Stromnetze sind höchst spannend geworden. Rechtlich ginge beim Ausbau viel mehr, als sich wirtschaftlich lohnt. Ein „Kulturwandel“ und mehr Effizienz könnten helfen, klimafreundliche, erneuerbare Energien besser zu nutzen.
Weil die Politik bei der Energiewende nicht recht die Kurve kriegt und dem Klimawandel mit einem zu kurz gefassten Klimaschutzprogramm die kalte Schulter zeigt, zieht so mancher Netzausbauer dieser Tage die Bremse und steigt aus. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Netzwerke als Transportwege für Energie aus Sonne und Wind dringend gebraucht würden.
So hat die Bundesregierung Ende März eine Sonderausschreibung von zwölf Gigawatt Windenergie an Land bis 2030 angekündigt. Als Teil des neuen Klimaschutzprogramms soll sie dafür sorgen, dass erneuerbare Energien schneller ausgebaut werden. „Solange Netzengpässe Projekte ausbremsen, bleibt dieses Versprechen bloß eine Zahl“, kommentiert Carolin Friedemann, Gründerin und Geschäftsführerin der Initiative Klimaneutrales Deutschland (IKND). „Schon heute gibt es im Bestandsnetz ungenutzte Kapazitäten, die wir mit klaren Regeln und smarter Betriebsführung sofort heben könnten“, betont die IKND-Geschäftsführerin. Ohne diese Effizienzreserven zu nutzen, werde kein Ausschreibungsplus die Energiewende wirklich beschleunigen.
Strom macht 20 Prozent der genutzten Energie aus
Aktuell sind nur rund 20 Prozent der verbrauchten Energie Strom. Der Rest entfällt vor allem auf fossile Energieträger wie Öl, Gas oder Benzin. Langfristig soll Strom etwa 75 Prozent der benötigten Gesamtenergie ausmachen.
„Das zusätzliche Windenergie-Volumen kann seine Wirkung nur dann entfalten, wenn es auch tatsächlich ans Netz kommt“, sagt die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE), Ursula Heinen-Esser. „Der geplante Redispatch-Vorbehalt aus dem Netzpaket läuft dem zuwider“, moniert die Chefin des Bundesverbands Erneuerbare Energien.
Die Rahmenbedingungen für den Ausbau erneuerbarer Energien verschlechtern sich. So möchte das Bundeswirtschaftsministerium, geleakten Gesetzentwürfen zufolge, „in bestimmten, von Netzengpässen relativ stark betroffenen Regionen Deutschlands […] keine Entschädigungen für die Betreiber*innen von Windenergie- und Photovoltaikanlagen mehr zahlen lassen, wenn deren Anlagen aufgrund von Netzengpässen vorübergehend abgeregelt werden müssen“, monieren Wissenschaftler des Wuppertal-Instituts in einer Stellungnahme zum neuen Klimaschutzgesetz. Letzteres erachten sie als unzureichend für das Erreichen der Klimaschutzziele. Auch Potenziale zur Minderung der Energieimportabhängigkeit würden nicht konsequent erschlossen.
Die Autoren der Stellungnahme, Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick, Dr. Sascha Samadi, Prof. Dr.-Ing. Clemens Rohde und Dr. Stefan Thomas, befürchten gravierende Folgen fürs Klima. Sie gehen davon aus, dass sich der jährliche Ausbau der Windenergie an Land und der Photovoltaik ab dem Jahr 2027 um ein Viertel reduziert, sollten die bisher bekannt gewordenen Pläne umgesetzt werden. Die Wuppertal-Institut-Experten fügen hinzu: „Dies erscheint aufgrund der hohen Abhängigkeit des Marktes von verlässlichen Rahmenbedingungen nicht unwahrscheinlich.“ Der Rückgang brächte mehr Umweltbelastung: „In dem Fall könnten die Treibhausgasemissionen im Jahr 2030 um etwa 15 Megatonnen Kohlendioxid-Äquivalent höher liegen als bei Beibehaltung der derzeitigen Bestimmungen“, so die Autoren.
