Die Berliner Archenhold-Sternwarte ist die größte und älteste Volkssternwarte Deutschlands. Das 1896 gebaute Fernrohr ist das längste bewegliche Linsenfernrohr der Welt. Das Haus versteht sich als Wissenschaftstheater.
mit Publikum - Foto: Frank-Michael Arndt
Friedrich Simon Archenhold schaut in den Himmel – den ganzen Tag, die ganze Nacht. Das ist für den alten Mann kein Problem, er ist aus Stein. Die Sternwarte, die er 1896 gegründet hat und die 1946 – sieben Jahre nach seinem Tod – nach ihm benannt wurde, hat ihm ein Denkmal gesetzt. Ein paar Meter neben der Büste des Gründungsdirektors ist ein Schild am Zaun, das darauf hinweist, dass dieser „Parkplatz nur für Raumschiffe“ ist.
Nein, sagt Tim Florian Horn, es sei nicht so, dass dieses Angebot ausgiebig genutzt werde. „Sind wir allein im Kosmos?“ Das ist zwar „die große Frage der Menschheitsgeschichte“, sagt Friedrich Simon Archenholds Nachfolger. Aber auf dem Platz vor der Sternwarte wurde sie bisher nicht beantwortet. Tim Florian Horn sitzt im ehemaligen Speisezimmer der Familie Archenhold im Obergeschoss der Sternwarte. Er ist Vorstand der Stiftung Planetarium Berlin und Direktor der Archenhold-Sternwarte und des Zeiss-Großplanetariums.
Die Stiftung versteht sich als „Tor zum Universum, mitten in der Hauptstadt“. Im Juli 2016 hat das Land Berlin darin neben der Archenhold-Sternwarte in Treptow und dem Zeiss-Großplanetarium in der Prenzlauer Allee auch die Wilhelm-Foerster-Sternwarte und das Planetarium am Insulaner vereint. Diese Häuser sind aus Sicht der Stiftung „moderne Brücken zum Kosmos und bilden gemeinsam ein Netzwerk, das technisch und inhaltlich an internationaler Spitze steht und eine essenzielle Größe im Bildungs- und Kulturangebot der Stadt darstellt“.
Wobei die Archenhold-Sternwarte und das Zeiss-Großplanetarium die Einrichtungen sind, über die im Superlativ gesprochen wird. Das Zeiss-Großplanetarium ist „Europas modernstes Wissenschaftstheater“. Es wurde als einer der letzten Repräsentationsbauten der DDR anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins 1987 errichtet. Die Außenkuppel hat 30 Meter Durchmesser, die innere 23 Meter. Ein großer Planetariumssaal mit 307 und ein Kinosaal mit 160 Plätzen bieten Raum für Streifzüge durch die Welt der Astronomie und Wissenschaft.
„Für unseren Ort im Kosmos begeistern“
Die Archenhold-Sternwarte im Treptower Park ist die größte und älteste Volkssternwarte Deutschlands. Ihr Mittelpunkt ist das 1896 gebaute Riesenfernrohr, mit 21 Metern Brennweite das längste bewegliche Linsenfernrohr der Welt. Neben diesem „Großen Refraktor“ zählen auch der historische Einstein-Saal, das Planetarium und ein Museum zur Himmelskunde zum Haus. Im Museum steht Berlins größter Meteorit. Im Hörsaal der Sternwarte hielt Albert Einstein 1915 seinen ersten öffentlichen Vortrag über die Allgemeine Relativitätstheorie.
Diese Tradition will Tim Florian Horn weiterführen. „Wissenschaftstheater, nicht nur Ster-nentheater“, soll die Sternwarte sein. „Wir können hier auch Fotosynthese und Plattentektonik erklären“, sagt er. Als Astronom gehe es ihm natürlich auch immer darum, Menschen „für unseren Ort im Kosmos zu begeistern“, das Ganze „offen, kompetent und aktuell“. Das bedeutet unter anderem, dass im Planetarium kein Film läuft, sondern immer neu berechnete Himmelsbilder gezeigt werden.
An einigen Abenden bietet die Sternwarte an, dass auch Bürgerinnen und Bürger selbst mit dem Spiegelteleskop in den Himmel über Berlin schauen können – tief hinein in den Kosmos. Während die Laien sich den Mond, Sterne, Nebel und andere Galaxien anschauen, erklären ihnen Expertinnen und Experten der Sternwarte nicht nur die Technik, die das inzwischen alles möglich macht, sondern auch das, was da gerade zu sehen ist.
Und es soll gezeigt werden, dass sich Wissenschaft entwickelt. Seit Friedrich Simon Archenhold habe sich einiges getan, erklärt Tim Florian Horn: „Das bekannte Universum ist viel größer geworden – es war damals nicht klar, dass milchige Flecken am Himmel andere Galaxien sind. Die Urknall-Theorie gab es noch nicht.“ Inzwischen sei die Wissenschaft mit immer besseren Teleskopen immer weiter ins All vorgedrungen.
