Franziska Koch sorgt im Radrennsport mit ihrer mentalen Stärke und ihren spektakulären Angriffen für Furore. Der historische Triumph bei Paris-Roubaix macht bei ihr Hunger auf mehr.
Der größte Erfolg in ihrer Karriere brachte Franziska Koch buchstäblich um den Schlaf. Erst um 4.30 Uhr in der Nacht sei sie nach dem Triumph beim Klassiker Paris-Roubaix eingeschlafen, berichtete die deutsche Radrennfahrerin. Vor der Bettruhe stand zunächst die Rückreise zum Elternhaus an, und dort angekommen begann dann das berüchtigte Kopfkino. „Um Mitternacht war ich zu Hause, habe im Bett wach gelegen und mir meinen Sprint noch mal angeguckt“, sagte die 25-Jährige. Was sie dort sah, trieb ihr erneut die Freudentränen ins Gesicht und machte ein schnelles Einschlafen nahezu unmöglich. Zumal sie auch noch zahlreiche Glückwunsch-Nachrichten ungeöffnet auf ihrem Handy sah. „Außerdem habe ich so viele Nachrichten bekommen, das ist unglaublich“, sagte Koch. Dem normalen Sportfan war ihr Name bis April weitestgehend unbekannt, doch der Sieg beim Prestigerennen auf dem berüchtigten Kopfsteinpflaster brachte Koch groß in die Schlagzeilen. „Koch schreibt deutsche Radsport-Geschichte“, ließ der TV-Sender Eurosport auf seiner Internetseite verlauten. Und die ARD-Sportschau berichtete von einem „Meisterstück einer lange Unterschätzten“.
Bis April quasi unbekannt
Koch ist eine gestandene Radfahrerin, die bereits in der achten Saison als Profi unterwegs ist. Sie war schon immer konstant gut – meistens aber eben in der Helferrolle. So wie zuletzt auch wieder bei der Flandern-Rundfahrt, als sie ihrer Teamkollegin bei FDJ United-Suez, der Niederländerin Demi Vollering, zum Sieg verhalf. Kurz vor dem Ziel hatte die deutsche Straßenradmeisterin die entscheidende Attacke am Oude Kwaremont eingeleitet, von der am Ende Vollering profitierte. Die dreimalige Flandern-Siegerin Lotte Kopecky wurde so abgehängt. Koch rollte als Zehnte über die Ziellinie –
und war damit super zufrieden. Ähnliches spielte sich beim Traditionsrennen „Pfeil von Braband“ ab, als Koch für ihre sprintstarke Teamkollegin Célia Gery mit einer Attacke 28 Kilometer vor dem Ziel das Peloton entscheidend ausdünnen konnte. „Ich bin froh, dass ich es durchziehen konnte. Meine Teamkolleginnen um Franzi Koch haben so eine fantastische Hilfe geleistet“, sagte Siegerin Gery hinterher dankbar.
