Ausgedehnte Wälder, Moore, Flusstäler mit imposanten Granitfelsen und Überreste von Vulkanen – so unterschiedliche Landschaftsformen lassen sich im Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald im Nordosten von Bayern entdecken.
Schon mal von einem „Butzlkuoh“ gehört? Das ist ein alter Oberpfälzer Ausdruck für einen Kieferzapfen, und der „Butzlkuoh“ ist in diesem Fall ein kleiner Zapfenzwerg und Maskottchen des Naturparks Nördlicher Oberpfälzer Wald (NOW). Kiefern prägen nämlich einen großen Teil der Waldgebiete des Parks, dessen Ausdehnung von West nach Ost rund 80 Kilometer beträgt – von Kirchenthumbach südlich von Bayreuth bis zum Grenzübergang Waidhaus nach Tschechien.
Es ist eine der dünner besiedelten Regionen in Bayern, in der viele Tier- und Pflanzenarten beheimatet sind, die man anderswo kaum noch findet: von Orchideen und der Wasseramsel im wildromantischen Waldnaabtal zwischen Falkenberg und Neuhaus bis hin zur Lachmöwenkolonie im Naturschutzgebiet Rußweiher bei Eschenbach in der Oberpfalz, ganz am westlichen Rande des Naturparks. Durch dessen Gebiet von Nordwesten nach Südosten eine geologische Bruchlinie verläuft, die sogenannte Fränkische Linie. Diese hängt mit der Plattentektonik zusammen, hier treffen zwei wichtige „mitteleuropäische geologische Baueinheiten“ aufeinander. Durch die Auffaltung der Alpen vor etwa 100 Millionen Jahren gab es auch hier tektonische Aktivität – und dabei schob sich der nordöstliche Teil des Gebirges über den südwestlichen, wo im Laufe der Zeit jüngeres Gestein nach und nach abgetragen wurde. Das Ergebnis: Im Nordosten des Parks herrscht der Oberpfälzer Granit vor, der teilweise zu fantastisch anmutenden Formationen und Formen verwitterte – im Südwesten besteht das Deckgebirge überwiegend aus Sand- und Sedimentgestein wie Muschelkalk. Was die Entstehung höchst unterschiedlicher Landschaftsformen und damit Lebensräume für die Pflanzen- und Tierwelt erklärt.
Markierter Wanderweg durch das Schutzgebiet
Viel Wasser findet man beispielsweise im Westen des Parks – 65 Weiher gehören zur Rußweiherkette, die im Mittelalter von den Mönchen des nahegelegenen Prämonstratenserklosters Speinshart angelegt wurde. Fleisch zu essen war den Ordensbrüdern nicht erlaubt, so bereicherten sie ihren Speiseplan durch Fischzucht und erzielten durch die Erträge ihrer Teiche stattliche Einnahmen.
Intensiv wurden die Weiher bewirtschaftet, vor allem Karpfen und Hechte gezüchtet. Heute werden aber nur noch einige der Teiche für die Fischzucht genutzt, viele sind seit Jahrzehnten zu einem Naturschutzgebiet zusammengefasst. Ein markierter Wanderweg führt rund um den Großen Rußweiher, auf einem schmalen Pfad stapft man dabei durch Mischwälder, bis man an den Weiher selbst kommt. Die Schutzgebiete abseits der Wege dürfen zwar nicht betreten werden, doch von Stegen oder Aussichtskanzeln kann man die Vogel- und Tierwelt auf und am Wasser gut beobachten – am besten, man nimmt ein Fernglas mit. Vor der Linse tauchen dann zum Beispiel Wildenten oder Schwarzhalstaucher auf, die an Seerosen vorbeigleiten und unvermittelt unter der Wasseroberfläche zum Tauchgang verschwinden. Und ist man hier zwischen März und Juli unterwegs, vielleicht im Rahmen einer Rangertour, dann kann man eine der größten Lachmöwen-Kolonien im Norden Bayerns beobachten.
