Hautkrebs gilt als zweithäufigste Berufskrankheit in Deutschland. Menschen, die im Freien arbeiten, trifft es besonders oft. So auch Katja Bock aus Viernheim, die im Dachdeckerhandwerk arbeitet und bei der vor über 20 Jahren erstmals schwarzer Hautkrebs diagnostiziert wurde.
Wenn es draußen wärmer wird, die Luft nach blühenden Pflanzen riecht und Bienen durch die Gegend fliegen, verbinden das die meisten mit Sommergefühlen. Doch wer in den Sommermonaten nach der Arbeit im Büro gern Zeit im Wald, im Freibad oder auf einem Spielplatz verbringt, blendet oft aus, dass der Arbeitsplatz vieler Menschen unter freiem Himmel ist. Denn sogenannte Draußen-Arbeiter wie Dachdecker, Bademeister, Gärtner, Förster und Straßenbauarbeiter haben keine andere Wahl: Sie sind der Sonne und der UV-Strahlung ausgesetzt. Und was vielen auch nicht bewusst ist: Damit sind sie mehr als andere gefährdet, an hellem Hautkrebs zu erkranken.
Laut der BG Bau, der Berufsgenossenschaft für die Bauwirtschaft, war der weiße Hautkrebs 2024 die zweithäufigste gemeldete Berufskrankheit in Deutschland. Nach einer Erhebung registrierte die Berufsgenossenschaft Bau im Jahr 2023 2.952 Verdachtsanzeigen und im darauffolgenden Jahr bereits 3.071 – die Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor. Experten meinen, dass diese Entwicklung sich in einem allgemeinen Trend in der Gesamtbevölkerung widerspiegelt. Generell nimmt heller Hautkrebs zu und vor allem Menschen am Bau sind der Sonne besonders stark ausgesetzt. Hinzu kommt: Die globale Klimaerwärmung begünstigt Hautkrebserkrankungen. Die jährliche Sonnenscheindauer nimmt nach Berechnungen des Deutschen Wetterdienstes zu. Und besonders alarmierend: Damit verbunden steigen dem Robert-Koch-Institut zufolge auch die Stärke und Dauer der Belastung durch UV-Strahlung. Insbesondere die starke Belastung mit UV-Strahlen gilt als der wichtigste Risikofaktor für weißen Hautkrebs. Die Intensität der ultravioletten Strahlung zeigt der UV-Index an, der in Wetter-Apps und in Wettervorhersagen zu finden ist. Demnach sollte ab einem UV-Index von 3 die Haut geschützt werden, um mögliche Schäden zu vermeiden.
„Ich habe mir damals keine großen Gedanken gemacht, wie es weitergeht“
Wie nun ergeht es denjenigen, die in der Bauwirtschaft arbeiten? Und wie lebt man mit der ständigen Gefahr, an hellem Hautkrebs zu erkranken? Und was können zum Beispiel diejenigen tun, die im Dachdeckerhandwerk arbeiten, um sich vor aggressiver UV-Strahlung zu schützen? Die BG Bau als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung für die Bauwirtschaft und für baunahe Dienstleistungen betreut mehr als drei Millionen Versicherte. Um exemplarisch zu zeigen, welchen Widrigkeiten die Berufsgruppe der Draußen-Arbeiter ausgesetzt ist, soll die Geschichte von Katja Bock erzählt werden. Die 52-Jährige lebt im südhessischen Viernheim, einer 35.000-Einwohner-Stadt zwischen Mannheim und Weinheim. Sie ist Mutter eines 27-jährigen Sohnes und Großmutter zweier Enkelkinder im Alter von sechs und drei Jahren. 1991 begann sie als Auszubildende in einem Dachdeckerhandwerksbetrieb, drei Jahre später schloss sie ihre Ausbildung zur Dachdeckergesellin ab. Ein Jahr darauf machte sie ihren Taxischein – damals in den 1990ern aus einer Unsicherheit heraus, denn vielen im Dachdeckerhandwerk Beschäftigten drohte in den kälteren Wintern die Arbeitslosigkeit. Eine Zäsur in ihrem bisherigen Leben gab es, als sie 1999 ihren Sohn zur Welt brachte. Als ihr Sohn eingeschult wurde, wechselte sie die Berufe – als Taxifahrerin im Nebenberuf sattelte sie um zur hauptberuflichen Taxifahrerin. 