Schauspielerin Jessie Buckley hat so ziemlich jeden Preis abgeräumt, gerade den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Das hat sie dem Drama „Hamnet“ zu verdanken. Eindrucksvoll spielt sie dort William Shakespeares Frau Agnes, die um ihren Sohn trauert.
Es ist ein sehr roher und tief empfundener Schmerz, den Jessie Buckley als Agnes zeigt, als sie versucht, über den Tod ihres elfjährigen Sohnes hinwegzukommen. Das ist selbstlose Hingabe, die einen zu Tränen rührt, und faszinierende Schauspielkunst zugleich. Sie ist das Herzstück von „Hamnet“, die emotionale Kraft des Films. Fans und Kritiker in aller Welt sind von ihr begeistert. Ihr Kollege Paul Mescal, der im Film William Shakespeare spielt, nannte Jessie Buckley ein „Bergmassiv von einem Menschen“ und sagte: „Sie ist intuitiv, sexy und neugierig. Was für eine Kombination.“ Der „Rolling Stone“ schwärmte: „Die Zuschauer werden über ihre Performance noch Jahre später sprechen.“ Buckley sieht das eher pragmatisch: „Agnes war alles, was eine Frau sein kann.“
Nach einem wahren Preisregen – Golden Globe, British Academy Film Award, Actors Award und andere – wurde sie Mitte März auch mit dem Oscar ausgezeichnet. Wie immer war auch ihre Dankesrede erfrischend ehrlich und auf den Punkt, obwohl sie am Anfang sichtlich angefasst erst einmal tief durchatmen musste, als ihr Name verkündet wurde. „Wow, das ist schon was“, begann sie ihre Rede lachend, um sich dann vor allem bei ihrer Familie zu bedanken, die sie immer ermutigt hat, ihrer Leidenschaft zu folgen. „Heute ist in England Muttertag“, fügte sie hinzu. „Ich möchte diesen Preis dem wunderbaren Chaos im Herzen einer Mutter widmen“ – das war nicht nur in Bezug auf ihre Rolle in „Hamnet“ gemeint, sondern als Anerkennung für alle Mütter und Frauen.
„Mit brutaler Ehrlichkeit spielen“
Was für eine großartige Schauspielerin sie ist, hat Jessie Buckley schon früher gezeigt. Ihre Fähigkeit, extreme Gefühle und intime Momente scheinbar mühelos herzustellen, sei es auf der Leinwand oder der Bühne, wurde oft gelobt. „Ich kann gar nicht anders, als mich voll und ganz in eine Rolle fallen zu lassen. Und sie mir mit viel Empathie und manchmal auch einer brutalen Ehrlichkeit anzuverwandeln“, meint sie mit einem Lächeln.
Jessie Buckley wurde 1989 in Killarney, County Kerry, in Irland geboren. Sie ist die älteste von fünf Geschwistern. Schon früh ist ihr die Liebe zur Kunst mitgegeben worden: von ihrem Vater, einem Dichter, und ihrer Mutter, einer ausgebildeten Opernsängerin. Als Teenager besuchte sie die Mädchenschule in Tipperary, wo ihre Mutter als Gesangslehrerin arbeitete. Danach ging sie an die Royal Irish Academy of Music in Dublin, lernte das Klavierspielen und ließ sich als Sängerin ausbilden. Dort sammelte sie auch erste Schauspielerfahrungen. Mit 17 Jahren packte sie die Koffer und machte sich mutterseelenallein nach London auf. Dort als Schauspielerin Fuß zu fassen, war allerdings alles andere als leicht. Von zwei Schauspielschulen wurde sie abgelehnt, und auch beim Casting für diverse TV-Shows schaffte sie es nicht bis in die Endrunde. Rückblickend meint sie: „Das war eigentlich ein Glück für mich. Diese Zurückweisungen waren übrigens gerechtfertigt. Ich war damals ganz gewiss noch ziemlich unreif – als junge Frau und als Schauspielerin. Natürlich hatte ich damals auch depressive Phasen, aber wenn man jung ist, steckt man solche Rückschläge viel leichter weg. Ich habe mich damals einfach ins Leben hineingestürzt, habe mich ausprobiert – und wenn ich dabei auch manchmal Fehler machte, war das okay. Denn daraus lernt man doch etwas fürs Leben.“
