Vor 50 Jahren ist die Berliner Malerin Jeanne Mammen gestorben. Die Kunsthistorikerin Marina Weinland erzählt ihr Leben in ihrem neuen Buch „Bis bald, meine Freunde!“
Es ist acht Jahre her, seit Martina Weinland, wie sie sagt, zu „Mutter Mammen“ wurde. Die große Ausstellung zum Werk von Jeanne Mammen, die die Berlinische Galerie 2017/2018 organisiert hatte, war zu Ende. Der Förderverein, der das Atelier der 1976 verstorbenen Künstlerin als Ort der Erinnerung weiter finanzierte, merkte, dass er an seine Grenzen stieß. Eine Frage war, wie denn die Bilder, die aus dem Museum zurück ins Atelier sollten, eigentlich versichert sind, erinnert sich Martina Weinland.
Atelier am Ku’damm gibt es noch
Der Nachlass von Jeanne Mammen wurde damals bereits offiziell von einer nach ihr benannten sogenannten unselbstständigen Stiftung des Berliner Stadtmuseums betreut – durch Martina Weinland, die Beauftragte für Kulturelles Erbe und damit auch für die Stiftungen des Museums war. Der Nachlass war nach dem Tod der Berliner Malerin zunächst bei der vom Freundeskreis gegründeten Jeanne-Mammen-Gesellschaft gelandet. Im Atelier am Kurfürstendamm 29, in dem die Künstlerin auch lange gewohnt hat, „haben sie sich getroffen, getrunken, geraucht“. Das Ziel war es, ein Werksverzeichnis zu erstellen.
21 Jahre später war diese Arbeit beendet. Die inzwischen alt gewordenen Mitglieder des Vereins haben „gemerkt: Die Kräfte schwinden“, erinnert sich Martina Weinland. Das war der Moment, in dem die Stiftung gegründet wurde. Ums Atelier hat sich aber weiter der Freundeskreis gekümmert – auch die Miete bezahlt. „Das hat im Museum niemanden gestört“, erinnert sich Martina Weinland. Als es dann nach der großen Ausstellung darum ging, was mit den Bildern passiert, war der Förderverein überfordert. „Er hat sich aufgelöst, ich kriegte den Schlüssel“, erzählt die promovierte Kunsthistorikerin. „Jeanne Mammen war mir aber bis dahin nicht unbekannt“, sagt sie: 2016 – ein Jahr, bevor die Berlinische Galerie sich umfassend mit dem Werk der Malerin beschäftigte – hatte Martina Weinland selbst eine Ausstellung fürs Stadtmuseum organisiert: „Berlin, Stadt der Frauen“ hieß sie und präsentierte 20 Biografien – darunter die von Jeanne Mammen.
„So fand ich posthum eine Freundin und Seelenverwandte“
Inzwischen ist Martina Weinland 69 Jahre alt und im Ruhestand. Den Schlüssel zum Atelier am Kurfürstendamm hat sie immer noch, sie macht dort regelmäßig Führungen. In dem gut 50 Quadratmeter großen Atelier sieht es aus, als habe Jeanne Mammen es gerade erst verlassen. Dabei jährt sich ihr Todestag am 22. April bereits zum 50. Mal. Das und ihr eigener 70. Geburtstag Ende dieses Jahres waren für Martina Weinland der Grund, ein Buch über Jeanne Mammen zu schreiben. „Bis bald, meine Freunde!“ heißt es und ist im Berliner BeBra-Verlag erschienen. Am 22. April wird das Buch um 19.30 Uhr in der Urania vorgestellt. Das Zitat aus dem Titel stammt von Jeanne Mammen – sie habe es am Ende fast jedes Briefes so geschrieben. Diese Briefe waren es, die dieses Buch erst möglich gemacht haben, erklärt Martina Weinland.
„Jeanne Mammen und ich haben uns zu Lebzeiten nie kennengelernt“, sagt Martina Weinland. In dem Jahr, in dem die Malerin starb, kam sie erst zum Studieren nach Berlin. Sie hat am Ende ihres Kunstgeschichte-Studiums bei Professor Peter Bloch über Kriegerdenkmäler im Vergleich zwischen Berlin und Paris promoviert. Dann fiel die Mauer, es gab kein Interesse an Kunsthistorikerinnen, zumal es im Ostteil der Stadt auch einige von ihnen gab, erzählt Martina Weinland. Also ging sie zum Arbeitsamt und landete bei einer Zeitschrift, die sich „Zweite Hand – kostenlose Welt der Kleinanzeigen“ nannte. „Da habe ich dann gearbeitet, Kleinanzeigen aufgenommen. Es war eine unfassbar schöne Zeit, ich habe viele interessante Leute kennengelernt“, erinnert sie sich.
