Der FC Bayern München spielt eine Saison der Rekorde und wird fast überall schon als Meister gesehen. Doch Borussia Dortmund punktet ebenfalls konstant. Nun kommt es zum direkten Duell.
Das Ding schien durch. Wer nach dem 18. Spieltag noch leisen Widerspruch gewagt hätte, dass der FC Bayern München auch in dieser Saison deutscher Fußballmeister wird, wäre fast überall belächelt worden. Gerade hatten die Münchner mit 5:1 bei RB Leipzig gewonnen, sie hatten von 18 Liga-Spielen 16 gewonnen und keines verloren und im Schnitt fast genau vier Treffer pro Spiel erzielt. Der Vorsprung an der Tabellenspitze betrug bereits elf Zähler. Es war eine Saison der Rekorde, wie man sie selbst von den Bayern in dieser Form noch nicht gesehen hatte.
Werden die Bayern noch nervös?
Normalerweise kann man sich nach einer solchen Serie auch mal einen oder zwei Ausrutscher leisten. Die Münchner leisteten sie sich, verloren hintereinander 1:2 daheim gegen den FC Augsburg und kamen eine Woche später beim Aufsteiger Hamburger SV nicht über ein 2:2 hinaus. Natürlich sind sie auch jetzt noch souveräner Tabellenführer. Doch plötzlich ist eine Situation eingetreten, die man so nicht für möglich gehalten hätte. Denn wir haben in der Bundesliga tatsächlich wieder so etwas wie einen Meisterkampf.
Denn im Schatten der Bayern legt auch Borussia Dortmund eine eigentlich wahrlich meisterhafte Saison hin. Mit deutlich weniger Glanz und Gloria, aber dennoch zuverlässig und effektiv punktet der BVB Woche für Woche. 52 Zähler hatte die Borussia nach 23 Spieltagen eingefahren. Zum Vergleich: In der letzten Dortmunder Meistersaison 2012 waren es zum gleichen Zeitpunkt genauso viele. Zwar sind die 49 geschossenen Treffer zu diesem Zeitpunkt längst nicht so beeindruckend wie die 85 der Bayern, doch die Zahl der kassierten Tore liegt mit 22:21 nahezu gleichauf. Und wie die Bayern hatten die Dortmunder nur ein einziges Spiel verloren – mit 1:2 im Hinspiel in München.
Zeitweise war der BVB auf sechs Zähler herangerückt, in Leipzig ließ man beim 2:2 aber Federn. Am 28. Februar kommt es im eigenen Stadion zum großen Duell. Was wurde in den vergangenen Jahren im Vorfeld nicht für ein Ballyhoo um dieses Spiel gemacht! Der „deutsche Clásico“ wurde es genannt, es wurde zum Höhepunkt der Saison hochgejazzt, egal wo die Bayern und die Dortmunder zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens gerade standen. Das war in den vergangenen Jahren manchmal ein bisschen viel des Guten, zumal die Borussia in der Spielzeit 2023/24 nur Fünfter geworden war und sich in der Vorsaison erst mit einem nahezu unglaublichen Endspurt auf Rang vier und in die Champions League rettete.
„Diese Saison ist alles möglich“
Doch nun haben wir wieder einen Showdown. Nicht auf Augenhöhe, aber doch in einer solchen Konstellation, dass dieses Spiel in höchstem Maße wegweisend ist für den Rest der Saison. Gewinnen die Dortmunder, rücken sie recht nahe heran, erzeugen wieder echte Spannung und haben plötzlich einen psychologischen Vorteil auf ihrer Seite. Gewinnen die Münchner, ist der Titel sicher. Dann haben sie wahrlich meisterhaft in einem direkten Duell schon Ende Februar die wohl allerletzten Zweifel beseitigt.Doch was spricht überhaupt für Dortmund vor diesem Duell? Nun, zum einen die Tatsache, dass die Bayern plötzlich etwas zu verlieren haben. Es macht den Branchenprimus normal nicht sonderlich nervös, dennoch ist es Fakt. Am Ende einer solchen Saison, nach einer solchen Hinrunde nicht Meister zu werden, wäre schon eine unfassbare Enttäuschung. Zumindest aber schien alles dafür bereitet, dass die Bayern spätestens im Frühjahr für klare Verhältnisse in der Liga gesorgt haben würden und sich komplett darauf konzentrieren können, nach 2020 endlich mal wieder ins Pokalfinale einzuziehen und dort auch den Titel zu holen. Und vor allem den Fokus verstärkt auf die Champions League zu legen, die das noch nicht lautstark ausgesprochene, aber doch deutlich erkennbare Ziel ist. „Wir haben das Gefühl, dass in dieser Saison wirklich alles möglich ist“, sagte der im Sommer scheidende Nationalspieler Leon Goretzka.
