Er war Serienkiller, Batman, ausgemergelter Schlafloser oder speckbäuchiger Kleinkrimineller. Jeder dieser Rollen hat der Brite Christian Bale nicht nur sein Gesicht gegeben – sondern alles, was er hatte. In dem Horror-Musical „The Bride – Es lebe die Braut“ wandelt er jetzt als Frankensteins Monster auf Freiersfüßen.
Christian Bale ist ein Mann, der sich was traut: In der Bestsellerverfilmung von Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ (2000) spielte er den sexbesessenen Serienkiller Patrick Bateman bei seinen Tötungsorgien mit derart überhitztem Furor, dass man tatsächlich fürchten musste, noch im Kinosaal Blutspritzer abzubekommen. Schockierend auch, dass er nach diesen Gore- und Slasher-Eskapaden im Handumdrehen wieder der charismatische Investmentbanker mit dem eisgekühlten Lächeln war. Leonardo DiCaprio war die Rolle wohl doch zu riskant gewesen. Also bekam Bale den Zuschlag. Und für ihn war es der lang ersehnte internationale Durchbruch. Vier Jahre später hungerte sich Christian Bale für die Rolle des Trevor Reznik in „Der Maschinist“ fast zu Tode, wie er später zugab: „Ich habe damals 30 Kilo abgenommen, damit ich den körperlichen Verfall von Trevor glaubhaft darstellen konnte. Ich sah aus wie ein Skelett. Und hatte danach erhebliche gesundheitliche Probleme.“ Und lachend meint er: „So etwas macht man nur einmal im Leben.“
30 Kilo für eine Rolle abgenommen
Im Laufe seiner 40-jährigen Karriere hat sich Christian Bale in seinen Rollen noch sehr oft verwandelt – manchmal fast bis zur Unkenntlichkeit. Man denke nur an den dickbäuchigen Kleinkriminellen mit schlecht sitzendem Toupet in „American Hustle“ (2013) oder an Gorr, den Götterschlächter – eine furchterregende Mischung aus Nosferatu und Lord Voldemort in „Thor: Love and Thunder“ (2022). Für seinen aktuellen Film „The Bride – Es lebe die Braut“ unterzog er sich wieder einer brutalen Maskerade: Während der Dreharbeiten verbrachte er täglich bis zu sechs Stunden in der Maske, um mit Prothesen, Make-up und künstlichen Haaren in Frankensteins Monster verwandelt zu werden. „Das erfordert ein hohes Maß an Stillsitzen. Deshalb habe ich jeden Tag wie ein Irrer geschrien, um auf dem Make-up-Stuhl nicht verrückt zu werden“, verriet Bale dem US-Magazin „Entertainment Weekly“. Metamorphosen eines Hollywood-Schauspielers, der seinen Beruf mit Leidenschaft und Ernst ausübt.
