Wer in der Kindheit missbraucht wurde, leidet oft ein ganzes Leben lang unter den Folgen. Darüber reden kann helfen. Die Organisation Lichtweg.de bietet Opfern online die Möglichkeit, sich mitzuteilen oder sich mit anderen auszutauschen.
Narben auf der Seele: Missbrauch in der Kindheit hinterlässt bei den Betroffenen tiefe Wunden, die oft das ganze Leben lang nicht heilen. Laut Kriminalstatistik wurden im Jahr 2024 in Deutschland jeden Tag durchschnittlich 50 Kinder missbraucht. Wobei die Dunkelziffer vermutlich sehr hoch ist. Zu Übergriffen kommt es an vielen Orten: im Verein, zu Hause, im Schwimmbad, in der Schule. Die Täter nutzen ihre Macht und das natürliche Autoritätsgefälle schamlos aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten der Kinder zu befriedigen. Die „Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ versteht unter sexuellem Missbrauch „jede sexuelle Handlung, die an Mädchen und Jungen gegen ihren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können.“ Viele traumatisierte Betroffene leiden als Erwachsene an Depressionen, Suizidgedanken, Beziehungsstörungen oder Selbsthass. Die gemeinnützige Organisation Lichtweg.de bietet diesen Menschen seit einem Vierteljahrhundert einen sicheren Ort, an dem sie wertgeschätzt werden. Und das unabhängig davon, wie lange die Tat her ist.
„Ich wünsche mir eine endlose Umarmung“
Gegründet wurde die Online-Austauschplattform 2001 von Sandra Kehl. Oft komme der Täter aus dem Familienkreis, erklärt die 47-Jährige. Sie fordert: „Gewalt gegen Kinder muss hart bestraft werden.“ Auch ihre eigene Suche nach Hilfe und die spätere juristische Aufarbeitung waren für die Sulzbacherin, die selbst Betroffene ist, sehr belastend und ernüchternd. „Es war eine fürchterliche Zeit“, erinnert sich Kehl. Da sie sich allein fühlte, suchte sie im Internet nach Unterstützung. Allerdings ohne Erfolg. Deshalb beschloss sie, selbst online Hilfe anzubieten. Der Organisationsname „Lichtweg“ verweist auf die Sehnsucht, aus der Dunkelheit, in der sie damals lebte, wieder ans Licht zu gelangen. Der Weg dorthin ist für viele Betroffene weit. „Die Folgen sexualisierter Gewalt können Betroffene ein Leben lang begleiten“, weiß Sandra Kehl. Das bestätigen die Beiträge im Gästebuch von Lichtweg. „Leider werde ich eines Tages wohl sagen müssen, es war ein furchtbar anstrengendes Leben“, schreibt ein Mitglied, das sich hoffnungslos fühlt. Auch wenn im Laufe der Jahre immer mehr Angebote hinzukamen – bis heute bildet die Online-Selbsthilfe die Hauptsäule von Lichtweg. Manche Mitglieder wollen nur lesen. Wer das Bedürfnis hat, seine Erfahrungen schriftlich mitzuteilen, kann eigene Beiträge anonym veröffentlichen.
Ob Trauer, Frustration oder Wut – für fast alle Gefühlslagen gibt es eine eigene Kategorie. Selbst geschriebene Gedichte sind ebenso willkommen wie Beiträge, die Mut machen wollen. Natürlich dürfen auch Wünsche geäußert werden. „Ich wünsche mir eine Umarmung, eine endlose Umarmung, ohne dass Finger irgendwohin wandern“, schreibt Nutzerin Daisy. Der direkte Kontakt zwischen den Mitgliedern ist ebenfalls möglich. Wobei jeder selbst entscheidet, ob er angeschrieben werden möchte. Die Anmeldung ist kostenlos. Der erste anonyme Austausch ist für viele Betroffene sehr heilsam. Denn sie können sich öffnen und von den Erfahrungen anderer profitieren. Die Beiträge werden vor der Veröffentlichung geprüft. „Das ist nötig, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass auch grenzverletzende oder ungeeignete Inhalte eingehen“, erklärt Sandra Kehl. Manche Beiträge gehen so sehr ins Detail, dass sie – so ihre langjährige Erfahrung – nicht von Betroffenen, sondern von Tätern verfasst wurden. Technische Hilfsmittel können das Team dabei unterstützen, auffällige Inhalte zu erkennen. Die Namen und Adressen von Tätern dürfen auf der Plattform nicht veröffentlicht werden. Die Mitglieder sind sehr dankbar für das Angebot. „Durch Euch habe ich das erste Mal in meinem Leben erfahren dürfen, was es bedeutet, bedingungslose Hilfe zu bekommen“, schreibt ein User im Gästebuch. Und ein anderes Mitglied betont: „Das hier war immer der Ort, an dem mir Gehör geschenkt wurde, als ich ganz allein war.“
Psychologische Beratung möglich
Sandra Kehl wünscht sich mehr Mitgefühl der Gesellschaft. Noch viel zu oft müssten sich Betroffene rechtfertigen, bedauert sie. Relativierungen oder Verharmlosungen sind unangebracht. Wer Betroffenen empfiehlt, die Vergangenheit ruhen zu lassen, hilft ihnen nicht weiter. Stattdessen, so Kehl, sollten Betroffene das Tabu brechen und über das Erlebte sprechen. Das falle vielen schwer. Weil sie von den Tätern zum Schweigen verdammt wurden. Ihr konkreter Rat an alle Eltern: „Stellt keine Fotos von euren Kindern ins Internet“. Solche Bilder können in falsche Hände geraten, manipuliert und in sexualisierte Zusammenhänge gebracht werden. Neben der Online-Austauschplattform gibt es viele weitere Angebote – von der therapeutisch geleiteten Online-Selbsthilfegruppe über die Pferdetherapie bis zur Traumagruppe, die sich vor Ort trifft.
