Die Bundesliga-Saison im Handball startet – und gleich mehrere Teams machen sich Hoffnungen auf den Titel. Großer Favorit ist abermals der SC Magdeburg. FORUM macht den Favoriten-Check.
Viele Jahre vermarktete sich die Handball-Bundesliga als die „stärkste Liga der Welt“. Aber ist sie das noch immer? Aber natürlich, meint Liga-Boss Frank Bohmann. Fast alle Stars der vergangenen Europameisterschaft in Dänemark, Schweden und Norwegen „spielen bei uns in der Handball-Bundesliga“, sagte der 61-Jährige stolz. Auch die vergangenen Saisons in der Champions League würden zeigen, dass die HBL vor allem in der Breite weiterhin das Maß der Dinge sei. Dass die Liga jüngst den Vertrag mit TV-Partner Dyn um drei Jahre vorzeitig bis 2032 verlängern konnte, wurde intern als großer Erfolg gefeiert. In der „sehr gut funktionierenden Partnerschaft“ sei es gelungen, „die mediale Präsenz unserer Profiligen deutlich nach oben zu fahren“, berichtete Bohmann. So sei die durchschnittliche Reichweite pro Spiel in der abgelaufenen Saison um 20 Prozent gegenüber der Vorsaison gestiegen. Diese Entwicklung soll sich in der neuen Spielzeit 2026/27 fortsetzen, die Macher hoffen vor allem auf einen möglichst spannenden Titelkampf mit mehreren Topteams in der Verlosung.
Der Startschuss fällt am 27. August mit dem Spiel des Rekordmeisters THW Kiel gegen den TBV Lemgo. Wie gewohnt macht die Bundesliga im Januar eine längere Pause wegen eines großen Turniers, diesmal steht eine Heim-Weltmeisterschaft an. Beendet wird die Saison am 6. Juni 2027 nach dem 34. Spieltag. Auch diesmal gibt es zwei Aufsteiger: Als Zweitliga-Meister mischt die HBW Balingen-Weilstetten wieder in der Bundesliga mit, von 2006 bis 2017 spielten die „Gallier“ durchgehend im deutschen Handball-Oberhaus. Die SG BBM Bietigheim kehrt nach nur einem Jahr in die Bundesliga zurück. Für beide Aufsteiger geht es wenig überraschend einzig und allein um den Klassenerhalt. Den Titel machen andere Teams unter sich aus. FORUM beleuchtet die Topfavoriten:
SC Magdeburg
Titelkandidat Nummer eins ist natürlich der Serienmeister aus Sachsen-Anhalt. Der SCM entschied in den vergangenen fünf Jahren viermal die Meisterschaft für sich und gewann in dieser Zeit auch zweimal die Champions League. So stabil trat keine andere Mannschaft in Europa auf. Der Erfolg ist eng verbunden mit der Personalie Bennet Wiegert. Der Ex-Profi ist seit elf Jahren Trainer seines Herzensclub, mit ihm kamen der Erfolg und auch eine gewisse Sieger-Mentalität zurück zum SCM. Der 44-Jährige wurde kürzlich mit dem Landesverdienstorden ausgezeichnet. „Was mich besonders beeindruckt: Bei all diesen Erfolgen ist er Magdeburger geblieben – bodenständig, ehrgeizig und tief mit seiner Heimat verbunden“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze bei der Übergabe des Ordens: „Bennet Wiegert hat aus einer klaren Idee eine außergewöhnliche Mannschaft geformt. Er weiß, welche Spieler zu Magdeburg passen, und schafft es, aus starken Persönlichkeiten ein echtes Team zu machen. Diese Mannschaft trägt seine Handschrift.“
Vor dieser Saison verpflichtete der Titelverteidiger unter anderem Torhüter Dominik Kuzmanović, Rückraumspieler Antonio Serradilla und Rechtsaußen Oskar Vind. Für Kuzmanovic wird der Ligastart beim VfL Gummersbach etwas Besonderes, schließlich lief der 24 Jahre alte Kroate in der Vorsaison noch für den Traditionsclub auf. Langfristig soll Eigengewächs Tim Thielicke für den Rückraum aufgebaut werden. Der 18-Jährige unterzeichnete kürzlich einen Profivertrag bis 2029, als gebürtiger Magdeburger gilt er auch als künftige Identifikationsfigur. „Tim hat in den vergangenen Jahren immer wieder sein Talent gezeigt und sich den Weg in die Bundesliga verdient“, sagte Wiegert: „Mit seiner Zweikampfstärke und seiner Abschlusssicherheit bringt er Qualitäten mit, die gut in unser Spielsystem passen.“ Zuvor hatte auch schon Malte Elze den Sprung aus dem Nachwuchsbereich zu den Profis geschafft.
Die Stützen des Teams sind aber andere Profis, die ihr Können auch international schon unter Beweis gestellt haben. Zwar hat das Team seinen langjährigen Kapitän Christian O‘Sullivan, der zu TBV Lemgo Lippe gewechselt ist, verloren. Doch in Ómar Ingi Magnússon, Matthias Musche, Gísli Þorgeir Kristjánsson, Felix Claar und Magnus Saugstrup stehen noch reichlich Anführer und sportliche Ausnahmekönner im Kader. Die sind auch schon früh in der Saison gefragt, denn bereits am zweiten Spieltag kommt es zum Kracher gegen Vizemeister Füchse Berlin.
