Menschenaffen können Pflanzen gezielt zur Selbstmedikation nutzen, das konnte jüngst das Beispiel der Borneo-Orang-Utans belegen. Wobei sich ihr Wissen über die Heilwirkung bestimmter Pflanzen verblüffend stark mit den tradierten Kenntnissen von in ihrer Nachbarschaft lebenden indigenen Stämme überschneidet.
Angesichts einer stetig wachsenden Zahl von antibiotikaresistenten Bakterienstämmen oder dem weltweiten Vormarsch chronisch-entzündlicher Krankheiten wie Rheumatoide Arthritis (wovon die Gelenke betroffen sind), Psoriasis (Schuppenflechte) oder Darmbeschwerden wie Morbus Crohn hat sich ein Teil der medizinischen Forschung dazu entschlossen, auf der Suche nach Medikamenten-Alternativen oder wirksamen Heilmethoden völlig neue Wege zu gehen. Wobei vor allem die sogenannte Apotheke des Waldes immer stärker in den wissenschaftlichen Vordergrund aufgerückt ist. Dabei haben sich mit der Ethnopharmakologie und der Zoopharmakognosie zwei noch vergleichsweise junge, spezialisierte und sich überschneidende Disziplinen herausgebildet. Hierzulande werden sie hauptsächlich vom in Hamburg ansässigen Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin mit einer von dem Ethnopharmakologen Dr. Fabien Schultz geleiteten Forschungsgruppe betrieben. Die Ethnopharmakologie beschäftigt sich mit dem traditionellen, über viele Generationen bewahrten Wissen über natürliche Heilmittel indigener Volksgruppen.
Bei der Zoopharmakognosie handelt es sich um die Wissenschaft rund um die Selbstmedikation wildlebender Tiere und darauf basierend die mögliche Adaption von oftmals noch weitgehend unbekannten Naturheilmitteln für die moderne Medizin nach grundlegender Überprüfung ihrer pharmakologischen Wirksamkeit in präklinischen Testverfahren.
Auffälligerweise nutzen indigene Stammesgruppen teilweise dieselben natürlichen Substanzen zur Behandlung gesundheitlicher Probleme wie wilde Tiere – wobei sich diese Beobachtung vor allem auf die zur Familie der Primaten zählenden Menschenaffen (Hominiden) bezieht. Für die in einem indonesischen Nationalpark in freier Wildbahn lebenden Borneo-Orang-Utans und die in ihrem Umfeld lebenden Menschen konnte dies in einer im Sommer 2026 im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie explizit nachgewiesen werden. Das Forschungsteam der University of Oxford unter Federführung von Kimberley Hockings, Professorin für Naturwissenschaften, der Anthropologin Dr. Elodie Freymann und der Studien-Hauptautorin (im Rahmen ihres Masterstudiums in Naturschutz und Biodiversität) Georgia Allen weist ausdrücklich auf die elementare Wichtigkeit der Bewahrung dieses speziellen indigenen Wissens für den Erhalt der biologischen Vielfalt und für die künftige globale Gesundheitsforschung hin.
Selbstmedikation bei Schimpansen
Bislang hatten sich Studien im Rahmen der Zoopharmakognosie – der Untersuchung nicht-menschlicher Verhaltensweisen zur Selbstmedikation, bei denen Tiere Krankheiten oder Verletzungen an sich selbst oder anderen therapeutisch behandeln – vor allem auf Schimpansen konzentriert, bei denen bereits wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Etwa, dass Schimpansen zur Bekämpfung von Darmparasiten raue und stachelige Blätter unzerkaut herunterschlucken: Die Würmer im Darm verhaken sich daran und werden dann mitsamt den Blättern ausgeschieden.
Neue wissenschaftliche Meilensteine in der Selbstmedikation von Schimpansen lieferte vor allem eine von Dr. Elodie Freymann geleitete und im Fachjournal „PLOS One“ publizierte Studie von 2024. Die Forscher konnten 51 Schimpansen in der freien Wildbahn des Budongo-Central-Forest-Reservats in Uganda beobachten und dabei 13 Pflanzen identifizieren, die erkrankte oder verletzte Tier offenbar gezielt konsumierten, obwohl diese nur wenig Nährstoffe beinhalten. Eine spätere Analyse dieser Pflanzen im Labor zeigte, dass 33 Prozent von ihnen tatsächlich entzündungshemmende und sogar 88 Prozent antibiotische Wirkungen aufwiesen.
„Vielleicht hätte es nicht so sehr überraschen sollen, denn die Schimpansen sind unglaublich klug und es ergibt durchaus Sinn, dass sie inzwischen herausgefunden haben, welche Pflanzen ihnen bei Krankheiten oder Verletzungen helfen können“, sagt Dr. Freymann. Es sei „höchst unwahrscheinlich“, dass die Schimpansen diese Heilpflanzen nur rein zufällig als Teil ihrer Ernährung zu sich nähmen. „In vielen Fällen suchten die kranken oder verletzten Schimpansen diese Ressourcen auf, als es kein anderes Mitglied ihrer Gruppe tat.“
Um den potenziellen Nutzen für den Menschen auf der Suche nach bislang noch unbekannten Pflanzen mit medizinischen Eigenschaften zu bewahren, forderte das Team, „dass wir der Erhaltung unserer wilden Waldapotheken und unserer Primatencousins, die sie bewohnen, dringend Priorität einräumen“.
