Ein souveränes digitales Europa ist noch weit entfernt, doch es gibt gute Ansätze. Dies sagt Ludwig Kuhn, Gründer und Geschäftsführer der Software-Manufaktur Eurokey, der seit nunmehr 30 Jahren Höhen und Tiefen der Branche miterlebt.
Herr Kuhn, Eurokey entwickelt Software im Kundenauftrag. Welche Themen bestimmen derzeit Ihr Unternehmen?
Aktuell sind praxisnahe KI-Umsetzungen am stärksten gefragt. Wir haben dazu ein Framework entwickelt, an das wir verschiedene KI-Systeme anbinden. Für den jeweiligen Anwendungsfall suchen wir das beste, günstigste und sicherste KI-Modell heraus. Es sind aktuell mehrere Projekte in der Umsetzung, in denen Unternehmen auf uns zukommen und sagen, wir haben Dokumente, zum Beispiel Konstruktionszeichnungen, und wir würden gerne daraus eine Teileliste auslesen. Außerdem sind Chatbots, die auf unternehmens- beziehungsweise organisationsspezifischen Dokumenten basieren, sehr gefragt und mittlerweile auch schnell und kostengünstig umgesetzt. Diese Lösungen können wir dann auch datenschutzkonform auf einem Server hosten, der in Deutschland steht.
Heißt das auch, dass Sie weniger Vertrauen in amerikanische Tech-Konzerne haben?
Es gibt derzeit zwei zentrale Themen: Resilienz und Souveränität. Die Macht dieser Tech-Firmen ist enorm. Den Anschluss haben wir in Europa etwas verpennt und jetzt brauchen wir einen Plan B. Es gibt in Deutschland sehr gute Ansätze, beispielsweise Nextcloud als Alternative zu Google Drive oder Dropbox. Natürlich ist es bequem, wenn ich ein bestehendes Whatsapp-Konto nutze oder ein Businesskonto anlege. Aber es gibt einfache, kostengünstige und sichere Alternativen. Und deswegen glaube ich, dass wir Europa in Sachen digitaler Souveränität unbedingt voranbringen müssen. Dazu gehört der Bau von Rechenzentren, digitaler Infrastruktur, digitalen Netzen. Denn wenn die EU eine Strafe gegen Google verhängt und der US-Präsident sofort mit Zöllen droht, haben wir aktuell kaum Ausweichmöglichkeiten. Daher glaube ich, dass digitale Souveränität ein zentrales Thema für die nächsten Jahre ist. Hier wollen wir auch selbst mitarbeiten und Lösungen anbieten, indem wir Unternehmen zeigen: Aufwand und Kosten einer sicheren und souveränen Alternative sind überschaubar. Oftmals steht uns wirklich nur die Bequemlichkeit im Weg.
Eine Langfriststudie der Bitkom sagt, dass 2040 in Deutschland 633.000 IT-Fachkräfte fehlen. Wie ist denn die Perspektive in Ihrem Unternehmen?
Wir setzen sehr stark auf Ausbildung und Integration von Azubis nach ihrer Ausbildung bei uns im Unternehmen. Wir versuchen, in der Region Kräfte aufzubauen und diese in das Unternehmen zu integrieren. Das ist unser Ziel sowohl bei Auszubildenden als auch bei Studierenden. Die Herausforderung bleibt, aber ich glaube, dass wir das Problem nur lösen, wenn wir auch selbst in die Ausbildung und den Nachwuchs investieren.
Haben Sie alle Ihre Ausbildungsstellen besetzt?
Wir würden, wenn es geht, zwei Stellen mehr besetzen. Derzeit haben wir sieben Azubis.
Aber wird die KI nicht in den kommenden Jahren den Beruf des Entwicklers ersetzen?
Code-Generierung durch KI ist ein ganz heißes Thema. Dies wird aber zur Entlastung der Fachkräftesituation führen. Wir selbst haben Versuche mit KI-generiertem Code gemacht. Die generierte Software macht in sehr hohem Maße von vielleicht 95 Prozent das, was sie machen soll. Dann muss aber jemand auf die Suche nach den restlichen fünf Prozent gehen. Das ist oft sehr aufwändig.
Wir werden auch weiterhin Entwickler benötigen, aber KI wird maßgeblich unterstützen.
Wie würden Sie denn Ihre Unternehmenskultur beschreiben?
