Wolfgang Sinn ist Seniorensicherheitsberater. Der Polizeihauptkommissar a. D. berät vornehmlich ältere Menschen im Umgang mit Betrügern. Auch nach 44 Jahren Polizeidienst ist er überrascht, was den Einfallsreichtum der Betrüger betrifft. Die Künstliche Intelligenz wird dabei zunehmend zum beängstigenden Komplizen.
Herr Sinn, wie wird man Sicherheitsberater für Senioren?
Man wird vom Bürgermeister gefragt. Dann stimmt der Verbandsgemeinderat darüber ab. Ich mache das ehrenamtlich in der Verbandsgemeinde Rülzheim in Rheinland-Pfalz. Bevor ich das Amt antrete, muss ich eine zweitägige Ausbildung durch die Polizeibehörde machen.
Es gibt in ganz Deutschland großen Bedarf an Seniorensicherheitsberatung. Diese wird organisiert von der örtlichen Polizeibehörde, von Seniorenberatungsstellen und sogar von Versicherungen. Was steckt hinter dem Bedarf?
Bei meinen Seniorennachmittagen präsentiere ich folgende Zahlen: Allein in Rheinland-Pfalz belief sich der Gesamtschaden durch Telefonbetrug im Jahre 2023 auf 10,6 Millionen Euro.
Auch wenn die Zahl seither leicht zurückging, haben Kriminelle in Deutschland 2023 mutmaßlich 117 Millionen Euro mit Telefonbetrug erbeutet. Wir hören Begriffe wie „Schockanruf“ oder „Enkeltrick“. Können Sie noch einmal erklären, was dahintersteckt?
Beim Schockanruf gibt sich eine Person am anderen Ende der Leitung als Polizist oder Staatsanwalt aus und erklärt: Der Sohn, die Tochter, das Enkelkind hätte einen schlimmen Unfall verursacht, bei dem es Todesopfer gab. Um eine Haft abzuwenden, müssten jetzt eine Geldsumme oder Wertsachen hinterlegt werden, die sofort abgeholt werden müssten.
Was ist der Enkeltrick?
Da ruft angeblich die Enkelin oder der Enkel an und erzählt zum Beispiel, dass er gerade eine Wohnung besichtigt und schnell Geld für die Mietkaution benötigt, sonst sei die Wohnung weg. Und er schicke sofort einen Freund vorbei, um die Summe abzuholen.
Müsste das Opfer hier nicht merken, dass er oder sie nicht mit dem Enkel spricht, sondern mit einem Fremden?
Ältere Leute hören oft nicht mehr so gut. Vielleicht ist auch der Kontakt zu den Angehörigen nicht so intensiv, dass ich den Klang der Stimme präsent habe. Oder es rauscht im Hintergrund, was der Anrufer damit begründet, dass er im Auto unterwegs sei. Oder er erklärt seine andersklingende Stimme damit, heiser oder erkältet zu sein.
Was kann man tun, um nicht auf den Enkeltrick hereinzufallen?
Eine einfache Methode ist, Codewörter oder besser noch eine Frage zu vereinbaren. Beispiel: „Was habe ich dir letzte Weihnachten geschenkt?“ Nur echte Familienmitglieder wissen die Antwort.
Da ist viel Psychologie im Spiel.
Die Täter sind gut organisiert und gut geschult. Sie arbeiten mit Psychodruck. Da wird dann das Drohszenario der Gefängnisstrafe aufgebaut, mit Vokabeln wie „Kaution“ oder „Sicherheitsleistung“ operiert. Man versetzt die Opfer in Angst und Schrecken und räumt so das Sparkonto leer.
Inwiefern spielen hier neue Technologien eine Rolle?
Hier kommt zunehmend auch KI – also die Künstliche Intelligenz – ins Spiel. Mit KI-Software kann man auch aus einem kurzen Audio-Schnipsel, den junge Leute ja häufig in den sozialen Medien – auf Facebook oder Tiktok – hinterlassen, eine echt wirkende Stimme generieren.
Was sind andere bekannte Betrugsmaschen?
Dass jemand am Telefon von einer Einbruchserie in der Nachbarschaft erzählt und anbietet, Geld und Wertsachen abzuholen, um beides sicher im Polizeitresor aufzubewahren. Als Abholer kommt dann ein angeblicher Polizist/eine Polizistin in Zivil. Sobald die angeblichen Diebe dingfest gemacht worden seien, würden Geld und Wertsachen wieder zurückgebracht werden.
Was sagen Sie dazu?
Das ist unmöglich und scheitert schon daran, dass es keine Polizeidienststelle gibt, die einen so großen Tresor hat (lacht). Ähnliches gilt für die oben erwähnte „Sicherheitsleistung“, um eine Haft zu vermeiden. Eine solche Zahlung gibt es für deutsche Staatsbürger nicht. Selbst bei schwersten Unfällen. Entweder die Person kommt direkt in Haft –
da hilft dann auch kein Geldbetrag – oder sie darf zu Hause auf den Gerichtstermin warten.
Was macht Seniorinnen und Senioren anfällig für all diese Betrugsmaschen?
