Alba Berlin ist noch dabei, sich nach der in vielerlei Hinsicht komplizierten Neuausrichtung zu finden. Dabei hilft auch die bemerkenswert konstante Leistung eines Youngsters.
Bevor das neue Jahr begann, blickte Marco Baldi noch mal zurück. Auf ein Jahr voller Rückschläge, Zweifel – und auch Schmerz. „Wir haben gehörig gelitten“, sagte der Geschäftsführer von Alba Berlin über das Jahr 2025, in dem der renommierte Basketball-Club früh aus den Play-offs flog, das Final Four im Pokal verpasste, Letzter der Euroleague wurde und sich gezwungenermaßen zum Ausstieg aus dem europäischen Top-Wettbewerb entschied. „Aber Leiden ist nur ein Teil des Ganzen“, betonte Baldi. Was er meinte: Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um wieder zwei oder mehr Schritte nach vorne zu schaffen. Der aus Kostengründen vollzogene Ausstieg aus der EuroLeague war ein schmerzhafter Einschnitt, der auch großen Einfluss auf die Etat- und Personalplanungen hatte. Aber der „extreme Spagat“ (Baldi) zwischen internationaler Wettbewerbsfähigkeit und clubeigener Philosophie war am Ende nicht mehr zu meistern. „Es ist immer schön, wenn etwas wächst und gedeiht, wie es bei uns ja über viele Jahre der Fall ist“, sagte Baldi dem „Tagesspiegel“: „Aber letzte Saison war gerade auch für unsere Fans viel Leid dabei, weil man gespürt hat, dass alles irgendwie nicht mehr so richtig zusammenpasst.“
Zumindest ein versöhnlicher Abschluss
Umso wichtiger ist die auch in der Fangemeinde langsam wachsende Erkenntnis, dass der neu eingeschlagene Weg der richtige sein könnte. Der erfolgreiche Jahresendspurt war aus Sicht von Alba zumindest ein versöhnlicher Abschluss. In der Bundesliga gewann der elfmalige Meister die letzten drei Spiele des Jahres – und das in beeindruckender Weise. 80:66 in Rostock, 80:47 gegen Ludwigsburg und an Silvester 104:74 gegen Braunschweig. Zudem sicherte sich das Team von Trainer Pedro Calles durch ein ungefährdetes 106:82 gegen BC Sabah aus Aserbaidschan den Gruppensieg in der Champions League. „Wir sind sehr stolz auf das, was wir bereits erreicht haben und gerade aufbauen“, sagte Kapitän Jonas Mattisseck: „Gleichzeitig ist uns bewusst, dass so etwas nicht von allein kommt.“ Wie recht er damit hatte, zeigt die knappe 73:76-Niederlage im ersten Spiel des neuen Jahres in Oldenburg.
Dennoch geht die Tendenz in die richtige Richtung. Vor allem der Silvestersieg gegen die Löwen aus Braunschweig war beeindruckend – und das trotz der in der BBL ungewöhnlichen Anwurfzeit von 13.30 Uhr. „Das ist ein besonderer Spieltag, aber das wird für beide so sein“, sagte Geschäftsführer Baldi: „Dann muss man den Kaffee halt früher trinken.“ Den Spielern hat es aber ganz offensichtlich nichts ausgemacht, wenige Stunden vor dem Jahreswechsel noch mal aufs Parkett zu gehen und um Bundesligapunkte zu spielen. „Das war heute einfach herrlich, es hat unfassbar viel Spaß gemacht!“, sagte Mattisseck hinterher. Die vielen Spiele hintereinander hätten zwar viel Kraft gekostet, „aber der Coach hat eine tolle Ansprache gehalten und uns noch einmal gesagt, dass die Fans es verdient hätten, das Jahr mit einem Sieg zu beenden. Das war unfassbar motivierend.“ Und so schickten die Anhänger die Mannschaft mit viel Applaus in die sehr kurze Pause, ehe es vier Tage später in Oldenburg wieder losging.