Füchse Berlin
Über den Spielplan sind die Berliner Verantwortlichen alles andere als begeistert. Nicht nur das Topduell mit Magdeburg, auch schon der Auftakt eine Woche zuvor gegen MT Melsungen hat es in sich. Und danach warten die auf dem Papier schweren Spiele gegen Stuttgart und Gummersbach. „Der Auftakt wird brutal“, haderte Trainer Nicolej Krickau: „Da kann es sein, dass wir im September schon über eine Herausforderung sprechen.“ Entsprechend zurückhaltend äußerten sich die Club-Bosse bezüglich der Saisonziele. „Es macht jetzt aber gar keinen Sinn, irgendwas zu sagen. Wir müssen erst einmal gucken, wie sich das entwickelt“, sagte Geschäftsführer Bob Hanning. Er betonte auch, dass es sich eher um eine Art Übergangssaison handelt. Im nächsten Jahr wechseln die Weltklassespieler Dika Mem und Simon Pytlick an die Spree – und dann will der ambitionierte Hauptstadtclub wieder ganz offensiv in den Titelkampf eingreifen.
Der aktuell größte Star des Welthandballs steht schon im Füchse-Kader: Mathias Gidsel. Der dänische Ausnahmekönner verliert allerdings seinen kongenialen Teamkollegen und Landsmann Lasse Andersson, der zurück in die Heimat gewechselt ist. Ein direkter Ersatz wurde für ihn nicht verpflichtet – das ist ein gewisses Risiko. Die Füchse wollen die Lücke intern schließen, hier kommt Nationalspieler Matthes Langhoff eine Schlüsselrolle zu. Er war bislang eher in der Abwehr zum Einsatz gekommen, soll nun aber auch offensiv im Rückraum Akzente setzen. „Wir erwarten, dass er nicht nur einer der besten Abwehrspieler der Welt ist, sondern auch ein starker Rückraumlinker wird“, sagte Hanning und erhöhte den Druck: „Die Saison für Matthes ist die Saison seines Lebens.“
THW Kiel
Vierter, Vierter, Sechster – die Endplatzierungen der vergangenen drei Jahre deckten sich so gar nicht mit den Ansprüchen des Renommierclubs. Als Konsequenz musste Trainer Filip Jicha gehen, als neuer Chefcoach übernahm der Norweger Börge Lund. Er sorgte in der Vorbereitung für eine gewisse Aufbruchstimmung, der Sieg beim Alpla Sommercup in Österreich gab zudem Rückenwind. „Ich finde, wir haben als Mannschaft hier gut gespielt“, sagte der schwedische Rückraumspieler Eric Johansson. Die mannschaftliche Geschlossenheit dürfte auch der Schlüssel zum Erfolg sein, denn nicht nur der Trainer ist neu: Es kamen und gingen auch viele Spieler, die Automatismen müssen erst erarbeitet und verfeinert werden. Auf dem Papier hat der THW an Qualität dazugewonnen, vor allem die Transfers von Nationalspieler Julian Köster und Champions-League-Sieger Domen Makuc machen Hoffnung auf Besserung. Lund ist über den XXL-Umbruch ganz glücklich. „Wir gucken nicht so viel nach hinten, wie das alles war. Das ist ja ein Neustart“, sagte der neue Zebra-Coach. Auf ihn warte zwar „sehr viel Arbeit“, aber die wolle er mit vollem Elan angehen – und damit auch Vorbild für den neuen Spielstil sein. Denn der soll schneller und mutiger werden, viele Eins-gegen-eins-Situationen sollen geschaffen werden. „Aber wir müssen eine gesunde Balance finden, dass es nicht so wie ein Westernfilm wird“, verbildlichte der Trainer. Ziel sei es, den aus seiner Sicht „größten Verein der Welt“ wieder näher an die nationale Spitze heranzurücken. Das Erreichen des internationalen Geschäfts ist Pflicht.
SG Flensburg-Handewitt
Als Dritter der Vorsaison befindet sich der Club aus dem hohen Norden natürlich auch diesmal wieder im Kandidatenkreis für den Titel. Doch der Abgang von Nationalmannschafts-Kapitän Johannes Golla in Richtung Melsungen schmerzt sehr. Acht Jahre war er bei der SG Leistungsträger, Führungsspieler, Publikumsliebling. Vor seinem Abschied wurde Golla noch in die „Hall of Fame“ des Clubs aufgenommen – genau wie Kevin Möller. Beide spielen nun nicht mehr für Flensburg, und in Lukas Jörgensen verließ sogar ein dritter Hochkaräter den Club. Die große Frage ist: Können die Neuzugänge diese Abgänge kompensieren? Die Namen lesen sich nach großer Qualität: Vor allem vom französischen Nationalspieler Aymeric Minne (von HBC Nantes) und dem Dänen Emil Bergholt (Skjern Handbold) versprechen sich die Verantwortlichen viel. Auch Simon Möller, Emil Bergholt, Arnar Freyr Arnarsson sollen sich als Verstärkungen entpuppen. Simon Möller soll Namensvetter Kevin Möller im Tor ersetzen.
MT Melsungen
Die Verpflichtung von Johannes Golla, der einst in Melsungen seine ersten Schritte im Profihandball absolvierte, war schon länger bekannt. Der DHB-Kapitän soll den ambitionierten Club noch dichter an die Topteams heranführen. Als Sieger der European League darf sich mit Melsungen in dieser Saison sogar in der Champions League messen. Dafür wurde der Kader aufgepäppelt, neben Golla zog es auch den Spanier Dani Dujshebaev nach Hessen.
Pikant ist unterdessen die Trainersituation: Schon jetzt ist klar, dass Roberto García Parrondo nach der Saison aufhören wird, und in Jaron Siewert steht dessen Nachfolger auch schon fest. Der frühere Meistercoach ist bereits jetzt schon für den Club in einer beratenden Funktion tätig.