Innerhalb des französischen Teams wissen alle, wie gut Franziska Koch ist – und jetzt weiß es auch die breite Öffentlichkeit. Denn spätestens mit ihrem Triumph bei Paris-Roubaix hat sich die in Mettmann geborene Sportlerin einen Namen gemacht. „Vielleicht ist sie der breiten Öffentlichkeit noch kein großer Name“, sagte die zweimalige Olympiasiegerin Marianne Vos: „Ich war nicht überrascht. Sie ist sehr, sehr stark.“ Und das zeigte Koch eindrucksvoll bei Paris-Roubaix über 144 Kilometer mit zahlreichen Kopfsteinpflaster-Passagen. Plötzlich legte sie die Helferrolle ab und wurde selbst zur Heldin. Fast das gesamte Rennen war die Olympia-Teilnehmerin 2024 im Attacke-Modus unterwegs. Vier Kilometer vor dem Ziel überraschte sie in der Spitzengruppe ihre zwei Rivalinnen, die das Tempo der Deutschen nur mit Mühe mitgehen konnten. Beim Showdown im Sprint hatte Koch aber die schnelleren Beine. „Es ist wie ein Traum“, sagte die erste deutsche Gewinnerin des Prestigerennens hinterher: „Ich wollte auf jeden Fall schon immer einen Pflasterstein mit nach Hause nehmen.“ Sie konnte kaum glauben, was für ein Coup ihr in Frankreich gelang. Dabei hatte sie insgeheim schon mit einem solchen Husarenritt geliebäugelt. „Ich wusste, dass mir dieses Rennen liegt, seit ich vor fünf Jahren Siebte wurde“, verriet sie: „Seitdem habe ich davon geträumt, hier zu gewinnen.“
Paris-Roubaix wird zwar erst seit 2021 bei den Frauen ausgetragen, doch durch die Historie der Männer-Rennen hat der Wettbewerb geschlechtsübergreifend einen enormen Stellenwert. Wer hier gewinnt, ist im Radrennsport eine große Nummer. In diesem Jahr bekamen die Frauen zumindest an der Strecke mehr Aufmerksamkeit, weil sie am selben Tag wie die Männer starteten. Und so trug sich zuerst der Belgier Wout van Aert nach einem erbittert geführten Duell mit Ausnahmekönner Tadej Pogačar aus Slowenien in die Siegerlisten ein, rund zwei Stunden später folgte Koch. „Es war auf jeden Fall einiges mehr an Zuschauern da, vor allem in den Kopfsteinsektoren, zum Finale hin. Das hat man schon deutlich gemerkt“, berichtete Koch. Sie ärgerte sich aber auch ein wenig über die nur kurze Fernsehübertragung vom Frauen-Rennen, denn die TV-Macher konzentrierten sich auf den packenden Zweikampf von van Aert und Pogačar.
Zeitgleiche Ansetzung
„Es hat also Vorteile und Nachteile“, bilanzierte Koch die zeitgleiche Ansetzung: „Es wäre schon schöner, wenn man das ganze Rennen im Fernsehen sehen könnte.“ Sie plädiert für getrennte Rennen am selben Wochenende. Samstag die Frauen, Sonntag die Männer. Das würde für mehr Wertschätzung auf beiden Seiten sorgen. „Ein Mensch kann ja nur eine gewisse Anzahl von Informationen an einem Tag aufnehmen. Und wie soll man Paris-Roubaix von den Männern, wo so viel passiert, und von den Frauen, wo auch so viel passieren kann, gleichzeitig wahrnehmen und anerkennen?“, sagte Koch. Ihr Vorschlag hat aber auch einen sehr persönlichen Hintergrund: „Dann kann ich auch meinem Freund zuschauen. Jetzt konnte ich nur den Anfang des Männerrennens sehen. Dann musste ich selber los.“ Koch ist mit Riley Pickrell liiert, der Kanadier fährt für das Team Modern Adventure Pro Cycling. Der 24-Jährige konnte Paris-Roubaix in diesem Jahr nicht beenden, ein Sturz und mehrere Defekte sorgten für reichlich Frust. Seine Freundin erlebte dagegen den schönsten Tag ihrer sportlichen Karriere – wie hat das Paar diesen krassen Unterschied emotional verarbeitet? „Er hat sich sehr, sehr, sehr für mich gefreut. Ich denke, das teilen wir dann“, erzählte Koch. Schmunzelnd fügte sie an: „Ich würde sagen, er hatte für mich Pech mit übernommen.“
Aktuell schwimmt Koch förmlich im Glück. Privat hat sie in Spanien eine neue Wahlheimat gefunden, dort lässt sich auch ganzjährig besser trainieren als in Deutschland. Und Koch hat das Pensum noch mal angezogen, denn sie hat noch viel vor. „Ich will jetzt auch keine Party oder Pause machen – ich habe hart gearbeitet, um auf dieses Level zu kommen, das ich jetzt habe“, sagte sie angriffslustig: „Jetzt ist Spielzeit – ich will Rennen fahren.“ Schon im Vorjahr habe sie eine sehr gute Form bewiesen und die Konkurrentinnen auf sich aufmerksam gemacht, „aber es ist doch schön, wenn ich sie jetzt überraschen konnte“. Die bei Paris-Roubaix drittplatzierte Pauline Ferrand-Prévot war in jedem Fall von einer Sache überrascht. „Ich wusste, wie stark sie zuletzt war. Aber ich wusste nichts über ihre Sprint-Fähigkeiten“, sagte die Französin: „Aber jetzt weiß ich es für das nächste Mal.“ Ferrand-Prévot bezeichnete ihre deutsche Konkurrentin in dem Zusammenhang auch als „veritables Monster“ – was ein lieb gemeintes Kompliment war und von vielen deutschen und internationalen Medien in der Berichterstattung über Koch übernommen wurde.
