerstandsrats, Maryam Rajavi, würde dann eine Übergangsregierung bis zu demokratischen Wahlen führen, das wäre ein demokratischer Übergang nach westlichem Vorbild“, so Hossein Yaghobi. Die 72-jährige Rajavi lebt seit 35 Jahren in Paris im Exil.
In den USA steht zugleich der Sohn des ehemaligen Schahs von Persien in den Startlöchern. Er brachte sich in den Januartagen von seinem Wohnort Florida aus als möglicher neuer persischer König ins Gespräch. Reza Pahlavi Junior will die konstitutionelle Monarchie als Schah wieder nach Teheran zurückbringen. Er ist allerdings auch höchst umstritten. Experten schätzen die Lage so ein, dass eine Mehrheit der Iraner, die im Land leben, keine Lösung von außen, weder dem Europäischen Iranischen Widerstand noch dem Schah-Sohn aus Amerika will, sondern eine Lösung, die von den Menschen im Land selbst getragen wird.