Sind die Deutschen wirklich faul? Manche Zahlen scheinen dies zu bestätigen. Der Europavergleich aber hinkt. Und im Grunde gehe es hier um mangelndes Vertrauen, sagen Experten.
Wer früher krank war, schleppte sich zur Arbeit oder ging nur zum Arzt, um schnellstmöglich wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Könnte man meinen. Und: Wer heute krank ist, ruft bei der Arbeit an, legt sich wieder hin und freut sich über Lohnfortzahlung. Wirklich? Sind wir tatsächlich ein Volk von Faulpelzen und Blaumachern geworden, wie Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz Anfang des Jahres den deutschen Arbeitnehmern lapidar und pauschal unterstellten?
Die Statistiken sprechen zumindest eine deutliche Sprache. So haben nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft Unternehmen hierzulande allein für die Lohnfortzahlung im vergangenen Jahr rund 86 Milliarden Euro für die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ausgegeben. Und nach Zahlen des Statistischen Bundesamts liegt Deutschland im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn mit durchschnittlich 22 Krankentagen im Jahr einsam an der Spitze.
Demzufolge machen es sich die Arbeitnehmer wohl in der sozialen Hängematte bequem, während die Arbeitgeber Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand in Gefahr sehen. Doch Vorsicht: Statistiken sind, auch im internationalen Vergleich, nur bedingt aussagekräftig, da Krankentage in einigen Ländern ganz unterschiedlich erfasst werden. In Schweden fallen beispielsweise Krankschreibungen unter sieben Tagen in der Statistik ganz unter den Tisch. Dass wir kein Volk von Faulpelzen sind, zeigt außerdem eine andere Zahl: Nach Gewerkschaftsangaben leisten deutsche Arbeitnehmer rund 1,2 Milliarden Überstunden im Jahr und davon sogar rund die Hälfte unbezahlt.
Trotzdem verzeichnen wir in deutschen Unternehmen einen sehr hohen und stetig steigenden Krankenstand. Über mögliche Gründe diskutierten Anfang September in der Handwerkskammer des Saarlandes in Saarbrücken Vertreterinnen und Vertreter der Gesundheitsbranche, der Ärzteschaft, der Gewerkschaften und der Arbeitgeber. Eingeladen hatten die Handwerkskammer und das Wirtschaftsnetzwerk WIN.saarland.
Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, sollen Arbeitnehmer künftig bereits am ersten Tag der Krankmeldung verpflichtend eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt vorlegen müssen, die telefonische Krankmeldung soll gänzlich abgeschafft werden. Ganz neu soll ab Januar 2028 die sogenannte Teilkrankschreibung mit 25, 50 oder 75 Prozent eingeführt werden. Davon verspricht sich die Regierung eine nachhaltige Senkung des Krankenstands. Richtig neu sei eigentlich nur die Einführung der Teilkrankschreibung, betonte die Fachanwältin für Arbeitsrecht Ronja Best. Denn die derzeit gültige Gesetzgebung erlaubt bereits heute den Arbeitgebern, die Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung durch den Arbeitnehmer am ersten Tag zu verlangen. In der Praxis werde das aber häufig zwischen beiden Partnern anders geregelt, freiwillig und ohne allzu großen bürokratischen Aufwand.
Bedeutet die geplante Änderung wieder Bürokratieaufbau statt -abbau? Das befürchtet die Ärzteschaft. „Wir sehen zunächst einmal das Vertrauen zwischen Arzt und Patient infrage gestellt“, erklärte die Fachärztin für Allgemeinmedizin Dr. Sarah Leyking. Ihr sei vor allem eine gesunde Selbsteinschätzung des Patienten wichtig und weniger die Frage, ob er gleich eine Woche krankgeschrieben werden möchte. „Anstatt über zwei oder drei Tage Krankschreibungen zu diskutieren, sollten wir lieber darüber reden, wie wir mit Langzeiterkrankungen von mehreren Monaten umgehen“, so ihre Empfehlung. Das hätte einen nachhaltigen Effekt. Die Teilkrankschreibung könnte je nach Unternehmen ein probates Mittel sein.