Völlig neue Wege gingen die Wissenschaftler bei ihrer Studie zudem mit ihrer „Hypothese der Selbstmedikation durch Ressourcenkombination“: Diese besagt, dass Primaten im Krankheitsfall nicht auf eine einzelne medizinische Ressource zurückgreifen, sondern vielmehr auf Kombinationen von Ressourcen setzen, die den Therapieerfolg optimieren können. Bislang hatte sich die Zoopharmakognosie immer nur auf die Ermittlung einzelner Heilmittel konzentriert. Mit ihrer neuen Methode konnten die Forscher nachweisen, dass die Schimpansen die Wirksamkeit ihrer Selbstmedikation durch die Kombination verschiedener Ressourcen deutlich steigern konnten.
Auch bei anderen Menschenaffen wie Gorillas, Gibbons oder Bonobos (Zwergschimpansen) konnte bereits dokumentiert werden, dass die Tiere Pflanzen gezielt gegen Parasiten oder andere Beschwerden zu sich nehmen. Von Orang-Utans war lediglich bekannt, dass sie zwar gelegentlich Blätter mit bekannten Heilwirkungen auswählen, aber sie waren die einzigen Primaten, bei denen das tatsächliche Verschlucken der Blätter noch nicht konkret nachgewiesen werden konnte. Allerdings sorgten Wissenschaftler unter Federführung des Konstanzer Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie Anfang 2024 mit der Veröffentlichung einer Studie im Fachmagazin „Scientific Reports“ für eine Sensation: Sie konnten von der ersten jemals festgehaltenen gezielten medizinischen Wundbehandlung mit Heilpflanzen bei einem Wildtier berichten.
Wie mit einem Verband abgedeckt
Ein auf den Namen „Rakus“ getaufter männlicher Sumatra-Orang-Utan im Regenwald-Forschungsstandort Suaq Balimbing hatte eine schwere Gesichtsverletzung wiederholt durch das Auftragen des zuvor durch minutenlanges Kauen vorbereiteten Pflanzensafts der Blätter einer Kletterpflanze mit bekannten entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften behandelt. Zum Schluss hatte er dann auch noch die gesamte Wunde, die später komplett ausheilte, mit dem zerkauten Pflanzenbrei abgedeckt, einem Verband ähnlich.
Die Wissenschaftler nahmen dies zum Anlass für die Vermutung, dass die aktive Wundbehandlung mit pharmakologisch wirksamen Pflanzeninhaltsstoffen evolutionäre Wurzeln haben könnte, die mehr als zwölf Millionen Jahre zurückreichen und auf einen gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Menschenaffen zurückgehen könnten. Falls dies zutreffen sollte, wäre die aktive, pharmakologisch gezielte Wundbehandlung keine menschliche Erfindung, sondern ein evolutionär-biologisches Erbe.
Auch wegen „Rakus“ erweckte eine neue, im Sommer 2026 publizierte Populationsstudie über Borneo-Orang-Utans im Sebangau-Torfsumpfwald, einem Nationalpark im indonesischen Zentral-Kalimantan, große Aufmerksamkeit. Da dabei auch die neue Hypothese der selbstmedikativen Ressourcenkombination überprüft wurde, wurde deren Protagonistin Dr. Freymann als Beraterin mit einbezogen. Der Studienaufwand war ungewöhnlich groß und erstreckte sich ab 2003 über zwei Jahrzehnte. Um die Selbstheilung der Tiere zu dokumentieren, verfolgten lokale Feldteams 55 Orang-Utans über einen Zeitraum von 2.419 Tagen und konnten dabei 12.236 verschiedene Fressereignisse mit insgesamt 202 Pflanzenarten und einer Vielzahl von Pflanzenbestandteilen wie Früchten, Mark, Wurzeln, Blüten, Saft oder Rinde festhalten.
Anschließend wurden die dabei ermittelten Ernährungsdaten der Tiere mit denen einer im Umfeld ansässigen indigenen Volksgruppe namens Dayak verglichen, die schon über viele Generationen das Wissen um heilende Pflanzen angesammelt und weitergegeben hat. Dabei konnten 64 Pflanzenarten identifiziert werden, die von den Dayak selbst in Befragungen als medizinisch bedeutsam deklariert worden und zugleich auch in der Datensammlung der Orang-Utans enthalten waren. Die Hausapotheken der Orang-Utans und der indigenen Bevölkerung scheinen sich also inhaltlich stark zu überschneiden. Die pharmakologischen Belege für die Auswahl der Pflanzen durch die Tiere wurden daher als konkret und nicht als spekulativ eingestuft.
Aus diesem Flora-Komplex wählten die Forscher sodann 19 von ihnen als „Ressourcen“ bezeichnete Pflanzen zur genaueren Analyse aus, basierend auf ihrer wiederholten Verwendung, ihren nachgewiesenen medizinischen Eigenschaften und ihrer Relevanz in beiden Datensätzen, wodurch ein rein zufälliges Nutzen dieser Pflanzen durch die Tiere ausgeschlossen werden konnte.