Richtig los mit der Schauspielerei ging es für Christian Bale schon mit 13 Jahren, als Steven Spielberg ihm im Kinohit „Im Reich der Sonne“ (1987) die Hauptrolle gab. Danach stand er plötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Christian Bale erinnert sich: „Das hat mich damals furchtbar belastet. Auf der einen Seite war es natürlich toll, dass ich endlich als Schauspieler arbeiten durfte – das hatte ich mir ja schon immer gewünscht. Auf der anderen Seite brach die Hölle über mich herein. Ich hatte so gut wie kein Privatleben mehr. Die Mädchen in der Schule wollten plötzlich alle mit mir gehen – und die Jungs wollten es mir mal so richtig zeigen und sich ständig mit mir prügeln. Praktisch jeder Fahrrad-Shop in England wollte mich damals bei seiner Eröffnung dabeihaben. Absolut schrecklich! Durch den großen Erfolg des Films wurde ich über Nacht auch zum Alleinversorger der Familie. Es war allen schnell klar, dass ich an einer munter sprudelnden Geldquelle saß, die ich – bitte schön – am Sprudeln halten sollte. Daher kommt wohl auch mein ambivalentes Verhältnis zur Schauspielerei. Wenn ich in einem guten Film mitspiele, ist das der Himmel auf Erden. Bin ich in einem schlechten Film, ist das die reinste Qual.“
Von Wales nach Hollywood
Christian Bale wurde am 30. Januar 1974 in Wales, England, geboren. Sein Vater war Pilot, Unternehmer und Umweltaktivist, seine Mutter arbeitete beim Zirkus als Tänzerin. Zusammen mit seinen drei Schwestern wuchs er in einer betont künstlerischen Atmosphäre auf. Nach der Scheidung seiner Eltern (1991) brach er mit 17 Jahren die Schule ab und zog mit seinem Vater nach Los Angeles. Dort wurde er schnell ein gefragter Filmstar. Er spielte in Filmen wie dem Disney-Musical „Newsies – Die Zeitungsjungen“ (1992), „Betty und ihre Schwestern“ (1994) an der Seite von Winona Ryder, war in Disneys Zeichentrickklassiker „Pocahontas“ (1995) als Sprecher zu hören und stand in „Portrait of a Lady“ (1996) mit Nicole Kidman sowie in „Velvet Goldmine“ (1998) mit Ewan McGregor vor der Kamera.
„Hollywood war für mich anfangs der absolute Overkill. So viele Drogen, Alkohol und schöne Frauen hatte ich vorher noch nie auf einem Haufen gesehen. Es war einfach unfassbar. Ich habe meine Kindheit in England damit verbracht, unter Autobahnbrücken heimlich Joints zu rauchen. Und dann dieses Sündenbabel – einfach herrlich! Doch ich habe schon bald gemerkt, wie hohl diese Art von Leben eigentlich ist. Das Fatale an Ruhm und Reichtum ist in meinen Augen, dass man fast unbeschränkte Möglichkeiten hat, an all das zu kommen, wovon die meisten Männer nur träumen können: Luxusautos, Villen, Jachten, jede Art von Drogen – und nicht zu vergessen die vielen ‚guten Freunde‘ und Frauen, die einem jeden Wunsch von den Augen ablesen. Das kann zum echten Teufelskreis werden. Dieser hedonistische Lebensstil hat mir auf die Dauer nicht gutgetan. Ich habe damals eine Reihe falscher Entscheidungen getroffen und auch in Filmen mitgespielt, auf die ich heute alles andere als stolz bin. Zum Glück hatte ich noch so viel gesunden Menschenverstand übrig, dass ich mich wieder darauf besinnen konnte, was mir wirklich wichtig war.“
Bei dieser Selbstfindung geholfen hat ihm vor allem ein Mensch, nämlich das ehemalige Model Sibi Blazic. Als die beiden sich 1994 kennenlernten, war sie die persönliche Assistentin von Winona Ryder. Im Jahr 2000 läuteten die Hochzeitsglocken. Fünf Jahre später wurde ihre Tochter Emmaline geboren und 2014 kam ihr Sohn Joseph zur Welt. „Sibi zu heiraten, war die beste Entscheidung, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Sie ist schlicht und ergreifend die bezauberndste Frau, der ich jemals begegnet bin. Also habe ich die Gelegenheit damals natürlich beim Schopf gepackt.“ Und mit strahlend blauen Augen fährt er fort: „Ehrlich gesagt: So sehr ich meinen Beruf liebe – an erster Stelle kommt immer meine Familie.“
Doch auch als treu sorgender Vater und Ehemann hat sich Christian Bale noch einen Rest Wildheit bewahrt. „Ich habe einen sehr obsessiven Charakter. Meine Frau meint sogar, ich würde manchmal den Bezug zur Realität verlieren. Und das stimmt. Ich lebe eben gern intensiv – und schnell. Ich teste gern Grenzen aus und überschreite dabei gelegentlich auch ganz bewusst das Limit. Das gilt für mich privat wie beruflich. Ich sage den Leuten zum Beispiel immer meine ehrliche Meinung ins Gesicht. Auch wenn sie unbequem ist. Das ist gerade im Showbusiness nicht weit verbreitet. Da heuchelt man lieber Zustimmung und rammt einem dann das Messer hinterrücks ins Herz. Ich bin auch jemand, der gern deutlich macht, wenn ich etwas mag. Oder nicht mag. Ich kann lieben – und hassen. Ich rede nicht um den heißen Brei herum.“
Mit dieser mutigen Einstellung hat er sich in Hollywood nicht nur Freunde gemacht. Aber sie rief auch Regisseure auf den Plan, die dem Hollywood-Zirkus selbst kritisch gegenüberstehen. Wie den innovativen britischen Filmemacher Christopher Nolan.
