Musik verbindet, kann trösten und Hoffnung geben. Im „One Music Project“ können Flüchtlinge gemeinsam musizieren. Sie erleben eine Kultur der Offenheit, in der sie sich auch austauschen und mal ihr Herz ausschütten können.
Donnerstag, kurz vor 18 Uhr in der ehemaligen Schule des Kleinblittersdorfer Ortsteils Bliesransbach: Nach und nach treffen die Mitglieder der Initiative „One Music Project“ ein. Einige begrüßen sich mit einer herzlichen Umarmung, und alle freuen sich auf die Probe. Die Kistentrommeln sind direkt startklar, andere Instrumente müssen erst noch gestimmt werden. Die Projektinitiatoren Annalisa Crisetti und Oliver Hilt helfen den jungen Leuten, die Gitarren- und Geigensaiten richtig zu spannen. Schnell noch die Schutzdecke vom E-Piano entfernt und das Fußbänkchen für den Gitarristen aufgeklappt – dann geht’s los. An der Tafel steht der geplante Ablauf: Tonleiter, Akkordwechsel und Songs stehen auf dem Programm. Einmal in der Woche musizieren die Geflüchteten zusammen, in entspannter Atmosphäre wird konzentriert geprobt. Aktuell übt die Gruppe eine Hymne von Ricchi e Poveri. Der Pop-Klassiker über das Gefühlschaos, das die Liebe verursacht, ist nicht nur in Italien sehr bekannt. „Willst du mitsingen?“, fragt Crisetti eine Mutter, die ihren Töchtern beim Proben zuschaut. Die Besucherin greift zunächst zum Liedblatt, belässt es dann aber doch beim Zuhören. Womöglich auch, weil der Songtext dort in italienischer Sprache zu lesen ist. Annalisa Crisetti hat damit keine Probleme, schließlich stammt sie aus Italien. „Eins, zwei, drei, vier“, zählt sie, bevor sie in die Saiten ihrer Gitarre greift und den Song anstimmt. „Che confusione, sarà perché ti amo“, schallt es gefühlvoll durch den Raum. Das Zusammenspiel mit den Kollegen klappt gut. Beim folgenden Blues zeigt sich ebenfalls: Die Truppe harmoniert prima. Ihre Mitglieder verstehen sich nicht nur menschlich, sondern passen auch musikalisch zusammen.
Musik als gemeinsame Sprache
Das ist nicht selbstverständlich – schließlich handelt es sich um ein bunt zusammengewürfeltes Ensemble. Caritas-Mitarbeiterin Annalisa Crisetti betreut das Projekt hauptamtlich, ihr Mitstreiter Oliver Hilt engagiert sich ehrenamtlich. Der Journalist und Redakteur ist auch in der Pfarrgemeinde aktiv. Die beiden beherrschen mehrere Instrumente und geben ihr Wissen gern weiter. Zum Beispiel an Amaar. Der Zwölfjährige, der einen ägyptischen Vater und eine syrische Mutter hat, gehört zum harten Kern. Am liebsten spielt er Gitarre. Flöte, Klavier und Kistentrommel hat er ebenfalls schon ausprobiert. Und in der Schule wagte er sich kürzlich ans Xylofon. In der Kleinblittersdorfer Musikgruppe fühlt sich der Junge wohl: „Alle sind nett.“ Anders als Amaar, der bereits im sechsten Jahr in Deutschland lebt, spricht Ola noch nicht perfekt Deutsch. „Ich bin seit zwei Jahren in der Gruppe“, erzählt die 37-Jährige. Sie ist aus Syrien geflüchtet. Die Odyssee führte über Russland und Finnland nach Deutschland. Ihre beiden Söhne und ihre Eltern leben noch in Syrien. Sie hofft, dass die Familie bald nachkommen kann. Das Musikprojekt gefällt Ola gut. Crisetti und Hilt seien sehr geduldige Lehrer, versichert sie. „Alle sind sehr freundlich“, bestätigt Lava. Die 15-jährige Kurdin aus Syrien spielt Geige. Ihre jüngere Schwester Beritan gehört ebenfalls zur Band. Neben den jungen Musikern sind auch die Initiatoren begeistert bei der Sache. „Es macht einen Heidenspaß“, versichert Oliver Hilt.
