Beim VfL Wolfsburg ist die Krise längst mehr als eine Ergebniskrise. Das Pokal-Aus gegen Zweitligist Holstein Kiel steht am Ende einer Entwicklung, die tief in die Struktur und Identität des Vereins reicht. Zwischen Management, Trainer und Mannschaft scheint die Verbindung verloren gegangen zu sein – und niemand weiß, wie sie wiederhergestellt werden soll.
Das 0:1 zu Hause gegen Holstein Kiel und damit das Ausscheiden aus dem DFB-Pokal war nur der letzte Beweis eines schleichenden Zerfalls. Nach der Niederlage im Pokal sprach Torwart Marius Müller Worte, die in ihrer Klarheit fast schockierten. „Wenn du zu spät versuchst, alles reinzuwerfen, und wenn du vorher probierst, mit 70, 75 Prozent ein bisschen locker aufzuzocken, dann wird es halt schwierig. Dann gewinnst du in der 2. Liga keine Spiele, in der 3. Liga nicht und in der Regionalliga auch nicht.“ Es war kein Ausrutscher eines frustrierten Ersatzkeepers, sondern das Symptom einer Mannschaft, die an sich selbst zweifelt. Müller sprach von einer fehlenden Mentalität, von Spielern, die es zu leicht nehmen, von einer Gruppe, in der zu vieles „einfach so dahinläuft“. Und er endete mit einem Satz, der hängen blieb: „Du musst dir jetzt verbal auf die Fresse hauen.“
Der Mann, den das alles betrifft, bleibt trotzdem im Amt. Trainer Paul Simonis, vor der Saison als Hoffnungsträger aus den Niederlanden gekommen, steht weiter an der Seitenlinie. Sportchef Peter Christiansen bekräftigte nach dem Pokal-Aus: „Ja, er ist unser Trainer. Wir wollen uns zusammen mit Paul durch diese Periode arbeiten.“ Es klang mehr nach Pflichtgefühl als nach Überzeugung. Der VfL steht nach zehn Spieltagen auf Platz zwölf der Bundesliga, ohne erkennbare Entwicklung, ohne Handschrift – und mit einer Ratlosigkeit, die inzwischen bis ins Werk hinüberstrahlt.
Dass es beim VfL Wolfsburg nicht stimmt, wusste man schon vor Kiel. Vier Niederlagen in Serie, ein trostloses 0:3 gegen Stuttgart, die Wut der Fans – all das sind Begleiterscheinungen einer tiefer liegenden Krise. Zwar wurde beim Hamburger SV wieder gewonnen – es war aber scheinbar nur ein Ausrutscher. Im DFB-Pokal sah man dann wieder das wahre Gesicht des VfL in dieser Saison.
Sportdirektor Sebastian Schindzielorz sprach nach der Stuttgart-Pleite von einem „Totalversagen“. In den Gesichtern der Spieler war vor allem Leere zu sehen. Christian Eriksen, als Spättransfer aus England gekommen, stand nach Abpfiff vor der Nordkurve, die Hände tief in den Taschen. Er war gekommen, um Struktur zu bringen, doch er steht wie seine Kollegen in einem Mannschaftsgefüge, das keine Richtung kennt. „Wir sind auch wütend. Jeder konnte sehen, dass das nicht gut genug war“, sagte der Däne später. Es klang fast entschuldigend – und ist sinnbildlich für die Fehlentwicklung.
Auf dem Papier ein guter Kader
Wolfsburg steckt in einer Spirale aus falschen Entscheidungen und verpassten Korrekturen. Die sportliche Führung – Peter Christiansen und Sebastian Schindzielorz – hat einen Kader zusammengestellt, der auf dem Papier interessant aussieht, in der Praxis aber kaum funktioniert. Zu viele ähnliche Spielertypen, zu wenig Tempo im Mittelfeld, kein echter Stürmer, keine Hierarchie. Der Verein, der einst mit Grafite, Džeko und De Bruyne seine größten Zeiten erlebte, hat seine Identität verloren. Statt „Arbeit. Fußball. Leidenschaft.“ wirkt vieles wie Verwaltung. Spieler mit Führungsqualität wie Guilavogui oder Weghorst sind gegangen, Nachfolger, die Verantwortung übernehmen, sind nicht in Sicht. Die Wolfsburg-Fans dachten sicher nicht, dass sie sich mal einen Weghorst oder einen Guilavogui zurückwünschen.
Trainer Simonis versucht, mit einer Idee von Ballbesitz und Spielkontrolle Stabilität zu erzwingen. Doch seine Philosophie passt nicht zum Material, das er zur Verfügung hat. Gegen Stuttgart ließ er Mohamed Amoura – den schnellsten Spieler im Kader – lange draußen und vertraute stattdessen Jonas Wind, der längst im Formtief steckt. Seine Mannschaft steht tief, ohne Kompaktheit; sie will kontrollieren, ohne Kontrolle zu haben. Dann auf Konter spielen – während der schnellste Spieler auf der Bank sitzt? Der Niederländer wirkt an der Seitenlinie höflich, aber blass. Emotionen, die anstecken, bleiben aus. Und so steht er vor einem Team, das sich nicht führt, weil es nicht geführt wird.