Zu ihrem großen Glück ergatterte sie dann doch einen Platz an der renommierten Royal Academy of Dramatic Art (Rada). Allerdings musste sie das Studium nach kurzer Zeit wegen finanzieller Probleme unterbrechen, wie sie kürzlich dem „Hollywood Reporter“ erzählte. „Um mich über Wasser zu halten, trat ich damals auch mit einer Jazz-Band im angesagten Ivy Club als Sängerin auf, wo auch schon mal Kate Moss mit ihrer Entourage vorbeischaute. Dort gab es einen Mann namens Tony, der mich singen gesehen hatte und das Theater liebte.“ Tony habe ihr dann gesagt, dass er ihr helfen wolle. „Er bezahlte mir dankenswerterweise meine Ausbildung an der Rada und sicherte mir so meinen Aufenthalt in London, den ich mir wahrscheinlich sonst nicht hätte leisten können.“ Buckley schloss ihr Studium 2013 erfolgreich ab.
Anschließend trat sie in diversen Theater-Produktionen auf und stand im Londoner „Shakespeare’s Globe“ als Miranda in „Der Sturm“ auf der Bühne. Die Leidenschaft fürs Theaterspielen hat sie bis heute nicht verloren. Für ihre Darstellung der Sally Bowles in der Westend-Produktion von „Cabaret“ wurde sie 2022 mit dem Laurence Olivier Award for Best Actress in a Musical ausgezeichnet. Auch hier überschlugen sich die Kritiker mit Lob. Das Branchenblatt „Variety“ meinte, ihre Sally-Bowles-Interpretation sei von „überraschender Wildheit“, und der „Evening Standard“ bezeichnete Buckley als „Naturgewalt der Emotionen“. Das größte Kompliment aber bekam sie von ihrem Co-Star Eddie Redmayne, der meinte, dass er keinen Schauspielerkollegen kennen würde, der sie nicht maßlos bewunderte. „Bullshit“, kontert Jessie Buckley. „Ich mache nur meinen Job, so gut ich kann. Und ich will vor allem eines sein – menschlich.“
„Ich spiele gerne Außenseiter“
Schon während ihrer Ausbildung an der Rada und ihrer Arbeit am Theater spielte sie nach einiger Zeit auch in diversen TV-Produktionen mit. Zum Beispiel in der vierteiligen Rosamunde-Pilcher-Serie „Vier Frauen“, in Mini-Serien wie „Krieg und Frieden“, „Die Frau in Weiß“ und „Taboo“. Und später auch noch in der Mini-Serie „Chernobyl“ (2019) sowie in der vierten Staffel von „Fargo“ (2020). Ihr Kinofilm-Debüt gab sie 2018 in dem Psychothriller „Beast“. Da spielte sie eine Frau, die sich zu einem mysteriösen Fremden hingezogen fühlt, der des Mordes angeklagt ist. Buckley erinnert sich: „Das war ein toller Einstig ins Kinofilm-Business. Die Rolle war genau das, was ich so gern spiele, nämlich Außenseiter und Menschen, die von der Gesellschaft verkannt werden. Der Film hat mich auch deshalb gepackt, weil darin die Gefahren der Liebe sehr ehrlich und ungeschönt aufgezeigt werden.“
In ihrem darauffolgenden Film „Wilde Rose“ (2018) spielte sie eine auf die schiefe Bahn geratene Country-Sängerin mit sehr viel Leidenschaft und Herzblut. In dieser Rolle konnte sie endlich auch auf der Leinwand zeigen, was für eine begnadete Sängerin sie ist. Der Film-Soundtrack schaffte es sogar auf Platz eins der UK Country Album Charts. Es folgten unter anderem Filme wie das Biopic „Judy“ (2019) mit Renée Zellweger als Judy Garland, das Drama „Frau im Dunkeln“ (2021) an der Seite von Olivia Colman, wofür sie bei der Oscarverleihung 2022 als beste Nebendarstellerin nominiert wurde, und ein Jahr später „Kleine schmutzige Briefe“ (2023), ebenfalls wieder mit Olivia Colman. Die beiden sind inzwischen dicke Freundinnen.
