Der letzte linke Kleingärtner und sein geliebter Zweitaktmäher
Noch ruht die Gartenarbeit. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Weniger vor einem Frühjahrssturm als vor dem überbordenden Tatendrang des letzten linken Kleingärtners. Seit der zweiten Märzhälfte ist es wieder soweit. Immer dann, wenn die ersten Sonnenstrahlen den Frühling ankündigen und das große Versprechen vom neuen Glück verkünden. Das eigene gärtnerische Lebensgefühl gleicht dann einer Auferstehung aus der Tristesse der winterlichen Grautöne. Die ersten Sonnentage sind die Boten, die die neuen Taten von unsereinem ankündigen.
Jetzt kommt es darauf an, dass der Kleingärtner im Herbst alles perfekt für die Aussaat im Frühjahr vorbereitet hat. Okay, dieses Bild mit der perfekten Vorbereitung würde zwar nicht jede Prüfung bestehen, aber Schwamm drüber. Da wollen wir mal keine großen Worte verlieren, dass es mitunter nur ein Traum ist. Das bleibt unter uns. Fürs Image zeichne ich lieber das Bild von atemberaubender Vorbildlichkeit: Im Herbst habe ich die abgeernteten Beete sauber umgegraben, reichlich Kompost eingearbeitet und zum Schluss die offenen Beete noch mit Laub bedeckt, das die Bäume im Herbst verlieren. Das ist nährstoffreiche Biomasse, die man auch mit viel Motorengetöse via Laubbläser wegpusten kann und dabei den Nachbarn tierisch auf den Zeiger geht. Aber klüger ist es allemal, das heruntergefallene Blattwerk wieder dem Boden zuzuführen. Es ist kostenloser Dünger. Pathetisch gesprochen ein Geschenk des Himmels. In den Beeten des letzten linken Kleingärtners hat also auch der Himmel seinen Platz.
Jetzt wartet der Boden auf die nächste Phase der Bearbeitung und Liebkosung, die Aussaat. Traditionell sind zwei der ersten Gemüsesorten, die ich säe, Zuckererbsen und Dicke Bohnen. Beide sind großartige Eiweißproduzenten, und sie sind hart im Nehmen. So sehr sich die Sonne schon ab und an blicken lässt, so kalt ist dennoch der Boden und so kalt sind auch noch einige Apriltage. Aber den Bohnen und den Zuckererbsen macht dies nichts aus. In der zweiten Junihälfte sind sie erntereif. Zusätzlich sind beide Pflanzen recht anspruchslos und brauchen keinen oder wenig Dünger.
Die Dicken Bohnen spielen auch in der Landwirtschaft eine Rolle. Dort können sie als Eiweißträger Ersatz für Soja sein. Von Ausnahmen abgesehen – wie Donau-Soja aus Europa – kommt dieses meist aus dem globalen Süden und wird in Monokulturen angebaut. Dass dazu ordentlich Regenwald abgeholzt und Bauern von ihrem Land vertrieben wurden – „freiwillig“ oder durch Paramilitärs – geschenkt. Ein bisschen Kollateralschaden lässt sich halt in unserem Wirtschaftssystem nicht vermeiden. Einige wenige Milchbauern in Europa bauen Dicke Bohnen als Ackerbohnen an. Dies geht einher mit einer leichten Reduzierung der jährlichen Milchleistung bei gleichzeitiger Erhöhung der Herdengesundheit.
Apropos Frühjahr und Aussaat. Da nähert sich in meiner kleinen Welt ein Ereignis, das für einen Kleingärtner meines Schlages fast eine kultische Bedeutung hat. Spätestens Anfang Mai, also dann, wenn der Frühling mit seinen Sonnentagen und ergiebigen Regengüssen so richtig Fahrt aufgenommen hat, kommt der eine große Moment, auf den ich schon wochenlang hin fiebere und mir die zentrale Frage stelle: Springt er an oder treibt er mich zur Weißglut? Es ist der Tag, an dem ich meinem geliebten Zweitakt-Hochgrasmäher wieder seine jährliche Auferstehung gönne und ihn aus dem Winterschlaf reiße.
Im TV sieht das alles locker aus. Jedenfalls frei von Problemen. Schweiß fließt dort nicht, und fluchende Kleingärtner kommen dort auch nicht vor. Wenn ich Bekannten von meinen nicht enden wollenden Glücksgefühlen erzähle, wenn der Mäher nach dem dritten oder vierten Ziehen des Starterseils anfängt zu tuckern und nach einigen Sekunden dann ordentlich hochdreht, ernte ich verständnislose Blicke. Aber für mich ist der startende Mäher ein Glücksversprechen für eine bessere Zukunft im Garten.