Die Berliner Fotografin Nadine Dinter beschäftigt sich in ihrer Ausstellung „TransMutations – the Alchemy of the Self“ mit der „visuellen wie spirituellen Verschmelzung von vergänglichen Körpern mit unsterblichen Statuen“.
Entweicht da die Seele aus einem Menschen, und er wird zu Stein? Oder fährt ein Geist in eine Skulptur und erweckt sie zum Leben? Für welche Betrachtungsweise man sich auch entscheidet: Es ist Magie. Ein Zauber, den Nadine Dinter entfacht hat. Die Fotografin hat sich mit Transmutation beschäftigt – das ist kein Fachgebiet der Fotografie. Transmutation, erklärt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, ist ein physikalischer Prozess, bei dem ein Element in ein anderes umgewandelt wird. In Atomkraftwerken passiere das bereits für einige Stoffe (insbesondere für Uran und Plutonium) als Nebeneffekt der Stromerzeugung. Nadine Dinter ist diesem Begriff der Transmutation über diese Bedeutung hinaus nachgegangen und hat ihn „im weiteren Sinne auch für die alchemistische Veränderung einer Person“ für sich entdeckt.
Sie sei nach einem Gespräch mit einem guten Freund im vergangenen Jahr darauf gekommen, was alles in diesem Vorgang stecken kann – Transformation, Umwandlung. Und sie hat festgestellt, dass das auch etwas mit ihrer Arbeit zu tun haben könnte. Seit 1991 hat sich Nadine Dinter nämlich „der Fotografie verschrieben“, wie sie sagt. „Was mit dem Genre Porträt und Akt begann, entwickelte sich in kürzester Zeit in Richtung Skulptur- und Friedhof-Fotografie“, erzählt sie.
In beiden Bereichen hat sie ein beachtliches Archiv mit eigenen Fotos aufgebaut. Sie war und ist viel unterwegs, hat auf Friedhöfen in ihrer Heimatstadt Berlin Skulpturen fotografiert, aber auch auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Im Portfolio finden sich aber auch Grabstätten in New York, New Orleans und Mauritius. „Das Thema begleitet mich schon lange“, erzählt sie. Aber es war weniger der Tod, der sie auf diesen Streifzügen begleitet hat – es war das Leben. „Viele dieser Skulpturen auf Friedhöfen sehen so unheimlich menschlich und lebendig aus. Das waren große Künstler, die sich hier verewigt haben“, hat sie festgestellt.
Beschäftigung mit der Transmutation
„Ich wollte das festhalten“, erinnert sie sich. Diesen scheinbaren Widerspruch von Lebendigkeit an Orten der Toten. Und sie hat über die Jahre auch einige dieser magischen Orte immer wieder aufgesucht – keine Fotomesse in Paris, ohne auch bestimmte Skulpturen zu besuchen. Daneben hat sich die Porträt- und Aktfotografie zu einer Leidenschaft entwickelt. Nach dem Gespräch mit dem guten Freund ist eine Frage entstanden: „Was wäre, wenn ich das zusammenbringe?“ Die Antwort ist eine Ausstellung im Berliner Atelier Yves Sucksdorff. „TransMutations – the Alchemy of the Self“ hat sie sie genannt. Sie zeigt einige der Werke, die aus der Verbindung der beiden von ihr geliebten Genres der Fotografie entstanden sind. Die Ausstellung ist ein Vorgeschmack auf eine größere dieser Art im kommenden Jahr im südfranzösischen Arles.
„Ich habe dafür sozusagen mein eigenes Archiv kuratiert“, erklärt sie den Prozess. Die Fotografin hat sich angeschaut, welche Akt- und Porträtaufnahmen zu welchen Skulpturen-Fotos passen. In einigen Fällen hat sie sich entschieden, „nochmal nachzufotografieren“, also einige Skulpturen neu und mit etwas anderem Blickwinkel zu fotografieren. Das sei in einigen Fällen schwieriger gewesen als gedacht. Sie habe auf Friedhöfen gestanden und „nicht mehr gewusst, wo genau ich war vor 25 Jahren – einige dieser Friedhöfe sind ja doch recht groß“.
Nachdem sie die Skulpturen-Fotos zusammen hatte, hat sie Models gesucht, die die Posen der Skulpturen nachstellen. Weil sie nicht wollte, dass sich herumspricht, woran sie arbeitet, hat sie den Modellen nicht die Fotos gezeigt, sondern ihnen die Pose selbst vorgeführt. Als alles fertig war, wurden beide Motive zusammengeführt – digital, also am Computer, aber nicht mithilfe von Künstlicher Intelligenz, wie Nadine Dinter betont. Die KI hätte die Bilder passend gemacht, also leichte Unterschiede in den Posen digital ausgeglichen. Das wollte die Künstlerin nicht.
Grenze zwischen Schönheit und Verfall
Nadine Dinter spricht von einer „Hommage an die Skulpturen“, die sie seit Ende der 90er-Jahre weltweit fotografiert hat. Sie will „die visuelle wie spirituelle Verschmelzung von vergänglichen Körpern mit unsterblichen Statuen“. „In einem Diskurs zwischen Reflexion und Meditation“ hat sie acht Werke „in einer sakralen Installation inszeniert“, wie sie es beschreibt. „Hierbei geht es nicht um die bloße Fotodokumentation, sondern vielmehr um das Einfangen einer ganz besonderen Stimmung, einer fast zärtlichen, menschlichen Ausstrahlung der Skulpturen, und um die scheinbare Lebendigkeit, die durch ausgewählte Lichtsituationen, inszenierte Blickwinkel und Stimmungen der jeweiligen Jahreszeiten betont wird. Das Objekt wird zum Subjekt. Die Grenze zwischen Schönheit und Verfall, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmt, und der Raum wird für etwas Neues geöffnet“, erklärt sie.
„Auratische Inszenierungen, stellvertretend für den Geist, die Energie, die Weiterentwicklung, die Transmutation. Frauenkörper scheinen den Statuen zu entweichen, in den Raum zu treten und uns die Möglichkeit zu geben, eine Art Verbindung aufzubauen. Diese erweiterte Ebene symbolisiert die Ablösung vom Jetzt, den Wechsel der Perspektive und zuletzt den Übergang vom Sein ins Werden“, sagt sie. Eine Frau, die sehr religiös sei, habe bei einem ersten Blick auf die Werke vom Heiligen Geist gesprochen, den sie da erkenne, erzählt Dinter. Jemand anderes sehe eine „alchemistische Veränderung“. Andere etwas „Geisterhaftes“, vielleicht sogar Unheimliches.
Sie wolle den Betrachterinnen und Betrachtern dieser Werke nicht erklären, was sie zu sehen haben. Vielmehr lade sie die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung ein, „sich das für sie Passende auszusuchen“. Also selbst die Antwort zu geben auf diese Fragen: Entweicht da die Seele aus einem Menschen, und er wird zu Stein? Oder fährt ein Geist in eine Skulptur und erweckt sie zum Leben?