Als Sandra Kehl eine kunsttherapeutische Gruppe gründen wollte, war die Nachfrage aus der Umgebung gering. „Vielleicht sollte ich es mal online versuchen“, dachte sich die Saarländerin. Denn dann, so ihre Überlegung, stünde das Angebot Betroffenen aus der ganzen Welt offen. Der Plan ging auf, innerhalb weniger Stunden gab es 20 Anmeldungen – unter anderem aus Österreich und der Schweiz. Bei den Online-Treffen hält ein Teilnehmer sein gemaltes oder gebasteltes Werk in die Kamera. Die anderen schauen es sich an – und dann wird darüber gesprochen. Eine psychologische Beratung ist bei Lichtweg ebenfalls möglich. Zudem können Mitglieder Fachbücher ausleihen, die kostenlos per Post versendet werden. Auf der Website stehen auch Gesetzestexte zum Thema Missbrauch. Und im Psychotherapeuten-Netzwerk findet man Fachleute, die Erfahrung in der Arbeit mit Betroffenen haben. Die Hilfsangebote werden gut angenommen, aktuell sind rund 3.900 User angemeldet. Seit dem Start 2001 haben sich insgesamt über 10.700 Menschen registriert. „Viele gehen auch wieder. Und das ist gut so“, sagt Kehl. Sie hofft, dass die ehemaligen Mitglieder dank der Hilfe nun zufriedener leben. Für ihr ehrenamtliches Engagement wurden Sandra Kehl und ihr rund 20-köpfiges Team bereits mehrmals ausgezeichnet. 2021 erhielt Lichtweg den Saarländischen Selbsthilfepreis der gesetzlichen Krankenkassen, und 2025 gewann man den Vereinspreis der Sparkasse Saarbrücken in der Kategorie „Soziales Engagement“.
Seit dem Jahr 2015 ist die Organisation Lichtweg.de eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt). Im Gegensatz zur gemeinnützigen GmbH kann diese Rechtsform bereits mit geringem Stammkapital gegründet werden. Alle Lichtweg-Angebote sind für die Nutzer kostenlos. Die Ausgaben – etwa für die Bezahlung der Kooperationspartner – werden über Spenden gedeckt. Eine wichtige Einnahmequelle sind die Benefizkonzerte, bei denen alle Künstler ohne Gage auftreten. Auch beruflich verbringt Sandra Kehl viele Stunden vor dem Monitor. Die Selbstständige bietet einen IT-Support für Psychotherapeuten an. Die gelernte Programmiererin kümmert sich um die technische Ausstattung und die Software in den Praxen und unterstützt ihre Kunden bei den Abrechnungen mit der Kassenärztlichen Vereinigung. In der Freizeit kommt weitere Bildschirmzeit hinzu, Sandra Kehl entspannt gerne mit Nintendo-Videospielen. Auch beim Klavierspielen und beim Singen kann sie abschalten. Mit der Entwicklung ihrer Hilfsorganisation in den vergangenen 25 Jahren ist sie sehr zufrieden. „Wir sind gut aufgestellt“, sagt sie. „Und wir entwickeln unsere Angebote weiter, wenn Betroffene etwas brauchen.“ Als Zukunftsideen nennt sie eine Sport- oder Wandergruppe. Auch ein Podcast ist denkbar.