Ein Patient beispielsweise mit einem gebrochenen Fuß wäre durchaus für bestimmte Tätigkeiten einsetzbar, wobei sich die Einsatzmöglichkeiten stark von Betrieb zu Betrieb unterscheiden. Das funktioniere auch nur bei bestimmten Arbeitsprozessen und bedürfe eines großen Vertrauensverhältnisses zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Vertrauenskultur stärken
Dr. Sybille Jung, Gleichstellungsbeauftragte der Universität des Saarlandes, sieht durch die geplanten Gesetzesänderungen besonders die Vertrauenskultur zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern nachhaltig gestört. „Wir sollten bei Problemen den gesunden Menschenverstand einschalten, gemeinsam nach den Ursachen des zu hohen Krankenstands im Unternehmen suchen und vernünftig miteinander kommunizieren, anstatt mit der juristischen Keule zu drohen.“ Eine Haltungsänderung sei dringend vonnöten. Das sieht Timo Ahr (SPD), Mitglied des Landtages und stellvertretender Vorsitzender des DGB Rheinland-Pfalz/Saarland, ähnlich. Es gebe sicherlich schwarze Schafe unter den Arbeitnehmern, die das Sozialsystem ausnutzen, und die gehörten sanktioniert, zumal sie sich auch auf Kosten ihrer Kolleginnen und Kollegen ausruhen. „Aber eine pauschale Verurteilung, alle Arbeitnehmer seien faul, ist nicht zielführend und erhöht lediglich das Frustpotenzial der ehrlichen und fleißigen Arbeitnehmer, und das ist die überwiegende Mehrheit. Wer andere beleidigt, muss sich über Denkzettel bei Wahlen letztendlich nicht wundern.“
Helmut Zimmer, Präsident der Handwerkskammer und selbst Unternehmer, sieht in der Prävention, im Arbeitsschutz und in der Mitarbeiterzufriedenheit einen wichtigen Schlüssel zur Senkung des Krankenstands. Für ihn sei es außerdem wichtig, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrem Beruf identifizieren, „im Handwerk sind wir nah dran, ein Beruf ist eine Berufung.“ Das treffe auf das saarländische Handwerk zu, so das Ergebnis einer jüngsten Umfrage der Handwerkskammer unter ihren Mitgliedsunternehmen, bei der es mehr als 80 Prozent Zustimmung gab. Wer als Betrieb in diese Schlüsselfaktoren wenig bis gar nichts investiere, brauche sich über hohe Krankenstände nicht zu wundern.
Nun mag der Chef eines kleinen oder mittleren Betriebs die Belegschaft persönlich kennen, in Großbetrieben mit vielen nationalen und internationalen Standorten sieht das in der Regel anders aus. Hier sind die Führungskräfte vor Ort gefragt. Und da mangelt es nicht selten an Empathie, Erfahrung und Vertrauen, letztendlich eine Frage der Unternehmenskultur.
Prävention sei eine wichtige Maßnahme zur Senkung des Krankenstands, doch das wirke oftmals erst langfristig, so Günter Eller, Geschäftsführer der Innungskrankenkasse IKK Südwest. Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Fettleibigkeit nehmen zu und lassen sich durch gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung zu 80 Prozent vermeiden. „Da setzen wir an, und zwar mit Aufklärung schon im Kindesalter in Kitas und Schulen, mit zielgerichteten Maßnahmen in Betrieben und bei älteren Menschen. Prävention braucht aber Management, damit sie langfristig nachhaltige Erfolge zeigt.“
Die Diskussion an diesem Abend machte deutlich, dass die Vertrauenskultur zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern, Ärzten und Krankenkassen das wohl wichtigste Gut ist und gestärkt werden sollte. Schwarze Schafe sowohl unter den Betrieben als auch unter den Arbeitnehmern müssen sanktioniert werden. Freiwilligkeit sollte vor überzogener Regulierung stehen. Weniger Pauschalurteile, weniger Bürokratie, dafür mehr Kommunikation, ein besseres Miteinander und eine höhere Wertschätzung – dann könnte der Krankenstand in deutschen Unternehmen tatsächlich sinken.