Die Berliner Logopädin Maria Brinkhaus-Lukschy erklärt, welche Ursachen hinter Stimmverlust stecken können, wie Stimmtherapie hilft – und warum die Stimme so viel mit Identität, Auftreten und Kommunikation zu tun hat.
Frau Brinkhaus-Lukschy, Sie arbeiten seit vielen Jahren mit Stimmen. Haben Sie selbst schon einmal erlebt, dass Ihre Fähigkeit zu sprechen plötzlich weg war?
Ja, und das habe ich nicht vergessen. Kurz nachdem ich meine erste Stelle hier in Berlin angetreten hatte, bekam ich einen Infekt und war komplett stimmlos. Diese Erfahrung war im Rückblick sehr heilsam. Ich konnte mich danach viel besser in Patientinnen und Patienten hineinversetzen – auch in die Panik, die entstehen kann, und in die Ruhe, die man dann braucht. Bei mir steckte damals eine Erkältung dahinter, also eine eher harmlose Ursache. Aber psychisch fühlte sich das trotzdem nicht leicht an, gerade in einer Situation, in der ich beruflich auf meine Stimme angewiesen war.
Man merkt also erst, wie viel an der Stimme hängt, wenn sie nicht mehr funktioniert?
Stimme ist normalerweise einfach da. Wir denken nicht darüber nach, wie wir atmen, wie Klang entsteht oder wie viel Kraft wir einsetzen. Erst wenn die Stimme heiser wird, wegbricht oder nicht mehr trägt, merken wir, wie viel daran hängt. Manche sagen dann: ‚Ich kann noch sprechen, aber ich klinge nicht mehr wie ich selbst.‘ Das beschreibt es sehr gut. Die Stimme gehört zur Identität.
Warum ist sie so eng mit uns verbunden?
Die Stimme transportiert nicht nur Worte. Sie vermittelt auch Stimmung, Haltung, Nähe, Distanz und Persönlichkeit. Wenn wir sprechen, hört das Gegenüber nicht nur den Inhalt. Es hört auch, ob wir angespannt sind, müde, sicher, unsicher, freundlich, abwehrend oder offen. Stimme, Mimik, Gestik und Atmung wirken zusammen. Deshalb berührt es Menschen so stark, wenn die Stimme plötzlich nicht mehr so klingt wie gewohnt.
Welche Ursachen können dahinterstecken, wenn die Stimme plötzlich weg ist oder nicht mehr trägt?
Man kann grob zwischen organischen, funktionellen und psychogenen Ursachen unterscheiden. Manchmal steckt ein Infekt dahinter, manchmal eine Überlastung, manchmal eine ungünstige Art zu sprechen, bei der zu viel Druck entsteht. Es gibt auch Erkrankungen oder Folgen von Operationen, die die Stimme beeinträchtigen können. Wichtig ist: Stimmverlust ist nicht gleich Stimmverlust. Manche Menschen sind für kurze Zeit heiser oder stimmlos, andere erleben, dass die Stimme über Wochen nicht belastbar ist oder sich fremd anfühlt. Deshalb sollte man anhaltende Heiserkeit oder deutliche Stimmveränderungen ärztlich abklären lassen.
Und wie breit ist das Spektrum der Behandlung?
Sehr breit. Stimmtherapie besteht nicht nur aus ein paar Stimmübungen. Wir schauen immer individuell: Was braucht dieser Mensch? Wo entsteht Druck? Wie arbeitet die Atmung? Wie ist die Körperspannung? Wie klingt die Stimme? Wie belastbar ist sie, wie gelingt der Transfer in den Alltag? Zum Methodenspektrum gehören Körper- und Wahrnehmungsübungen, Atemtraining, Klang- und Resonanzarbeit, Artikulation, Sprechtempo, Pausen, Stimmökonomie und der Umgang mit konkreten Gesprächssituationen. Manchmal steht am Anfang Ruhe im Vordergrund, manchmal behutsamer Aufbau, manchmal die Frage, wie jemand trotz eingeschränkter Stimme wieder sicherer kommunizieren kann. Entscheidend ist, nicht gegen die Stimme zu arbeiten, sondern mit ihr.
Was macht eine gesunde Stimme aus? Muss sie besonders kräftig sein?
Nein. Eine gesunde Stimme muss nicht besonders laut, tief oder perfekt klingen. Sie sollte belastbar sein, beweglich bleiben und zur Person passen. Sie soll tragen, ohne dass man drücken muss. Sie darf leise sein, wenn die Situation leise ist, und kräftiger werden, wenn mehr Raum zu füllen oder mehr Aufmerksamkeit nötig ist. Wichtig ist, dass sie nicht dauerhaft angestrengt wird. Wer nach kurzen Gesprächen heiser wird, sich oft räuspert, Druck im Hals spürt oder das Gefühl hat, die Luft reiche nicht aus, sollte genauer hinschauen.
Was sollte man in solchen Situationen vermeiden?
Viele Menschen versuchen, eine schwache oder heisere Stimme mit Kraft auszugleichen. Sie sprechen lauter, pressen im Hals oder räuspern sich ständig. Das hilft vielleicht kurzfristig, macht es aber oft schlimmer. Auch Stress, schlechte Körperhaltung, zu wenig Sprechpausen, trockene Luft, Infekte, Lärm oder langes Sprechen ohne Erholung können die Stimme belasten.
Wo setzt man dann an?