Zum anderen hat wohl ausgerechnet die Rückkehr der Langzeitverletzten wie Alphonso Davies oder Jamal Musiala die Münchner ein klein wenig aus dem Takt gebracht. Natürlich führen die beiden dem Kader weitere Qualität zu, doch müssen sie nach ihren monatelangen Ausfällen erst langsam wieder herangeführt werden. Und in ein wie selbstverständlich funktionierendes Team wieder eingegliedert werden. Ein Lennart Karl hat beispielsweise seit der Rückkehr des auf einer ähnlichen Position spielenden Musiala deutlich an Leichtigkeit verloren. Ob das zeitlicher Zufall ist, ist fraglich. „Jetzt, da lange Zeit verletzte Spieler wie Jamal Musiala oder Alphonso Davies zurückkehren, ist klar, dass sie nicht sofort in Topform sein können“, sagte Ehrenpräsident Uli Hoeneß in der „Bild“-Zeitung: „Die Homogenität leidet ein bisschen, sie ist aber nicht verloren gegangen.“ Was vor dem direkten Duell auch noch für den BVB spricht: Die Dortmunder sind als einzige Mannschaft zu Hause noch ungeschlagen, sie sind die beste Rückrundenmannschaft und sie haben die meisten „weißen Westen“ gesammelt, also Spiele ohne Gegentore.
Kovac stapelte lange tief
Das sind durchaus schlagkräftige Argumente. Doch natürlich liegen die schlagkräftigeren immer noch aufseiten der Münchner. So hat der BVB auf St. Pauli, in Frankfurt oder gegen Stuttgart (jeweils 3:3) sowie in Hamburg und Freiburg (1:1) meist spät und unnötig Punkte verschenkt. Die Bayern leisteten sich das außer gegen Augsburg, in Hamburg und beim 2:2 gegen Mainz kurz vor der Winterpause nicht. Vor allem fuhren sie immer dann richtig hoch, wenn die Gegner namhafter wurden. Sie zerlegten Leipzig mit 6:0, 5:1 und 2:0 im Pokal gleich dreimal in dieser Saison, schlugen die überraschend starken Hoffenheimer mit 4:1 und 5:1, gewannen das Hinspiel gegen den BVB, besiegten Leverkusen mit 3:0 und gewannen in der Champions League gegen Klub-Weltmeister FC Chelsea (3:1) und bei Vorjahressieger Paris Saint-Germain (2:1). Nur beim FC Arsenal gab es eine 1:3-Niederlage. Eine Erfahrung, die sie beim FC Bayern vorsichtig macht. Da habe man „einen Gegner gehabt, der an diesem Tag besser war“, sagte Hoeneß. Umso wichtiger sind die beiden nationalen Titel, obwohl die Bayern durch Rang zwei in der Hauptrunde den Vorteil hätten, bis zum Halbfinale der Königsklasse immer im Rückspiel Heimrecht zu haben.
Die Dortmunder mussten derweil in die Play-offs, das Rückspiel bei Atalanta Bergamo lag direkt vor dem Bayern-Knaller. Ein Nachteil natürlich. Doch durch das Pokal-Aus gegen Leverkusen ist die realistischste Titelchance schon dahin. Glauben die Westfalen also doch noch an ihre Meisterchance? Wirklich geäußert hat sie nur einer: Abwehrchef Nico Schlotterbeck. Der aber immer wieder. „Jetzt sind es sechs Punkte, es sind drei weniger als nach der Winterpause. Deswegen kann ich sagen und auch die Jungs: Wir wollen jetzt angreifen“, sagte er schon Anfang Februar und hoffte, dass die Bayern „vielleicht langsam anfangen zu überlegen“. Der BVB, der seine Spiele oft wahrlich nicht berauschend gewann, habe dagegen „Mentalität. Das, was uns seit Jahren abgesprochen wird“. Zudem habe er seine Mitspieler kitzeln wollen. „Es ist extrem wichtig, dass wir den Fokus und den Kopf dafür haben, um anzugreifen“, sagte Schlotterbeck, der seinen Vertrag immer noch nicht verlängert hat. Wohl auch, weil er abwarten will, ob sich mit Dortmund in Zukunft Titel gewinnen lassen.
Für Trainer Niko Kovac wäre ein Coup gegen die Bayern sicher eine besondere Genugtuung, auch wenn er das so nie sagen würde. Doch die Beurlaubung bei den Bayern 2019 nach weniger als 500 Tagen, obwohl er bis heute als Einziger neben Franz Beckenbauer als Spieler und Trainer Double-Sieger wurde, nagte lange an ihm. „Dass wir die Bayern nicht angreifen können, das sieht jeder“, sagte er noch im Januar.
Da waren es aber noch elf Punkte Rückstand. Anfang Februar antwortete er auf die Meisterfrage mit einem Lächeln. „Ich verstehe die Frage“, sagte er: „Wir sind ein großer Verein mit Ambitionen, und denen verwehre ich mich nicht. Ich schaue zunächst in den Rückspiegel. Wir wollen möglichst schnell in die Champions League. Wenn wir das geschafft haben und noch einige Spiele übrig sind, werden wir aber sicher attackieren.“
Bleibt abzuwarten, was er am Abend des 28. Februar sagen wird.