Der 14-fache Champion Rafael Nadal kehrt als inspirierender Geist der vierfachen Championesse Iga Swiatek zu den French Open zurück. Über athletisch-taktische Spielweisen erfinden die Damen ihr Tennis neu. Naomi Osaka setzt auf überraschende Einlauf-Looks.
Kirschblüten oder Quallen? Naomi Osaka rüstet sich mit extravaganten Outfits, um traditionelle Grenzen der Tennis-Etikette aufzubrechen. Die Pionierin für mentale Gesundheit im Profisport will so Selbstvertrauen gewinnen und ihre komplette Persönlichkeit über die pure Athletin hinaus zeigen. „Ich liebe Mode einfach. Das sorgt dafür, dass ich mich darauf freue, aufzuwachen und diesen ganzen Walk-on-Court zu machen“, erklärte die Ex-Nummer-eins der Weltrangliste im Damentennis. Zu ihrem ersten Match bei den Australien Open erschien die Japanerin Anfang des Jahres in einem avantgardistischen, von Quallen inspirierten Design des Couturiers Robert Wun. Ihr Einzugs-Look bestand aus einem geschichteten, weißen Outfit mit einem breitkrempigen Hut inklusive Schleier und einem passenden Sonnenschirm.
Osaka und ihre ausgefallenen Outfits
Ähnliche modische Ablenkungen erwarten sich Beobachter von der vierfachen Grand-Slam-Siegerin für das zweite Major-Turnier des Jahres. Mit einem von Kirschblüten in Rosa inspirierten „Sakura-Look“ sorgte die 28-Jährige vergangenes Jahr für ähnliche Schlagzeilen wie mit ihrem epischen Match unterm Eiffelturm gegen Iga Swiatek vor zwei Jahren. Die Outfit-Waffe scheint zu helfen: Osaka ist zurück in den Top 20 und tritt mit deutlich mehr Selbstvertrauen auf Sand auf. Mit ihrer Power, die jüngst die deutsche Hoffnung Eva Lys in Rom zu spüren bekam, kann Naomi auch Sandplatz-Spezialistinnen wie Iga Swiatek gefährlich werden.
Iga zitterte hingegen kürzlich, als ihr Idol, Rafael Nadal, in der Rafa Nadal Academy in Mallorca zu ihrem Training hinzustieß. „So etwas sollte illegal sein“, scherzte die Weltranglisten-Fünfte, Jessica Pegula, im Podcast mit der letztjährigen Australian-Open-Siegerin Madison Keys. Die sah das auch so: „Iga auf Sand mit Rafa ist das Letzte, was wir brauchen.“
Nach Siegen strebte Swiatek in dieser Saison bislang vergeblich. Deshalb musste Wim Fissette gehen. Der Trainer, der sie vor einem knappen Jahr zu ihrem ersten Wimbledon-Sieg geleitete. Igas Lieblingsbelag ist nicht Rasen, sondern Sand. Auf dem will sie so ehern dominieren wie einst Sandplatz-König Rafa. Der außergewöhnlich erfolgreiche Spanier feilte auch ständig weiter an seiner Technik. Swiatek stellte ihre Spielkontrolle mit ihrem neuen Coach radikal um. Sie will heuer ihren fünften Titel auf dem roten Sand von Roland Garros erobern. Vergangenes Jahr unterlag sie im Halbfinale Aryna Sabalenka. In Stuttgart sah Igas neue Technik zunächst noch sehr unbeholfen aus. Trotz des Ex-Trainers von Rafa, Francisco Roig, an ihrer Seite und der vorangegangenen Unterstützung durch Nadal. Die 24-Jährige über das gemeinsame Training mit Rafa: „Er hat jede Erfahrung auf dem Court gemacht. Niemand hat von mir erwartet, dass ich schon perfekt spiele.“
Rybakina meldet Ansprüche an
Jenseits vom perfekten Rutschen auf Sand arbeiten Top-Spielerinnen wie die Vorjahressiegerin Coco Gauff, Aryna Sabalenka sowie Swiatek an ihrem Aufschlag. Sofern möglich. Denn Sabalenka kämpft noch mit ihrem Körper. Und mit ihrem Aufschlag. In Runde drei des WTA-Turniers in Rom unterlag sie Sorana Cîrstea, weil ihr Aufschlag zu fehlerhaft war. Auch beim Pariser „Vorbereitungsturnier“ in Madrid war die Nummer eins der Welt bereits im Viertelfinale ausgeschieden. „Es ist wahrscheinlich mein unterer Rücken, im Bereich der Hüfte. Es hindert mich ein wenig daran, die volle Rotation auszuführen“, sagte Sabalenka. Auch die Damen neigen häufiger zu Ermüdungsverletzungen, da ihre Technik kompromissloser wird. Neue Härte zeigt eine weitere Mitfavoritin der French Open: Die Siegerin von Stuttgart, Elena Rybakina, wirkt neben dem Court zurückhaltend. Doch die 26-Jährige warf selbstbewusst Sandplatz-Königin Iga aus dem Halbfinale des Porsche Grand Prix. Das gab der Kasachin Mut für das offiziell „Roland Garros“ genannte Grand-Slam-Turnier: „Das Ziel ist es, in Paris bei 100 Prozent zu sein. Wenn mein Aufschlag funktioniert, und ich gesund bleibe, weiß ich, dass ich jede Spielerin auf jedem Belag schlagen kann.“ Die Weltranglisten-Zweite ist eine Kämpferin, wie sie im Stuttgarter Finale gegen Karolina Muchova bewies: „Ich habe immer gesagt, dass ich mich auf Sand verbessern kann. Und dieser Sieg zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“