Auch intern scheinen die Spannungen gewachsen zu sein. Kapitän Maximilian Arnold sprach zuletzt davon, dass „Typen fehlen, die ackern und großen Einsatz zeigen“. Müller legte nach. Die Botschaften ähneln sich – sie deuten auf ein Klima, in dem vieles unausgesprochen bleibt, bis der Frust sich Bahn bricht. Es soll Gespräche gegeben haben, in denen Spieler Trainingsinhalte und Personalentscheidungen infrage stellten. Schindzielorz wies das zurück, räumte aber ein: „Gerade in den letzten Wochen diskutieren wir die Dinge noch intensiver, sprechen alles offen an.“ Es ist das typische Vokabular eines Vereins, der sich selbst beruhigen will.
Die Wut der Anhänger wächst
Dass im Kader inzwischen sechs Dänen stehen, von denen vier auf Christiansens Konto gehen, nährt zudem den Verdacht einer ungesunden Nähe zwischen Herkunft und Personalpolitik. Es wirkt wie ein Verein, der sich in Parallelnarrativen verstrickt – der sich seine Stabilität zurechtrationalisiert, während auf dem Platz die Körpersprache das Gegenteil erzählt. Der VfL, in Deutschland oft belächelt, agierte jedoch immer als stolzer Werksclub mit internationalem Format. Nun wirkt er kleinlaut, müde, ohne Überzeugung.
Die Wut der Anhänger wächst. Nach dem Spiel gegen Stuttgart rollten sie die Mutmacher-Banner in der Nordkurve ein – auf dem freigelegten Werbeslogan blieb ein Wort sichtbar: „Leidenschaft“. Es war wie eine stille Anklage. Auf dem Rasen standen Spieler, die sich abwandten. Einige klatschten, halbherzig, andere gingen wortlos in die Kabine. Das Publikum blieb zurück, ohne zu wissen, woran es glauben soll.
Sportlich droht Wolfsburg, in den grauen Bereich der Liga abzurutschen – zu gut, um abzusteigen, zu schwach, um etwas zu erreichen. Noch gefährlicher ist, was jenseits der Tabelle passiert: der Verlust eines Selbstverständnisses. Der VfL war nie ein emotionaler Verein, aber er war einmal ein funktionierendes System. Mit Spielern, die wussten, warum sie da sind, und mit Trainern, die sich etwas zutrauten. Heute steht da ein Team, das sich selbst nicht versteht – und ein Trainer, der in jedem Interview erklären muss, dass er „Zeit braucht“.
„Ich habe dafür noch keine Erklärung“, sagte Simonis nach der Pleite gegen Stuttgart, als man ihn nach den Ursachen fragte. Er blickte ins Leere, fast demütig, während neben ihm Stuttgarts Sebastian Hoeneß seinen Sieg erklärte. Es war ein Moment, der sinnbildlich für die Gegenwart dieses Vereins steht: Der VfL Wolfsburg schaut zu, wie andere das Spiel bestimmen.
Vielleicht liegt genau dort die eigentliche Gefahr – in der Gewöhnung an die Mittelmäßigkeit. Wenn Marius Müller sagt, dass alles „zu sehr dahinläuft“, dann meint er nicht nur das Spiel, sondern das Denken. Wolfsburg hat in den vergangenen Jahren gelernt, sich mit Übergangslösungen zu arrangieren. Jeder Trainer soll etwas richten, was in Wahrheit tiefer liegt: die fehlende Idee, wofür dieser Club eigentlich steht.
Noch darf Simonis bleiben. Noch sprechen sie von „gemeinsam da durchgehen“. Doch die Frage, die über allem schwebt, lautet: Wer soll diesen Turnaround eigentlich gestalten? Müller hat eine Antwort gegeben, wenn auch unbeabsichtigt. Er sprach von „ganz dreckiger Arbeit“, von Anstrengung, Ehrlichkeit, Selbstkritik. Vielleicht ist das die einzige Chance – nicht ein neuer Plan, sondern eine Rückkehr zu dem, was Fußball am Mittellandkanal einmal war: Arbeit.
Der Pokalabend gegen Kiel war ein Tiefpunkt, die Bundesliga jedoch auch. Aber er war auch eine Zäsur. Man konnte spüren, dass die Schonzeit vorbei ist, dass Worte wie „Übergangsphase“ nicht mehr tragen. Die Wölfe stehen im Nebel, sie sind ohne Orientierung. Und irgendwo in diesem Nebel suchen sie nach etwas, das man in Wolfsburg lange für selbstverständlich hielt – nach einer Mannschaft.