Das Saarland hat industriell derzeit zu kämpfen. Lichtblicke gibt es dennoch: in der Rüstungsindustrie. Diehl Defence und KNDS Freisen erweitern dank europäischer und deutscher Aufrüstung ihr Gelände und das Arbeitsplatzangebot.
Es sind reichlich unspektakulär aussehende Betonbauten, sicherheitshalber verdeckt von riesigen aufgeschütteten Erdhügeln, weitab von Wohngegenden im nördlichen Saarland. Für das Unternehmen, die Beschäftigten und die europäische Verteidigung sind sie wichtig: Hallen, in denen künftig Raketen montiert werden sollen. Der baden-württembergische Mischkonzern Diehl baut im Nordsaarland seine Produktion aus. Denn die Nachfrage ist gestiegen, nicht nur in Deutschland, auch in der Ukraine. Dort feiert Iris-T, das Luftabfangsystem, Erfolge gegen anfliegenden russischen Beschuss. Die Nachfrage nach dem im Ukraine-Krieg zigfach getesteten System wächst. Das bedeutet auch für den saarländischen Standort, dass er mehr Raketen bauen, mehr Luftabwehrsysteme montieren muss und daher mehr Platz braucht. Das neue Flugkörperintegrationszentrum soll nur der erste Schritt sein. Ausgebaut wird auch Diehls Logistikzentrum in Mariahütte. Insgesamt wird die Investitionssumme alleine für den saarländischen Standort eine halbe Milliarde Euro betragen. Drei weitere Baustellen sind bereits in Planung. Außerdem plant Diehl ein neues Forschungszentrum in Überlingen, so Thomas Bodenmüller, Chief Financial Officer von Diehl – das Wachstum des Konzerns hat in den vergangenen vier Jahren rasant zugenommen.
Für den Wirtschaftsstandort Saarland ist dies, so umstritten Rüstungsproduktion auch sein mag, eine gute Nachricht. Denn Diehl baut nicht nur neue Hallen, sondern stellt auch mehr Leute ein. Bereits jetzt arbeiten 800 Menschen am Standort, weitere 100 könnten folgen. Bis 2028 könnte das Werk 1.200 Menschen beschäftigen, darunter übrigens viele aus der Automobilindustrie, so der Standortleiter Ralf Schlaak. Denn die steht im Land besonders stark unter Druck. Ein Grund, warum sich Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD), Wirtschaftsminister Jürgen Barke (SPD), weitere Ministerinnen und Abgeordnete aus Landtag und Bundestag in Nonnweiler einfinden, um der Einweihungsfeier der neuen Fertigungsgebäude beizuwohnen: Es ist in den Grußworten auch ein wenig Erleichterung zu spüren, dass gerade jetzt die Rüstungsindustrie im Land Kapazitäten aufbaut und potenzielle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus anderen Branchen, die aktuell schwächeln und Jobs abbauen, auffangen kann.
Mehr Kapazität, mehr Fläche, mehr Arbeit
Und: Es ist eine Bewusstseinsveränderung, die in diesen Projekten nicht nur im Saarland greifbar wird. Die Rüstungsindustrie rückt wieder in den Fokus der Wirtschafts- und Industriepolitik, die kommunale Planung, denn mehr Produktionskapazitäten bedeuten mehr Flächenverbrauch. Jene Industrie muss ihre Produktion in einer Zeit ausweiten, in der wieder Krieg auf dem europäischen Kontinent herrscht. Dessen sind sich auch die Regierungen in Berlin und allen anderen europäischen Hauptstädten nur zu bewusst. Und setzen auf Abschreckung, verstärkte Aufrüstung. 100 Milliarden Euro beträgt das bundesdeutsche Sondervermögen, das bis Ende 2027 vor allem für Großprojekte und Modernisierungsvorhaben der Bundeswehr ausgegeben werden soll. Darüber hinaus sollen unter anderem das weitreichende Flugabwehrsystem Arrow 3 gestärkt und 50 neue Puma-Schützenpanzer finanziert werden. Geld fließt zudem in mehrere geplante Flugabwehrfregatten, in die Luftwaffe zur Modernisierung von bestehenden Flugzeugen und für neue Seefernaufklärer, Drohnen und Eurofighter. Hinzu kommt die verstärkte Digitalisierung, Ausrüstung der Soldaten sowie drastisch mehr Munition und Raketen. Dazu gehört unter anderem die sogenannte European Sky Shield Initiative (ESSI), in der mittlerweile 24 europäische Staaten gemeinsam ihre Luftverteidigung modernisieren und ausbauen.
Geld aus diesem Vorhaben fließt auch ins Saarland. Unter anderem geht es dabei um neue Abwehrsysteme im Nahbereich, der laut bundesdeutschem Verteidigungsministerium einen 15 Kilometer weiten Bereich und bis zu sechs Kilometern Höhe umfasst. Hierbei soll Diehls Iris-T zum Einsatz kommen. Die Ukraine hat bislang neun Iris-T-Systeme im Einsatz, zehn weitere sind bestellt, so erfolgreich hat sich diese Luftabwehr bereits im Einsatz gegen russische Drohnen und Raketen gezeigt. Im Februar erhielt die deutsche Luftwaffe ihr erstes Iris-T-System, weitere folgen; fix bestellt sind 300 Raketen, mit Option auf 600, darüber muss allerdings noch der Bundestag entscheiden. Die Partnerländer der ESSI haben ebenfalls großes Interesse, sodass Diehl Defence plant, seine Produktion auf bis zu 16 Systeme pro Jahr auszuweiten. Auch der Output von Lenkflugkörpern hat sich seit 2021 verzehnfacht, so Diehl gegenüber dem Fachmagazin „Hartpunkt“. Zahlen, die den saarländischen Standort zur personellen und räumlichen Vergrößerung zwingen. Diehl arbeitet nach Eröffnung der neuen Hallen im Nordsaarland an drei weiteren Baustellen, die die Expansion des Firmengeländes vorantreiben.
