Einige der besten Jugend-Orchester der Welt zeigen ab dem 31. Juli in Berlin ihr Können. 17 Tage lang musizieren sie beim „Young Euro Classic“-Festival.
Gabriele Minz sucht nach einem Vergleich, dann sagt sie: „Es ist, wie wenn man frisch verliebt ist.“ So könne man den Unterschied beschreiben zwischen einem Orchester mit Profimusikerinnen und Profimusikern, die womöglich auch schon lange zusammen auftreten, und den Formationen, die sie und ihr Team vom 31. Juli bis 16. August im Berliner Konzerthaus präsentieren. Gabriele Minz ist Leiterin des „Young Euro Classic“-Festivals, das in diesem Jahr bereits zum 27. Mal über die Bühne geht.
Gut zwei Wochen lang zeigt das internationale Jugendorchester-Festival, „dass die Zukunft der klassischen Musik längst Gegenwart ist“. Junge Musikerinnen und Musiker aus Europa, Afrika, Amerika und Asien werden zeigen, „dass Musik Verbindungen schafft und zugleich Einzigartigkeit bewahren kann“, erklärt die Chefin. 17 Tage lang gestalten 14 Jugendorchester, zwei Jazz-Formationen, ein junger Chor, fünf internationale Ensembles und ein vielfältiges Angebot für die ganz jungen Kinder das Programm.
Der Fokus liegt dieses Jahr auf dem Klavier
Neben bekannten Ensembles wie dem „European Union Youth Orchestra“, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, und dem zur Eröffnung spielenden Bundesjugendorchester stehen Festivaldebütanten wie das „Orchestre National des Jeunes du Luxembourg“, das chinesische Orchester des „Zhejiang Conservatory of Music“ oder das „Youth Symphony Orchestra of Turkmenistan“ auf dem Programm. Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auf dem Klavier. In den Blick genommen wird die Vielfalt des Instruments und die Virtuosität der Pianistinnen und Pianisten. „Zugleich lebt das Festival vom Dialog und von Begegnungen, was sich in besonderen Abendkonzerten mit bi- und multinationalen Orchestern widerspiegelt“, erklärt die Festivalleitung.
Es sei nicht schwer, international Interesse an diesem Festival zu wecken, sagt Gabriele Minz. Aber für die Orchester sei es schon eine Herausforderung, aus teilweise weit entfernten Gegenden nach Berlin zu kommen. „Das sind teilweise schon richtige Strecken, die da überwunden werden müssen. Und die Orchester müssen ihre Reisekosten selbst tragen“, erklärt sie. Das Festival, das ständig vor finanziellen Herausforderungen stehe und vom „hohen Engagement“ aller Beteiligten lebe, könne diese Kosten nicht übernehmen. Aber viele der Orchester verbinden die Teilnahme am Festival mit weiteren Konzerten in Europa. Und „Young Euro Classic“ sei inzwischen so renommiert, dass sich „die teilnehmenden Orchester damit schmücken können“, sagt Gabriele Minz.
Mit seinem Festival im Festival blickt „Young Euro Classic“ unter dem Titel „Future Now Musical Diaries“ erneut über den Tellerrand europäischer Orchestertradition hinaus. An den Festivalwochenenden ermöglichen Ensembles aus Tadschikistan, Vietnam, Marokko und Argentinien sowie das internationale „Future Now“-Ensemble „neue Hörerlebnisse“, wie die Festivalleitung verspricht. Die fünf Konzerte laden jeweils um 16.30 Uhr im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses zu einer Reise durch Kulturen und Genres ein. So entstehen im übertragenen Sinne „musikalische Tagebucheinträge, die mit Neugier, Offenheit und gemeinsamen Klängen gefüllt werden“.
Zu Beginn der „Musical Diaries“ kommt das Publikum am 1. August in den Genuss tadschikischer Musiktraditionen. Das Ensemble Mohrion, dessen Name „mit Exzellenz und Begabung spielen“ bedeutet, kombiniert dabei Melodien Tadschikistans mit den Werken internationaler Komponisten, beispielsweise von Antonio Vivaldi oder Zequinha de Abreu. Mohrions Mix aus zentralasiatischem Kulturerbe und zeitgenössischen Ausdrucksformen ertönt auf traditionellen und modernen Instrumenten. So macht das Ensemble das Zusammenspiel der Schalenhalslauten Rubab und Domra mit Flötenklängen der Ney oder Streichlauten der Ghichak sowie dem E-Bass zu einem seltenen Erlebnis für das Berliner Publikum.