Naturerlebnis mit Tierbeobachtung und Kulturgenuss liegen im Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald nie weit auseinander – auch hier beim Rußweihergebiet und seiner Vogelwelt. Ein paar Kilometer weiter ragen die beiden stattlichen Türme der Klosterkirche Speinshart auf, im 12. Jahrhundert war an der Stelle auf einer Insel in sumpfigem Gelände ein erstes Kloster gebaut worden. Reformation und Säkularisierung sorgten für reichlich Turbulenzen in der Klostergeschichte. Erst im 17. Jahrhundert wurde der viel früher begonnene Kirchenbau in italienischem Stil beendet und sorgt heute mit seinen üppigen Deckengemälden und der Ausstattung mit Stuck und Skulpturen bei Besuchern für ziemliches „Halsverrenken“, wenn man denn keins der vielen Details verpassen will. Speinshart ist aber ein Gesamterlebnis, denn zum Kloster, in dem noch heute einige Mönche leben, gehört das Klosterdorf. Früher wohnten in dem nach einem Brand im 18. Jahrhundert wiederaufgebauten Häusern die Bediensteten des Klosters – von den Handwerkern bis zum Forstmeister. Der um einen großen Innenhof angelegte Komplex mit mehreren Toreinfahrten ist nach und nach sorgfältig restauriert worden, besonders stolz ist man auf ein Gemeinschaftshaus, das für Veranstaltungen gemietet werden kann, und auf die Wieskapelle, in der es hin und wieder Konzerte gibt. Und natürlich auf den Klostergasthof, zwischen weiß getünchten Wänden gibt es in urigem Ambiente gehobene Oberpfälzer Kost.
Ein 21 Millionen Jahre alter Basaltberg
Vom Klosterdorf zum 21 Millionen Jahre alten Basaltberg – der Kegel des „Rauhen Kulms“ ist schon von Weitem zu sehen. An dem 681 Meter hohen Berg gab es wohl schon um 500 vor Christus eine keltische Siedlung und im frühen Mittelalter kamen die Slawen. Sie zogen einen Ringwall rund um das Basaltfeld, eine Verteidigungsanlage, die im Laufe der Jahrhunderte verstärkt wurde, als es auch eine Burg auf dem Gipfel gab. Die existiert heute zwar nicht mehr, dafür ein Aussichtsturm mit 110 Stufen. Der Aufstieg lohnt sich, denn von oben reicht der 360-Grad-Blick weit über das Fichtelgebirge, den Steinwald und den nördlichen Oberpfälzer Wald.
Bei guter Witterung auch Richtung Waldnaabtal, das wohl zu den beliebtesten Zielen im Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald gehört. Hier hat sich die Waldnaab auf rund 16 Kilometern Länge ihren Weg gebahnt, eine Schlucht mit teilweise fast 50 Meter hohen Granitwänden geformt. Einige der Formationen tragen fantastische Namen wie Kammerwagen, Nymphenfelsen oder Butterfass, zu denen es natürlich die passenden Sagen gibt. Und die man auf Infotafeln am Wegesrand nachlesen kann. Mal leise sprudelnd, dann wieder kräftig rauschend fließt die Waldnaab an den Wanderern vorbei, die auf den Uferwegen unterwegs sind. Buschnelke, Teufelskralle und Türkenbundlilie wachsen am Waldboden, auf kleinen Lichtungen findet der Schwarzstorch ein reichliches Nahrungsangebot. Im Wald nisten mehrere Eulenarten wie der Sperlingskauz, die kleinste Eulenart Mitteleuropas. Und vereinzelt gibt es in der Waldnaab auch noch die Flussperlmuschel, eine mittlerweile fast ausgestorbene Art.
Workshop zum Thema Umweltbildung
Diese in einigen der regionalen Bäche und Flüsschen wieder anzusiedeln ist Teil eines Artenhilfsprojekts, bei dem der Naturpark Nördlicher Oberpfälzer Wald eng mit den Kollegen aus dem „Nachbarnaturpark“ Steinwald zusammenarbeitet. Erste Erfolge gibt es bereits, die Arbeit bleibt aber mühselig. Schließlich geht es häufig darum, Bewusstsein bei Landwirten und Anwohnern dafür zu schaffen, was gut für den Zustand der lokalen Gewässer ist. Nur ein Einsatzgebiet der Naturpark-Ranger, die auch häufig mit Kitagruppen oder Schulklassen unterwegs sind. Und dabei auf Lehrpfaden wie dem „Holzweg“ bei Eschenbach oder im Kreislehrgarten in Floß Naturverständnis und Forschergeist an interaktiven Stationen wachkitzeln wollen. Aber auch geführte Wanderungen und Workshops zum Thema Umweltbildung gehören zum Spektrum der Naturpark-Mitarbeiter. Nur einige von vielen Mosaiksteinchen in einem vielfältigen Naturpark, der sich nach einem halben Jahrhundert des Bestehens den Herausforderungen der nächsten Jahre unter anderem mit einem Crowdfunding für den nachhaltigen Waldumbau stellt.