Diehl ist jedoch nicht das einzige Rüstungsschwergewicht im Saarland, das von der massiven Aufrüstung Deutschlands und der EU
profitiert. Im derzeit winterlichen Freisen repariert und modernisiert KNDS Panzer – nicht nur deutsche, sondern auch ukrainisches Gerät aus ehemals deutschen Beständen. Vor den Hallen stehen Panzerhaubitzen, drinnen Pionierpanzer, Truppentransporter oder schwer gepanzerte Sanitäts- und Evakuierungsfahrzeuge. Der Konzern, der aus dem Panzerhersteller Krauss-Maffei-Wegmann hervorgegangen ist, begrüßt wie einige Wochen zuvor der Raketenproduzent Politikerinnen, Politiker und Geschäftspartner in Freisen zur Übergabe des letzten aufgerüsteten Boxer-Radpanzers dieser Tranche an die Bundeswehr. 189 Fahrzeuge hat KNDS Freisen für sogenannte Fahrersichtsysteme und Verstaukonzepte vorbereitet. Der Boxer steht prominent platziert in der Werkshalle, Filmaufnahmen im Inneren sind aus Sicherheitsgründen nicht gestattet. Die Belegschaft von KNDS ist zur Feier erschienen, in blauer und schwarzer Arbeitsmontur, gleich danach geht es an die nächsten Fahrzeuge. 83 Menschen arbeiten in der Instandsetzung der gesamten „Leopard-Familie“, wie die Modellreihe hier heißt, die unter anderem den „Dachs“ und das MARS-Raketensystem umfasst. Erschienen sind auch Bundeswehroffiziere sowie Vertreter von OCCAR, der europäischen Organisation, die die gemeinsame Aufrüstung koordinieren soll – ein Scharnier zwischen EU- und Nato-Rüstungsprojekten. Christoph Cords, Standortleiter von KNDS Freisen, präsentiert die Arbeit seines Betriebes mit Stolz auf Geleistetes und gleichzeitig guten Zukunftsaussichten. Denn 250 weitere Boxer sollen hier aufgerüstet werden, die Auftragsbücher sind gut gefüllt.
Erste Patria-Panzer aus Freisen im Jahr 2027
Nach der Schlüsselübergabe an OCCAR, Bundeswehr-Beschaffungsamt und die Truppe ist der Tag der Feierlichkeiten in Freisen aber noch nicht zu Ende. Ein paar Hallen weiter wartet die Zukunft des KNDS-Standortes auf Journalisten und Politgäste: das erste Demonstrationsmodell eines Patria-Radpanzers. Der ursprünglich finnische Panzer wird nun in Lizenz auch im Saarland gebaut, das erste Fahrzeug wird derzeit hinter verschlossenen Türen an die Bundeswehr-Erfordernisse und, ja, auch den deutschen Arbeitsschutz angepasst.
Das CAVS, so der technische Name des Programms „Common Armoured Vehicle System“, mit einem Investitionsvolumen von zwei Milliarden Euro umfasst den Bau von 876 Patria 6x6-Fahrzeugen in vier Varianten. Die Auslieferung der ersten Fahrzeuge soll 2026 beginnen, die ersten vollständig im Saarland gefertigten Panzer rollen 2027 vom Band. Sie sollen den in die Jahre gekommenen „Fuchs“ der Bundeswehr ersetzen. 100 Millionen Euro investiert KNDS in Freisen – kombiniert für den Boxer und den Patria in den kommenden Jahren. Die Bauleitplanung in Freisen für die Werkserweiterung beginnt, 120 zusätzliche Stellplätze für Panzerfahrzeuge werden benötigt, dafür sollen insbesondere auch regionale Firmen als Zulieferer mit ins Boot. „Serienproduktion und Instandsetzung sichert die Arbeitsplätze bis 2040“, so Christoph Cords, darüber hinaus werden in den kommenden Jahren dort bis zu 500 Mitarbeiter mehr gebraucht. Auch hier vorzugsweise aus der Automobilbranche, und von dort treffen tatsächlich gerade viele Bewerbungen ein, so KNDS. Kein Wunder.
Dass der Patria künftig im Saarland gebaut wird, war kein Selbstläufer. Immerhin versuchten kurz vor Genehmigung der Gelder fünf Ministerpräsidenten noch beim Bundeskanzler zu intervenieren – alle fünf aus Bundesländern, in denen KNDS-Konkurrent Rheinmetall Standorte besitzt. Rheinmetall war für die Produktion des Fuchs-Panzers verantwortlich. Auch deshalb zeigte sich die saarländische Politik demonstrativ vor Ort, um dem Standort den Rücken zu stärken.
Gute Nachrichten kann nicht nur die Politik angesichts abgesagter Großprojekte in den vergangenen Jahren gut gebrauchen, sondern auch der saarländische Arbeitsmarkt. Großen Werken wie jenen von ZF, Bosch, Michelin oder Ford gehört nicht die Zukunft, zu hart trifft die Autobranche derzeit das Erstarken chinesischer Konkurrenz und das Erlahmen von sicher geglaubten Absatzmärkten. Die industrielle Basis des Saarlandes steht weiter unter Druck – nicht nur Autozulieferer, sondern auch die Metallbranche und viele Betriebe, die aufgrund vielfältiger Krisen, den Strompreisen, Bürokratie, US-Zollchaos, ungeklärter Nachfolgeregelung oder Fachkräftemangel unter Druck stehen. Und trotzdem gibt es auch gute Nachrichten.