Nicht nur im Hals. Er ist nur ein Teil des Ganzen. Der ganze Mensch ist am Sprechen beteiligt: Füße, Becken, Rücken, Schultern, Atembewegung, Mundraum, Gesicht, innere Haltung. Man kann sich den Menschen tatsächlich als Klanginstrument der Stimme vorstellen. Wenn dieses Instrument zu fest, zu eng oder zu angespannt ist, kann der Klang nicht frei entstehen.
Welche Rolle spielt dabei die Atmung?
Eine große. Die Stimme braucht die Ausatmung als Energie. Der Kehlkopf ist der Tongenerator, aber der Ausatemstrom bringt die Stimmlippen in Schwingung. Wenn der Atem stockt oder zu viel Druck entsteht, hört man das sofort. Die Stimme klingt gepresst, dünn, rau oder angestrengt. Atemökonomisches Sprechen heißt nicht, besonders tief oder besonders kunstvoll zu atmen. Es heißt, mit der vorhandenen Luft angemessen umzugehen. Nicht zu viele Worte in einen Atemzug packen, Pausen zulassen. Das klingt einfach, verändert aber viel.
Ist die Haltung ebenso wichtig?
Ja, aber dabei geht es nicht um steifes Geradesitzen. Eine aufgerichtete, bewegliche Haltung gibt dem Atem Raum. Sie ist wach und flexibel. Wer gut steht oder sitzt, muss weniger im Hals arbeiten. Die Stimme bekommt mehr Unterstützung aus dem Körper. Das betrifft nicht nur den Oberkörper. Auch Füße, Becken, Rücken und Schultern spielen mit hinein. Wenn dort zu viel Spannung entsteht, kann sich das auf Atem und Stimme übertragen.
Was kann jemand tun, der merkt: Meine Stimme wird schnell müde?
Zuerst sollte man beobachten, wann es passiert. Nach langen Gesprächen? In lauter Umgebung? Nach Stress? Am Abend? Dann kann man gezielter ansetzen. Oft helfen kleine Dinge: langsamer sprechen, häufiger atmen, deutlicher artikulieren, Pausen machen, nicht gegen Lärm ankämpfen und bewusst leiser werden, statt zu pressen. Wer regelmäßig Probleme hat, sollte sich fachliche Unterstützung holen. Je früher man reagiert, desto besser.
Schont Flüstern die Stimme?
Nein. Beim Flüstern arbeitet der Kehlkopf ungünstig, und oft entsteht zusätzlicher Druck. Besser ist, wenn nötig, gar nicht zu sprechen oder sehr leise mit normaler Stimme. Bei starker Heiserkeit oder nach einer ärztlichen Empfehlung kann Stimmruhe wichtig sein. Dann sollte man wirklich konsequent schweigen und notfalls mit Zettel oder Handy kommunizieren.
Und Räuspern?
Räuspern kratzt die Stimme oft zusätzlich an. Viele machen es aus Gewohnheit, weil sie ein Fremdkörpergefühl im Hals spüren. Besser ist es häufig, kurz zu schlucken, etwas zu trinken oder sanft zu husten. Wenn das Räuspern ständig wiederkommt, sollte man die Ursache klären lassen. Manchmal steckt Trockenheit dahinter, manchmal ein Infekt, manchmal eine ungünstige Stimmtechnik oder Spannung.
Viele Menschen merken im Alter, dass die Stimme schwächer, zittriger oder heiserer wird. Was raten Sie?
Die Stimme möglichst oft benutzen. Das klingt schlicht, ist aber wichtig. Hormonelle und körperliche Veränderungen beeinflussen die Stimme bei Männern und Frauen. Auch allgemeine Fitness spielt eine Rolle. Wer beweglich bleibt, atmet oft freier und nutzt die Stimme leichter. Singen ist wunderbar: im Chor, mit Freunden, in der Familie, bei einer Geburtstagsfeier oder einfach unter der Dusche. Es muss nicht jeder Mensch gleich in einen Chor gehen. Aber die Stimme normal zu benutzen, mit Freude und Spaß, hilft sehr. Aus Angst immer weniger zu sprechen, führt oft in die falsche Richtung.
Also geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Kontakt?
Unbedingt. Die Freude an der Interaktion ist entscheidend. Kommunikation lebt vom Hin und Her. Stimme entsteht im Kontakt. Man darf sich Raum nehmen, langsamer sprechen, um Ruhe bitten und Zuhören einfordern. Auch wenn die Stimme, zum Beispiel im Alter, nicht mehr so kräftig ist wie früher, kann sie Ausdruck behalten. Man muss nicht gegen alles ankämpfen.
Man kann lernen, mit dem zu arbeiten, was da ist.
Und dabei kommen Sie als Logopädin ins Spiel. Wie ist das für Sie, wenn Sie einem Menschen helfen können, zu seiner eigenen Stimme zurückzufinden oder diese neu zu entwickeln?
Das ist das Schöne an diesem Beruf: Man kann Menschen auf dem Weg zu einer Verbesserung begleiten und ihnen neue Spielräume eröffnen. Für uns Stimmtherapeutinnen und -therapeuten ist das sehr erfüllend. Man bekommt viel Dankbarkeit zurück, oft auch nachhaltig. Ich treffe manchmal Patientinnen und Patienten von vor 20 Jahren, die mir erzählen, wie gut es ihnen heute geht. Das ist wirklich beglückend.