Er war prägender bayerischer Politiker, verpasste knapp das Kanzleramt und verzichtete auf die Kandidatur als Bundespräsident und auf die Präsidentschaft der EU-Kommission. Der 85-Jährige genießt, dass er als „Elder Statesman“ nicht mehr zu allem etwas sagen muss.
Edmund Stoiber lebt heute relativ zurückgezogen im bayerischen Wolfratshausen in einer 1978 erworbenen Doppelhaushälfte. Dennoch engagiert er sich weiterhin politisch und kommentiert mit seiner konservativen Grundüberzeugung das aktuelle Geschehen gelegentlich noch. Nach wie vor gehört für ihn die morgendliche Zeitungslektüre zum Ritual. „Ich habe meinen Tag immer mit dem „Münchner Merkur“ angefangen, mein ganzes Leben lang“, verriet Stoiber 2025 seinem Lieblingsblatt. Danach folgen auf Stoibers täglicher Leseliste „FAZ“, „Handelsblatt“, „Spiegel“ und viele weitere Publikationen.
Sehr ernst nimmt er auch seine Ehrenämter. Schon lange sitzt er zum Beispiel in Aufsichtsgremien von ZDF, der Bayerischen Landesstiftung, der DFL-Stiftung oder ist Beiratsvorsitzender bei ProSiebenSat1. Von vielen Ämtern hat er sich inzwischen getrennt, zuletzt gab er sogar den Vorsitz im Verwaltungsbeirat des FC Bayern München nach 34-jähriger Tätigkeit ab. Wenigstens das Amt des Ehrenvorsitzenden behält der seit über 60 Jahre vereinstreue Fußballfan aber weiterhin bei, weil er von der herausragenden Bedeutung des FCB für Bayern, Deutschland und die gesamte Fußballwelt überzeugt und „unheimlich stolz“ auf seine jahrzehntelange Mitwirkung ist.
Seine Bewunderung für Harry Kane, „der den ganzen Platz verteidigt“, Jamal Musiala, Michael Olise und jetzt auch noch Lennart Karl ist riesengroß und von Trainer Vincent Kompany schwärmt er als „Kommunikationskönig“. Neben dem FC Bayern gehört Stoiber aber nach wie vor auch dem weltweit weniger bedeutenden „Verein gegen betrügerisches Einschenken“ an, damit nicht nur auf dem Oktoberfest die Maß auch weiterhin eine echte Maß bleiben kann. Zu seinen vielen Ehrungen kam als letzte dann 2024 auch noch der Politik-Award für sein Lebenswerk.
Nach seiner politischen Karriere wurde Stoiber 2007 in Brüssel ehrenamtlicher Leiter einer bis 2014 tätigen EU-Arbeitsgruppe zum Bürokratieabbau. Ein Betätigungsfeld, bei dem er dringenden Handlungsbedarf sieht, weil „der Staat heute unendlich viel mehr regelt, als er überhaupt verwalten kann“, sagte er vor zwei Jahren. Er verweist darauf, dass aus 5.000 Baurechts-Regelungen in seiner Amtszeit als bayerischer Innenminister heute 20.000 geworden seien. Allerdings habe das emsige Studieren von Akten bei Stoiber zeitlebens „etwas Lasterhaftes“ gehabt. Oft habe er darüber sogar abends das Zubettgehen vergessen, weil er sich meist viel Arbeit mit nach Hause gebracht hatte.
Gespräche haben Legendenstatus
So manches politische Gespräch fand in seinem Eigenheim statt, und eines hat als „Wolfratshausener Frühstück“ sogar Legendenstatus erreicht. Dabei soll Angela Merkel ihn 2002 überredet haben, an ihrer Stelle und mit ihrer Unterstützung für das Bundeskanzleramt zu kandidieren. Stoiber verpasste dann die Kanzlerschaft, weil seiner geplanten Unions-Koalition mit der FDP knapp eine halbe Million Stimmen fehlte. Seine Wertschätzung für die spätere CDU-Kanzlerin Merkel hielt ihn laut Wolfgang Schäubles Memoiren nicht davon ab, während der Flüchtlingskrise 2015 zu ihrem Sturz zu raten.
Auch wenn Stoiber sich aus der aktuellen Politik zurückgezogen hat, hält er weiter engen Kontakt zur CSU, besucht jeden Parteitag, fast alle Landesvorstandssitzungen und „noch zu viele Wahlveranstaltungen als Redner“. Er gibt allerdings auch zu, dass es ihm heute doch manchmal zu viel werde. Aufgrund der außen- und sicherheitspolitischen Herausforderungen, „wie sie seit Konrad Adenauer kein Kanzler mehr hatte“ und der erforderlichen Neuaufstellung der EU, hält er die mediale Kritik an Kanzler Merz für „kleinkariert und angesichts der bisherigen Uneinigkeit der EU und der leider wachsenden Bedeutungslosigkeit Europas für nicht nachvollziehbar“. Merz habe sich in Europa zu einem „echten Leader und Antreiber“ entwickelt.
Unternimmt gern Spaziergänge
Ansonsten sorgt sich Stoiber darüber, dass die Zunahme von Lügen im Internet den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie stark gefährdet: „Diese stundenlange Beschäftigung in einer eigenen Welt, die Aggressivität, die Rücksichtslosigkeit – auch gegenüber Kindern: Die Gesellschaft ist rauer geworden!“ Obwohl Stoiber sein Anwaltsbüro in München 2021 aufgegeben hat, berät er als Rechtsanwalt gelegentlich noch in „ausgewählten Fällen“.
Gesundheitlich ist er weitgehend stabil, obwohl er „wenig Sport treibe“. Früher spielte er beim BCF Wolfratshausen Fußball und fuhr begeistert Ski: „Heute bin ich dankbar, noch den Berg rauf und wieder runterzukommen.“ Er mache gern mit seiner Frau Spaziergänge durch Wolfratshausen und sei tagsüber auch schon mal bei einem Weißbier im Biergarten zu sehen. Stoiber nimmt Anteil an der Entwicklung seiner neun Enkel zwischen drei und 26 Jahren und freut sich, dass sogar eine seiner Enkelinnen Fußball spielt.