Mit Paris Saint-Germain und dem FC Arsenal treffen die beiden aktuell vielleicht besten Mannschaften Europas im Finale der Champions League aufeinander. Deren Entwicklung in den vergangenen Jahren ist beeindruckend.
Vor wenigen Jahren hätten die Experten ein Champions-League-Endspiel zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Arsenal für nahezu unmöglich gehalten. Die Franzosen standen 2020 mit Trainer Thomas Tuchel beim Corona-Turnier in Lissabon ein einziges Mal im Endspiel und fielen sonst trotz des vielen Geldes aus Katar als eine Ansammlung von Stars auf, die nie zu einer Mannschaft wurden. Und die Gunners erreichten in der Königsklasse nur 2006 einmal das Endspiel und warteten bis vor wenigen Tagen auch seit 22 Jahren auf einen Meistertitel in England.
Dennoch muss man festhalten: Trotz Real Madrid und des FC Barcelona, trotz Manchester City oder des FC Liverpool, trotz des FC Bayern und aller Italiener – es ist wohl tatsächlich das Finale der aktuell beiden besten Mannschaften Europas. Und mit ihrer Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit sind beide Clubs auf unterschiedliche Weise auch stilprägend geworden.
Fangen wir mit Paris an. Bereits 2011 stieg der Staat Katar bei PSG ein. Doch der große Erfolg ließ lange auf sich warten. Stars wie Zlatan Ibrahimovic, David Beckham, Lionel Messi, Neymar und Kylian Mbappé gaben sich die Klinke in die Hand. Zwischenzeitlich bildeten Messi, Neymar und Mbappé zusammen eine Offensiv-Reihe. Dafür wurden vielversprechende Offensivspieler aus dem eigenen Nachwuchs wie Moussa Diaby, Christopher Nkunku, Kingsley Coman, Randal Kolo Muani oder Xavi Simons meist bei Erreichen des Seniorenbereichs abgegeben. Was gut für die Bundesliga war, die erste Abnehmerin für diese Spieler war, und die sie mit sattem Gewinn verkaufen konnte.
Die Wende kam mit dem Trainer
Ähnlich prominent dachte PSG bei den Trainern. Carlo Ancelotti, Laurent Blanc, Unai Emery, Tuchel und Mauricio Pochettino hießen diese zwischen 2012 und 2022. Fünf Trainer mit fünf verschiedenen Ansätzen aus fünf verschiedenen Ländern. Zur Meisterschaft reichte das meistens. Doch das große Ziel war die Champions League. Und in elf Jahren schaffte nur Tuchel den Final-Einzug, 2021 war das Halbfinale Endstation, davor fünfmal das Achtelfinale und viermal das Viertelfinale.
Doch dann, 2023, kam Luis Enrique. Und redete nicht lange herum. „An meinem ersten Tag habe ich gesagt, dass mein Ziel darin besteht, wichtige Trophäen zu gewinnen. Die einzige wichtige Trophäe, die noch gefehlt hat, war die Champions League“, erinnerte er sich kürzlich. Im ersten Jahr kamen 32 Spieler, und es gingen 30, darunter Messi, Neymar und Sergio Ramos. Und prompt erreichte PSG das Halbfinale, verpasste aber nach zwei 0:1-Niederlagen gegen Borussia Dortmund das Endspiel. Im zweiten Sommer gab es wieder 21 Zu-und 24 Abgänge, unter anderem Mbappé. Ohne ihn werde PSG die Champions League nie gewinnen, unkten viele. Doch Enrique sagte ganz ruhig: „Glaubt mir, wir werden besser werden.“
Die Weltstars waren fast alle weg. Doch Enrique bildete ein Team mit neuen Stars. Der lange als schwieriges Talent geltende Ex-Dortmunder Ousmane Dembélé wurde zum Weltfußballer, ihn hatte Enrique auch mit einer Disziplinierung gepusht. Im Herbst 2024 wurde Dembélé wegen einer Disziplinlosigkeit aus dem Kader gestrichen. „Das war meine beste Entscheidung“, sagte Enrique später. Weil die entscheidende Botschaft sowohl beim Ausnahme-Stürmer als auch beim restlichen Team angekommen war: Niemand ist größer als das Team.
Neben Dembélé wirbelten Désiré Doué und Khvicha Kvaratskhelia, im Mittelfeld sorgten technisch beschlagene Arbeiter wie Vitinha, João Neves oder Fabián Ruiz für Ordnung und Drive. Hinten entwickelte sich der seit 2013 bei PSG spielende Marquinhos zum omnipräsenten Abwehrchef, neben ihm glänzte der Ex-Frankfurter Willian Pacho. Flankiert von Nuno Mendes und dem Ex-Dortmunder Achraf Hakimi, zwei der besten Außenverteidiger der Welt. Eine runde Truppe, und eben vor allem eine Mannschaft. „Vorher ging man zu PSG des Geldes wegen, jetzt, weil es eine der drei Top-Adressen in Europa ist“, sagte Karl-Heinz Rummenigge, langjähriger Vorstandsvorsitzender des FC Bayern.
