Christian Malessa hat einen ganz speziellen Reiseführer für die Saar geschrieben. Weniger planen, mehr erleben war seine Devise, die er ausdrücklich jedem empfiehlt. Herausgekommen sind wertvolle Inspirationen abseits der bekannten Ziele.
von der Mündung bis zur Quelle - Foto: Rebekka Thiel
Die klassischen Sehenswürdigkeiten vom Saarpolygon bis zum Saarbrücker Schloss, sagt Christian Malessa, finde man sowieso alle online. „Warum soll ich denn das Internet drucken?“, fragt er. Für sein Buch „Sehnsucht Saar“, einen Rad-Reiseführer entlang der Saar, hat er deshalb einen anderen Blickwinkel weg vom Offensichtlichen hin zu den leisen Orten und heimlichen Schätzen gewählt. Oder wie er selbst sagt: zum Unbekannten, Abseitigen oder vielleicht auch manchmal etwas Schrulligen.
Der Fluss, sein Umland und die Menschen haben es ihm angetan. Der Journalist und Buchautor ist die deutsche und französische Saar in den vergangenen Jahren mehrfach in Etappen mit dem Fahrrad rauf- und runtergefahren. Von der Mündung in Konz bis zu den Quellen am Donon kennt er sich aus. Herausgekommen ist nun schon sein zweites Buch über die Saar, das die besonderen Ecken, die stillen Fleckchen und die speziellen Menschen entlang der Route vorstellt.
Der Saar-Radweg ist als Teil des europäischen Radfernweg-Netzes gut in Schuss. Auf dem europäischen Fernradweg E5, dessen Teil er ist, kann man von Canterbury quer durch Frankreich, Belgien, Luxemburg, Deutschland und die Schweiz bis ins italienische Brindisi fahren. Anders als bei den großen bekannteren Flüssen oder deren Radwegen sei aber gerade an der Saar noch vieles authentisch, sagt Christian Malessa. Schöne Landschaft, idyllische Dörfer, aber auch Industrie und die Spuren der Arbeiterkultur wechseln sich ab.
Malessa selbst reist bescheiden: mit einem über 30 Jahre alten Fahrrad. Das Rad sei in Ordnung, sagt sein Fahrer, man muss sich eben nur regelmäßig darum kümmern. Der Versuchung, auf dem frisch sanierten Radweg blindlings vor sich hinzufahren oder die Reise gleich von einem Unternehmen durchplanen zu lassen, sollte man nicht erliegen, fügt er hinzu. Dafür scheint ihm die Saar einfach zu schade. Malessa ist ein Mensch der ehrlichen Begegnungen. „Was braucht es mehr als ein Rad und einen Weg?“, sagt er. „Fast würde man jemandem, der zu gut organisiert losfährt und nichts dem Zufall überlässt, zwischendurch mal eine Reifenpanne wünschen, damit er improvisieren und jemanden ansprechen muss.“ Genau diese Momente abseits des eigentlichen Plans schätzt Malessa vielleicht mehr als andere. Den Zufall sieht er dabei als verlässlichen Begleiter, der ihm auf seinen Touren schon die interessantesten Treffen beschert hat. Und wo, wenn nicht auf Reisen abseits des Alltags, sagt er, kann man diese zufälligen Begegnungen und Ereignisse am besten genießen – vorausgesetzt, man lässt sich auf sie ein.
