Ohne Les Paul wäre die E-Gitarre, wie wir sie heute kennen, nicht denkbar. Vor 85 Jahren entwarf der US-Amerikaner den Prototyp der Solidbody-E-Gitarren. Und vor 75 Jahren führte er das berühmte Gibson Les Paul-Modell zur Marktreife. Unser Autor erinnert an einen legendären Musiker und Erfinder.
mit der typischen stark gemaserten Ahorn-Decke - Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com
Kein Instrument hat die moderne Welt so nachhaltig verändert wie die elektrische Gitarre. Ihr Klang hatte die Wucht einer Kulturrevolution. Kaum zu glauben, dass bereits zu Urgroßvaters Zeiten akustische Gitarren erstmals mit elektrischer Verstärkung gespielt wurden. Die Idee, den hohlen Korpus durch einen massiven zu ersetzen, ging ursprünglich von Les Paul aus. Das am 9. Juni 1915 in Waukesha/Wisconsin als Lester William Polfuss geborene Multitalent gehörte laut dem Magazin „Rolling Stone“ zu den 20 besten Gitarristen der Musikgeschichte, er war musikalischer Begleiter von Frank Sinatra, Django Reinhardt und Bing Crosby.
Der Wahl-New-Yorker war aber nicht nur ein früher Virtuose auf der E-Gitarre, er war auch ein technisches Genie. Schon früh machte der Hobbyerfinder die Erfahrung, dass eine elektrische Gitarre eigentlich gar keinen Hohlkörper braucht, und entwarf 1941 den Prototyp aller späteren E-Gitarren mit massivem Korpus, wie sie heute in keiner Band fehlen. Das experimentelle Modell erschuf Paul im Lauf vieler Sonntage in den Räumlichkeiten des Akustikgitarrenherstellers Epiphone. Er wünschte sich ein Instrument, mit dem man einen differenzierten elektrischen Sound ohne jegliche Verzerrungen erzeugen konnte. Ausschließlich die Saiten sollten vibrieren und nicht der akustische Körper, der bis dahin immer mit dem elektrisch verstärkten Ton mitschwang.
Als „Besenstiel mit Pickups“ abgelehnt
Les Paul experimentierte mit verschiedenen Designs, bis er schließlich einen zehn mal zehn Zentimeter dicken Korpus entwickelt hatte, der beim Spielen tatsächlich nicht mehr zitterte. Er nannte ihn scherzhaft „The Log“ (den Holzklotz). Später verschönerte er den schlichten Korpus dieser Semi-Akustikgitarre mit den zwei Hälfen einer auseinandergesägten Epiphone. Am Ende hatte Les Paul wahre Qualität erschaffen: Ein edler Korpus aus Schichten von Ahorn und Mahagoni, ausgeliefert in goldfarbener Lackierung, sattes Gewicht und fetter Klang.
Einen Prototyp stellte er 1946 dem amerikanischen Marktführer Gibson vor. Dennoch lehnte der engstirnige Firmenpräsident Maurice Berlin die Erfindung als ungeheuer unpraktisch ab und nannte sie „einen Besenstil mit Pickups“. Kein Gitarrist würde zwei Instrumente – ein akustisches und ein elektrisches –mit sich herumschleppen wollen. Nur deshalb kam Leo Fender aus Kalifornien seinem kongenialen Konkurrenten aus New York zuvor. Bereits 1948 brachte der ehemalige Rundfunktechniker mit der Fender Broadcaster die erste massengefertigte E-Gitarre mit massivem Korpus auf den Markt. Ursprünglich wollte Leo Fender, dass Les Paul sein Partner werde – damit es die Les-Paul-Fender-Gitarre gibt. In einem Interview von 2009 erinnert sich Paul an diese Episode: „Als er mit dieser Idee auf mich zukam, brachte er eine Gitarre mit und schenkte sie mir. Ich habe sie hier. Und ich dachte mir, wenn ich das mache, dann mit dem größten Unternehmen der Welt: Gibson. Warum sollte ich mich mit jemandem abgeben, der kein Musiker ist – ich sollte zu den Leuten von Gibson gehen. Das tat ich auch, aber die Leute von Gibson lehnten ab und lehnten es bis 1950 immer wieder ab. Dann, im Jahr 1950, riefen sie mich an und sagten: Würden Sie dieses Gerät mitbringen? Wir haben es mitgebracht und strengen Tests unterzogen, bei denen wir verschiedene Modelle miteinander verglichen haben, und sind schließlich zu dem Schluss gekommen: Okay, es ist so weit, es ist Ihr Baby, und lassen Sie sich von niemandem etwas anderes einreden.“
Anfang 1951 besiegeln Les Paul und der neue Boss der Gibson Guitar Corporation, Ted McCarthy, einen Vertrag. Dieser ermöglichte die Herstellung der neuartigen Gitarre unter dem Namen Les Pauls. McCarthy meldete das Patent auf das ganze Instrument an, sein viel stärker involvierter Partner lediglich auf den Saitenhalter. 1952 kam die Gibson Les Paul endlich serienmäßig auf den Markt – mit zwei P-90-Tonabnehmern und zum Verkaufspreis von 225 Dollar. Seitdem wurde sie wegen ihres warmen, druckvollen Sounds zum Lieblingsinstrument von Saitengöttern wie Eric Clapton, Jimmy Page, Jeff Beck, Keith Richards, Paul McCartney oder Eddie van Halen. Kein Geringerer als Jimi Hendrix konsultierte den Klangtüftler Les Paul, als er sein legendäres Electric Lady Studio in New York konstruierte.