Es müsse 1992 gewesen sein, sagt Martina Weinland und steht vom Sofa ihres Hauses in Dahlem auf, um ein Buch zu suchen. Es ist ein Buch über Brücken in Berlin und deren künstlerische Gestaltung. Sie habe sich damals bei allem Spaß, den ihr der Kleinanzeigen-Job gemacht hat, gedacht: „So geht das nicht weiter.“ Mit dem Buch hat sie sich zurück in die Welt der Kunstgeschichte gebracht. Sie hat dann eine ‚Arbeitsbeschaffungsmaßnahme‘-Stelle im Museum bekommen und sich danach von einem befristeten Vertrag zum nächsten gearbeitet. 1999 hat sie dann ihre erste feste Stelle bekommen. Sie wurde Leiterin des Museums Kindheit und Jugend unter dem Dach des Berliner Stadtmuseums. 2008 dann der Karrieresprung: Martina Weinland wurde Direktorin der Sammlungen – aller Sammlungen – des weitverzweigten Stadtmuseums.
Diesen Job hätte die Kunsthistorikerin gerne weiter ausgeübt. Aber nach einem Wechsel an der Spitze des Museums wurde sie 2018 Beauftragte für kulturelle Aufgaben des Stadtmuseums. Aus damaliger Sicht war das erstmal keine gute Entwicklung, erinnert sie sich. Aber zu ihrem neuen Arbeitsbereich gehörten auch sieben Stiftungen, darunter die Jeanne-Mammen-Stiftung. Sie hat dann auf Basis des vom Förderverein erstellten Werksverzeichnisses gut 4.000 Datensätze im Verzeichnis des Museums angelegt, also etwas getan, woran zuvor offenbar niemand ernsthaftes Interesse hatte: Jeanne Mammens Erbe ins Stadtmuseum zu übertragen.
Dass sie ihren eigenen Werdegang schildere, sagt Martina Weinland, liege daran, dass sie verdeutlichen wolle: „Jeanne Mammen war jemand, den ich nicht persönlich kannte, aber glaube gut zu kennen, der mir charakterlich sehr nahe ist.“ Auch das Leben der Malerin war kein gerader Weg. Zehn Jahre nach ihrer Geburt in Schöneberg zog die Familie 1900 nach Paris. Mit 17 Jahren begann Jeanne, die eigentlich Gertrud Johanna Louise hieß, ein Kunststudium an der Académie Julian, an der auch Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz studiert hatten. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Familie 1914 aus Frankreich ausgewiesen, kam zurück nach Berlin. 1920 bezog Jeanne Mamme ihre winzige Atelierwohnung, arbeitete als Illustratorin für Verlage. Kurt Tucholsky schwärmte von den „zarten, duftigen Aquarellen“, mit denen sie das Leben in den Goldenen Zwanzigern dokumentierte.
Jeanne Mamme hat sich durchgeschlagen – während des Zweiten Weltkriegs und danach. Die Kapitel in Martina Weinlands Buch sind überschrieben mit „Man ist ja doch nur n halber Mensch, wenn man nicht pinselt“, „Bis Hitler auftauchte mit dem neuen Schlamassel“, „Welch ein Leben blüht in diesen Ruinen!“, „Madame la peintresse Jeanne“, „Ich pinsele also munter weiter“, „Darf sogar wieder rauchen und mich dem Alcohol nebst Pinselfreuden hingeben“ und „Sei verrückt und Du bleibst gesund!“. Die Überschriften sind Zitate aus Briefen der Malerin.
„Diese Brieffülle hat 30 Jahre sehr gut dokumentiert“, aber sie habe nicht alles veröffentlicht. Allzu Privates hat sie aus dem Buch rausgelassen. „Wenn sie sich über ihre eigene Kunst äußert“, sei das wichtig fürs Buch. Und: „Ihre Reisen, ihre Reiseberichte sind so großartig, dass ich am liebsten aufgebrochen wäre.“ Und dann spielt noch Jeanne Mammens Leidenschaft für Literatur eine große Rolle.
Während der Corona-Pandemie hat Martina Weinland Jeanne Mammens schriftlichen Nachlass bearbeitet. „Diese Frau und diese Beschäftigung haben mich durch eine schwierige Zeit getragen“, erinnert sich die Autorin. Sie hat sich auf die Suche nach weiterem Material gemacht. „Ich habe durch dieses Projekt so viele tolle Menschen kennengelernt, die mich unterstützt haben“, schwärmt sie. Im Bauhausarchiv etwa habe man extra für sie Material aus eigentlich nicht zugänglichen Umzugskisten geholt.
Bei einer ihrer Atelierführungen, erinnert sich Martina Weinland gleich zu Beginn ihres Buchs, lernte sie die beiden Großnichten der Malerin kennen. „Gemeinsam konnten wir in ihrer Bibliothek stöbern und uns an dem kitschigen Sammelsurium von Souvenirs erfreuen.“ Durch diese Begegnung und die vielen Gespräche, die sie während der Recherchen fürs Buch geführt hat, „gewann Jeanne für mich eine immer klarere Kontur“, schreibt Martina Weinland. Und: „So fand ich posthum eine Freundin und Seelenverwandte, die mein Leben bereichert hat.“