Mit „more chill“, also entspannterer Geisteshaltung als bei den US Open, will Coco Gauff an die Verteidigung ihres Titels in Paris herangehen. Die US-Amerikanerin will Druck herausnehmen. Auch wenn sie die bislang einzige Spielerin auf der Tour ist, die sowohl die Damen- als auch die Juniorinnen-Konkurrenz in Paris gewann. Um ihre Chancen auf einen Folge-Titel zu verbessern, arbeitet auch Gauff vor allem an ihrem Aufschlag. Deshalb engagierte die 22-Jährige Ende 2025 den Biomechanik-Spezialisten Gavin MacMillan. Der unterstützte zuvor schon Aryna Sabalenka darin, von der Doppelfehler-Falle wegzukommen. Wie manche ihrer Rivalinnen hat Coco ihre Aufschlagbewegung leicht verkürzt, um mehr Konstanz zu gewinnen und die Anzahl der Doppelfehler zu reduzieren. Und die WTA-Vierte plädiert für mehr Privatsphäre: „Wir bieten auf dem Platz eine Show. Aber ich glaube nicht, dass wir alles, was wir abseits des Platzes tun, dafür opfern müssen“, sagte Gauff.
Lys gibt sich selbstbewusst
Die Turnierdirektorin der French Open betont, dass man sich um die Privatsphäre der Profis und entsprechende Bereiche kümmere. „Die Spielerinnen und Spieler müssen sich so ungestört wie möglich auf die Spiele vorbereiten können“, sagt Amélie Mauresmo. „Mittlerweile sind auf den großen Turnieren in jedem Raum Kameras. Dass im Klo noch keine ist, ist wirklich gerade alles“, beklagte auch die derzeit wie so oft beste deutsche Spielerin, Laura Siegemund, am Rande des Turniers von Stuttgart. Die 38-jährige Siegemund kam kurz vor Paris in Rom am weitesten von allen deutschen Spielerinnen, unterlag dann aber in der dritten Runde der Tschechin Karolina Pliskova.
Im Vergleich zu Top-20-Spielerinnen wie Swiatek oder Jasmine Paolini fehlt den deutschen Damen derzeit die Konstanz und die Schlaghärte, um über zwei Wochen in einem Grand Slam zu bestehen. Ein Weiterkommen von Siegemund oder Eva Lys über die zweite oder dritte Runde bei den French Open hinaus wäre eine Überraschung. „Ich kann die bessere Spielerin sein“, sagt Lys dennoch über ihre Fähigkeit, auch gegen gesetzte Gegnerinnen auf Sand zu bestehen. Die 24-jährige Hamburgerin ist bekannt für ihre Beharrlichkeit. Das erhöht die Aussichten der nachkommenden deutschen Nummer eins in Paris, wo das Motto „La victoire appartient au plus opiniâtre“ (Der Sieg gehört dem Hartnäckigsten) den Centre-Court ziert.
Ella Seidel könnte über die Qualifikation in die Hauptrunde einziehen. Ebenso Noma Noha Akugue: Nach ihrem jüngsten Turniersieg bei den Wiesbaden Tennis Open, Anfang Mai 2026, fühlt sich die 22-jährige Reinbekerin in ihrem offensiven Spiel auf Sand und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt. Dennoch liegen derzeit Welten zwischen den jungen Deutschen und den Spitzenspielerinnen im Tennis.
Mit nur 19 Jahren hat sich Mirra Andreeva in der Weltelite etabliert. Die Russin nutzt Sand als Untergrund für kluge Winkel und Variationen. Für Paris gilt die Welt-Siebte als eine der stabilsten Spielerinnen hinter den Top-Gesetzten. Andreeva strebt vehement ihren ersten Grand-Slam-Titel an. Wobei mentale Stärke nicht alles ist.
„Formspielerin“ des Frühlings ist Marta Kostyuk. Als Siegerin des WTA-1.000-Turniers in Madrid und Bezwingerin von Andreeva gehört die Ukrainerin zu den Titelanwärterinnen von Paris. Die Nummer 15 der Tenniswelt fällt durch extreme Athletik und eine aggressive „First-Strike“-Taktik auf, die sonst eher im Herrentennis verbreitet ist. Ballwechsel durch druckvolles „Zuerst-Zuschlagen“ kurzzuhalten, ohne auf Fehler der Gegnerinnen zu warten, gehört zur neuen Weiblichkeit im Tennis. Mindestens bis ins Halbfinale will die 23-Jährige damit vorstoßen. Wobei ihre Landsmännin Elina Svitolina ebenfalls gute Aussichten auf ein Weit-Kommen in Paris hat.