Hinter den kunstvoll dekorierten Cupcakes, Cake-Pops und Macarons von „tigertörtchen“ steckt weit mehr als süßes Backwerk, das hübsch anzusehen ist – nämlich ein durchdachtes Konzept und ein klares Bekenntnis zu Nachhaltigkeit.
Muffins mit Cremehaube – so ließen sich Cupcakes einfach beschreiben. Doch wer sie derart nonchalant abtut, unterschätzt die hohe Schule angewandter Genusswissenschaft. Denn die entscheidende Frage lautet: Wie gelingt jenes ideale Verhältnis von Teig und Creme, bei dem jeder Bissen exakt austariert wirkt? Genug Frosting für opulente Süße, aber nicht so viel, dass der Kuchen darunter verschwindet. Genug Teig für Struktur und Substanz, aber nicht so viel, dass die Creme zum bloßen Dekor degradiert wird. Ein Cupcake ist schließlich kein Minikuchen mit Hut, sondern ein fein komponiertes Gesamtkunstwerk. Die wahre Meisterschaft zeigt sich dort, wo Form, Größe und Rezeptur so exakt aufeinander abgestimmt sind, dass aus jedem Bissen ein kleines kulinarisches Ereignis wird. Genau auf dieser Idee basiert das Konzept von „tigertörtchen“.
Siegeszug durch „Sex and the City“
Erfunden wurde das Backwerk ursprünglich in den USA; schriftlich dokumentiert sind Cupcakes bereits Ende des 18. Jahrhunderts in amerikanischen Kochbüchern. Zum popkulturellen Phänomen avancierte das kleine Gebäck allerdings erst rund 200 Jahre später. In den späten 1990er-Jahren entwickelte sich New York zum Epizentrum des Cupcake-Hypes, als erste spezialisierte Bäckereien kunstvoll dekorierte Varianten verkauften. Den endgültigen Ritterschlag erhielt das Trendgebäck im Jahr 2000, als Sarah Jessica Parker alias Carrie Bradshaw in der Kultserie „Sex and the City“ in einer nur 20 Sekunden dauernden Szene genüsslich einen Cupcake verspeiste und das Gebäck damit endgültig in den Olymp urbaner Genusskultur katapultierte. Bald darauf trat der Cupcake seinen Siegeszug über den Atlantik an. Auch London entdeckte seine Liebe zum kleinen Törtchen – und dort begegnete ihm auch der Düsseldorfer Stefan Kels, der einige Jahre in der britischen Metropole lebte und arbeitete. Auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung wagte der ausgebildete Architekt 2011 einen Neustart in Berlin. Mit seinem eigenen Cupcake-Café im Nikolaiviertel legte er den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte. Den Namen „tigertörtchen“ entlehnte Stefan Kels einem Rezept aus einem Kinderbackbuch, das ihn schon inspiriert hatte, als er noch ein kleiner Junge war. Das Konzept der Manufaktur besitzt Wiedererkennungswert: Die Cupcakes sind bewusst kleiner als üblich. Gerade einmal 4,5 mal 4,5 Zentimeter messen die Miniaturen, die nach Überzeugung des Gründers das perfekte Verhältnis von Creme zu Teig bieten. Drei Bissen Glückseligkeit – und klein genug, dass noch Platz für ein zweites Törtchen bleibt, vielleicht sogar für ein drittes.
Der Flyer listet 52 Sorten auf
Das erste Café, gelegen vis-à-vis des Roten Rathauses und unweit der Nikolaikirche, zieht nach wie vor Berliner sowie Besucher aus aller Welt magisch an. Das zweite Café und die Backstube sind seit 2017 in der Chausseestraße zu finden, gegenüber der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Durch die großen Fenster lässt sich beobachten, wie jene Miniaturkunstwerke entstehen, die wenig später ordentlich aufgereiht in der Verkaufstheke liegen.
Und was dort präsentiert wird, lässt sich kaum anders denn als kulinarisches Panoptikum bezeichnen. Fruchtliebhaber greifen zu Sorten wie „Saure Heidi“ mit Zitrone und Heidelbeere, „Kiba-Baki“ mit Banane und Kirsche oder „Pineapple Power“ mit Ananas und Avocado. Schokoladenfans geraten bei Kreationen wie „Schokoholic“, „Weiße Schokolade mit Tonkabohne“ oder „Karamell-Erdnuss“ zuverlässig ins Schwärmen. Hinzu kommen Hommagen an klassische Kuchen und Torten, darunter Frankfurter Kranz, Bienenstich, Blueberry Cheesecake oder Rübli-Nuss. Im „tigertörtchen“-Flyer sind 52 Sorten aufgelistet. Und auch wenn nicht alle davon jederzeit angeboten werden, ist die Auswahl an den beiden Standorten derart groß, dass die Entscheidung vor der Theke zum emotionalen Kraftakt geraten kann.
