Im Kriminalfall um die verschwundene Meisterschale gibt es für die Füchse Berlin ein Happy End – im Titelrennen der aktuellen Saison aber sehr wahrscheinlich nicht. Im direkten Duell mit Magdeburg fehlen nur Kleinigkeiten.
Bei der Suche nach der Meisterschale kam es zu einer skurrilen, ja fast schon komischen Wendung. Nachdem im vergangenen November die Trophäe von Handball-Meister Füchse Berlin als gestohlen gemeldet wurde, weil sie in der Geschäftsstelle nicht mehr auffindbar war, wurden zwei Verdächtige festgenommen. Die Polizei ging damals davon aus, dass die Silberschale mit einem Materialwert von 12.500 Euro eingeschmolzen wurde. Denn bei Hausdurchsuchungen bei den Verdächtigen fand man einen eingeschmolzenen Sterling-Silberbarren und einen Schmelzofen. Doch vor ein paar Tagen dann die spektakuläre Wende: „Die Meisterschale ist wieder da“, titelte der Club zu einem Artikel über die neueste Entwicklung des Kriminalstücks. In den Kellerräumen sei „zufällig ein prominenter Fund“ gemacht worden, berichtete der Handball-Bundesligist: „Die Diebe hatten die Meisterschale dort geschickt versteckt, um sie zu einem späteren Zeitpunkt von dort zu entwenden.“ Hinter mehreren Kartons war die Schale versteckt. „Das Risiko, entlarvt zu werden, schien selbst den Meisterdieben zu groß. Dem Täter, der in der Untersuchungshaft sitzt, droht eine lange Haftstrafe.“
Hinter mehreren Kartons versteckt
Die erste Meisterschale der Clubgeschichte aus der Vorsaison ist nun aber nicht wieder zurück im Trophäenschrank der Füchse. Denn die Kriminalpolizei hat sie als Beweismittel beschlagnahmt, erst nach Abschluss der Ermittlungen wird sie wieder dem Verein übergeben. Auch Geschäftsführer Bob Hanning ist über die jüngste Wendung erstaunt. „Ich kann es ehrlich gesagt auch noch nicht ganz glauben, aber die Schale ist wieder da“, sagte Hanning. Er sei vor allem froh, dass das ehrwürdige Original von der Handball-Bundesliga HBL nicht durch eine Kopie ersetzt werden muss. „Wir können uns alle freuen, dass die Tradition gewahrt ist und die Teams, die sie gewonnen haben und gewinnen werden, sie wieder in den Händen halten können.“
Es besteht kaum noch ein Zweifel daran, dass am Ende dieser Saison die Protagonisten des SC Magdeburg die Meisterschale überreicht bekommen. Die Füchse hätten das Titelrennen in der Bundesliga mit einem Auswärtssieg im direkten Duell beim SCM noch mal etwas spannend machen können. Doch die 33:35-Niederlage in der ausverkauften Getec-Arena am vergangenen Wochenende bedeutete praktisch das Scheitern der Mission Titelverteidigung. Danach betrug Berlins Rückstand auf den Spitzenreiter acht Pluspunkte – zu viel bei nur noch acht ausstehenden Spielen. „Jetzt ist die Meisterschaft zu 100 Prozent in unseren Händen“, frohlockte SCM-Star Gisli Kristjansson: „Da kann uns nur unser Kopf oder fehlende Mentalität stoppen.“
Doch dass das eintritt, darf stark bezweifelt werden. Zu souverän, zu abgezockt und zu titelhungrig treten die Magdeburger in dieser Saison auf. Zudem würde Erfolgstrainer Bennet Wiegert Fahrlässigkeit oder gar Abgehobenheit niemals zulassen. Auch gegen die Füchse coachte Wiegert engagiert und mit klaren Ansagen an der Seitenlinie – und seine Spieler hörten ihm zu. „Wir wissen, was man tun muss, um gegen solche Mannschaften zu gewinnen“, sagte Kristjansson. Das Topspiel gegen den Verfolger aus der Hauptstadt sei von Nuancen entschieden worden und hätte auch mit einer Niederlage für Magdeburg enden können, meinte Wiegert: „So fühlen wir uns verdammt gut, das auf unsere Seite gezogen zu haben. Mich macht besonders stolz, dass die Jungs diesen Charakter gezeigt haben, obwohl nicht alles für uns lief.“
Und die Berliner? Ihre Hoffnungen, den SCM noch vom ersten Platz verdrängen zu können, waren schon vor der Partie minimal gewesen. Dennoch hätten sie nur zu gern mit einem Prestigesieg die Heimreise angetreten. Das hätte Auftrieb für den Saison-Endspurt gegeben, denn der Tabellenplatz zwei und damit die erneute Champions-League-Qualifikation ist in Gefahr. Durch die Niederlage in Magdeburg mussten die Füchse die SG Flensburg-Handewitt in der Tabelle vorbeilassen, im letzten Ligaspiel am 7. Juni kommt es zum direkten Duell mit dem Nordclub. „Wir haben immer noch alles in unseren Händen“, sagte Trainer Nicolej Krickau deshalb richtigerweise: Unruhig werde ich nur, wenn die Leistung nicht stimmen würde. Aber mit so einer Leistung wie gegen Magdeburg, habe ich auch das Vertrauen, dass wir das schaffen können.“ Im Ostderby an diesem Sonntag (5. April) in der Max-Schmeling-Halle gegen Leipzig ist ein Sieg aber Pflicht.