Das System zur Energieverteilung ist antiquiert
Gerade jetzt brauche es aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Gründen sowie zur Verringerung von Sicherheitsrisiken eine „konsequente Abkehr von der Nutzung fossiler Energieträger“, schreiben die Wissenschaftler zudem in ihrem Statement zum Klimaschutzgesetz 2026. „Eine solche Politik würde nicht zuletzt erhebliche Innovationsimpulse auslösen und Deutschland ‚fit‘ machen für die globalen Zukunftsmärkte, statt Investor*innen und Innovator*innen durch Fehlanreize in Richtung fossiler Energieträger massiv zu verunsichern.“
Verunsicherung herrscht besonders bei den Netzen: IKND-Geschäftsführerin Carolin Friedemann berichtet von einer schlechten Grundstimmung unter den Akteuren der Energiewende. Sie zählt die Faktoren auf: „Ganz besonders der Vorschlag zum Redispatch-Vorbehalt, dass Anlagenbetreiber auf viele Jahre Entschädigungszahlungen bei Abregelung verzichten sollen. Und insgesamt der Eindruck, die Energiewende soll man doch jetzt mal ein bisschen langsamer machen, damit wir mit dem Netzausbau hinterherkommen.“
Stichwort „Netzausbau“. Hier stört kein Krieg, sondern ein Grundkonflikt der anderen Art: Immer mehr Erzeuger und Verbraucher wollen und brauchen möglichst emissionsfreien Strom. Doch das System, das Energie verteilt, stammt aus einer Zeit zentraler Kraftwerke und passiver Kunden. Der Verteilnetzbetrieb agiert ineffizient, und es mangelt dabei an notwendiger Digitalisierung.
Es geht um die Frage, wie unser Energiesystem künftig den wachsenden Ansprüchen gerecht werden kann, wenn hierzu immer mehr Strom aus erneuerbaren Quellen kommt. Und warum gut funktionierende Netze, reichlich Speicher und stolperfreie Flexibilität dafür entscheidend sind, die emissionsfreien Energien tatsächlich zu nutzen und teures Öl sowie Gas dadurch abzulösen.
Alles könnte so schön sein. Wenn fast jeder selbst zum Erzeuger von Strom aus Sonne und Wind werden und Überschüsse seiner klimafreundlichen Energie-Ernte effizient verteilen dürfte: Was könnte mehr motivieren, auf klimafreundliche Energien umzusteigen?
Doch Deutschland hat ein enormes Problem damit: „Der Netzausbau ist schlichtweg zu langsam“, sagt Andreas Jahn vom Regulatory Assistance Project (RAP) bei einem Pressegespräch der Initiative Klimaneutrales Deutschland über neue Netze für Erneuerbare. „Wir haben enorme Anfragen bei Speichern, die alle ans Netz ranwollen und nicht können, wenn wir hinterherhängen.“
Dabei gibt es eine Vision in der Energiewirtschaft. Die von der „Kupferplatte“, also einem „engpasslosen Netz“. Doch ein solches Netz ohne Grenzen, in dem jeder jederzeit einspeisen und beziehen kann, „in dem alle immer machen können, was sie wollen“, sei weder wahrscheinlich noch bezahlbar, dämpft Jahn die Hoffnungen. Stattdessen müsse man akzeptieren, dass Netze bewirtschaftet werden: mit Steuerung, Flexibilität und Preissignalen.
Jahn berichtet von Berechnungen zweier großer Energiekonzerne, denen zufolge die augenblickliche Netzausbauplanung mit Investionen von über 700 Milliarden in den nächsten 20 Jahren zusammenfällt. „Das bedeutet, dass wir Netzentgeltsteigerungen haben, die sich verdoppeln können“, sagt Jahn. Die Spannweite hänge auch davon ab, „wie wir diese Netzkosten verteilen, ob wir Privilegien ausweiten, ob wir sie fortführen, ob wir sie einschränken“. Industrielle Rabatte, Einspeiseentgelte und der Umgang mit Eigenverbrauch spielen hier mit hinein.