Vor Kurzem selbst Mutter geworden
Bei dem Drama „Frau im Dunkeln“ führte Maggie Gyllenhaal Regie, die Jessie Buckley auch für ihr aktuelles Gothic-Movie „The Bride – Es lebe die Braut“ besetzte. „Ich war ziemlich überrascht, dass mich Maggie unbedingt als Frankensteins Braut haben wollte“, meint Jessie Buckley lachend, „denn es war ja ein ziemlich kostspieliger Film, und ich war doch noch nie in einem Marvel-Blockbuster oder Kinohit zu sehen. Ich bin nicht einmal auf Instagram. Wahrscheinlich bin ich der letzte ‚Kassenmagnet‘, den man für so einen Film besetzen sollte.“ Gyllenhaal drückte Buckley aber trotzdem gegen die Bedenken des Studios durch. Und fühlte sich mehr als bestätigt: „Wer, wenn nicht Jessie, ist in der Lage, das ganze Spektrum menschlicher Erfahrung, das sie in sich trägt, so exzellent auf die Leinwand zu bringen?!“ In dieser Rolle konnte Buckley in die Vollen gehen: Auch und gerade wenn sie schreit, tobt und beißt, sieht man, was für eine herausragende Schauspielerin Jessie Buckley ist. „Ehrlich gesagt hatte ich anfangs keine Ahnung, ob ich diese sehr komplexe Figur überhaupt würde spielen können. Aber ich bin am Set wie ein Schwamm und sauge alles auf, was ich kriegen kann und was mir hoffentlich dabei hilft, überzeugend und wahrhaftig zu sein.“ Das ist ihr bestens gelungen. Auch in einer so extravertierten, spleenigen Rolle ist sie nie manieriert oder gar selbstverliebt.
Nach dem Ende der Dreharbeiten von „Hamnet“ merkte Jessie Buckley, dass sie schwanger ist. Ende 2025 brachte sie ihr erstes Kind zur Welt, eine Tochter. Der Vater ist ihr Ehemann Freddie Sorensen, ein Sozialarbeiter, der früher TV-Produzent war. Die beiden lernten sich 2021 bei einem Blind Date kennen und heirateten im Sommer 2023. Die Familie lebt außerhalb von London auf einem Anwesen in Norfolk. Den beiden liegt sehr viel daran, ihr Privatleben aus den Medien herauszuhalten, was ihnen sehr gut gelingt. So kennt man bis heute nicht einmal den Namen ihrer nun sieben Monate alten Tochter. Vor ihrer Heirat war Buckley in einer längeren Beziehung mit dem britischen Schauspieler James Norton, den sie bei den Dreharbeiten zu „Krieg und Frieden“ kennenlernte.
So sehr sich Jessie Buckley über das derzeit große Interesse an ihrer Person und das überwältigende Lob für ihre Schauspielkunst freut, so sehr ist sie sich darüber im Klaren, was wirklich zählt im Leben: „Ich bin wahnsinnig gern Ehefrau und Mutter. Meine Familie ist jetzt das Wichtigste auf der Welt. Nach der Geburt meiner Tochter habe ich die Welt mit neuen Augen gesehen. Das ist jetzt das nächste Kapitel in meinem Leben, das ich mit ganzer Kraft umarme“, erzählte sie der britischen „Vogue“. Und fügte lachend hinzu: „Ich fühle mich wie eine Riesin! Nein, ich bin eine Riesin!“