2011 brach sie das Taxifahren kurzzeitig ab und wechselte zurück in ihren Beruf als Dachdeckerin. Seit 15 Jahren arbeitet sie wieder Vollzeit als Dachdeckerin. Über Jahre fuhr sie nebenher nachts und an Wochenenden Taxi. „Im selben Jahr, als ich die Berufsausbildung machte, fing ich an, Taxi zu fahren“, sagt sie. Damals dachte sie, dass sie sich als Taxifahrerin ein zweites Standbein aufbauen könnte. Vor allem, wenn in den Wintermonaten die Aufträge zurückgingen und sie drohte, arbeitslos zu werden. „Natürlich waren die zwei Jobs belastend. Aber ich war alleinerziehend und wollte nicht auf die Hilfe des Staates angewiesen sein. Außerdem wollte ich meinem Sohn ein gutes Vorbild sein“, erzählt sie weiter. Katja Bock stammt aus einer kinderreichen Familie, in der es selbstverständlich ist, dass man dem anderen hilft. Ihre Mutter habe – sie mitgezählt – 15 Kinder, acht Jungen und sieben Mädchen, großgezogen und sei nie zum Sozialamt gegangen. „Gott sei dank war meine Mutter oder eine meiner Schwestern da, wenn ich arbeiten musste und nicht meinen Sohn von der Schule abholen konnte“, sagt sie. An „Papa-Wochenenden“ und zu Silvester fuhr sie oft Taxi. Zeit für sich selbst zu nehmen, war in dieser Lebensphase tabu.
Zehn Jahre nach absolvierter Lehre musste sie mit ihrem Sohn zum Hautarzt. Der damals Sechsjährige hatte einen Hautausschlag. „Ich sagte dem Hautarzt, dass er mal einen Blick auf eine juckende Stelle an meiner linken Achillesferse werfen soll“, sagt sie. Der Mediziner sagte daraufhin, dass es gut gewesen sei, dass sie ihn gleich wegen ihres Sohnes aufgesucht habe. Aber es sei auch wichtig, dass sie auf ihre Gesundheit achte. „Der Arzt untersuchte die Stelle mit einer Lupe und sagte, es bestehe Verdacht auf ABC-Merkmale.“ Mit der ABC(DE)-Regel lassen sich bösartige Muttermale früh erkennen und Veränderungen des Hautmals in Farbe, Form und Größe feststellen. Von diesem Erkennungsschema hörte Katja Bock zum damaligen Zeitpunkt zum ersten Mal. Ohne Umschweife sagte ihr der behandelnde Arzt, dass er die Haut an der Stelle herausschneiden wolle – wegen Verdacht auf schwarzen Hautkrebs, auch malignes Melanom genannt. Katja Bock verstand zuerst nicht, warum sich der Krebs ausgerechnet an dieser Körperstelle gebildet hatte, wo sie doch immer knöchelhohe Arbeitsschuhe und weiße Tennisstrümpfe angezogen hatte. Auch sagte er, dass sie eine Stelle am Rücken im Auge behalten solle – zu Recht, wie sich später herausstellte. Wenige Tage später entfernte der niedergelassene Hautarzt die Stelle an der Ferse und schickte eine Gewebeprobe ans Labor. Der Arzt teilte ihr eine ebenso schockierende wie beruhigende Nachricht mit: Wäre es sechs bis neun Monate später zur Untersuchung der betroffenen Achillesferse von Katja Bock gekommen, wäre die Chance, ein normales Leben zu führen, gegen null gegangen. Der Laborbefund ergab: Es war schwarzer Hautkrebs. Um sicherzugehen, dass der bösartige Krebs restlos entfernt wurde, wiederholte der Hautarzt das Herausschneiden. In der Dermatologie spricht man von einer Nachexzision, also einer chirurgischen Nachoperation, im Zuge derer um die ursprüngliche Tumorstelle in einem Sicherheitsabstand von 0,5 bis 2 Zentimeter gesundes Gewebe entfernt wird. Es stellte sich nach einer weiteren Laboruntersuchung heraus: Der zweite Eingriff förderte keinen weiteren Krebs zutage, es wurde bereits alles bei der ersten Exzision entfernt. „Ich habe mir damals keine großen Gedanken gemacht, wie es weitergeht. Hauptsache ist, dass er alles entfernt hat, dachte ich“, erzählt Katja Bock.
