Ein Roadtrip von Oslo aus führt über spektakuläre Hochebenen, vorbei an tosenden Wasserfällen und durch atemberaubende Fjordlandschaften. Unterwegs reiht sich ein Wow-Effekt an den nächsten.
In Oslo manövrieren wir uns am frühen Morgen durch den Verkehr zur Europastraße 18 (E18), die zur E16 und schließlich zur 273 Kilometer langen Riksvei 7 (Rv7) führt, die im Städtchen Hønefoss beginnt und von Ost nach West über die Hardangervidda verläuft. Kaum sind wir auf Kurs, lässt der Großstadtlärm nach, und es dauert nicht lange, bis wir Oslo hinter uns lassen, gemächlich zwischen Feldern und Wäldern dahinrollen und in einer Stunde auf der Rv7 sind. Keine eineinhalb Stunden später erreichen wir das reich bewaldete Hallingdal, das sich vom Nordende des langgestreckten Krøderen Sees bis zur Hardangervidda erstreckt.
Eines der schönsten Täler Norwegens
Das Tal, eines der schönsten in Norwegen, öffnet sich weit und ruhig – eine Landschaft mit starkem kulturellem Erbe und bekannt für die Hardangerfiedel (Hardingfela), die vor allem in der Volksmusik in Südnorwegen zum Einsatz kommt. Am Nordende des Sees liegt das Dörfchen Gulsvik. Hier steht noch das alte Bahnhofsgebäude aus dem Jahr 1908 – ein stiller Zeuge jener Zeit, als am Bahnhof Gulsvik die Bergenbahn bis zur Fertigstellung der Strecke 1909 endete. Wir fahren über die kleine Brücke Gulsvik Bru, unter welcher der Fluss Hallingdalselva in den Krøderen mündet. Im weiteren Verlauf wird uns der Fluss immer wieder begleiten, der sich mal breit, mal schmal durch das Tal zieht. Rund 40 Autominuten hinter Gulsvik erreichen wir Nesbyen und tauchen dort noch tiefer in die Geschichte des Tals ein. Wie das Leben hier einst aussah, erfahren wir im Hallingdal Museum.
Das 1899 gegründete Freilichtmuseum breitet die Vergangenheit der Region wie ein lebendiges Panorama aus – anhand historischer Gebäude, zahlreicher Gebrauchsgegenstände, Textilien, Kunst und Archivmaterial vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Besonders greifbar wird ein zentrales Kapitel der norwegischen Geschichte: die Auswanderung nach Amerika. Hallingdal war eines der Gebiete mit der größten Abwanderung im Verhältnis zur Bevölkerung. Wie die Auswanderer in ihrer neuen Heimat lebten, zeigt das „Emigranthuset“. Es gehörte einst der Familie Svendson, die 1862 in die USA auswanderte. Das Haus aus Eichenstämmen, in dem die Svendsons in North Dakota lebten, wurde abgebaut, 1998 nach Norwegen verschifft und im Hallingdal Museum wieder aufgebaut. Gro und Ole Svendson stammten beide aus Ål. Kurz nach ihrer Heirat verließen sie ihre Heimat, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen – eines, das nicht von bitterer Armut geprägt war wie im Hallingdal. Die Svendsons ließen sich in Iowa nieder und bekamen in den folgenden 15 Jahren zehn Kinder. Als Gro bei der Geburt des zehnten Kindes starb, zog Ole mit den Kindern zu Verwandten nach North Dakota und lebte in dem Haus, das heute als „Emigranthuset“ auf dem Gelände des Museums steht. Nach unserem Spaziergang durch die Jahrhunderte setzen wir unsere Fahrt auf der Rv7 Richtung Hardangervidda fort.
Wenig Zeichen von Zivilisation
Kurz nach Haugastøl, einer kleinen Siedlung aus Bahnstation und Hotel, kippt die Landschaft. Die Hardangervidda beginnt – und mit ihr einer der eindrucksvollsten Abschnitte der gesamten Rv7. Über 67 Kilometer zieht sich die Straße durch eine Welt, die sich mit jedem Kilometer weiter öffnet und gleichzeitig radikaler wird. Knapp 100 Kilometer zuvor noch Felder, Wälder und Seen wie der Strandafjorden. Jetzt: Weite. Stein. Wind. Die Straße steigt sanft an, die Zeichen von Zivilisation werden weniger, der Horizont größer. Alles wirkt, als würde es sich langsam aus der Welt lösen. Im kleinen Hagafoss halten wir kurz an, die leuchtend rote Hol-Kirche setzt einen überraschenden Farbakzent in dieser kargen Landschaft. Danach weiter zur Dyranut Fjellstova, einer urigen Berghütte mit Geschichte bis ins Jahr 1934.