Sparsamkeit und Selbstversorgung erschwert
Hier geht es den Ausführungen des Regulatorik-Experten zufolge nicht um ein technisches Umdenken, sondern um eine regulatorische Neuausrichtung. Denn bisher werden Netzbetreiber vor allem dafür belohnt, zu investieren, nicht dafür, bestehende Infrastruktur besser auszulasten. Im schlimmsten Fall lohnt sich sogar das Gegenteil: Verzögerung. Heute, so Jahn, geraten Netzbetreiber strukturell „eher in die Rolle des Verzögerers als des Enablers“. Wer langsam ist, hat weniger Ärger. Wer neue Akteure anschließt, geht Risiken ein, ohne dafür angemessen belohnt zu werden.
Hinzu kommt ein massives Digitalisierungsdefizit. Deutschland hinkt bei Smart Metern, Netztransparenz und datenbasiertem Betrieb hinter fast allen europäischen Nachbarn her. In vielen Verteilnetzen weiß man schlicht nicht genau, wo tatsächlich Engpässe entstehen und wo nicht. Die Folge: Anlagen werden vorsorglich abgeregelt, Anschlüsse pauschal verweigert, Potenziale verschenkt.
Bliebe noch, mehr auf Speicher zu setzen. „Energiespeicher sind ein Multifunktionswerkzeug“, sagt Simon Seidel Steffgen, Leiter Industrie und Gewerbe beim Bundesverband Energiespeichersysteme (BVES). Gerade im Verteilnetz können sie, Seidel Steffgen zufolge, Lastspitzen kappen, Überschüsse aufnehmen, Netze stabilisieren und Versorgung sichern. Doch die Praxis sieht weniger pragmatisch aus. Viele Erzeugungsanlagen haben zwar einen Einspeiseanschluss, aber keinen Entnahmeanschluss. Das heißt, Speicher dürfen Strom abgeben, aber keinen aufnehmen. Auch wenn das wirtschaftlich keinen Sinn macht.
Damit nicht genug. Vertrauen in stabile Rahmenbedingungen sei massiv beschädigt worden, seit Unsicherheit rund um die Netzentgeltbefreiung für Speicher entstand. Eigentlich galt bis August 2029: Wer rechtzeitig ans Netz geht, erhält für 20 Jahre Befreiung von Netzentgelten beim Strombezug. Diese Regelung ist Grundlage der Geschäftsmodelle.
Doch: „Die Netzentgeltbefreiung wurde jetzt öffentlich von der Bundesnetzagentur infrage gestellt“, resümiert Seidel Steffgen. Mit Folgen. „Da wurden Speicherprojekte bereits abgesagt. Investitionen in Höhe von mehreren Milliarden Euro sind schon zurückgestellt. Dieser Schaden wird von Tag zu Tag größer und ist unwiederbringlich. Projekte sind damit nicht nur verschoben, sondern faktisch beendet.“
Auch Sparsamkeit und teilweise Selbstversorgung werden nicht belohnt, sondern erschwert. Seidel Steffgen schildert das Beispiel einer Papierfabrik, die ihren Netzbezug innerhalb von 15 Minuten komplett reduzieren kann und dennoch keinen flexiblen Anschluss erhält. Der Netzbetreiber winke ab: Zu kompliziert, zu anstrengend oder gar zu verlustreich, wenn andere dem Beispiel folgen würden. So entsteht ein Teufelskreis aus Sicht effizienter und flexibler Energienutzung: Verbraucher optimieren gegen das Netz, Netzbetreiber verlieren Einnahmen und reagieren mit noch mehr Restriktionen.
