Die Jugend von Borussia Dortmund stand jahrelang für erfolgreichen und mitreißenden Fußball. Viele junge Talente gingen daraus hervor. Nun gibt es dennoch ein neues Konzept mit neuen Gesichtern und spannenden Ansätzen.
Hört man die Namen Christian Pulisic, Mario Götze oder Youssoufa Moukoko, fällt einem vielleicht nicht direkt eine Verbindung der drei Spieler untereinander ein. Doch denkt man genauer darüber nach, ist ein Zusammenhang zu erkennen. Es sind nicht nur drei Offensivspieler, sondern sie sind auch alle durch die Jugend von Borussia Dortmund gegangen. Alle drei feierten Erfolge, nicht nur in der Jugend, sondern auch bei den Profis. Es ist die Traumvorstellung eines jeden Club-Bosses: Spieler entwickeln sich in der Jugend und haben dann Mehrwert für die Erste Mannschaft. Nur gelingt dies nicht immer. Vielmehr ist dies im aktuellen Fußball-Business eher die positive Ausnahme. Auch der BVB lässt es in den letzten Jahren mehr und mehr vermissen, Spieler aus den „eigenen Reihen“ hochzuziehen. Und genau deswegen hat die Borussia aus Dortmund vor einiger Zeit einen neuen Weg eingeschlagen.
Spieler aus den „eigenen Reihen“
Lars Ricken, bis 2024 für das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) des BVB verantwortlich, wurde zum Geschäftsführer Sport befördert. Im Zuge dessen wurde Thomas Broich der neue sportliche Leiter im Jugendfußball der Borussia. Der ehemalige Profi, der unter anderem bei Borussia Mönchengladbach, dem 1. FC Köln und dem 1. FC Nürnberg aktiv war, hatte sich beispielsweise bereits als TV-Experte bei DAZN sowie als Leiter Methodik bei Hertha BSC Berlin einen Namen gemacht. „Thomas bringt eine riesige Leidenschaft für die Förderung junger Talente mit und verfügt über einen großen Erfahrungsschatz als Profi in der Bundesliga und im Ausland. Während seiner Stationen hat er sich wertvolle Einblicke in die Ausbildung von Nachwuchsspielern verschafft. Darüber hinaus ist er als TV-Experte bekannt, hat sein Fachwissen auch in diesem Bereich unter Beweis gestellt und bringt so eine weitere Facette des Fußballs mit ein“, so Lars Ricken über die damalige Verpflichtung Broichs. Der 44-Jährige zeigte sich ebenso positiv gestimmt: „Das Nachwuchsleistungszentrum des BVB hat genauso wie ich den Anspruch, die eigene Ausbildungskonzeption sowie die Spielidee permanent weiterzuentwickeln. Ich kann es kaum erwarten, gemeinsam mit allen Beteiligten diesen Weg zu gestalten.“ Neben Broich gibt es eine weitere Neuverpflichtung. Seit diesem Sommer ist Paul Schaffran der neue Leiter des NLZ. „Ich bin überzeugt, dass Paul mit seiner Erfahrung und seinem strategischen Denken die ideale Besetzung ist, um die Entwicklung unserer jungen Talente optimal zu fördern und sie auf die Herausforderungen des Profifußballs vorzubereiten“, sagte Ricken.
Mit neuem Personal soll also nun der nächste Schritt gelingen. Oder besser gesagt eine Revolution des Jugendfußballs. Ein elementarer Schritt ist hierbei das wissenschaftliche Arbeiten. Was auf den ersten Blick nicht zwingend mit Fußball zu tun hat, ist dennoch von großer Bedeutung. Im Mittelpunkt hierbei steht das sogenannte Bio-Banding. Durch Messungen wird in diesem Fall das biologische Alter gemessen. „Wir spielen Turniere in diesem Gedanken. Wir schauen nicht darauf, ob beispielsweise ein Jugendlicher der U12, U13 oder U14 angehört. Sondern: Wer ist biologisch wie alt. Dann puzzeln wir die Mannschaft und lassen sie Fußball spielen“, erklärt Broich. Das Ziel dahinter ist es, jeden einzelnen Spieler zu fordern und somit einen größtmöglichen Lerneffekt zu erreichen.
Eine einheitliche Spielidee
Ein nächster wichtiger Punkt in der aktuellen Vision des BVB-Jugendfußballs ist eine einheitliche Spielidee beziehungsweise Spielkonzeption. „Wir wollen eine Vergleichbarkeit. Wir wollen ein System bauen, von dem wir überzeugt sind, dass jeder dadurch maximal gut üben kann“, so Broich. Das Dortmunder System 2-3-2-3 im Spielaufbau soll jedem ermöglichen, immer wieder die Mechanismen zu verfestigen und somit bestens vorbereitet für den nächsten Schritt zu den Profis zu sein. Das Kurzpassspiel, welches im Regelfall immer durchs Zentrum nach vorne geschehen soll, ist Eckpfeiler des Systems. Hierzu wird fast schon penibel darauf geachtet, wie dies geschieht. „Wir sind richtig gut, wenn wir in jedem Spiel einen Ballbesitzwert von 60 Prozent und eine durchschnittliche Passdistanz von 17,50 Metern haben.“ Dennoch ist es Broich bewusst, dass auch die Vereins-DNA nicht vernachlässigt werden soll: „Das Innerste des Vereins wird immer das Kämpfen sein. Das Stadion zum Brennen zu bringen.“
Blickt man auf das generelle Problem im deutschen Jugendfußball, hat Schaffran eine klare Sicht darauf: „Wir haben uns in Deutschland bei vielen Vereinen auf das ergebnisorientierte Arbeiten fokussiert. In der Annahme oder der Hoffnung, dass durch gute Mannschaften oder viel Erfolg im Jugendbereich auch gute Einzelspieler produziert werden.“ Das Durchsetzen von Spielern bis zum Champions-League-Niveau stehe nicht ausreichend im Verhältnis zu den Erfolgen der Jugendmannschaften, dies müsse man hinterfragen, so Schaffran. Beim BVB steht traditionell immer der Erfolg im Fokus. Dies gilt aber nicht zwingend für den Jugendbereich. „Wir stellen uns nur noch die Frage: Wer soll eigentlich gerade was üben? Wie cool ist das, wenn die Gruppen nicht von dem Mannschaftstrainer trainiert werden! Sondern dass der U13-Trainer mal bei der U16 ist und umgekehrt. Dann lernen alle Trainer alle Spieler besser kennen. Und irgendwann hast du dann den ultimativen Zustand, von einer ‚One-Club-Philosophy‘ zu sprechen“, resümiert Broich.
Durch Positionstraining mit eigenen Trainern, mit dem angesprochenen wissenschaftlichen Arbeiten oder einem einheitlichen System ist für Schaffran und seinen Kollegen eines ganz klar: „Die Vision ist, dass wir in fünf bis 15 Jahren Europas führende Talentschmiede sind. Und dass wir es schaffen, Spieler auszubilden, die die Champions League prägen. Das ist der Auftrag, den wir als Borussia Dortmund mit diesem Standing haben.“