„Bemerkenswert, wie offen die Leute sind“
Malessa selbst ist kein Saarländer, er stammt vom linken Niederrhein. Vielleicht auch deshalb ist sein Blick auf die Region so wertvoll. Er entdeckt Dinge und bemerkt typische Verhaltensweisen, die für die Einheimischen eigentlich selbstverständlich sind – aber bei genauem Hinsehen vielleicht doch außergewöhnlich anmuten. Wo Christian Malessa herkommt, vom westlichen Rand der Metropolregion Rhein-Ruhr, ist alles größer und dichter besiedelt. Ein kleines Dorf hat hier schon 2.000 Einwohner. Im Saarland oder im angrenzenden Frankreich genügen da manchmal schon eine Ansammlung von wenigen Häusern und eine Handvoll Bewohner, um als Dorf – und als Dorfgemeinschaft – durchzugehen. „In meiner Heimat gibt es solche kleinen Weiler kaum noch“, sagt Malessa. Gastfreundschaft sei ihm auf seinen Touren an der Saar auch im kleinsten Ort begegnet. „Ich finde es bemerkenswert, wie offen die Leute sind“, sagt er. „Sie interessieren sich dafür: Wo kommst du her? Was machst du so? Und schon sitzt du mit ihnen irgendwo und trinkst ein Bier.“ Eine interessante These formuliert er deshalb mit voller Überzeugung: „Die Hauptattraktion im Saarland ist der Saarländer. Das ist der Grund, warum Leute hierherkommen sollten!“
Bodenständig, weltoffen, hilfsbereit, aber auch etwas zurückhaltend, so beschreibt er die Menschen, die er getroffen hat. Man sollte allerdings nicht unerwähnt lassen, dass auch Christian Malessa durch seine offene Art schnell mit Menschen in Kontakt kommt. Vielleicht gehören also manchmal doch auch zwei dazu. Selbst an der französischen Saar knüpft er ohne große Sprachkenntnisse Kontakt. „Ein bisschen Französisch, ein bisschen Deutsch und ein bisschen Hände und Füße, das geht immer“ – aus seinem Mund klingt das ganz selbstverständlich. „Man sollte einfach keine Scheu haben. Es gab keine einzige Situation, in der die Sprache am Ende das Hindernis gewesen wäre.“
Besondere Orte entlang der Saar
„Sehnsucht Saar“ ist nicht seine erste literarische Beschäftigung mit dem Fluss, den Menschen und ihren Geschichten. Schon vor zwei Jahren war Malessa gemeinsam mit dem Fotografen Michel von Boch unterwegs, um die Saar von der Mündung bis zur Quelle zu bereisen und Fotos und Geschichten der Bewohner zu sammeln.
Herausgekommen war damals ein ästhetischer Fotoband mit von Bochs Schwarzweißbildern und Malessas Texten als Resultat einer intensiven Zeit zwischen Selbstfindung, Corona und geradelten Kilometern. Das neue Buch ist durchaus etwas pragmatischer, ein Reiseführer eben, aber doch immer noch auf die kleinen Besonderheiten statt auf die großen Touristenziele ausgerichtet.
Die Entstehung des aktuellen Buchs kann man durchaus als eine – eigentlich ungeplante – Erweiterung seiner damaligen Erlebnisse mit Michel von Boch sehen. „Ich saß beim Bier mit dem Verleger des Buchs, Florian Brunner, und sagte in einem Nebensatz: ‚Ich hätte noch so viel Material, ich könnte einen Reiseführer schreiben‘“, erinnert sich Christian Malessa. Der Rest ist schnell erzählt: Sein Verleger wird hellhörig und geht direkt mit einem konkreten Veröffentlichungstermin auf Malessas Vorschlag ein.
Die Saar kennt der Autor schon von seinem letzten Projekt, Radwege und Örtlichkeiten sind ihm vertraut. So macht er sich gezielt auf die Suche nach eben jenen abseitigen und vielleicht auch skurrilen Orten, die man mit den richtigen Antennen auf einer Radtour entlang der Saar eben finden kann.
Seine eigene Vorgabe lautet, dass die Orte nicht viel weiter als fünf Kilometer vom Hauptweg entfernt sein dürfen. Sie sollen gut erreichbar sein und als kleiner Abstecher, für eine kurze Pause oder auch als Einkehr bei einem Regenschauer dienen.
Über Monate hinweg macht sich Christian Malessa vom vergangenen Sommer bis zum Frühjahr dieses Jahres deshalb immer wieder auf den Weg, sucht besondere Plätze und Menschen, besucht jeden Ort mehrmals. Auch für die Fotos zeigt er sich selbst verantwortlich. „Ich konnte keinem Fotografen zumuten, meine Recherche mitzumachen, weil ich wirklich acht Monate lang nur unterwegs war, quasi jeden Tag und in jeder freien Stunde – das Wetter hat die Entscheidungen getroffen. Ich war noch nicht mal in der Lage, meinen eigenen Alltag vorauszuplanen“, sagt er und lacht.
