Rolls-Royce erfindet sich immer wieder neu und geht mit der Zeit. Der Rolls-Royce Spectre ist das erste E-Auto der Marke. Wir haben den Wagen getestet – aus der Sicht des Beifahrers.
Da steht er auf dem Hof von Rolls-Royce und wartet nur darauf, von uns abgeholt zu werden – der Rolls-Royce Spectre, das Coupé von Rolls-Royce. Der erste Rolls-Royce, der voll elektrisch fährt. Beim Fahren herrscht eine Ruhe, als säße man in einer Sänfte. Kein brummender Motor, der die sonst üblichen zwölf Zylinder zur Verfügung stellt. Dennoch ist er flott unterwegs, auch an der Ladesäule. Bei unserem ersten Ladestopp haben wir zwar noch 50 Prozent Akkuleistung, dennoch machen wir den Test. In nur sechs Minuten sind wir bei 80 Prozent Leistung.
Melange aus Eleganz und Progressivität
Aber von vorne. Unser Testwagen hat eine Farbe, die wir nicht so genau definieren können. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, sie ist faszinierend schön. Aus einem Blickwinkel erscheint sie uns anthrazit, aus einem anderen dunkelgrün. In jedem Fall mit einem begeisternden Glitzereffekt, als wäre die Oberfläche mit Milliarden von Diamantsplittern überzogen. Aus wieder einem anderen Blickwinkel erscheint der Lack matt glänzend. Wie die Lackierer dieses kleine Wunder zustande gebracht haben, weiß ich nicht. Die eher konservative und zurückhaltende Farbgebung lockert ein leuchtend orangefarbener Streifen an der Seite, knapp unterhalb der Fenster, auf. Eine schöne, moderne Attitude.
Der absolute „Wow-Effekt“ kommt beim Blick ins Innere des Rolls-Royce Spectre. Hier finden wir eine Kombination aus schwarzem Leder und Leder in eben dem genannten Orange-Ton – eine faszinierende Melange aus Eleganz und Progressivität. Rolls-Royce ist längst raus aus der Nische der Luxusautos, die nur von einem Chauffeur gefahren werden können. Einen Rolls-Royce fährt man inzwischen – auch – selbst. Dieses Modell besonders, da es ein Coupé ist. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Vordersitzen, aber auch hinten in der zweiten Reihe lässt es sich zu zweit ganz ausgezeichnet mitreisen. Dennoch liegt die Betonung auf dem Selbstfahren und selbst Freude zu haben, das Gleiten zu genießen. Dieses Auto verleiht dem Fahrer eine gelassene Souveränität, wie mir mein „Chauffeur“ versichert.
Es entkoppelt von Ärgerlichkeiten des normalen Autoalltags, denn man fühlt sich im Rolls-Royce Spectre wohl, in Sitzen, die mehr wie Sessel wirken. Rückenlehne und Sitzfläche lassen sich in unterschiedlichen Bereichen beheizen und belüften. Die Sitze bieten zudem 24 verschiedene Massagemodi und können elektrisch auf die Bedürfnisse jeder einzelnen Person eingestellt werden. Konzertbesuche kann man sich theoretisch auch schenken, wenn man einen Spectre besitzt. Die Musikanlage ist gigantisch gut. Man hat das Gefühl, mitten im Orchester zu sitzen und als Teil der Musikschaffenden dabei zu sein. Auch längere Strecken sind in den Sitzen bequem und ermüdungsfrei.
Jeder Rolls-Royce ist ein Unikat
Die übersichtlichen Bedienelemente sind selbsterklärend und auch für mich als Nicht-Autofahrer schnell zu bedienen. Ein wertvolles Bedienelement ist ein Knopf auf der Mittelkonsole, der dafür sorgt, dass die beiden Portale per Knopfdruck zu schließen sind. Ja, Portale. Anders kann man die beiden riesigen Türen kaum bezeichnen, denn sie sorgen dafür, dass auch die Passagiere auf den hinteren Plätzen komfortabel ein- und aussteigen können. Dies erleichtert zusätzlich eine Funktion, die die Vordersitze nach vorn schiebt, sobald jemand deren Rückenlehne nach vorne klappt. Zurückgeklappt fahren die Sitze in ihre Ausgangsposition zurück. In unserem Test-Spectre erfreuen wir uns zudem an einem Sternenhimmel, über den von Zeit zu Zeit die Sternschnuppen rieseln. Da die Passagiere auf den Vordersitzen davon nicht ganz so viel mitbekommen, hat sich Roll-Royce eine Besonderheit einfallen lassen. Der Sternenhimmel erstreckt sich bis auf die Innenverkleidungen der Türen. So hat auch der Beifahrer in der ersten Reihe etwas davon. Am Holm, der die zweite Sitzreihe von den Türen abgrenzt, ist eine Metallplakette angebracht. Sie enthält eine Seriennummer, Namen der Monteure und viele weitere Angaben, die jeden Rolls-Royce einwandfrei zu einem Unikat machen.