Sagen wir mal so: Am Anfang war es eine sehr flache Hierarchie. Das haben wir uns auch bewahrt. Wenn meine Tür offensteht, kann jederzeit jeder hereinkommen. Ist die Tür zu, heißt das: bitte klopfen, und auch nur, wenn es wirklich dringend ist. Diesen Stil, zum Beispiel das ‚Du‘ bei allen Mitarbeitern, haben wir weitergeführt. Mit wachsender Größe wird es ganz ohne Hierarchien zwangsläufig schwieriger. Deshalb haben wir in den letzten Jahren Abteilungs- und Teamleiter eingeführt. Die Teamleiter zum Beispiel betreuen jeweils fünf bis sechs Mitarbeiter und tragen Verantwortung für Technologien und Projekte. Trotzdem herrscht bei uns ein freundschaftliches und unbelastetes Miteinander und es wird viel gelacht. Vielleicht liegt das auch an dem Geschäftsführer (lacht). Stresssituationen versuchen wir zu vermeiden, außer sie sind fachlich notwendig. Wenn es etwa Probleme mit der Online-Schule Saarland gibt, dann ist Schluss mit lustig, dann packen alle an. Ein Beispiel: In der Corona-Krise mussten wir zwischen Weihnachten und Silvester 2020/21 die Plattform komplett umbauen, weil die vorhandenen Strukturen die Last nicht mehr tragen konnten. Nach den Ferien sollte volles Homeschooling laufen. Wir haben mit dem gesamten Entwicklungsteam durchgearbeitet, auch an Feiertagen. Das geht an die Substanz, aber zeigt eben auch, wie stark wir als Team zusammenstehen.
Können Sie konkrete Projekte nennen?
Unsere Zielgruppe sind Firmen, die schon so groß sind, dass sie sich Individualsoftware erlauben können, aber noch nicht so groß, dass sie alles von der Stange kaufen. Dazu gehören Unternehmen wie die Gebrüder Meiser, die Behnke Unternehmensgruppe, Amphenol-Air LB oder Dürr Assembly Products, aber auch Banken, Verwaltungen und Ministerien. So betreiben wir zum Beispiel im Auftrag des Ministeriums für Bildung und Kultur die Plattform online-schule.saarland, für die wir auch wesentliche Bestandteile entwickelt haben.
Außerdem arbeiten wir in der Forschung und Entwicklung mit saarländischen Organisationen und Hochschulen wie der HTW Saar oder der Uni Saarbrücken zusammen. Aktuell entwickeln wir gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Zerstörungsfreie Prüfverfahren im Projekt „ImaB-Edge“ ein Monitoringsystem für Brückenbauwerke, in dem die Sensordaten bereits direkt vor Ort analysiert werden (Edge-Computing). Wir sind im Projekt für die Konfiguration der Sensoren und die Visualisierung dieser Daten zuständig.
Bürokratieabbau ist ein großes Thema für die Bundesregierung. Spüren Sie davon etwas?
Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich sehe keine konkreten Entlastungen. Vieles steht im Koalitionsvertrag, aber im Alltag merke ich nichts davon. Im Gegenteil: Neue Pflichten wie das Lieferkettengesetz bedeuten für uns als Software-Lieferant zusätzlichen Aufwand, obwohl es für uns sachlich kaum Sinn ergibt. Wir sind reine Software-Entwickler! Unsere Kunden müssen Audits durchführen, also müssen auch wir uns auditieren lassen – reine Zeitverschwendung. Manche Digitalisierungsprojekte verschlechtern aber auch die Situation eher, als dass sie sie verbessern. Ein Beispiel ist die digitale Krankschreibung. Früher bekam der Arbeitgeber den „gelben Zettel“. Heute informiert der Arzt die Krankenkasse, aber nicht den Arbeitgeber. Wir sind komplett im Blindflug. Wenn der Mitarbeiter nicht erreichbar ist und die Krankenkasse keine Rückmeldung gibt, können wir die Lohnfortzahlung nicht korrekt abwickeln. Das kostet enorme Zeit. Ich bin absolut für elektronische Lösungen – aber nicht so, dass einer der drei Beteiligten einfach ausgespart wird. Das ist ein typisches Beispiel für schlecht gemachte Digitalisierung: einseitig, unvollständig und praxisfern.
Welche Erfahrungen haben Sie mit Förderprogrammen für IT-Entwicklungen gemacht?