Vom Bunker zum Buchladen, vom Zeitungsmuseum zur Ölmühle bis zum Haus des letzten Schleusenwärters und dessen besonderem Bewohner: Zusammengestellt hat Malessa eine Mischung aus liebenswürdigen Orten, besonderen Menschen, unkonventionellen Läden, empfehlenswerten Einkehrmöglichkeiten, kleinen Museen – all das in Verbindung mit Informationen, Sagen und Wissenswertem über Land und Leute. Natürlich dürfen auch deren Sprache und Kulinarik nicht fehlen, zwei Faktoren, die untrennbar mit dem Selbstverständnis der Menschen im Saarland und in der französischen Grenzregion verbunden sind. Die Tipps sind zwar auf Radfahrer ausgelegt, aber auch andere Ausflügler können sich davon inspirieren lassen – das gilt für Saarländer und Nicht-Saarländer gleichermaßen.
Sehr persönliche Geschichten erlebt
Teilweise entwickelte sich für Christian Malessa eine sehr persönliche Beziehung zu Orten und Menschen. Dabei passieren auch Dinge, die ihn nachhaltig beschäftigen. Bei seinem Besuch im mittelalterlichen Städtchen Fénétrange in Lothringen wird er, so beschreibt er es im Buch, von einem Mann namens Jean-Marie angesprochen, der ihn beim Fotografieren sieht. Jean-Marie redet gar nicht erst Französisch mit ihm, sondern direkt Moselfränkisch. „Er hat die Taschen am Rad gesehen – ‚Das muss wohl ein Deutscher sein‘“, erinnert sich Malessa etwas selbstironisch im Buch. Die beiden kommen ins Gespräch, Jean-Marie ist Gemeinderatsmitglied und erzählt begeistert von seiner Heimat. Die beiden Männer verabschieden sich, wollen sich aber in einigen Wochen noch mal treffen. „Wir verabreden uns fürs Frühjahr“, geht es im Text weiter. Doch zu dieser Verabredung sollte es nicht mehr kommen.
Christian Malessa erzählt, dass er Jean-Marie nicht mehr erreichen konnte: „Da habe ich ihn gegoogelt und festgestellt: Er ist verstorben. Er hatte einen Autounfall. Da hast du gerade jemanden kennengelernt und dich verabredet und gesagt: ,Ich komme wieder‘. Und er gibt dir noch seine Handynummer. Meine Güte … Das lässt dich nicht mehr so leicht los.“ Genau deshalb hat er dieser Begegnung im fertigen Buch Raum gegeben.
Nach der Fertigstellung des Buchs sei es ein komisches Gefühl gewesen, an der Saar einfach so entlangzufahren – ohne Termin, ohne Suche nach Fotomotiven. An die intensive Zeit am Fluss, seine Übernachtungen im Zelt, die Sonnenaufgänge am Fluss, die Begegnungen mit Menschen und Orten, denkt er gerne zurück: „Ich möchte es nicht missen!“
Das Interview mit Christian Malessa, bei dem er all das erzählt, findet natürlich ebenfalls an der Saar statt. An diesem Sommerabend könnte man in Dreisbach, direkt am Eingang zum Rad- und Spazierweg entlang der Saarschleife, fast meinen, Malessa hätte seine Protagonisten mitgebracht: Während des Gesprächs reihen sich auf dem Weg entlang der Saar kleine, teils skurrile Szenen aneinander. Ein junges Paar steckt die Köpfe zusammen und schaut sich auf dem Handy ein WM-Spiel an, Radfahrer kommen an, als gerade ein Quad mit abenteuerlicher Besetzung anrauscht. Vater über Mutter bis zum Baby sind allesamt gleichzeitig auf das Gefährt gestapelt. Verkehrssicherheit geht wahrscheinlich anders. Ein wenig göttlicher Beistand kann der Quad-Familie deshalb mit Sicherheit nicht schaden. Und so taucht wie aus dem Nichts plötzlich eine Gruppe weiß gekleideter Nonnen auf und wandelt über den staubigen roten Weg. Die Saar fließt im Hintergrund ungerührt dahin, ein großes Lastschiff gleitet majestätisch durchs Wasser.
Beim Anblick des Frachtschiffs gerät Christian Malessa ins Schwärmen. Hier würde er gerne mal eine ganze Tour bis zum letzten Hafen mitfahren. Auch wenn er erst einmal abwinkt – man weiß es nicht. Vielleicht führt der nächste Weg ja nicht nur an den Fluss, sondern mitten hinein.