Anlässlich der 30. UN-Klimakonferenz, die gerade im brasilianischen Belém stattfindet, veröffentlichte Tim Lenton zusammen mit 160 Wissenschaftlern eine Studie zu Kipppunkten: Sie seien eine existenzielle Gefahr – und Grund für Hoffnung.
Herr Lenton, Sie forschen seit Langem zu Klima-Kipppunkten. Welchen sind wir schon gefährlich nahe gekommen?
Leider sieht es so aus, als hätten wir den ersten Kipppunkt bereits überschritten: Die meisten tropischen Korallenriffe sind vermutlich unrettbar verloren. Und damit auch die Lebensgrundlage für viele Millionen Menschen. Beim Grönländischen Eisschild und beim Westantarktischen Eisschild dürften wir kurz vor Kipppunkten stehen – womöglich sind diese ebenfalls schon überschritten, sodass die Tage dieses vermeintlich „ewigen Eises“ gezählt sind. Und auch beim Amazonas-Regenwald zeichnet sich ab, dass er anfällig gegenüber der Erderwärmung in Kombination mit einer anhaltenden Waldrodung ist. Es könnte sein, dass der größte Regenwald der Erde zu weiten Teilen zu einem degradierten Wald oder zu Savanne wird.
Ein Kipppunkt, der Ihnen besondere Kopfschmerzen bereitet, ist die Wasserzirkulation im Atlantik inklusive des Golfstroms, der bislang mit seinem warmen Wasser für relativ milde Winter im Nordwesten Europas sorgt.
Ja, denn je weiter die Klimaerwärmung voranschreitet, desto größer wird das Risiko, dass dieser gigantische Wasserstrom kollabiert, der in der Fachwelt unter dem Kürzel „AMOC“ (Atlantic Meridional Overturning Circulation) bekannt ist. Das Ende dieser AMOC hätte nicht nur schwerwiegende Folgen für das Klima in Europa. Dadurch könnten auch weitere Kipppunkte ausgelöst werden, etwa die Beeinträchtigung oder der Zusammenbruch des Monsuns in Westafrika und Indien.
Im Sommer haben Sie eine internationale Konferenz zu Kipppunkten organisiert. Angesichts der aktuellen Weltlage war die Stimmung da vermutlich getrübt?
Nun ja, die Klimaerwärmung schreitet voran, wir werden die 1,5-Grad-Grenze reißen. Dazu kommen die Verrücktheiten von Leuten wie Donald Trump, die Versuche der fossilen Profiteure, Klimaschutz und Energiewende mit allen Mitteln abzuwürgen, auch mit krudesten Fake News – teils mit Erfolg. Aber wir haben auf der Konferenz auch versucht, im Blick zu behalten, was alles Anlass zur Hoffnung gibt.
Die erfreulichen technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Revolutionen, über die Sie in Ihrem neuen Buch „Positive Tipping Points“ („Positive Kipppunkte“) schreiben?
Ja, es gibt in der Geschichte eine ganze Reihe ermutigender Beispiele für solche positiven Kipppunkte. Eines ist das Frauenwahlrecht. Das wurde in Großbritannien erst Anfang des 20. Jahrhunderts eingeführt, nachdem die Suffragetten unermüdlich dafür gekämpft hatten – eine relativ kleine Gruppe von Frauenrechtlerinnen, die dafür auch Haftstrafen in Kauf nahmen. Lilian Lenton, eine entfernte Verwandte von mir, war Teil dieser Bewegung. Deshalb ist es eines meiner Lieblingsbeispiele. Es zeigt, wie auch viele andere gesellschaftliche Umbrüche: Manchmal reicht schon eine kleine Minderheit, damit etwas in die richtige Richtung kippt – und die Mehrheit mitzieht. Dann kann es plötzlich ganz schnell gehen.
Ein aktuelles Beispiel ist die Solarenergie. Hier ist aus Ihrer Sicht nun ebenfalls ein Kipppunkt erreicht – nachdem diese Form der Stromerzeugung jahrelang gefördert werden musste, etwa durch das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz.
Eine beeindruckende Erfolgsgeschichte! In den meisten Ländern ist Solarenergie inzwischen die billigste Stromquelle. Und die Technologie wird immer noch günstiger und besser, je verbreiteter sie ist. Eine ähnliche Entwicklung gibt es bei der Windenergie, bei Batteriespeichern, bei der E-Mobilität. Das ist eine riesige wirtschaftliche Chance für drei Viertel der Weltbevölkerung – all jene Länder, die bisher noch fossile Brennstoffe importieren. Und das sehen die Menschen dort auch. Die Mehrheit der Menschheit ist nicht dumm. Insofern ist es gar nicht so verwunderlich, dass Profiteure aus der fossilen Ecke, die ihre Gewinne mit Öl, Gas und Kohle erwirtschaften, jetzt mit allen Mitteln zurückschlagen. Sie merken, dass ihr Geschäftsmodell wirklich bedroht ist.
Was kann die Politik tun, wenn sie positive Kipppunkte herbeiführen möchte, ohne existenzielle Ängste und Wutausbrüche zu schüren?
Zunächst einmal müssen alle in der Politik sich bewusst werden, dass wir angesichts des rasanten Klimawandels nun auch einen rasanten Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft brauchen. Aber der ist, wie gesagt, möglich. Wenn die Politik sich zwei Dinge klarmacht: Wer könnte durch diesen Wandel verlieren? Soziale Härten gilt es abzufedern. Und: Welche Folgen hat dieser Wandel für das Gemeinwohl? Die Energiewende hat so viele Vorteile – sie ist langfristig günstiger, sicherer und sauberer als die fossile Alternative! All das muss man klarer aufzeigen.
Was kann ich als Einzelner oder Einzelne bewirken?
Vieles, auf vielen Ebenen. Durch politisches Engagement natürlich. Durch Gespräche im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis. Oder auch durch klimafreundliche Konsumentscheidungen. Denn egal, ob fleischfreie Ernährung oder E-Auto statt Fossil-Pkw: Jede einzelne Entscheidung trägt zu einem Wandel bei, indem sie dieselbe Entscheidung bei anderen Menschen attraktiver, einfacher und günstiger macht. Wir alle sind Teil einer solchen sich selbst verstärkenden Rückkopplung. Und irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem eine soziale Norm kippt.