Dass es aktuell bei Alba wieder läuft, liegt auch an einem Youngster. Jack Kayil übernimmt mit seinen gerade mal 19 Jahren schon viel Verantwortung auf dem Parkett, er versteckt sich bei wichtigen Situationen nicht und besticht durch eine für sein Alter bemerkenswerte Konstanz. Nach 13 Spielen hatte der Point Guard die viertmeiste Einsatzzeit im Kader zu verzeichnen – und diese nutzte er auch für sich persönlich: Im Schnitt 11,2 Punkte bedeuteten Platz drei der internen Rangliste. Nur Ex-Kapitän Martin Hermannsson und der nach nur drei Spielen nach Dubai abgewanderte Rejean Ellis waren knapp besser. „Die Spieler und die Trainer vertrauen mir“, sagte er lapidar über die Gründe, warum es aktuell so gut läuft. Kayil ist keiner, der sich übermäßig große Gedanken macht – weder im Erfolgs- noch im Misserfolgsfall. „Ich spiele mit sehr viel Selbstbewusstsein. Dafür trainiere ich, daher fällt mir das relativ leicht“, sagte er angesprochen auf den Eindruck, dass der Basketballstil bei ihm oft so spielerisch leicht aussehe.
Jack Kayil geht in die USA
Das Guard-Talent wurde für eine Saison vom serbischen Topclub KK Mega Basket ausgeliehen. Der gebürtige Berliner – der ausgebildet wurde bei TuS Neukölln und Alba – war mit großen Hoffnungen zurückgekehrt. Doch nur wenige hatten geglaubt, dass er schon so schnell zu einer wirklichen Stütze des Teams heranreifen könnte. „Wie er das annimmt, verdient unseren Respekt“, sagt Trainer Calles. „Er verhält sich auf dem Feld und auch daneben nicht unbedingt wie ein 19-Jähriger“, erläutert Calles. Den Reifeprozess beschleunigt hatten die zwischenzeitliche Verletzung von Hermannsson und der Blitzwechsel von Ellis. Kayil musste einfach viel spielen – und möglichst performen. Und das tat er größtenteils. Er sei mit keinem festen Plan nach Berlin gekommen, verriet er, „ich wollte mich weiterentwickeln.“ Dieses Ziel ist schon jetzt unabhängig vom Saisonausgang erreicht. Dass Kayil im Sommer in die USA geht und sich dort im prestigeträchtigen College-Basketball versucht, haben die Verantwortlichen bei Alba akzeptiert. Denn Kayil ist ehrgeizig. Er sieht in Amerika die Chance, dass die NBA-Scouts ihn höher ranken. „Es wäre ein riesiger Traum, wenn ich es in die NBA schaffen würde“, sagte er. Dass er das Talent für den großen Durchbruch mit sich bringt, ist auch Bundestrainer Álex Mumbrú klar. Er nominierte den Spielmacher im November 2024 für die Nationalmannschaft. Beim Länderspieldebüt – dem EM-Qualifikationsspiel gegen Schweden – überzeugte Kayil mit zehn Punkten, drei Rebounds, vier Assists und zwei Blocks. Und auch in Berlin erfreut der trickreiche und treffsichere Point-Guard das Publikum.
Die Alba-Verantwortlichen erfreuen sich an Kayils Auftritten noch mehr, denn nach dem spektakulären Abgang von Ellis hatten sie große Bauchschmerzen wegen der Spielmacher-Position. Der US-Amerikaner, der erst im Sommer aus dem Farmteam der NBA-Franchise Indiana Pacers nach Berlin gewechselt war, folgte schon wenige Wochen später dem Lockruf des Geldes. Der Wechsel zu Dubai BC war sowohl für den Spieler als auch für Alba ein finanziell lukrativer Schritt. Doch intern hätten die Club-Bosse lieber darauf verzichtet, die so genannte „Buy-out-Klausel“ für eine Entschädigungszahlung zu ziehen. Denn sportlich hatte der dynamische „Boogie“ Ellis komplett überzeugt. Es gebe eben „Clubs mit schier unendlichen finanziellen Mitteln“, sagte Sportdirektor Himar Ojeda, „wenn dort ein Spieler benötigt wird, holt man halt einen“. Alba kann bei diesem Wettbieten nicht mithalten. Ohne die Perspektive der Euroleague ohnehin nicht. Der Ellis-Wechsel dürfte auch ein Teil des „Schmerzes“ sein, von dem Geschäftsführer Baldi bei seinem Rückblick auf das Jahr 2025 gesprochen hatte. Doch er betonte auch: „Diesen Schmerz haben wir vielleicht gebraucht, um Klarheit zu bekommen, dass wir den Weg mit unserem Anspruch, in Europas Topliga immer konkurrenzfähig zu sein und national in der Spitze, so nicht beibehalten können.“ Er persönlich empfinde deswegen aktuell „eine Art von Befreiung“.