Diese Bevölkerungsgruppe kommt aus einer Zeit nach dem Krieg. Eine Zeit, in der Familienbande sehr ausgeprägt waren. Dieser Umstand, kombiniert mit dem hohen Vertrauen in staatliche Autoritäten wie Polizei oder Staatsanwalt, macht diese Personengruppe einerseits hilfsbereiter, andererseits obrigkeitgläubiger.
Was raten Sie Seniorinnen und Senioren bei den Informationsveranstaltungen, die Sie regelmäßig abhalten?
Ich plädiere dafür, misstrauisch zu sein. Vor allem bei Personen, die anrufen und Geld wollen. Grundsätzlich gilt: Ein Amt kann zwar Geld wollen, aber kein Bargeld oder gar Schmuck. Da müssen die Alarmglocken läuten und man sollte das Telefonat sofort beenden – einfach den Hörer auflegen. Eine Situation der körperlichen Bedrohung gibt es ja nicht.
Das ist wohl leichter gesagt als getan, oder?
Ja, klar. Die Täter sind sehr geschickt und, wie wir aus polizeilicher Arbeit wissen, auch psychologisch geschult. Da gab es Fälle, bei denen man die Opfer so unter Druck gesetzt hat, mit dem laufenden Gespräch am Handy zur Bank zu gehen und alles abzuheben, was auf dem Konto war.
Es gibt auch Fälle, bei denen der ganze Betrugsversuch nicht übers Telefon läuft, sondern an der Haustür. Was dann tun?
Die Tür schließen. Die Polizei oder das Amt anrufen und fragen, ob sie tatsächlich jemanden geschickt haben. In meiner Erfahrung reicht das Schließen der Tür oft schon aus, dass sich die Betrüger aus dem Staub machen. Die eigene Überprüfung der Angaben, sei es an der Tür oder am Telefon, ist der Schlüssel.
Weit verbreitet ist auch eine ganz miese Masche, bei der vorwiegend alleinstehende, ältere Frauen gezielt ausgesucht werden. Was ist „Love Scamming“?
Es gibt auch männliche Opfer, aber meistens sind Frauen betroffen. Da wird über Singlebörsen und Dating-Portale im Internet ein Kontakt hergestellt. Die Personen sind vielleicht einsam und suchen für den letzten Lebensabschnitt einen Partner. Da wird dann wochenlang romantisch hin und her gechattet. Das ist natürlich so weit alles in Ordnung. Sobald dann aber Geldforderungen kommen und schnell von großer Liebe die Rede ist, wird es gefährlich.
Was sind typische Warnsignale für Love-Scamming?
Das Gegenüber schickt selten oder erst nach mehrmaliger Bitte ein Bild. Es sind häufig Männer, die etwa zum Alter der Frau passen. Die Fotos sind meist aus dem Internet geklaut. Es passiert auch mal, dass sie sich als amerikanische Soldaten oder Ex-Soldaten ausgeben. Vielleicht um sich glaubhafter darzustellen. Dann fordert die „große Liebe“ Bezahlung des Fluges, um zu Besuch zu kommen. Oder für die Visumsbeschaffung. Die Geldforderungen werden häufiger und höher. Die Versprechen dahinter werden nie eingehalten.
Der SWR berichtete von einem Love-Scamming-Fall im Rems-Murr-Kreis im Jahr 2024, mit einem Schaden von etwa 2,3 Millionen Euro. Bei Ihrer Arbeit haben Sie auch unglaubliche Sachen erlebt. Was war das genau?
Bei einem konkreten Fall wurde erst nach mehreren Überweisungen, die sich zu einem fünfstelligen Betrag im mittleren Bereich anhäuften, Anzeige erstattet. Die Dame hatte sich einem Bekannten anvertraut, der sie überzeugte, den Liebesbetrüger anzuzeigen. Ich habe der Dame eindeutig klargemacht, dass es sich zweifellos um einen Betrug handelt und es dem Betrüger keineswegs um Liebe geht, sondern nur um Geld.
Hat die Frau Ihnen geglaubt?
Zwei Tage nach der Anzeige hat sie noch einmal Geld überwiesen. Der Mann ist natürlich wieder nicht aufgetaucht. Das ist tragisch, aber da kann ich dann auch nichts mehr tun. Da sind meiner Beratung auch Grenzen gesetzt. Die Kalkulation der Betrüger geht auf: Bei Verliebtheit und Schmetterlingen im Bauch ist das Gehirn ausgeschaltet.
Sie schätzen die Dunkelziffer, also die geschätzte Anzahl nicht gemeldeter Fälle, als sehr hoch ein. Gerade beim Love-Scamming, aber auch bei all den anderen schon beschriebenen Betrugsmaschen. Warum?
Die Scham, dass man auf einen solchen Betrug hereingefallen ist, ist so groß. Diese Scham führt oft dazu, keine Anzeige zu erstatten. Oft passiert das auch nicht, weil die Betroffenen glauben, dass es zwecklos ist und das Geld ohnehin jetzt weg ist.
Sie könnten lange im Ruhestand sein und die Beine hochlegen. Warum machen Sie den Job noch?
In Deutschland ist einiges an Geld auf Rentnersparbüchern. Da ist was zu holen, das lockt Kriminelle an. Viele alte Menschen haben ein Leben lang gespart, und dann kommen diese Banden und luchsen ihnen ihr hart Erspartes ab. Das zu verhindern, ist auch eine persönliche Motivation für mich.