„Die Besucherzahlen der Planetarien in Deutschland werden immer besser“, sagt Tim Florian Horn. Das erklärt er sich so: „Wir sind entstanden aus Sternenstaub, vielleicht schauen wir deshalb, wo da unser Platz ist.“ Klar, die Erde sei im All nur „ein Staubkorn, aber unser Staubkorn“. Und es gebe bei vielen Menschen „einen Forschungsdrang, zu ergründen, woher wir kommen“. Damit verbunden seien auch Fragen wie: „Warum hat die Menschheit Afrika verlassen? Warum ist Christoph Kolumbus aufgebrochen?“ Was also hat die ersten Menschen veranlasst, ihr gewohntes Umfeld zu verlassen? Und warum haben sich die Seefahrer in Gefahr begeben?
Es lohne sich weiterhin, diesem Entdeckerdrang zu folgen, ist Tim Florian Horn überzeugt. Auch deshalb sei es wichtig, Institutionen wie die Sternwarte zu finanzieren. Es gehe dabei für ihn immer darum, „zum Wohle aller zu forschen, nicht um Waffen zu bauen“. Es gehe in der Wissenschaft idealerweise um „Erfindungen, die das Leben besser machen“. Das versucht die Sternwarte mit ihrem Programm zu vermitteln.
„Astrologie ist Aberglaube“
Er verstehe, dass für viele Menschen das Interesse an den Sternen auch etwas mit Sinnsuche zu tun hat – nicht nur im Sinne der großen Fragen: Wo ist unser Platz im Universum? Wo kommen wir her – und wo gehen wir womöglich hin? Dass Menschen im Sterndeuten, also in der Astrologie, Sinn suchen, hält der Mann, der die Sterne schon lange beobachtet, für schräg. „Astrologie ist Aberglaube“, sagt er. „Ganze Königreiche sind untergegangen im Glauben an die Sterndeuter“, fügt er hinzu. Und: „Würde der Himmel zum Beispiel wirklich Finanzdinge voraussagen, wäre ich nicht mehr im öffentlichen Dienst.“
Wobei diese Suche nach Sinn in den Sternen und die Nutzung der Sterne, um Dinge auf der Erde zu klären, nicht neu sind. In der Ausstellung steht unter anderem ein Modell von Stonehenge in England.
Die im Kreis angeordneten und übereinandergelegten Steine gehören zu einer der steinzeitlichen Anlagen, „die mutmaßlich zur Datumsbestimmung durch Beobachtung der Auf- und Untergangsorte der Sonne am Horizont dienten“, wird dazu erklärt. Das Konstrukt ist in mehreren Stufen zwischen 3100 und 2100 v. Chr. gebaut worden. Der Verwendungszweck der Anlage könne sich geändert haben über all die Jahre, sagen die Forscher.
„Nachweisbar ist nur, dass die Hauptachse der Anlage sehr genau auf den Aufgangspunkt der Sonne am Mittsommertag (21. Juni, Sommersonnenwende) ausgerichtet ist“, heißt es in der Ausstellung. Das bedeute, dass zu Sonnenaufgang die Sonnenstrahlen direkt ins Innere der Anlage scheinen. So ließen sich auch andere Daten, etwa die Wintersonnenwende, bestimmen. Womöglich habe die Anlage auch zur Berechnung des Mondlaufs gedient. Rund 120 solcher Anlagen gab es in England, aber: „Nur bei einem Teil von ihnen lässt sich eine astronomische Ausrichtung nachweisen.“
Haben Aliens Wissen in Afrika geteilt?
Noch mysteriöser ist die in der Ausstellung dargestellte „Astronomie der Dogon“. Das Volk der Dogon lebt demnach südlich der Stadt Timbuktu im westlichen Afrika. „Es bewahrt eine Fülle mythologischer Überlieferungen und besitzt auch ein scheinbar rätselhaftes Wissen über den hellsten Stern des Himmels, Sirius“, erklärt die Ausstellung. Das Merkwürdige: Die Dogon betreiben keine astronomische Forschung – können sie auch nicht, denn sie verfügen über keine Fernrohre oder andere wissenschaftliche Instrumente. Aber es gibt Zeichnungen, auf denen Forscher Sirius und seinen Mond erkennen. Woher wissen die Dogon so viele Einzelheiten über Sirius und seinen mit bloßem Auge von der Erde aus unsichtbaren Begleiter?
Die Ausstellungsmacher der Archenhold-Sternwarte vermuten, dass Wissenschaftler, Missionare oder andere Besucher dieses Wissen mit nach Westafrika gebracht haben und es die Dogon so zum Teil ihrer Mythologie und ihrer Riten gemacht haben. Aber dann steht da auf der Museumsinfotafel noch der Satz: „Manche Autoren behaupten, Außerirdische hätten ihnen dieses Wissen gebracht.“ Tim Florian Horn atmet tief durch. Diese Tafel in der Ausstellung ist vor Beginn seiner Amtszeit als Direktor entstanden. Vielleicht, sagt er, haben die Dogon auch nur etwas gezeichnet, das gar nichts mit Sirius zu tun hat – und man interpretiere da zu viel hinein. Aber neugierig macht die Geschichte auf jeden Fall. Der Chef nimmt sie aber in etwa so ernst wie das „Parkplatz nur für Raumschiffe“-Schild am Zaun vor der Sternwarte.