Eine Spezies stach dabei besonders hervor, die in drei Vierteln der stärksten offenkundig nicht-zufälligen Paarungen beziehungsweise Kombinationen mit anderen Pflanzen von den Orang-Utans ausgewählt worden war: Dabei handelte es sich um eine Kletterpflanze mit dem wissenschaftlichen Namen Fibraurea tinctoria, die von den Einheimischen Akar Kuning („Gelbwurzel“) genannt wird. Besonders in Kombination mit den Früchten von Mezzettia parviflora (einem hohen, buschigen, immergrünen Baum mit schirmförmiger Krone) war sie die auffälligste Assoziation im gesamten Datensatz. Aber auch in Kombination mit Blättern, Früchten oder sogar Termiten tauchte die Kletterpflanze immer wieder auf.
Die chemische Zusammensetzung der beiden zentralen Pflanzen war für die Forscher äußerst aufschlussreich. Denn Fibraurea tinctoria enthält ein Alkaloid namens Berberin mit bekannter antimikrobieller und entzündungshemmender Wirkung und wird daher seit jeher in Teilen Südostasiens als traditionelles Hilfsmittel gegen Krankheiten wie Malaria oder Gelbsucht eingesetzt. Mezzettia parviflora gilt als reichhaltige Quelle für Antioxidantien.
Über konkrete Pflanzenpaare hinaus konnte allgemein eine Kombination von Fibraurea tinctoria mit Blättern sogenannter Alyxia-Arten (die ebenfalls entzündungshemmende und antimikrobielle Eigenschaften aufweisen) und Früchten der sogenannten Willughbeia-Arten (die Enzyme beeinflussen können, die für Gedächtnis und kognitive Fähigkeiten wichtig sind) ermittelt werden.
„Das Interessante an den Ergebnissen ist, dass einige Pflanzenarten in der Orang-Utan-Nahrung viel häufiger gemeinsam vorkommen, als man es zufällig erwarten würde. Mehrere dieser Pflanzen enthalten bekanntermaßen Verbindungen mit antimikrobiellen, entzündungshemmenden oder wundheilungsfördernden Eigenschaften. Wichtig ist, dass viele dieser Pflanzen insgesamt keinen wesentlichen Bestandteil der Orang-Utan-Nahrung ausmachen, was darauf hindeutet, dass sie eher aufgrund bestimmter gesundheitsfördernder Eigenschaften denn als alltägliche Nahrungsquelle verzehrt werden“, sagt Georgia Allen.
Das Besondere an der aktuellen Studie mit den Beobachtungen an Orang-Utans besteht fraglos in der Spezifität der pharmakologischen Wirkung und Übereinstimmung mit der Volksmedizin der indigenen Bevölkerung derselben geografischen Region. Doch die Wissenschaftler haben sich bei der Interpretation der auf Basis statistischer Musterdaten gewonnenen Erkenntnisse Vorsicht auferlegt: „Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht sagen, dass Orang-Utans sich bewusst selbst diagnostizieren, so wie es Menschen tun würden. Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass sie bestimmte Pflanzen mit medizinischen Eigenschaften gezielt konsumieren, und zwar auf eine Weise, die über die reine Ernährung hinausgeht“, sagt Georgia Allen.
Auch die Frage, wie die Orang-Utans diese Verhaltensweisen erworben haben, ist noch ungeklärt. Das Forscher-Team vermutet eine Mischung aus Instinkt, angeborener Veranlagung und über Generationen weitergegebenem Wissen, wobei auch die lokale Verfügbarkeit von Pflanzen und die Unterschiede im Lebensraum die Verhaltensmuster beeinflussen könnten.
Neue medizinische Ressourcen?
Nun gilt es im Labor zu überprüfen, ob die bei den Orang-Utans ermittelten Pflanzenkombinationen tatsächlich im Verbund eine größere Heilwirkung ermöglichen können. „Unsere Ergebnisse bieten potenzielle Einblicke in neue medizinische Ressourcen und unterstreichen zudem die Bedeutung des ökologischen und ethnomedizinischen Wissens indigener Völker für den Erhalt der biologischen Vielfalt und die globale Gesundheitsforschung“, stellt das Team fest.
Die Beobachtung, welche Pflanzenkombinationen wildlebende Tiere wie die Orang-Utans unter bestimmten gesundheitlichen Prämissen auswählen, liefert einen biologisch fundierten Ansatz für die internationale Arzneimittelforschung. Allerdings ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass die natürlichen Lebensräume dieser Tiere schützend erhalten werden müssen. Bei dem durch Abholzung oder Sumpftrockenlegung zunehmend bedrohten Naturreservat der Orang-Utans in Borneo erscheint dies keineswegs gesichert. Verschwindet dieser Rückzugsort und mit ihm die Orang-Utans, so wird damit auch das im Fressverhalten der Tiere verankerte pharmakologische Wissen unwiederbringlich verloren gehen.