Klimafreundlicher Strom kann Kommunen Kohle bringen. „Verteilnetze werden zum Rückgrat der lokalen Wirtschaft“, sagt Seidel Steffgen. Doch viele Kommunen unterschätzen diese Rolle und die politischen Chancen, die darin liegen. Dabei könnten gerade kommunale Verteilnetze zu Gewinnern der Energiewende werden. Sie sichern lokale Wertschöpfung, ermöglichen Gewerbeansiedlung und generieren langfristige Einnahmen. Bürgermeisterinnen könnten so ihre Gemeinden weiterentwickeln.
Wie schnell kommen gut funktionierende Verteilnetze? Auf die Frage nach dem Zeitrahmen für gut funktionierende Verteilnetze fiel die Antwort der Experten vorsichtig aus. „Die Erfahrung der Vergangenheit sagt, wahrscheinlich nicht schnell genug“, antwortete Andreas Jahn vom Regulatory Assistance Project. Jetzt sei die Frage, wo sich das System entsprechend beschleunigen lasse, dass wir dahin kommen. Sein trockenes Fazit: „Und ich würde das mal so sagen, Geld alleine hilft nicht.“ Zusätzliche Investitionen allein könnten die strukturellen Probleme nicht lösen.
Jahn verwies darauf, dass laufende Reformen, etwa bei der Anreizregulierung durch die Bundesnetzagentur, zwar Anpassungen brächten, aber keinen grundlegenden Kurswechsel erkennen ließen. Nach seiner Einschätzung wirkten die geplanten Änderungen zu zögerlich, um die bestehenden Engpässe rasch aufzulösen. Besonders kritisch sieht er den Stand der Digitalisierung: Deutschland hinke bei Smart Metern und der digitalen Netzsteuerung anderen europäischen Ländern hinterher. Dadurch gingen Jahre verloren, ohne dass Betrieb oder Kostenstruktur der Netze spürbar verbessert würden.
Grundlegender Kurswechsel nicht erkennbar
Auch Simon Seidel Steffgen vom Bundesverband Energiespeichersysteme sieht kurzfristige Durchbrüche als schwierig an. Aus seiner Sicht entscheidet weniger die Technik als die Arbeitsweise der Netzbetreiber über das Tempo. Nötig sei ein Kulturwandel innerhalb der Organisationen. Dieser sei zwar anspruchsvoll, lasse sich aber regional schneller umsetzen, als häufig angenommen werde. Seidel Steffgen verwies darauf, dass es bereits „sehr innovative Verteilnetzbetreiber“ gebe, die neue Wege bei Digitalisierung und Netzbetrieb gingen. Diese Beispiele würden bislang zu wenig sichtbar gemacht. „Es braucht diesen Kulturwandel auch, um wieder attraktiver Arbeitgeber für junge Menschen in der Region zu sein. Und die Digitalisierung von Ortsnetz-Trafos ist etwas, was man in nicht allzu langer Zeit bewerkstelligen kann.“
Fortschritte wie die Digitalisierung von Ortsnetztransformatoren seien technisch überschaubar, könnten in der Praxis aber trotzdem scheitern: „Ich habe da zum Beispiel auch von Netzbetreibern gehört, die gesagt haben, nee, also die nächsten Trafos digitalisiere ich nicht, weil dann müsste ich mir hier ein neues kleines Rechenzentrum einrichten. Und das sind wieder Zusatzinvestitionen, die mir keiner bezahlt“, erzählt der Energiespeicher-Experte.
Es gebe viele Hürden in der Digitalisierung, auch in der Datenverarbeitung et cetera, „wo man einfach gucken muss: Gibt es Best-Practice-Beispiele? Wer kann da von wem lernen?“ Seidel Steffgen zufolge müsste „eine positive Dynamik“ erzeugt werden. Er spreche mit vielen Mitgliedern, die sagten: „Wir haben teilweise auch sehr positive Beispiele von Netzbetreibern.“ Es helfe nicht, nur sozusagen auf den großen Sack draufzuhauen. „Sondern der nächste Schritt ist, das zu differenzieren und positive Dynamik mit den Positivbeispielen zu erzeugen.“