Wir haben im vergangenen Jahr gemeinsam mit Partnern zwei Anträge gestellt. Ende Januar wurden die beiden Vorhaben positiv bewertet – aber bis heute können wir nicht starten, weil der Bundeshaushalt nicht freigegeben war. Das ist schwer nachvollziehbar. Als Unternehmer muss ich Gelder für ein Projekt zurückstellen, wenn ich es umsetzen will. Warum kann das der Bund nicht? Wir haben extrem hohe Innovationsbedarfe, und doch hängen förderfähige Projekte monatelang fest. Hinzu kommt: Der bürokratische Aufwand ist riesig. Wir müssen Nachweise über unsere Bonität erbringen, obwohl die jeder über öffentliche Portale einsehen kann. Statt etablierter Prozesse werden formale Hürden aufgebaut, die sehr viel Zeit kosten. Manche Portale sind technisch veraltet – man muss zum Beispiel XML-Dateien speichern und wieder hochladen, da das Portal keine Datenspeicherung hat. Das führt dazu, dass wir uns genau überlegen, ob wir überhaupt noch Forschungsprojekte beantragen. Die Verfahren sind schlicht zu schwerfällig und zu arbeitsintensiv.
Wie beurteilen Sie denn die derzeitige wirtschaftliche Lage?
Wir haben in den vergangenen Jahren Krisen ohne Ende erlebt: Dotcom-Blase, Finanzkrise, Pandemie, Ukraine-Krieg. Das Investitionsklima für Software-Projekte ist in Krisenzeiten grundsätzlich schlecht. Auch aktuell ist die Innovationsfreude im Mittelstand gering, viele Unternehmen halten sich zurück. Ein wenig Bewegung gibt es im Umfeld von KI, aber in anderen Bereichen, etwa E-Learning oder Software-Entwicklung, ist es schwierig. Große Investitionen, etwa in grünen Stahl, oder Projekte wie der Innovation-Campus sind für die regionale Wirtschaft wichtig – aber sie helfen dem Mittelstand kaum. Förderprogramme für kleine und mittlere Unternehmen sind viel zu gering ausgestattet.
Sie feiern nun ihr 30-jähriges Firmenjubiläum. Wie und unter welchen Umständen ist Eurokey entstanden?
Im Prinzip war es eine Umbruch-Situation. Damals wurde die informationstechnische Grundbildung (ITG) an Schulen im Saarland eingeführt. Die Idee war: Computer, insbesondere PCs, erobern immer mehr das Leben in der Gesellschaft, aber auch die Wirtschaft und Verwaltung. Schüler und auch Lehrer sollten mit der Bedienung dieser Geräte vertraut gemacht werden. Anfangs waren es vor allem Informatik- und Mathelehrer, die den Unterricht im Computerraum durchführten. Mitte der 80er-Jahre sollten aber auch andere Fächer, wie zum Beispiel Deutsch und Fremdsprachen, den ITG-Unterricht einführen. Damals kam ein ehemaliger Deutschlehrer auf mich zu und sagte: „Ludwig, du studierst doch Informatik, könnt ihr uns eine Software schreiben, mit der wir den Deutschunterricht im Computerlabor machen können?“ Ich habe mich dann mit ein paar Kumpels zusammengesetzt und wir fassten den Plan, ein Programm für Rechtschreibunterricht zu entwickeln. Wir haben dann einen ersten Prototypen entwickelt und den mit Deutschlehrern abgestimmt. Auch heute arbeiten wir noch viel mit Prototypen. Das heißt, wir zeigen Kunden relativ rasch einen ersten Entwurf ohne große Funktionalität oder Anbindung von Daten, sondern wirklich nur, wie die Oberfläche aussehen würde. Das erste Programm haben wir damals übrigens „Cobra, das Rechtschreibprogramm mit Biss“, genannt und das ist bis heute lauffähig. Daraus entstand ein Start-up und letztlich Eurokey.
Also ein Garagen-Start-up?
Ein klassisches Start-up von Informatikstudierenden, aber nicht in einer Garage, sondern im Bügelzimmer unserer WG. Davon gibt es sogar noch Fotos. Danach gingen wir auf Messen, haben unser Programm vorgestellt und sind in Kontakt mit einer bayerischen Firma gekommen, die Hardware herstellte. Die haben einen Softwarepartner gesucht, der E-Learning kann. So kamen wir zu ersten Kunden. Das war 1995. Der erste Knaller war dann EcoPlus-Englisch, eine Zusammenarbeit mit drei Professoren der HTW Saar. Eine Innovation hierbei war das regelbasierte Lernen: Wenn die Lernenden einen Fehler gemacht haben, sind sie nicht aufgefordert worden, den Fehler zu korrigieren, sondern die Regel auszuwählen, die an dieser Stelle hätte angewandt werden müssen, um eine richtige Lösung zu finden. Das fanden die Lehrer übrigens cool, kauften unsere Software und so konnten wir den Grundstein für weitere Anwendungsbereiche in der Software-Entwicklung legen!