Auch hatte Enrique für viele nicht den Glamour zum Beispiel eines Ancelotti, obwohl er als Profi bei Real und Barça spielte, schon spanischer Nationaltrainer war und auch schon die Champions League gewonnen hatte, 2015 mit Barcelona in Berlin. Das wiederholte er 2025 mit Paris in München, das Endspiel geriet beim 5:0 gegen Inter Mailand zur Demonstration. „Sicherlich war es das Jahr, in dem wir es am wenigsten erwartet hatten, als PSG nach der Ära der Stars auf Jugend, Teamgeist und Geduld setzte“, urteilte die französische Zeitung „Le Figaro“. Die Sporttageszeitung „L’Equipe“ schrieb: „Die Suche war lang, mühsam und manchmal demotivierend. Aber die Erlösung war das Warten wert.“ In England staunte man beim „Guardian“, manche Spieler seien ja „noch Kinder“, aber: „Sie werden alle in die Geschichte eingehen. Sie haben es verdient, alle zusammen. Wer braucht schon die Galaktischen?!“
Arsenals langer Anlauf
In dieser Saison drehten die Franzosen nach einer mäßigen Vorrunde auch wieder richtig auf. Im Achtelfinale schalteten sie den Club-Weltmeister FC Chelsea mit 5:2 und 3:0 aus, im Viertelfinale den FC Liverpool mit zwei 2:0-Siegen. Und im Halbfinale schlugen sie erst die Bayern in einem begeisternden Offensiv-Spektakel mit 5:4 und zeigten beim 1:1 im Rückspiel, dass sie auch eisern verteidigen können. „Unsere Mentalität ist unser Geheimnis“, sagte Pacho: „Die Stürmer helfen uns und wir helfen ihnen. Das ist der Unterschied zu anderen Mannschaften.“ Auch zu den PSG-Teams der Vorjahre. Alles in allem ist PSG im Finale von Budapest der Favorit.
Doch der Gegner könnte nicht schwerer sein. Der FC Arsenal gewann in der Gruppenphase alle acht Spiele bei einer beeindruckenden Tordifferenz von 23:4, verlor auch von den sechs K.-o.-Spielen keines und kassierte dabei nur zwei Gegentore. Arsenal ist quasi der Gegenentwurf von PSG. Defensiv fast nicht zu bezwingen, offensiv brennen die Gunners selten ein Feuerwerk ab, gewinnen oft mit 1:0 durch einen ihrer berüchtigten Standards. Beim letzten Meistertitel 2004 hatte Arsenal trotz stabiler Defensive ebenfalls vor allem für begeisternden Offensiv-Fußball gestanden. Offensiv-Stars wie Freddie Ljungberg, der junge Cesc Fàbregas, Robert Pires, Dennis Bergkamp, Sylvain Wiltord, Nwankwo Kanu und natürlich Thierry Henry standen sinnbildlich dafür. Doch dann gewannen die Londoner viele Jahre nichts. Nach dem Ende der Ära von Teammanager Arsene Wenger wurde es richtig dürftig.
Endlich wieder ein Finale der Meister
Die Wende kam mit Mikel Arteta. Der Baske, der von 2011 bis 2016 schon für Arsenal gespielt hatte, übernahm den Job 2019 mit 37. Davor war er drei Jahre Co-Trainer von Pep Guardiola bei Manchester City gewesen. Arteta hatte direkt hohe Ziele, doch ihm war klar, dass diese nur mit Disziplin erreichbar sind. Und Arsenal entwickelte sich nicht mit einem Urknall, aber wurde in jedem Jahr ein Stückchen besser. Nach zwei achten Plätzen, führte Arteta sein Team auf Rang fünf, anschließend zu drei Vize-Meisterschaften und nun endlich zum ersten Premier-League-Titel seit 22 Jahren. In der Champions League hatten sie schon im Vorjahr auf sich aufmerksam gemacht. Hatten PSG in der Vorrunde mit 2:0 geschlagen, im Achtelfinale mit 7:1 gegen die PSV Eindhoven gewonnen, im Viertelfinale Real mit zwei Siegen und insgesamt 5:1 Toren ausgeschaltet. Den Traum vom Finale bremste damals ausgerechnet PSG, das sich mit 2:1 und 1:0 durchsetzte. Und dann im Finale triumphierte. Diese Endspiel-Teilnahme der Gunners um Nationalspieler Kai Havertz kommt also alles andere als aus dem Nichts.
Und der kontinuierliche Aufbau über nun sieben Jahre unter Arteta ist genauso beeindruckend wie der erfolgreiche Paradigmenwechsel vom Star-Ensemble zur Weltklasse-Mannschaft in Paris.
Und weil die beiden so konstant waren, hat dieses Endspiel, das vor nicht allzu langer Zeit noch als Außenseiter-Finale bezeichnet worden wäre, nun einen ganz anderen Stempel: Es ist das erste seit sechs Jahren, in dem zwei Clubs aufeinandertreffen, die sich in der gerade abgelaufenen Saison zum Meister gekrönt haben.