Am 2. August verschmelzen unter dem Titel „Lách Tách“ Elektro-Sounds mit traditioneller Musik Vietnams. Die vietnamesische Komponistin und Performerin Luong Hue Trinh begibt sich mit ihren vielschichtigen Klanglandschaften aus traditionellen und elektronischen Sounds sowie Geräuschen des Alltags auf eine Reise durch Erinnerungen. Auf dieser Reise zwischen Realität und Illusion begleitet sie die vietnamesische Sängerin Vu Thi Thùy Linh, eine „Virtuosin der alten Melodien von A Đào“. Diese jahrtausendealte Musikform aus Nordvietnam verbindet Poesie und Musik mit hochentwickelten Gesangstechniken und einem äußerst komplexen Tonsystem, begleitet von Phách (Klanghölzern) und Trong chau (Trommel). „Hier treffen zwei Künstlerinnen mit unterschiedlichen Ansätzen aufeinander und schaffen hörbare Zeitsprünge, verbunden durch den gemeinsamen Raum“, erklärt die Festivalleitung. Am Ende des Konzerts begegnen Luong Hue Trinh und Vu Thi Thùy Linh zwei Musikerinnen des „Orchestre National des Jeunes du Luxembourg“, das am Abend im Großen Saal des Konzerthauses auftritt. Bei diesem außergewöhnlichen Zusammenspiel treten die jungen Musikerinnen in einen Dialog und verknüpfen die verschiedenen Musikstile des Festivals miteinander.
Digitalisierte Kammermusik
Aus Marokko ist das Ensemble „JISR Brücke“ am 8. August zu Gast beim Festival im Festival. Fünf virtuose Musikerinnen und Musiker unter der Leitung von Mohcine Ramdan präsentieren Schätze der arabo-andalusischen Kammermusik, wobei andalusische Standards auf zeitgenössische Kompositionen treffen. Entstanden in einem gemeinsamen mediterranen Kulturraum steht die arabo-andalusische Musik exemplarisch für den kulturellen Austausch zwischen Europa und Nordafrika. Auch Instrumente wie die arabische Oud, Vorläuferin der Laute, haben die Klanglandschaft Europas stark beeinflusst. Das Konzert soll die Raffinesse dieser Musik erfahrbar machen und „einen differenzierten Blick auf die kulturellen Verflechtungen der europäischen Musikgeschichte“ eröffnen.
Wie Kammermusik im Zeitalter der Digitalisierung klingen kann, verdeutlicht am 15. August das Konzert von „ni-va“, einem Ensemble aus Argentinien. Mit Laptop, Synthesizern und Sample-Techniken sowie selbst programmierten Klängen und Algorithmen erkunden die Musikerinnen und Musiker digitale Sounds in Echtzeit. Ihre Live-Improvisationen kombinieren eine Vielzahl von Ansätzen elektroakustischer Musik, wie beispielsweise Akusmatik und Musique concrète. Während des Konzerts erfindet das Ensemble kontinuierlich „dichte Klangräume, in denen sich elektronische, aufgezeichnete und scheinbar vertraute Klänge ständig neu mischen“. Dabei wird es zu einer besonderen Begegnung kommen: Stellan Veloce (Cello) aus Deutschland unterstützt das vierköpfige Ensemble bei seiner Performance.
Zum Abschluss von „Future Now Musical Diaries“ am 16. August kündigt die Festivalleitung ein „einzigartiges Zusammenspiel“ an: Für das Festival im Festival wurde ein eigenes Ensemble ins Leben gerufen. Die Berliner Musikerinnen und Musiker mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln widmen sich – angelehnt an Arnold Schönbergs Worte „Ich fühle Luft von anderen Planeten“ – der Frage nach Alternativen zu vermeintlich fortschrittlichen Techno-Utopien. „Dabei lenken sie den Fokus weg vom Weltraum und hierher, in den Alltag, in die unmittelbare Gegenwart. Urbane Klänge von Stimmen, Maschinen, Alltagsgegenständen oder Geräusche aus der Nachbarschaft verwandelt das Ensemble in eine auditive Fiktion, die zwischen Konzert, Hörspiel und szenischer Lesung zu verorten ist“, heißt es in der Ankündigung.
„In ein klassisches Konzert zu gehen, ist kein Massenphänomen“, sagt Gabriele Minz. Aber wer einmal in einem der Konzerte dieser jungen Musikerinnen und Musiker gewesen sei, der wisse, was gemeint ist, wenn Zuhörerinnen und Zuhörer sagen, dass „da geradezu ein elektrischer Funke“ übergesprungen ist – ähnlich wie beim Verlieben.