Gestartet ist das Musikprojekt mit Geflüchteten im Jahr 2022. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine kamen damals auch im Saarland immer mehr Schutzsuchende von dort an. Zusätzlich zu denen, die aus anderen Ländern vor Krieg, Verfolgung oder anderen existenziellen Bedrohungen geflohen waren. Die Kleinblittersdorfer Pfarrei „Heiliger Franz von Assisi Obere Saar“ wollte zur Integration der Flüchtlinge beitragen. In Gesprächen mit Abderrahman Mrazzen, dem Integrationsbeauftragten von Kleinblittersdorf, sowie dem Caritasverband für Saarbrücken und Umgebung entstand die Idee, ein Musikprojekt auf die Beine zu stellen. In der früheren Schule wurde der Probenraum eingerichtet – also in dem Gebäude, in dem die der Gemeinde zugewiesenen Flüchtlinge ihre erste Unterkunft finden. In dem Saal werden auch kleine Veranstaltungen organisiert, zu denen man die Bürger aus dem Ort einlädt – einmal im Monat werden Kaffee und Kuchen serviert. „Musik verbindet, Musik bereichert, in und mit Musik finden wir eine gemeinsame Sprache, in der wir unsere Gefühle, Verzweiflung und Hoffnung ausdrücken können“, erklären die Organisatoren Hilt und Crisetti. „One Music Project“ bringt Menschen verschiedener Kulturen und Religionen zusammen und hilft, Sprachbarrieren abzubauen. So kann Isolation verhindert beziehungsweise überwunden werden.
Wobei die Mitglieder nicht nur im stillen Kämmerlein musizieren. Für Hilt stand von Beginn an fest: „Auftritte gehören dazu.“ Die Geflüchteten zogen mutig mit, bereits nach der zweiten Probe präsentierten sie ihr Können öffentlich. Es folgten zahlreiche Auftritte, zum Beispiel auf dem Biosphärenfest Bliesgau, bei den Heilig-Rock-Tagen in Trier, beim Caritas-Sommerfest in Saarbrücken oder bei der „Nacht der Kirchen“. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass die Gruppe einiges auf dem Kasten hat. Vier weitere Auftritte im Sommer sind schon in trockenen Tüchern.
Spaß statt Perfektionismus
Unter anderem spielen die Musiker beim Hinterwaldfestival in Püttlingen und bei Dorffesten in der Gemeinde Kleinblittersdorf. Beim traditionellen „Abend für den Frieden“ ist das „One Music Project“ selbst Ausrichter. Das Konzert findet immer im Februar statt – in Erinnerung an den Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine. Gern werden Freunde eingeladen, bei Auftritten mitzuwirken. Etwa ein ukrainischer Konzertpianist und seine Ehefrau, die Komposition studiert hat. Die beiden haben Crisetti und Hilt beim Kauf des E-Pianos beraten. Mit der finanziellen Unterstützung von Geldgebern – unter anderem engagiert sich das Bistum Trier – und mithilfe von Spenden konnten Instrumente angeschafft werden. Sie stehen den jungen Musikern kostenlos zur Verfügung.
Ein Projekt mit Geflüchteten steht naturgemäß im Zeichen des Wandels und des Wechsels. „Von den inzwischen mehr als 20 kleineren und größeren Auftritten haben wir höchstens zweimal in derselben Besetzung gespielt“, schildert Oliver Hilt. Immer wieder zieht es Mitglieder vom beschaulichen Bliesgau in die Ferne. Sängerin Dalav hat die Gruppe verlassen, weil sie in Münster studiert. Auch Ahmad wird vermisst. Er spielte die kurdische Buzuk, eine Langhalslaute. Je nach Besetzung ändert sich die Qualität der Darbietungen. „Unsere Musik ist nicht perfekt“, sagt Annalisa Crisetti. „Aber wir haben zusammen Spaß.“ Deutsche und internationale Songs sowie Lieder aus der syrischen und ukrainischen Heimat der Mitglieder werden gespielt. Oder einfach mal ein Blues-Stück oder eine Percussion-Improvisation. Verstärkung ist jederzeit willkommen. Egal ob Geflüchteter oder Einheimischer, erfahrener Musiker oder blutiger Anfänger, Sänger oder Tänzer – bei dem offenen Projekt darf jeder mitmachen. Und das gern auch spontan. Crisetti erzählt von einem Organisten, der von einem Konzerttermin erfahren hatte. Kurz vor Beginn der Aufführung kam er mit seiner Geige und fragte, ob er mitspielen darf. Der Musiker wurde mit offenen Armen empfangen: „Sehr gern, herzlich willkommen!“
Die Gruppe musiziert nicht nur zusammen, sie macht auch gemeinsame Ausflüge. So wurden zum Beispiel die Urzeit-Welten des naturhistorischen Erlebnismuseums Gondwana in Schiffweiler besichtigt. Und demnächst fährt man mit dem Zug in die Pfalz. Hilt und Crisetti haben immer ein offenes Ohr für die persönlichen Probleme der Geflüchteten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprechen mit ihnen über ihre Aufenthaltserlaubnis oder die Suche nach einem Praktikumsplatz. Manchmal schütten sie den Betreuern ihr Herz aus. Oliver Hilt erinnert sich noch gut an einen traurigen Moment: Eine junge Frau saß weinend vor ihm und zeigte Fotos ihres von russischen Bomben zerstörten Hauses in der Ukraine. Das Musikprojekt kann die furchtbaren Geschehnisse, die einige Mitglieder erlebt haben, natürlich nicht vergessen machen. Aber es stiftet Hoffnung und schafft eine Kultur der Offenheit und des Respekts. „Du bist willkommen“, lautet die Botschaft.