Seit zwei Jahren bildet Lasse Ludwig bei den Füchsen Berlin gemeinsam mit Dejan Milosavljev das Torhüter-Duo. Seine Schwester Zoe steht seit dieser Saison bei den Frauen im Kasten. In den nächsten Wochen bestreiten sie mit ihren Mannschaften entscheidende Spiele.
Den Auftakt macht der Deutsche Meister und frisch gekürte Pokalsieger am 30. April in Veszprem mit dem Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League. Es ist bereits das fünfte Aufeinandertreffen mit dem ungarischen Spitzen-Club innerhalb weniger Monate. Beide hatten sich in der vergangenen und in dieser Saison jeweils in der Gruppenphase gegenübergestanden. An die letzte Partie im November in Berlin hat Lasse Ludwig eine besondere Erinnerung. Beim 38:34-Sieg traf ihn ein Ball direkt mitten im Gesicht. „Das passiert einem als Torhüter ab und an schon mal. Absicht des Gegners ist da meist nicht dabei“, erklärt er jetzt im Gespräch mit FORUM. Ausgerechnet nach diesem schmerzhaften Moment begann damals Ludwigs beste Phase im Spiel. Er parierte einige Würfe und sicherte so den Sieg für seine Mannschaft, zu dem Lasse Andersson, der kürzlich beim Pokal-Final-Four in Köln als bester Turnierspieler ausgezeichnet wurde, als erfolgreichster Werfer zehn Treffer beisteuerte. Einen Monat zuvor hatten die Füchse bereits in Veszprem gewonnen. Einen Vorteil für das erneute Aufeinandertreffen leitet niemand bei den Berlinern daraus ab. „Die vergangenen vier Aufeinandertreffen haben gezeigt, wie eng es auch jetzt wieder werden kann“, analysiert Trainer Nicolej Krickau. „Wir können alle ein Wahnsinns-Viertelfinale erwarten, in dem alles auf der Platte gelassen werden muss.“ Auch Geschäftsführer Bob Hanning erwartet ein Spiel auf Augenhöhe, dessen Ausgang völlig offen ist. „Es tut nichts zur Sache, wie oft wir schon gegen Veszprem gespielt haben“, findet auch Lasse Ludwig, der mit einer Quote von 32,9 Prozent gehaltener Bälle gegenwärtig den ersten Platz in der Torhüter-Statistik der Bundesliga belegt. „Ich werde mir zum Beispiel noch mal die Wurfbilder aller Spieler ansehen“, sagt der 23-Jährige und gibt damit einen Einblick in seine gründliche Vorbereitung, auch wenn er die Partien vielleicht nur von der Bank aus verfolgen kann. Weil Torhüter-Kollege Dejan Milosavljev sich gegenwärtig in exzellenter Form präsentiert. „Wir können einander auf dem Feld kaum mehr überraschen. Es wird auf die mentale Stärke ankommen“, sagt Lasse Andersson mit Blick auf die beiden Viertelfinalspiele. Am Saisonende wird der 32-Jährige die Füchse verlassen. Mit einer erneuten, möglichst erfolgreichen Teilnahme am Finalturnier der Champions League möchte er seine Berliner Zeit abschließen. „Veszprem ist eine Weltklasse-Mannschaft“, findet der Rückraumlinke der Füchse, „aber das macht uns nicht nervös“.
Stadt und Verein als „zweites Zuhause“
Der von einem privaten Telekommunikationsunternehmen großzügig finanzierte Verein aus der 60.000-Einwohner-Stadt in der Nähe des Balaton ist Stammgast in der Königsklasse des europäischen Handballs, hat diese jedoch trotz vier Endspiel-Teilnahmen noch nie gewinnen können. Jedes Jahr wird mit einem Ensemble an Topspielern ein neuer Anlauf gestartet. Zum Kader der Ungarn zählen in dieser Saison unter anderem die kroatischen Nationalspieler Luka Cindric und Ivan Martinovic sowie der französische Olympiasieger Nedim Remili, der mit 85 Toren der beste Werfer seines Clubs in der aktuellen CL-Saison ist. Die Vorrunde schloss Veszprem nur als Fünfter der Gruppe ab und blieb damit hinter den eigenen Ansprüchen zurück. Dass man über mehr Qualität verfügt, bewies das internationale Ensemble gerade in den Achtelfinalspielen gegen Paris. Besonders in der Abwehr zeigte sich Veszprem stark. Das soll jetzt auch in den K.-o.-Spielen gegen den letztjährigen CL-Finalisten aus Berlin der Schlüssel zum Erfolg werden. „Deshalb sind die zwei Spiele jetzt für uns auch kein Selbstläufer“, meint Lasse Ludwig. „Veszprem hat von der Vereinsführung sicher noch mal gehörig Druck bekommen. Sie werden gegen uns besonders angezündet sein.“ Der 1,97 Meter große Torhüter, aufgewachsen in Helmlingen in Baden-Württemberg, kam 2018 zu den Füchsen nach Berlin. „Ich habe gedacht, wenn ich mich sportlich entwickeln will, muss ich es bei den Besten machen“, lobt er die Nachwuchsarbeit beim Hauptstadtclub. Mittlerweile empfindet er Stadt und Verein als „sein zweites Zuhause“. Mit der A-Jugend wurde er zweimal Deutscher Meister. Beim Kooperationspartner SC Potsdam trieb er seine Entwicklung danach weiter voran. „Lasse Ludwig gibt mit seiner unaufgeregten und ruhigen Art dem Spiel und der Abwehr die nötige Sicherheit“, lobte Bob Hanning schon damals. Mittlerweile wurde Ludwig, der sich vertraglich bis 2030 an die Füchse gebunden hat, Deutscher Meister und Pokalsieger. Seit März ist er auch Nationalspieler.
Beim Rückspiel gegen Veszprem am 6. Mai im „Fuchsbau“ wird ihm seine Schwester Zoe vor Ort die Daumen drücken. Das klappt so nicht immer. „Wir schreiben uns aber vor jedem Spiel eine Nachricht. Das ist bereits zu einem Ritual geworden“, erzählt die 26-Jährige. „Mindestens einmal in der Woche sehen wir uns. Dann können wir über alles reden, was uns beschäftigt, und uns auch Unterstützung geben.“ Zoe Ludwig wechselte im Sommer vom Bundesligateam Blomberg-Lippe zu den Füchse-Frauen, mit dem Ziel, mit der Mannschaft in die 1. Liga aufzusteigen. Die von der ehemaligen Nationalspielerin Susann Müller trainierte Mannschaft fand sich im Laufe der Saison immer besser zusammen, kompensierte auch den verletzungsbedingten Ausfall mehrerer Spielerinnen. Nach zehn siegreichen Partien in Folge liegen die Spreefüxxe auf Platz zwei. Jetzt im Mai stehen vorentscheidende Spiele gegen die unmittelbaren Konkurrenten an. Am Samstag geht es nach Sachsen zum HC Rödertal. Eine Woche später kommt der Spitzenreiter HC Leipzig nach Berlin. Der Dreierpack wird am 16. Mai beim schwäbischen HC Nürtingen abgeschlossen. „Wir sind in einer Situation, auf die wir hingearbeitet haben. Wir werden nur von Spiel zu Spiel denken“, sagt Zoe Ludwig, die 1,78 große Torfrau, „aber es fühlt sich an wie Playoff. Es sind drei Endspiele für uns“. Nur der Erste steigt direkt in die Bundesliga auf. Der Zweite muss Anfang Juni zwei Relegationspartien gegen den Vorletzten der Bundesliga bestreiten.