Unfall hätte fast Karriere beendet
Der umtriebige Erfinder sorgte sogar mit einer weiteren technischen Revolution für Schwung in der Musikindustrie. Bereits 1947 erfand Les Paul die Mehrspuraufnahmetechnik in seiner zum Studio umgebauten Garage. Bei dem Song „Lover (When You’re Near Me)“ spielte er mit seiner elektrischen Gitarre acht unterschiedliche, übereinandergelegte Parts ein. Zunächst nahm er eine Gitarrenspur auf einer Wachsmatrize auf und anschließend sich selbst – und zwar simultan mit der ersten Spur. Diesen Vorgang wiederholte er so lange, bis er eine Aufnahme mit acht unterschiedlichen Gitarrenparts beisammenhatte. 1957 kaufte Paul sich schließlich den ersten Achtspurrekorder des Herstellers Ampex und setzte damit seine Multitracking-Experimente fort. Sie wurden später Standard einer jeden Studioproduktion und brachten Meisterwerke wie „Sergeant Pepper“ (1967) und „Tubular Bells“ (1973) hervor.
Les Paul war aber auch ein Bandleader und Performer, der alles spielen konnte – von Jazz über Country bis hin zu Pop. Dabei hätte seine musikalische Karriere 1948 beinahe ein jähes Ende gefunden. Während eines Schneesturms in Oklahoma stürzte er mit dem Auto von einer Brücke in einen Fluss. Bei dem Unfall wurden sein rechter Arm und Ellenbogen zertrümmert, zudem brach er sich einige Rippen, die Nase und das Schlüsselbein. Dass es ihm dennoch gelang, weiterhin Musik zu machen, grenzt an ein Wunder. Der begnadete Handwerker und begeisterte Musiker instruierte seinen Chirurgen, ihm einen 90-Grad-Winkel in den zertrümmerten Arm einzusetzen. Dieser ermöglichte es Les Paul später, eine Gitarre zu halten und auf dieser tatsächlich auch wieder zu spielen. Es sollte jedoch eineinhalb Jahre dauern, bis er wieder einigermaßen hergestellt war. Als ob nichts gewesen wäre, nahm er Anfang der 1950er-Jahre gemeinsam mit seiner Frau, der Sängerin Mary Ford, zahlreiche Platten im Achtspurverfahren auf. Mit „How High The Moon“ (1951) und „Vaya Con Dios“ (1953) gelangen dem Duo sogar Nummer-eins-Hits in den USA.
Noch mit 92 Jahren stand er auf Bühnen
Der Siegeszug der elektrischen Gitarre als Herz einer kulturellen Revolution war dank Visionären wie Les Paul nicht mehr aufzuhalten. 1954 entwarf er schließlich die so genannte „Black Beauty“. Die Gitarre mit eingearbeiteten Goldelementen diente als Prototyp für die legendären Les-Paul-Modelle der Firma Gibson und wurde von ihrem Erfinder über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg stets klangtechnisch weiterentwickelt. Der „Urmutter“ der Black Beauty, die als Prototyp für die Les-Paul-Modelle diente, gilt in Fachkreisen sogar als die bedeutendste E-Gitarre, die jemals gebaut wurde. 2015 wurde der Heilige Gral der Saiten-Welt in New York für 335.000 Dollar (damals etwa 277.000 Euro) an einen anonymen Liebhaber versteigert.
Als Les Paul am 12. August 2009 im Alter von 94 Jahren starb, nahm er einen wohlverdienten Platz im Rock-’n’-Roll-Himmel ein. Noch zu Lebzeiten war er in die Rock ’n’ Roll Hall Of Fame in Cleveland aufgenommen worden. Bis zu seinem 92. Lebensjahr stand er trotz fortschreitender Arthritis noch jeden Montag um 20 und um 22 Uhr mit seiner alten Gibson auf der Bühne des Iridium Jazz Club an der Ecke 51. Straße und Broadway. Dort wurde er als der „Wizard von Waukesha“ angekündigt.
In einem seiner letzten Interviews sagte der musikalische Innovator: „Ich bin mir sehr bewusst, dass sich seit der Erfindung der E-Gitarre bis heute so wenig daran geändert hat; es gibt so wenige Veränderungen, wo doch drastische Veränderungen notwendig wären. Wenn wir unsere Köpfe zusammenstecken und über moderne Technologien nachdenken würden, hätten wir viel mehr Vorteile mit der E-Gitarre, als wir derzeit haben. Ich denke, wir stagnieren seit vielen Jahren.“