Spätestens von diesem Tag an achtete die Dachdeckerin aus Viernheim vermehrt auf ihre Gesundheit. Alle sechs Monate sollte sie zur ambulanten Hautkrebsvorsorge. Katja Bock trug Muttermale am Bauch, welche unter anderem bei dieser Gelegenheit kontrolliert werden sollen. „Wenn ich etwas Auffälliges beobachte oder etwas Neues entdecke, soll ich mich umgehend vom Hautarzt untersuchen lassen“, erzählt sie. Für Katja Bock bedeutete das eine große Umstellung, konsultierte sie doch zuvor eher selten Ärzte. „Es muss mir wirklich schon sehr schlecht gehen, damit ich zu irgendeinem Arzt gehe“, sagt sie.
Zwar litt in ihrer Familie bislang keiner an Hautkrebs, aber der Krebs zog sich wiederkehrend durch ihre Familiengeschichte. Drei ihrer Schwestern sind infolgedessen gestorben. Es begann damit, dass eine ihrer vier Schwestern an Brustkrebs erkrankte. Zunächst überstand sie den, doch nachdem sie die daraufhin empfohlene Kontrolle vernachlässigte, kehrte der Brustkrebs zurück – zu spät, denn ihre Schwester starb. „2018 ist meine andere Schwester gestorben, erst im Endstadium wurde bei ihr Darmkrebs diagnostiziert“, erzählt sie. Im selben Jahr ging Katja Bock zu ihrem Hausarzt, dem sie vom Tod ihrer Schwester berichtete. Normalerweise übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen erst ab 50 die Darmkrebsvorsorge, doch ihr Arzt entschied – in weiser Voraussicht –, sie ab sofort darauf hin zu untersuchen. So kam es, dass man Anfang 2019 im Zuge einer Darmspiegelung fünf Polypen bei ihr feststellte. Zur Einordnung: Darmpolypen können auf eine Vorstufe von Darmkrebs hindeuten, ihre Entfernung gilt als wichtige Vorsorgemaßnahme. Auch bei Katja Bock konnten die Polypen ohne Weiteres entfernt werden. Fortan sollte sie zur Vorsorge alle zwei Jahre eine Darmspiegelung wiederholen. Aber da der darauffolgende Vorsorgetermin keinen weiteren Befund ergab, sollte sie sich frühestens in fünf, sechs Jahren sicherheitshalber wieder untersuchen lassen. Zurück zum Krebs in ihrer Herkunftsfamilie: Im Jahr 2020 starb ihre dritte Schwester an Brustkrebs. Es vergingen zwei Jahre, als auch die Tochter ihrer verstorbenen Schwester mit 40 Jahren an Gebärmutterhalskrebs starb.
Seit der Diagnose ist das Thema Vorsorge deutlich stärker in den Mittelpunkt gerückt
Überhaupt nimmt die Vorsorge mittlerweile eine wichtige Rolle in ihrem Leben ein. Alle sechs Monate geht sie zur Hautkrebsvorsorge. „Da geht ein ganzer Tag drauf“, sagt sie. Wenn sie einen solchen Vorsorgetermin bei ihrer Hautärztin vereinbart hat, beginnt eine längere Untersuchung: Zunächst muss sich Katja Bock von Kopf bis Fuß entkleiden, damit die Fachärztin die Muttermale, Leber- und Altersflecken in Augenschein nehmen kann. „Wenn sie etwas Auffälliges bemerkt, nimmt sie eine Lupe. Besonders auffällige Stellen schneidet sie gleich weg oder lasert sie weg“, sagt Katja Bock. Rote Flecken in ihrem Gesicht können womöglich ein Anzeichen für weißen Hautkrebs sein. Falls sich der Verdacht auf weißen Hautkrebs erhärtet, kommt eine Lasertherapie ins Spiel. Damit verbunden ist ein aufwendiges Prozedere: Erst wird eine Salbe auf die roten Flecken im Gesicht aufgetragen. Auf das mit Salbe eingecremte Gesicht wird eine Alufolie gelegt, wobei Mund- und Augenpartie ausgespart werden. „Das Ganze muss dann drei bis vier Stunden einwirken.“ Danach begibt sich Katja Bock in einen anderen Praxisraum, wo sie für den Vorgang der Laserung eine schwarze Brille anzieht, die einer Schweißerbrille ähnelt. „Unter dem Infrarotlicht sitze ich dann ungefähr eine Dreiviertelstunde bis Stunde“, erzählt sie. Das rötlich aussehende Licht lässt die mit Krebs befallenen Hautzellen absterben. Denn es ist so, dass der eine oder andere Fleck bereits ein frühes Stadium von Hautkrebs erreicht hat. Wie fühlt es sich an, wenn im Gesicht Hautzellen abgetötet werden? „Es fühlt sich an wie ein leichter Sonnenbrand“, sagt sie. Deswegen kühlt sie ihre Gesichtshaut nach der Bestrahlung mit einem Eispad. Und Katja Bock muss einige Tage lang eine entzündungshemmende Salbe mit Hydrocortison und Bepanthem auf die rauen und gelaserten Stellen im Gesicht auftragen.