Vom Antrieb bekommen die Insassen gar nichts mit. Zumindest keine Geräusche, denn es ist herrlich ruhig im Inneren dieses traumhaften Coupés. Der Vortrieb hingegen raubt einem den Atem. Eine Anzeige im Armaturenbrett zeigt dem Fahrer, über welche Kapazitäten für die Beschleunigung er noch verfügt. Bei Tempo 110 km/h teilt uns diese mit, dass der Motor eine Leistungsreserve von 95 Prozent hätte. Das bedeutet natürlich nicht, dass der Spectre die Schallmauer durchbrechen könnte, weil die Leistungsreserve mit zunehmender Geschwindigkeit abnimmt. Aber es bedeutet schon, dass ein Überholvorgang in so ziemlich jeder Situation problemlos und angenehm möglich ist. Der Andruck in den Sitz ist bei einem nur teilweise durchgetretenen Gaspedal schon stärker als der beim Start eines Flugzeugs.
Von außen ziert die Front der typische Kühlergrill, wie man ihn von Rolls-Royce kennt. Mit dem Unterschied, dass die Lüftungsschlitze, die Verbrenner-Motoren üblicherweise haben, hier geschlossen sind. Dennoch muss auch dieser Kühlergrill nicht auf eine indirekte Beleuchtung verzichten, die den Wagen bereits in der Dämmerung ganz besonders erscheinen lassen.
Interessant für neue, reiche Käuferschichten
Anders als bei vielen anderen Coupés steigt man in den Rolls-Royce Spectre bequem ein und aus. Das gelingt, weil die Karosserie des Autos relativ hoch ist. Die flachen Fenster verleihen dem Seitenbild eine futuristische Anmutung. Passend zur Höhe des Spectre steht er auf 23-Zoll-Rädern. Der Kofferraum bietet Platz für mindestens zwei große Reisekoffer. Das ist für ein Coupé sehr viel. Von außen betrachtet fließen die Linien des Dachs und der Seite in einem harmonischen Heck zusammen, das durch eine lange Dachlinie beeindruckt. Auf den ersten Blick erinnert mich der Anblick an das Auto von Phantomas, einem Filmhelden meiner Kindheit.
Dank seines klassischen Auftretens sorgt unser Test-Spectre für eine gewisse Distanz zu Menschen, die uns begegnen. Man macht uns auf der Autobahn von selbst Platz. Auch in der Stadt lässt man uns vor – selbst wenn wir eigentlich keine Vorfahrt haben. Bei einem Fotostopp steht unser Coupé unter einem Baum auf einer schmalen Straße zwischen Feldern. Mitten während der Aufnahmen kommt ein Landwirt mit seinem Trecker vorbei und möchte genau dort abbiegen. Also beeilen wir uns, Platz zu machen. Dieser winkt freundlich ab, drückt seine Bewunderung für das schöne Auto aus und steuert über das abgeerntete Feld, um uns die „Mühe“ des Wegfahrens zu ersparen. Das wäre sicherlich nicht bei jedem Auto so geschehen.
Einige Aufnahmen machen wir – standesgemäß – auf dem Gelände eines Golfclubs. Hier stehen ungewöhnlich viele teure Luxuskarossen herum, dennoch begleiten uns selbst hier während der ganzen Zeit interessierte und bewundernde Blicke vieler Anwesender. Ein Rolls-Royce ist einfach etwas ganz Besonderes – im positiven Sinn.
Wir glauben, dass dem Spectre eine große Zukunft gebührt. „Unser“ Rolls-Royce-Händler glaubt dies offenbar auch – vor allem, weil dieses Modell endgültig die klassische Erscheinung von Rolls-Royce aufbricht. Waren Autos der Marke in der Regel bisher dezent lackiert und zurückhaltend in der Farbe, so stehen beim Händler gleich mehrere Spectres in chicem Hellgrau, Kornblumenblau und spannenden Zwei-Farb-Lackierungen. Der Spectre hat das Potenzial, eine neue Käuferschicht für Rolls-Royce zu erschließen. Kunden, die genug Geld haben, denn mit seinem Preis von mehr als einer halben Million Euro reduziert sich die Kundschaft von selbst. Aber in Form und Farbgebung kann er auch jüngere Menschen ansprechen und auch Menschen, die sich mit einem Elektroauto einfach wohler fühlen.