Er ist einer der ganz großen Charakterdarsteller. In vielen Filmklassikern spielte er die Hauptrolle und wurde zweimal mit dem Oscar ausgezeichnet. Als eine der wenigen Hollywood-Legenden ist er noch aktiv. Im Juli kommt der 88-Jährige mit „The Piano Tuner“ ins Kino.
Dustin Hoffman war, wie er selbst sagt, ein „Late Bloomer“, also ein Spätentwickler, der etwas länger brauchte, bis er seine eigentliche Bestimmung gefunden hatte. Seine große Liebe galt anfangs der Musik. Deshalb ging er auf das Santa Monica City College, um sich zum Jazzpianisten ausbilden zu lassen.
Allerdings verlor er bald das Interesse daran und nahm stattdessen Schauspielunterricht am Pasadena Playhouse. Doch auch das eher halbherzig. Viel lieber trieb er sich mit seinem Kumpel Gene Hackman im Nachtleben von Hollywood herum. 1958 beschlossen die beiden, nach New York zu gehen und dort am renommierten Actors Studio ihr Schauspielstudium – diesmal ernsthaft – fortzusetzen.
Dustin Hoffman erinnert sich: „Die meisten meiner Bekannten dachten damals, ich würde Schauspielunterricht nehmen, um mich vor der Einberufung in den Vietnamkrieg zu drücken. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit habe ich es gemacht, um besser an Mädchen heranzukommen. Und es war mir anfangs ganz egal, wie die aussahen. Hauptsache, sie hatten zwei Beine und noch ein paar andere wichtige Körperteile. Die schönen Girls kamen erst viel später.“
„Gute Filme, aber auch viel Mist“
Im Actors Studio schlossen Hoffman und Hackman Freundschaft mit Robert Duvall und begannen, das Schauspielhandwerk von der Pike auf zu lernen. „Uns war zwar sonnenklar, dass wir viel zu hässlich waren, um echte Hollywoodstars werden zu können –
aber irgendwo an einem schäbigen Off-Off-Broadway-Theater müssten wir doch unterkommen, dachten wir. Wir waren damals arm wie die Kirchenmäuse, hatten aber Ideale, die bis in den Himmel reichten.“
Dustin Hoffman kam Anfang der 1960er-Jahre dann tatsächlich im Showbusiness unter. Er stand auf diversen Theaterbühnen und schaffte es sogar einmal bis zum Broadway. Danach bekam er kleinere Rollen im Fernsehen. Er war schon 30 Jahre alt, als er 1967 den College-Absolventen Benjamin Braddock in „Die Reifeprüfung“ spielte und sich von der wunderbar erotischen Anne Bancroft alias Mrs. Robinson verführen ließ. Den jugendlichen Liebhaber spielte Dustin Hoffman so überzeugend, dass er dafür gleich seine erste Oscar-Nominierung bekam. Dieser Film war der Startschuss zu seiner glänzenden Karriere. Dustin Hoffman scheute sich nicht, in der Zeit der omnipotenten Action-Helden den Underdog zu spielen. Wie zum Beispiel in „Asphalt-Cowboy“ (1969) den Ratso, einen gehbehinderten Kleinganoven, der in den Straßen von New York zu überleben versucht. Oder in „Papillon“ (1973) den schrulligen Urkundenfälscher Luis Dega, der sich in der Verbannung auf der Teufelsinsel mit dem Papillon (Steve McQueen) anfreundet.
Seinen ganzen Charme konnte Hoffman dann – neben Robert Redford – in dem Watergate-Krimi „Die Unbestechlichen“ (1976) ausspielen. Seine universelle Verwendbarkeit als Charakterdarsteller zeigte er in vielen weiteren Filmen, darunter „Kramer gegen Kramer“ (1979), für den er seinen ersten Oscar, und „Rain Man“ (1988), für den er seinen zweiten Oscar bekam. Bis heute hat Dustin Hoffman in über 70 Spielfilmen mitgewirkt, viele davon sind schon längst zu Klassikern der Filmgeschichte geworden, wie zum Beispiel „Der Marathon-Mann“ (1976), „Wag the Dog“ (1998) und „Das Urteil“ (2003).
Dustin Hoffman wurde im Laufe seines Lebens mit zahlreichen Preisen und Ehrungen bedacht. Siebenmal wurde er für den Oscar nominiert und hat ihn zweimal auch bekommen. „Ich habe in ein paar wirklich guten Filmen mitgespielt. ,Asphalt-Cowboy‘, ,Tootsie‘, ,Rain Man‘ und ,Die Reifeprüfung‘ waren ganz in Ordnung“, meint er trocken, „aber ich habe auch viel Mist gemacht. Mit dem könnte man locker einen Kartoffelacker so groß wie ein Fussballfeld düngen. Aber letztlich ist das alles doch nichts. Was wirklich zählt, ist ein erfülltes, glückliches Leben.“
„Könnte morgens Bäume ausreißen“
Dustin Hoffman ist – nach einer Krebserkrankung und einer erfolgreichen Operation – schon seit Jahren wieder ganz gesund. Mit seiner Frau lebt er zurückgezogen in den Hollywood Hills. Ab und zu zieht es ihn aber wieder vor die Kamera. So gehörte er zum Beispiel zum Starensemble von Francis Ford Coppolas Alterswerk „Megalopolis“ (2024). In seinem neuen Film „The Piano Tuner“ ist er der Mentor eines jungen Klavierspielers. Und da ist Dustin Hoffman in seinem Element. Denn es macht ihm auch heute noch „große Freude, Jazz zu spielen – in meiner beschränkten Art und Weise eben. Besonders gerne improvisiere ich. Improvisieren bedeutet ja nicht, dass jeder das macht, was ihm gerade einfällt. Sondern man improvisiert in einem vorgegebenen Rahmen und im Zusammenspiel mit den anderen. Wie sagte Miles Davis so treffend: ‚Spiel‘ nicht, was da ist. Sondern das, was nicht da ist!‘“
Wenn er auf sein Leben zurückblickt, macht er das mit viel Humor: „Ich bin 88 Jahre alt. Und ich habe den leisen Verdacht, dass ich die meiste Zeit meines Lebens bereits hinter mir habe. Ich fühle mich aber zum Glück immer noch sehr vital, stehe jeden Morgen auf und könnte Bäume ausreißen. Solange das so bleibt, sehe ich der Zukunft sehr neugierig und freudig entgegen. Vor dem Sterben habe ich keine Angst. Im Gegenteil: Ich wäre stinksauer, wenn ich nicht sterben würde. Ewig zu leben – so etwas schürt doch nur Neid. Und wenn es mich eines fernen Tages erwischt, dann sage ich mir: Dustin, du hast viel mehr schöne und glückliche Tage in deinem Leben gehabt als schlechte und unglückliche. Du bist also eindeutig im Plus.“