Optimistischer Blick nach vorne
Und auch eine Revanche gegen Magdeburg kann es in dieser Saison noch geben. Beide Teams sind noch im Pokal und in der Champions League vertreten und könnten in beiden Wettbewerben aufeinandertreffen. Am größten ist die Wahrscheinlichkeit beim Pokal-Final-Four: Sollten die Füchse im Halbfinale am 18. April gegen TBV Lemgo Lippe gewinnen und die Magdeburger im Anschluss gegen den Bergischen HC, ist das Traumfinale perfekt. „Ja, das ist natürlich möglich. Aber das ist immer noch weit weg. Da können wir drüber sprechen, wenn die Zeit dafür kommt“, sagte der Magdeburger Kreisläufer Magnus Saugstrup. Auch Berlins Trainer Krickau wollte noch nicht auf ein mögliches Endspiel gegen den Rivalen blicken, denn das Halbfinale gegen Lemgo werde „wahnsinnig schwierig“. In der Champions League sind beide Bundesliga-Topteams fürs Viertelfinale qualifiziert, im Vorjahr machten sie im direkten Final-Duell den Titel unter sich aus. Auch hier setzte sich Magdeburg durch – und zwar deutlich mit 26:32.
Im Liga-Rückspiel vor einer Woche war der Leistungsunterschied dagegen marginal, obwohl Magdeburg den Heimvorteil im Rücken hatte. Auch deshalb blicken die Berliner optimistisch nach vorne. „Insgesamt war das über weite Strecken eine super, super Leistung von uns. Wir müssen mitnehmen, was gut war“, sagte Trainer Krickau. Gut war beispielsweise die Torwartleistung von Dejan Milosavljev mit fünf parierten Siebenmetern. Der Serbe, der die Füchse am Saisonende verlassen wird, scheint den Fokus auf die Saison noch nicht verloren zu haben. Und auch Welthandballer Mathias Gidsel, der mit elf Treffern eine ständige Gefahr für die Magdeburger war, ist in Topform. Auch große Einsatzfreude war bei den Berlinern zu erkennen, ebenso mannschaftstaktische und individuelle Qualität. „Es war eine unfassbare Partie, die eines Topspiels würdig war“, meinte Krickau: „Am Ende hatte Magdeburg die fünf Prozent mehr auf ihrer Seite.“
Die Stimmung nach dem verlorenen Hinspiel (23:39) im vergangenen September war eine ganz andere gewesen. Damals hatte Geschäftsführer Hanning gerade mit der Doppel-Trennung von Sportvorstand Stefan Kretzschmar und Meistertrainer Jaron Siewert für große Aufregung und auch Unverständnis gesorgt. „Ja, das war besonders“, erinnerte sich Krickau zurück. Die Stimmung auf den Rängen war gereizt, es gab Pfiffe und Buhrufe. Und auch spielerisch lag vieles im Argen beim Meister. „Technisch und taktisch waren wir überfordert. Das war nicht nur mental. Auch die Leistung hat nicht gestimmt“, sagte der Siewert-Nachfolger aus Dänemark.
Krickau konnte die Füchse wieder stabilisieren, auch wenn es für eine erfolgreiche Titelverteidigung nicht reichen wird. Platz zwei und die erneute Champions-League-Qualifikation wäre aber schon ein Happy End – auch wenn es nicht so skurril daherkommen würde wie das im Kriminalfall um die verschwundene Meisterschale.