In großer Hektik Ruhe bewahren
Das eher ungewöhnliche Kompliment der Tour-de-France-Gewinnerin nahm Koch mit Humor. „Ich würde sagen, ich bin immer noch die liebe Franzi und kein Monster“, sagte sie: „Aber es ist sehr schön, die Anerkennung von den anderen Fahrerinnen zu hören.“ Denn was dahintersteckt: Die deutsche Fahrerin ist mit allen Wassern gewaschen und im Rennen nicht kleinzukriegen. „Ich glaube, meine Qualität ist es, in chaotischen Momenten ruhig zu bleiben“, sagte Koch über ihre vermutlich größte Stärke. Sie wird auch bei der größten Hektik nicht nervös und verliert nur sehr selten den Überblick über das Renngeschehen. „Ich bin gut darin, mich im Feld zu bewegen“, sagte sie: „Und ich habe auch noch die richtige Power, um angreifen zu können.“ Dass sie dann auch noch über gewisse Sprintfähigkeiten verfügt, macht sie erst recht zu einer Spezialistin für die Klassiker-Rennen. Hier kann sie auch ihre Stärken besser ausspielen als bei einer reinen Flachetappe oder im hohen Gebirge. „Die Positionierung zu Beginn ist der Schlüssel, das ist wie ein Krieg“, wählte Koch einen martialischen Vergleich.
Keine Frage: Koch ist mental aktuell eine der stärksten Radrennfahrerinnen. Dazu gehört auch, dass sie ungeachtet der Konkurrenz oder des Streckenprofils stets furchtlos agiert. „Ich glaube, wenn man mit Angst in ein Rennen reingeht, dann wird das nicht funktionieren“, sagte sie: „Meine Mentalität für dieses Rennen ist: Vielleicht gewinne ich das Rennen, und vielleicht breche ich mir ein paar Knochen, aber ja, der Preis lohnt sich!“ Im Prinzip gehe man bei jedem Rennen eine gewisse Gefahr ein, aber das sei eben das Berufsrisiko: „Man darf sich davon nicht abschrecken lassen.“
Zugute kommt ihr auch ihre Erfahrung vom Bahnradsport, den sie bis zum Juniorenalter betrieb und der ihren taktischen Horizont erweiterte. Einen großen Sprung machte Koch mit dem Team-Wechsel in dieser Saison von Picnic PostNL zu FDJ-Suez. „Ich habe andere Teamkollegen, ein anderes Umfeld. Ich habe einen neuen Trainer. Und dieser frische Wind tut mir sehr gut“, sagte Koch. Manchen Menschen mache das Neue und Unbekannte Angst – „mir gibt das noch mal extra Motivation, extra Feuer“. Sie habe beim französischen Team FDJ-Suez von Anfang an sehr viel Rückendeckung und Vertrauen erhalten. Ihr Sportlicher Leiter habe ihr zum Beispiel nach der Flandern-Rundfahrt prophezeit, dass sie bei Paris-Roubaix gewinnen würde. „Ich habe ihn angeguckt und gewusst, er meint es aus tiefem Herzen“, erzählte Koch: „Das macht halt wirklich etwas mit einem.“ Mit dem nun deutlich gestiegenen Selbstvertrauen will die deutsche Athletin die kommenden Aufgaben angehen. Als nächstes großes Ziel steht bei ihr die Vuelta vom 3. bis zum 9. Mai an, die Spanien-Rundfahrt ist für die Wahl-Spanierin etwas ganz Besonderes. Danach geht es in eine kurze Pause. Und dann greift Koch wieder an – so wie es eben ihr Naturell ist.