Von 2005 bis 2012 spielte Bale dreimal den Dark Knight und revitalisierte so mit Nolan das angestaubte „Batman“-Franchise. Und Bale blieb auch weiter auf Erfolgskurs: 2011 bekam er für seine Darstellung des Box-Trainers Dicky Eklund in „The Fighter“ den Oscar als bester Nebendarsteller. Danach wollte ihn Ridley Scott unbedingt für sein Bibelepos „Exodus: Götter und Könige“ (2014) als Moses haben. Es folgten „Knight of Cups“ (2015) von Terrence Malick an der Seite von Cate Blanchett, das Rennfahrerdrama „Le Mans 66 – Gegen jede Chance“ (2019), in dem Bale als britischer Rennfahrer Ken Miles einmal mehr seine ganze körperliche Energie ausspielte, und der Mystery-Thriller „Amsterdam“ (2022) mit Margot Robbie, um nur einige zu nennen.
„Ich bin immer noch dieselbe Person“
„Ich habe mir oft die Frage gestellt: Da du mittlerweile als Schauspieler alles erreicht hast, was du dir immer so sehnlich gewünscht hast – was kommt jetzt? Ich dachte tatsächlich, ich würde mich durch den Erfolg verändern, aber ich bin immer noch dieselbe Person.“ Er hält kurz inne und fährt fort: „Okay, von außen gesehen habe ich mich sicher verändert, ja sogar stark verbessert. Ich wohne mit meiner Familie in einem schönen Haus mit Garten und Pool. Und ich brauche mir in diesem Leben wohl keine Sorgen mehr ums Geld zu machen. Das ist sicher sehr beruhigend. Aber ich dachte immer, dass mich der Erfolg irgendwie erleuchten würde. Und das ist ganz sicher nicht der Fall. Ich zweifle nach wie vor oft an mir selbst.“ Und mit einem breiten Grinsen setzt er nach: „Eines will ich noch klarstellen: Reichtum verändert den Charakter nicht, sondern verstärkt nur die Anlagen, die man eh schon hat. Im Klartext: Wenn du ein Arschloch bist, bist du dann eben ein noch größeres Arschloch.“
Etwas hat Christian Bale dann doch – seiner Frau zuliebe – aufgegeben. Früher fuhr er nämlich leidenschaftlich gern Motorradrennen. Nach einem Unfall, bei dem ihm eine Fingerspitze abgetrennt wurde, die man aber glücklicherweise wieder annähen konnte, hat er dann mit dem Motorradrennen endgültig aufgehört. „Ich hatte damals noch andere schwerere Verletzungen. Ich habe ein Armgelenk aus Stahl, ein Schlüsselbein aus Titan und meinen linken Arm halten 25 Schrauben zusammen. Ich habe meine Lektion gelernt. Was ich gelegentlich noch mache, sind Motorrad-Ausflüge ins Gelände oder in die Wüste. Aber da fährt man ja viel langsamer. Abgesehen davon verbringe ich nach anstrengenden Dreharbeiten lieber so viel Zeit wie möglich mit meiner Frau und den Kindern. Wir bereisen zusammen die Welt, treffen Verwandte und Freunde oder igeln uns in unserem Zuhause in L.A. ein. Dann gibt es nichts Schöneres, als ohne Plan in den Tag hineinzuleben, am Pool zu relaxen und zusammen zu kochen.“