Kels gibt sein Wissen in Kursen weiter
Besonders innovativ zeigt sich „tigertörtchen“ bei den sogenannten „Cuptails“. Mit kleinen Pipetten versehen, verbinden sie klassische Cocktailrezepte mit Patisserie-Handwerk. Mojito, Piña Colada, Tequila Sunrise oder Espresso Martini gibt es hier nicht im Glas, sondern als Dessert-Cocktails in Cupcake-Form. Das wirkt zunächst wie eine charmante Spielerei, überzeugt geschmacklich jedoch so sehr, dass ich mich frage, warum Cocktailbars ihre Drinks nicht auch in Gebäckform anbieten.
Doch „tigertörtchen“ erschöpft sich keineswegs im Cupcake-Kosmos. Die Cake-Pops etwa – kleine Kuchen am Stiel – gibt es unter anderem mit Marmor-, Schokoladen-, Orangen- oder Gewürzkuchen gefüllt, der unter der Schokoladenhülle saftig bleibt. Hier zeigt sich wiederum die handwerkliche Präzision des Unternehmens, die auch bei den Macarons eine wichtige Rolle spielt. Das traditionsreiche französische Mandelgebäck gibt es als Klassiker wie Himbeere, Vanille, Pistazie oder Schoko-Nuss, aber ebenso als fantasievolle Sorten wie Wassermelone, Erdbeere-Basilikum oder Marzipan-Feige. Beim Anblick der Macarons – in leuchtenden Farben, perfekt geformt und von betörender Eleganz – werden Erinnerungen an Paris wach.
Doch das Unternehmen beeindruckt nicht nur mit seinem „Klein, aber oho!“-Sortiment. „tigertörtchen“ zählt längst zu den gefragtesten Adressen Berlins, wenn es um süße Hochzeitsträume geht. Mehrstöckige Torten, Cupcake-Tower und Cake-Pop-Etageren lassen sich modular zusammenstellen und individuell dekorieren – auf Wunsch auch mit floralen Elementen oder abgestimmt auf das Farbkonzept der Feier. Was andernorts nach aufwendig gefiltertem Pinterest-Traum aussieht, wird hier essbare Realität.
Das Glück misst 4,5 X 4,5 Zentimeter
Wer tiefer in diese Welt eintauchen möchte, kann nicht nur zuschauen, sondern selbst Hand anlegen. In den beliebten Backkursen vermittelt das Team von „tigertörtchen“ die Grundlagen und Feinheiten des Konditorenhandwerks. Vom korrekten Abwiegen über Cremetechniken bis zur finalen Dekoration begleiten die Profis jeden Schritt. Das Angebot reicht von der Macaron-Herstellung über Tortenworkshops bis zum Cookie-Kurs, bei dem Teilnehmende nicht nur mit einer vollen Keksdose nach Hause gehen, sondern auch mit fundiertem Wissen über Teigkonsistenzen und Backtemperaturen. Besonders beliebt – auch als Gruppenangebot für Junggesellinnenabschiede, Familienfeiern oder Firmenevents – sind die Cupcake-Kurse. Da meist in Zweierteams gearbeitet wird, zieht das Format laut Stefan Kels auffallend viele Paare an. Offenbar eignet sich gemeinsames Dekorieren hervorragend als Beziehungstest: Wer zusammen Buttercreme aufspritzen kann, schafft vermutlich auch den Aufbau eines Ikea-Schranks.
Wobei „tigertörtchen“ auch klassische Romantik beherrscht. Mit seinem „High Tea“ zelebriert das Haus britische Teekultur unter dem Motto „Ein Sonntagnachmittag zum Verlieben“. Zu ausgewählten Terminen und nur auf Vorbestellung serviert das Team kleine Sandwiches, frisch gebackene Scones mit Clotted Cream und Marmelade sowie Cupcakes nach Wahl auf liebevoll arrangierten Etageren. Die Getränkeempfehlung dazu: ein frisch aufgebrühter Schwarztee mit einem Schuss Milch.
Bemerkenswert ist, wie konsequent das Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit
denkt. Alle Standorte beziehen 100 Prozent Ökostrom, der Fuhrpark fährt elektrisch, Verpackungen kommen weitgehend plastikfrei daher, To-go-Becher laufen über ein Pfandsystem. Die Abluftwärme der Backöfen wird genutzt, um Räume zu beheizen. Nachhaltigkeit erscheint hier nicht als hübsch formulierter Nebensatz fürs Marketing, sondern als integraler Bestandteil des Betriebs.
Kein Wunder also, dass „tigertörtchen“ längst weit über Berlin hinaus Aufmerksamkeit genießt und selbst auf der Grünen Woche Naschkatzen anzieht. Wer dort – oder in einem der Cafés – einmal vor der üppig bestückten Verkaufstheke gestanden hat, kennt das Problem: Die Auswahl fällt schwer. Die wahre Herausforderung liegt jedoch darin, die sorgfältig gepackte Schachtel unangetastet bis nach Hause zu transportieren. Doch die Zurückhaltung lohnt sich. Ein Cupcake von „tigertörtchen“ ist kein Snack für zwischendurch, der auf dem Heimweg hastig verschlungen werden sollte. Er ist vielmehr eine kleine Lektion in kulinarischer Präzision, handwerklicher Finesse und der Erkenntnis, dass Glück manchmal exakt 4,5 x 4,5 Zentimeter misst.