Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern erwartet Reisende eine Oase der Ruhe und des Staunens, gerade dort, wo die Natur ihre ungezähmte Schönheit präsentiert.
Urlaub und Entspannung an der deutschen Ostseeküste – diese Idee verbinden die meisten Erholungssuchenden mit der Vorstellung von Sonne, Strand und Planschvergnügen. Doch gerade in der Zeit der Sommerferien kann das erhoffte Vergnügen durch den Massentourismus, überfüllte Cafés, teure Ferienwohnungen, Verkehrstaus und überlaufene Sehenswürdigkeiten arg getrübt werden.
So liegt es eigentlich auf der Hand, gegen den Strom zu schwimmen und in der eher trüben Jahreszeit zwischen Januar und April einen längeren Urlaub im entlegenen Nordosten unseres Landes zu planen. Auf ein Bad im Meer ist dann eher zu verzichten und die bunten Sonnenschirme werden wohl auch nicht aufgespannt – aber wer sich trotzdem für einen Besuch im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern entscheidet, wird auf ganz andere Weise reich belohnt. Denn dort erwartet den Reisenden eine Oase der Ruhe und des Staunens, gerade dort, wo die Natur ihre ungezähmte Schönheit präsentiert.
Natur wird in Ruhe gelassen
Das Konzept des Nationalparks, der 1990 durch den letzten Beschluss der DDR-Regierung vor der Wiedervereinigung gegründet wurde und insgesamt 786 Quadratkilometer Fläche vom Darß bis zur Halbinsel Bug auf Rügen umfasst, bewahrt eine besonders wertvolle und ursprüngliche Landschaft, in der sich die Natur frei entfalten und nach ihren eigenen Regeln entwickeln kann. Allein die Ost-West-Ausdehnung der Inselkette beträgt 60 Kilometer, wobei allein auf das Küstengewässer 83 Prozent, auf den Wald acht Prozent und auf Moor und Heide drei Prozent der Gesamtfläche entfallen. Nun unterliegen zwar auch die bekannten Naturschutzgebiete und Naturparks in Deutschland eigenen Schutzkategorien, doch was einen Nationalpark von ihnen unterscheidet, ist die große Fläche, das Prinzip des Natur-Natur-Seinlassens und strengste Regeln für die Bewahrung der ursprünglichen Landschaft und ihrer Flora und Fauna.
Zwar entstanden an der deutschen Ostseeküste schon Anfang des 20. Jahrhunderts erste Schutzgebiete, doch die Nazis weichten das ursprüngliche Ziel durch Eigeninteresse auf. Der Urwald auf dem Darß blieb ein Jagdgebiet für die Bonzen des Dritten Reiches, und 1937 ließ Hermann Göring in der Sundischen Wiese einen Flak-Schießplatz, einen Behelfsflugplatz und ein Bombenabwurfgebiet anlegen. Auch die DDR-Führung nahm es mit dem Naturschutz nicht so genau. Wege aus Betonplatten wurden durch den Wald und die Dünen gebaut, ein Küstenhafen am Darßer Ort für die Volksmarine aus dem Boden gestampft und ab Mitte der 60er die volkseigene Land- und Viehwirtschaft zur Höchstproduktion angetrieben. Moore wurden entwässert, die Düngung intensiviert und bis zu 10.000 Jungrinder gehalten. Umwelt und Natur wurden hohen Belastungen ausgesetzt, die ursprüngliche Landschaft zurückgedrängt und zerstört. Die intensive Bewirtschaftung führte zu einem Verlust der Biodiversität und einer dramatischen Gefährdung seltener Arten. Dem wurde 1990 endlich ein Ende bereitet, die Natur atmete langsam wieder auf.
Eine scheinbar endlose Weite
Der Nationalpark schützt nun mit den Bodden und flachen Meeresbuchten die weltweit einzigartigen Kaltwasserlagunen und mit ihnen eine der wertvollsten Kinderstuben der Ostseeküste. Zudem sind Moore, Salzwiesen und Schilfgürtel Paradiese für zahlreiche Vogelarten wie Bartmeise und Schilfrohrsänger. Auch seltene Amphibien wie die Knoblauchkröte und der Teichmolch sind hier wieder anzutreffen, ebenso wie die Schilf-Maskenbiene und diverse Laufkäferarten. Besonders im Frühjahr und Herbst sind große Trupps von Zugvögeln wie Weißwangengänse und Kraniche zu beobachten, während in den Kernzonen des Darßer Urwalds mit Rothirschen, Rehen und Füchsen zu rechnen ist. Wildschweine halten sich zu jeder Jahreszeit besonders gern in den Röhrichtbeständen der Boddengewässer auf. Meist kommen sie erst abends hervor, um auf Nahrungssuche zu gehen. Auf der Suche nach Wurzeln und Pilzen, Weichtieren und Insekten durchwühlen sie den Boden und schaffen dadurch offene Flächen, die Keimbett für viele Pflanzen sein können. Bäume wie Erle und Birke vertrauen ihre Samen dem Wind an, die Wildschweine sind ihre natürlichen Verbündeten. Sie sorgen für natürliche Waldverjüngung. Aber als gute Schwimmer besiedeln sie nicht nur das Waldgebiet des Darß, sondern auch die Inseln des Nationalparks.
