Mit ihrem aktuellen zehnten Album „Futique“ landete das schottische Rock-Trio Biffy Clyro in Großbritannien auf Platz eins der Charts. Die Zwillingsbrüder James (Bass) und Ben Johnston (Schlagzeug) gaben vor ihrer Tour ein Interview.
Ben, James, wann wurde Musik zu einem wichtigen Bestandteil in Eurem Leben?
Ben: Für James und mich war Musik schon immer ein Teil unseres Zuhauses. Unsere Eltern sind beide große Musikliebhaber, besonders mein Vater. Es gab immer mindestens fünf Gitarren im Haus, weil mein Vater ein kleiner Sammler ist. Und es gab immer Vinylplatten. Wir sind mit den Beatles, den Kinks und Steely Dan aufgewachsen. Unsere musikalische Ausbildung begann schon sehr früh, und glücklicherweise war es sehr gute Musik.
Meine erste Liebe galt Dire Straits. Ich hatte als Kind eine Live-Videokassette ihrer ‚Brothers in Arms‘-Tour. Die ging irgendwann kaputt, weil ich sie jeden Tag nach der Schule laufen ließ. Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, dass sie uns diese Musik hören ließen, denn sie hat uns inspiriert oder darüber hinaus eine wirklich gute, solide Grundlage gegeben.
James: Als ich zur Band gekommen bin, hatte ich an der Schule keinen Musikunterricht. Ich habe nie Musik gelernt, wie man sicher bemerkt. (lacht) Die Jungs hingegen waren zusammen im Musikunterricht und haben in der Mittagspause gespielt. Ich habe die Proben gefilmt und mit ihnen abgehangen. Als es zu einem großen Streit mit ihrem damaligen Bassisten kam, fragten sie mich, ob ich mitmachen wolle. Ich war kein großartiger Spieler, liebte es aber, die Songs zu lernen. Da war Musik bereits ein Teil von mir, auch wenn ich mir nie vorgestellt hatte, selbst Musik zu machen. Wir sind für die Freiheit, die wir zuhause hatten, und die Ermutigung, die wir erfuhren, dankbar. Viele Kinder erleben das nicht. Ich bin mir sehr bewusst, dass viele im Alter von 14, 15 oder 16 Jahren keine Zeit haben, Gitarre zu spielen, weil sie Zeitungen austragen, arbeiten oder vielleicht zu Hause Verantwortung als Betreuer übernehmen müssen. Ich möchte die Stimmung nicht trüben, aber ich finde es nur fair, wenn wir verdeutlichen, wie glücklich wir uns schätzen können, dass wir zuhause diese Freiheit hatten und in einem sicheren Haushalt aufgewachsen sind, in dem Platten gespielt und Lieder gesungen wurden und in dem die Menschen viel gelacht haben. Es gab immer eine Party, unsere Tür stand immer offen. Das war ein großes Glück. Und nicht jeder hat das.
Es heißt, Ihr hattet als Band einen Tiefpunkt, bevor Ihr „Futique“ aufgenommen habt. Was war passiert?
Ben: Ich denke, durch Widrigkeiten kommt man zu Erfolg.
James: Wir hatten einige schwierige Momente.
Ben: Jede Band macht solche durch. Daran habe ich keinen Zweifel. Die meisten machen wahrscheinlich mehr davon durch als unsere Band. Dieses Mal waren wir irgendwie gezwungen, einige schwierige Gespräche zu führen. Als eine mögliche Trennung im Raum stand, war das wie ein Schock. Es war fast zu ekelhaft, sich das vorzustellen. Doch die Gespräche haben uns stärker gemacht – zumindest mich. Denn als das einmal ausgesprochen war, hat mir das gezeigt, wie viel mir die Band bedeutet. Ich hatte zuvor noch nie den Gedanken, dass diese Band nicht mehr existieren könnte. Es war das erste Mal, dass wir solch ein Gespräch führten, und es hat uns nur zu einer besseren Band gemacht.
Touren ist stressig. Was macht Ihr für Eure mentale Gesundheit während einer Tour und vor allem danach?
James: Die richtige Antwort lautet: nicht genug. Ich will nicht sagen, dass ich schuldig bin, denn das klingt, als hätte ich etwas falsch gemacht. Es ist nicht einfach, sich um seine eigene Psyche zu kümmern. Ich habe damit zu kämpfen. Es ist ein schwieriges Thema, und ich möchte nichts sagen, was falsch verstanden werden kann oder jemandem die Hoffnung auf psychische Gesundheit raubt. Wir alle wollen uns gegenseitig unterstützen. In der Vergangenheit habe ich aber nicht genug getan. Es ist ein extremes Leben mit Höhen, mit viel Adrenalin, ständig in Bewegung. Und dann kommst du nach Hause und sitzt in deinem Zimmer. Es klopft niemand an deine Tür und sagt: ‚Komm schon, lass uns gehen.‘
Ich sage ganz offen, dass ich Medikamente nehme, um meine Psyche zu verbessern. Ich habe in der Vergangenheit schon eine Therapie ausprobiert und werde es in Zukunft wieder versuchen. Gespräche mit Freunden und Angehörigen und innerhalb der Band waren für mich eine große Hilfe. Es ist kein Kampf, sondern eine Reise, auf der man sich mit seiner psychischen Gesundheit auseinandersetzt.
Wir unterscheiden uns nicht von anderen Menschen, nur weil wir auf die Bühne gehen und offensichtlich sehr glückliche Momente erleben, aber auch ganz offensichtlich sehr dunkle Momente. Das ist genauso wie bei deinem Nachbarn, bei deiner Tante und deinem Onkel und allen anderen Menschen in deinem Leben. Wir dürfen uns nicht von anderen abgrenzen. Der Weg zu mentaler Gesundheit ist eine Reise, und die Menschheit findet gerade heraus, darüber zu sprechen. Es lässt dich nicht schwach aussehen, über deine schlechte psychische Verfassung zu reden. Es macht dich stärker. Mit 45 Jahren lerne ich immer noch, darüber zu sprechen. Also lasst es uns gemeinsam tun. Das würde ich jedem da draußen ans Herz legen. Ich bin für dich da, wenn du für mich da bist. Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die dich lieben, also hab keine Angst, um Hilfe zu bitten.
Es ist sicherlich auch wichtig, bei Freunden und Partnern ein Bewusstsein dafür zu schaffen.
James: Das ist das Wichtigste. Die sind wie ein Sicherheitsnetz. Im Flugzeug kann es zu der Situation kommen, in der der Kapitän sagt: ‚Dieses Flugzeug stürzt ab, setzen Sie zuerst Ihre eigene Sauerstoffmaske auf.‘ Wenn man zuerst damit beschäftigt ist, jemand anderem die Maske aufzusetzen, sind vielleicht beide verloren. So habe ich mein Leben nie gesehen. Mein Leben bestand immer darin, zuerst anderen zu helfen. Aber wenn ich meine eigene Sauerstoffmaske nicht aufhabe, kann ich niemandem helfen. Es geht also darum, die richtige Balance zu finden. Man muss sich in eine Position bringen, in der man stark genug ist, um anderen zu helfen. Und manchmal beginnt das damit, dass man sich selbst hilft.