Das Tanzfestival Saar 2026 findet vom 6. bis 18. März statt. An sechs verschiedenen Spielorten werben nationale und internationale Produktionen um die Gunst der Zuschauer.
Da sage noch einer, der Tanz habe kein Publikum. Das Tanzfestival Saar 2026, und natürlich nicht nur das, beweist das Gegenteil. Fast alle Vorstellungen sind, freut sich Kompaniemanager Klaus Kieser, bereits ausverkauft. Vielleicht auch, weil das Angebot so vielfältig ist wie diese theatrale Bewegungskunst selbst.
Eingeleitet wird das Festival von der Kompanie des gastgebenden Hauses. Sie zeigt als Wiederaufnahme „Cinderella“ aus der Saison 2011/12, eine Neuinterpretation jenes Märchenklassikers durch Ballettdirektor Stijn Celis. Seine packend inszenierte Geschichte um eine junge Frau, die gegen Fremdbestimmtheit aufbegehrt und der ein Prinz Avancen macht, setzt außer der angestammten Komposition von Sergei Prokofjew Filmmusik ein und feierte auch bei Übernahmen in Dresden, Basel und Essen große Erfolge. In die widersprüchliche, geliebte wie gehasste Welt der sozialen Medien entführt die Dresdner Tanzkompanie Miller de Nobili, die Maria Chiara de’ Nobili und der vom Breaking kommende Alexander Miller 2020 projektbezogen gegründet haben. Ihre Stücke verknüpfen urbanen und zeitgenössischen Tanz mit Schauspiel und touren international. „Hype the Pain“, uraufgeführt im Oktober 2025 und nun zu sehen in der Alten Feuerwache, konfrontiert Fakten und Fake im Internet: Wie beeinflusst uns das digitale Zeitalter?
Neuinszenierung „Cinderella“
Zwei choreografierenden Meistern öffnet sich das Große Haus – und einem hierzulande noch kaum bekannten Ensemble aus Israel. Dabei besteht die 25 Tänzer zählende Kamea Dance Company schon seit 2002, hat ihren Sitz in Beer Scheva und wird vom Mitgründer Tamir Ginz geleitet. Schlicht „Godani & Foniadakis“ heißt der Zweiteiler für ihr Saarbrücker Debüt. Mit „Omniforge“ steuert der Italiener Jacopo Godani, lange Solist in William Forsythes Ballett Frankfurt, dann bis 2025 Leiter des Nachfolgeensembles Dresden Frankfurt Dance Company, eine Uraufführung aus Tel Aviv bei, die klassische Elemente neu formiert. Was der Grieche Andonis Foniadakis, ausgebildet in Athen und Lausanne, bereits 2014 im kalifornischen Lakewood kreierte, sein in ätherische Bläue gehüllter „Kosmos“, vermischt bekanntes tänzerisches Vokabular mit zeitgenössischen Bewegungen zu einem dynamischen Ganzen. Dem Saarbrücker Publikum dürfte er durch sein „Selon désir“ vom 2022er Festival noch in bester Erinnerung sein.
Gleich zweimal gehört die Alte Feuerwache der in München lebenden, den Saarbrückern durch Gastspiele bekann-ten Anna Konjetzky. In „Tomorrow…we…were“ fragt sie, ob Nostalgie als Festhalten an Vergangenem produktiv für die Zukunft sein kann. Sechs Performer untersuchen das in einer langen Halbröhre als Bühnenbild. „Sound on!“, ihr zweites Stück, wendet sich an ein jugendliches Publikum, setzt Rap ein und changiert zwischen Tanz und Konzert. Mit Körper, Live-Kamera, Beats und Stimme will es seinen Zuschauern Mut machen, an sich zu glauben.
Andere Absichten verfolgt das 1998 in Heppenheim begründete, inzwischen berlinbasierte Theater Anu, das seither an die 40 Theaterinstallationen auf zumeist großen Freiflächen und sogar im Wald gezeigt hat. „The Cage“ als emotionales Erlebnis zwischen Theater und Tanz ruft im Kulturgut Ost auf einer alten Industriebrache die Besucher dazu auf, mitzugestalten und sich in einer magischen Welt voller fantastischer Wesen selbst wahrzunehmen.
Fußball und Tanz als schönes Spiel
Zugänglichkeit sei das Herz seiner Arbeit, sagt Moncef Zebiri: „Ich kreiere für Zuschauer aller Altersgruppen, ungeachtet ihres sozialen oder kulturellen Hintergrunds.“ Seit September 2025 leitet der algerisch-französische Choreograf das Centre Chorégraphique National in Rillieux-la-Pape bei Lyon. In die Gebläsehalle Neunkirchen bringt er „Joga Bonita“ mit, „eine Feier kollektiver Werte“, ein Stück, „das ein Fußballspiel unter aktiver Teilnahme der Zuschauer“ in Tanz umwandelt, klärt er auf. Beides, Fußball und Tanz, verlangen flinke Beinarbeit und körperlichen Einsatz. Seine Mannschaft aus Hip-Hoppern jongliert virtuos mit Bällen und offeriert ein „schönes Spiel“, wie sich der Titel als Redensart aus Brasilien übersetzen lässt.
Mit kühnem Sprung geht es nicht nur ins Le Carreau in Forbach, sondern von Frankreich in den Iran, obgleich „Shiraz“ beim Festival „Montpellier Danse“ uraufgeführt wurde. Armin Hokmi, geboren im Iran, pendelt zwischen Oslo und Berlin und beschwört in seinem Stück die Vision eines Festivals herauf, das von 1967 bis 1977 im südiranischen Schiras stattfand. Als Tanzperformance holt er es nun in die Gegenwart.
Sie hat etwas geschafft, was nur wenigen Künstlern gelingt: Die mexikanische Malerin Frida Kahlo mit deutschen Wurzeln und einem schmerzenreichen Leben ist gleichermaßen in der bildenden Kunst wie mittlerweile im Tanz ein unumwundener Star. Im Großen Haus gastiert das NRW Juniorballett vom Ballett Dortmund mit der Lesart der belgisch-kolumbianischen Choreografin Annabelle Lopez Ochoa. Bildende Kunst und große Frauencharaktere sind ihre choreografischen Schwerpunkte – für über 70 Kompanien weltweit hat sie produziert. So wurde „Frida“ nach seiner Premiere in Amsterdam von Ensembles in den USA, in China, Chile und Polen übernommen.
„Prélude“ im Theater am Ring in Saarlouis beschließt fulminant das Festival. Nach dem durchschlagenden Er-folg beim Gastspiel 2022 beweisen der daheim in Frankreich hochdekorierte Choreograf Kader Attou und seine dem Hip-Hop verschriebene, 1989 gegründete Compagnie Accrorap erneut, dass sie zu den führenden Formationen auf ihrem Gebiet zählen. Seit 2022 ist das Kulturzentrum Friche la Belle de Mai in Marseille ihr Sitz, wo „Prélude“ auch entstand: als mitreißende Hommage an einen Tanzstil, der längst den Weg von der Straße auf renommierte Bühnen gefunden hat und Geschichten zu erzählen weiß.