Es ist ein wahrhaft intensives Erlebnis, im Grau eines Februartages an den stillen, mit Schilf dicht bewachsenen Boddenufern entlangzuspazieren. So ungemütlich ist diese Jahreszeit gar nicht, man muss sich nur richtig anziehen. Selten begegnet man vereinzelten Spaziergängern oder Fahrradfahrern. Scheinbar endlose Weite, Ruhe und eine einzigartige Natur belohnen den Besucher. Es ist vor allem aber das Licht, das Farben am Himmel zaubert, Wolken anmalt und Kontraste verstärkt. Mitunter verwandeln strenger Frost und eine grelle Wintersonne einen baumbestandenen Weg in ein Märchenland. Wer sich nun nach den lohnenswerten Besuchen der Boddenorte Wiek, Barth mit seiner stolzen Kirche und dem Hafen und Born mit all seinen ursprünglichen und reetgedeckten Häusern in eine der Kernzonen des Nationalparks vorwagt – ein wahrer Urwald erwartet die Besucher.
So eben soll er sein und erhalten bleiben: Kiefern, Buchen, Eichen, Lärchen, mächtige Stämme über niedrigem Unterholz, gefallene Baumriesen, von Efeu und Flechten überwachsen, Tümpel und Sümpfe dazwischen. Kaum zu glauben, dass all dies auf Sandboden gewachsen ist. Alte Dünenberge wechseln sich mit ehemaligen Dünentälern ab, all dies vor langer Zeit von der nahen Ostsee geformt.
Vielleicht aber ist der Weststrand des Darß, nördlich von Ahrenshoop beginnend, das Kronjuwel des Nationalparks. Das liegt ganz sicher daran, dass der kilometerlange Strand in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten geblieben ist: keine Strandkörbe, keine Pommesbuden, keine Cafés – überhaupt nichts dergleichen. Gerade in der trüben Jahreszeit ist vom hohen Besucherdruck in der Hauptsaison kaum etwas zu spüren. Zum anderen ist es aber vor allem die ungebremste Energie, der ständige Wind, der die Landschaft bewegt, der Küste Sand abringt und im flachen Wasser weiter ostwärts ablagert. Diese Küstendynamik, die ständige Veränderung, ist eines der Markenzeichen der Boddenlandschaft, die hier so aktiv ist wie nirgends sonst an der Ostsee. Und wenn man Spaziergänger erblickt, die langsam gehen und mit einem Stock im angespülten Tang herumstochern, dann sind es vermutlich Bernstein-Sucher. Ein Stück vom Gold der Ostsee zu finden, das würde jeden Urlaub krönen!
Langes Wander- und Radwegenetz
Die vielfältigen Routen im Nationalpark sind ideal für Erholungssuchende. Mit dem Rad (bei kräftigen Winden empfiehlt sich ein E-Bike) fährt man durch malerische Dörfer und immer wieder bieten sich weite Aussichten auf die beeindruckende Boddenlandschaft. Fotografen zieht es immer wieder an die Ahrenshooper Uferpromenade, da hier die Sonnenuntergänge und die wechselnden Lichtverhältnisse spektakuläre Aufnahmen ermöglichen. Insgesamt durchzieht ein 40 Kilometer langes Wander- und Radwegenetz den Nationalpark, es gibt ausreichende Beobachtungsplattformen (auch barrierefrei) und Bohlenstege. Um jedoch den Genuss ungetrübter Natur für alle Besucher zu ermöglichen und die zahlreichen Angebote wie geführte Wanderungen mit Nationalpark-Rangern, barrierefreie Erlebnistouren und Tierbeobachtungen zu ermöglichen, gelten eben auch klare Regeln: Markierte Wege dürfen nicht verlassen werden, das Füttern von Wildtieren ist verboten, und auch Beeren, Pilze, Zweige und Strandgut sollen bleiben, wo sie hingehören.
Denn nur wenn die Gebiete des Nationalparks weiterhin streng geschützt bleiben, können die einmaligen Naturerlebnisse auch künftig garantiert werden. Eigentlich versteht sich das von selbst.