Wir bleiben hier oben, wandern hinaus in die Stille. Baumlos, weit, offen: Die Hardangervidda wirkt wie eine andere Welt. Felsen, Moose und Wasserläufe in alle Richtungen – dazwischen eine Vielfalt, die man erst auf den zweiten Blick begreift. Rund 450 Pflanzenarten, über 10.000 Tiere, darunter die größte wilde Rentierherde Skandinaviens. „Vidda“ bedeutet Weite. Die Hardangervidda ist mit über 8.000 Quadratkilometern Nordeuropas größtes Hochgebirgsplateau. Etwas weniger als die Hälfte (3.422 km²) steht seit 1981 als Nationalpark unter Schutz. Die Rv7 verläuft entlang seines nördlichen Randes. Immer wieder tauchen Bäche, kleine Seen und Wasserläufe neben der Straße auf. Dazu Ausbuchtungen, die wie natürliche Haltepunkte wirken. Wer hier aussteigt, merkt sofort: Selbst im Hochsommer bleibt es kühl, selten über 10 °C. Und wenn kein Auto vorbeikommt, gibt es nur Wind und Wasser – sonst nichts. Zeit verliert hier ihre Kontur. Pfade ziehen sich in alle Richtungen, als würden sie die Landschaft selbst weiterdenken.
Die Hardangervidda ist kein Ort, der sich einfach erschließt. Südpolbezwinger Roald Amundsen wusste das. Mehrfach trainierte er hier für seine Expedition ins ewige Eis, testete Ausrüstung, Körper, Grenzen. Später sagte er, die Hardangervidda sei fast so gefährlich gewesen wie der Weg zum Südpol. Das Wetter kann hier in Minuten kippen. Heute gibt es zwar mehr als 40 Wanderhütten, viele davon bewirtschaftet – doch wer fernab davon in einen Sturm gerät, verliert jede Orientierung. Und doch hat genau diese Landschaft auch die Popkultur geprägt: Ende der 1970er-Jahre entdeckt Hollywood-Produzent Gary Kurtz die Hochebene für „Star Wars: Episode V – Das Imperium schlägt zurück“ (1979). Die Hardangervidda wurde zum Eisplaneten Hoth, Schauplatz der „Schlacht von Hoth“ – fast zehn Minuten Filmgeschichte in einer Landschaft, die real kaum weniger fantastisch wirkt.
Fantastische Ausblicke überall
Nach einer herrlich ruhigen Nacht in fast völliger Abgeschiedenheit auf 1.245 Metern Höhe setzen wir unseren Roadtrip am nächsten Morgen fort. Nach rund 18 Kilometern biegen wir rechts zum Vøringsfossen ab, dem bekanntesten Wasserfall des Landes, der bereits seit dem späten 19. Jahrhundert Besucher anzieht. Kein Wunder, dass schon in den 1880er-Jahren das „Hotel Fossli“ oberhalb des Falls errichtet wurde. Über 182 Meter stürzt das Wasser hier in mehreren Armen über steile Felsen ins Måbødalen hinab. Direkt am Hotel öffnen sich erste Aussichtsplattformen mit weitem Blick in die Tiefe – eindrucksvoll, aber fast zurückhaltend im Vergleich zur im August 2020 eröffneten Treppenbrücke, die sich mit 99 Stufen und 47 Metern Länge direkt über die Schlucht spannt. Unsere Weiterfahrt zieht sich anschließend in engen Kurven durch das steile Måbødalen hinunter ins Tal. Die Rv7 zeigt sich hier von ihrer wildesten Seite: viele Tunnel, enge Passagen, und immer wieder Ausblicke, die sich nach jeder Biegung neu öffnen.
Unten im Tal taucht schließlich die mächtige Hardanger-Brücke auf, die den Eidfjord-Teil des Hardangerfjords überspannt. Mit 1.380 Metern ist sie die längste Hängebrücke Norwegens – und durch die Tunnel an beiden Enden zugleich die längste Tunnel-zu-Tunnel-Hängebrücke der Welt. Hinter der Brücke endet die Rv7 bei Granvin und geht in die E13 über. Von hier aus folgen wir dem Hardangerfjord, dem zweitlängsten Fjord Norwegens, Richtung Bergen. Die Fahrt wird ruhiger, aber nicht weniger eindrucksvoll: tiefblauer Fjord auf der einen Seite, steile Berge auf der anderen. Etwa 75 Kilometer vor Bergen halten wir noch einmal am Steinsdalsfossen – einem der beliebtesten Wasserfälle des Landes, hinter dem man tatsächlich hindurchgehen kann, ohne nass zu werden. Genau diesen Moment nehmen wir mit, bevor sich die Straße ein letztes Mal öffnet und wir unser Endziel Bergen erreichen.