Aber die Vorsorge hört damit nicht auf. Die berufserfahrene Dachdeckerin cremt sich das Gesicht seit Längerem auch morgens in den Wintermonaten mit einer Sonnenlotion ein. Tagsüber schützt sie ihre Arme und Beine mit normaler Sonnencreme. „Auch wenn wir die Sonne nicht sehen können, sind trotzdem die UV-Strahlen da“, erklärt sie. Lange Zeit musste sie allerdings die Lotion mit Lichtschutzfaktor 50, die nur in der Apotheke erhältlich ist, selbst bezahlen. Doch mittlerweile übernimmt die Berufsgenossenschaft die Kosten. Warum? Vor drei Jahren stellte sie – auf Anregung ihrer Hautärztin – einen Antrag auf Anerkennung des hellen Hautkrebses als Berufskrankheit. Dazu muss man wissen: Seit 1. Januar 2015 gilt in Deutschland heller Hautkrebs – Plattenepithelkarzinome und multiple aktinische Keratosen der Haut – als anerkannte Berufskrankheit. Festgelegt ist in der wissenschaftlichen Begründung für die Berufskrankheit Nummer 5103, ab wann das Plattenepithelkarzinom beziehungsweise die aktinische Keratose durch die Arbeit verursacht wurde und nicht in der Freizeit, heißt es auf der Webseite infoportal-hautkrebs.de.
Ende 2023 war es schließlich so weit: Die BG Bau gab das Okay zum Antrag von Katja Bock. „Eine Woche vor Weihnachten kam das Schreiben. Ich dachte im ersten Moment, dass es eine Absage sei“, erzählt sie. Auf FORUM-Nachfrage schreibt die BG Bau, dass sie die Kosten für die medizinische Versorgung der anerkannten Hautkrebserkrankung übernimmt. „Das kann auch häufiger vorkommen als einmal im Jahr und wird dann jedes Mal, wenn es medizinisch erforderlich ist, übernommen“, teilt ein Pressesprecher mit. Heißt: Die BG Bau übernimmt die notwendigen Kosten der Versorgung und Vorsorge. Für Katja Bock ist es zudem eine finanzielle Erleichterung, dass ihre Berufsgenossenschaft einmal jährlich die Lasertherapie zahlt. Ansonsten hätte sie für die Entfernung von zwei Hautflecken einen Eigenanteil von 220 Euro dazuzahlen müssen. Was sich seit dem Tag der Anerkennung auch geändert hat: Einmal pro Jahr wird Katja Bock während der Arbeitszeit von einem Präventionsberater der BG Bau aufgesucht. Der berät Katja Bock individuell, damit sie trotz hellem Hautkrebs gut in ihrem Beruf weiterarbeiten kann.
Auf dem Bau achtet die Dachdeckerin außerdem auch auf die Oberbekleidung. Während sie in früheren Berufsjahren öfter in der Arbeitszeit ein Bikini-Oberteil trug, trägt sie jetzt ein Oberteil mit Spaghetti-Trägern und darüber ein T-Shirt. „Im Hochsommer lege ich mir entweder ein nasses T-Shirt oder ein dünnes, in Wasser getränktes Tuch über die Schultern“, sagt sie. Vorteil dabei sei, dass so der Rücken vollständig bedeckt sei und zugleich durch den feuchten Stoff leicht gekühlt werde. So hat sie schon den einen oder anderen Hitzesommer gut überstanden. Katja Bock lässt sich jedenfalls nicht vom schwarzen und hellen Hautkrebs unterkriegen. Dass es gar nicht erst dazu kommt und dass sie die Oberhand über den Krebs behält, dafür sorgt ihr positives Denken. Und sie nimmt das Leben, wie es kommt, und schätzt das, was sie hat. „So gehe ich durchs Leben.“