Mit „Sacramento“ liefert Regisseur und Hauptdarsteller Michael Angarano einen selbstbewussten Film ab, der zwei Freunde auf der Reise zu sich selbst begleitet. Zu sehen ist diese besondere Tragikomödie bei diversen Streamingdiensten.
Am Anfang war das Gemächt – dann kam die Liebe. Rickey und Tallie treffen sich zufällig an einem See. Sie macht Komplimente über sein bestes Stück, er goutiert den offensiven Flirt. Es knistert direkt. Man sinniert über das Leben, lernt sich kennen, liebt sich. Dann ein Jahr später: Rickey besucht seinen ehemals besten Freund Glenn. Dieser wohnt mit seiner schwangeren Frau Rosie in einem ruhigen Vorort von Los Angeles und durchlebt gerade eine berufliche wie emotionale Krise. Rickey überredet Glenn zu einem Mittagessen und danach zu einem spontanen Roadtrip nach Sacramento. Denn: Rickeys Vater sei gestorben und er wolle die Asche in der Stadt verstreuen; sein Vater habe Sacramento immer geliebt.
Unperfekt und realitätsnah
Die Ausgangssituation des Films „Sacramento“ ist eine typische für Roadmovies: Der Weg ist das Ziel. Regisseur und Hauptdarsteller sowie Co-Autor Michael Angarano (er spielt Rickey) zeichnet die vier Figuren ebenso unperfekt wie realitätsnah. Mit ruhiger Hand inszeniert er sein übersichtliches Ensemble und gibt den Charakteren die Zeit, die sie benötigen. Neben Angarano („Wild Card“, „Oppenheimer“) wirken mit: seine Frau im echten Leben, Maya Erskine („Mr. & Mrs. Smith“, „PEN15“) als Tallie, Michael Cera („Barbie“, „Superbad“) als Glenn und Kristen Stewart („Love Lies Bleeding“, „Spencer“) als Rosie.
Während der Reise prallen die Persönlichkeiten aufeinander – Glenn ist nervös und verantwortungsbewusst, Rickey hingegen sorglos und impulsiv. Die Fahrt wird zu einer emotionalen Achterbahnfahrt, in der beide mit ihren Ängsten, Hoffnungen und der Vergangenheit konfrontiert werden. Der Film kombiniert humorvolle Momente mit nachdenklichen Szenen und zeigt, wie Freundschaft auch in turbulenten Zeiten bestehen kann.
„Sacramento“ war an den Kinokassen leider kein großes Glück beschieden, der Film ist mit seiner angenehm unzynischen Erzählweise aber genau richtig, um einen berührenden Streaming-Abend zu erleben. Das mag auch daran liegen, dass weniger große Lacher als viele kleine Schmunzler dominieren. Mit seiner kurzen Laufzeit und der zurückgenommenen Inszenierung legt der Film trotzdem ein gutes Tempo vor. Auch Nebenfiguren wie AJ Mendez als Arielle und Iman Karram als Jess – zwei junge Frauen, die Rickey und Glenn in einer Bar kennenlernen – bekommen Zeit zum Atmen, werden jedoch nicht überstrapaziert.
Die Angst vor Veränderung
Wie sich die Geschichte entwickelt, nachdem die beiden ehemals besten Freunde in Sacramento angekommen sind, ist da beinahe nebensächlich. Es geht um unterdrückte Emotionen, vor allem bei Männern, wie der Umgang mit Trauer, hier die von Rickey um seinen Vater. Oder um das immer wieder aufflammende Aggressionspotenzial von Glenn. Tallies Leben wiederum droht, ihr über den Kopf zu wachsen, und sie muss lernen, jemanden daran teilhaben zu lassen. Rosie muss sowohl für ihr Kind als auch für den emotional angegriffenen Glenn Verantwortung übernehmen und nebenbei noch für alle den Lebensunterhalt bestreiten.
Die Stärke der Inszenierung liegt in der genau beobachteten Schluffigkeit ihrer Charaktere, die allesamt Angst vor Veränderung haben. Die vier Hauptfiguren wirken alle etwas abgeranzt, stehen mitten im Leben und doch oft neben sich, und es ist eine wahre Freude, wie sie sich nach und nach um ihre Seelenhygiene kümmern. Denn eines ist so klar wie ein hoffnungsvolles Ende: In Veränderung liegt Kraft, liegen Chancen. Wie sich Rickey und Glenn einander wieder annähern, ist am Ende herzerwärmend und beinhaltet einige kreativ-komische Dialoge mitten aus dem Leben.
„Sacramento“ liefert auch auf einer weiteren Ebene: Männer haben es nämlich auch nicht leicht. Michael Angarano und Michael Cera spielen Männer, deren Gefühlswelt angeknackst ist, die etwas desorientiert sind und mit dem typischen Männerklischee nichts am Hut haben. Maya Erskine und Kristen Stewart wiederum stehen für die „starke, unabhängige Frau“, die Berufswelt und Familienleben unter einen Hut bekommen und gleichzeitig noch ihren Partner aufbauen muss. Das zeigt „Sacramento“ mit viel Einfühlungsvermögen.