Sänger, Liedermacher und Schriftsteller Heinz Rudolf Kunze hat festgestellt, dass Musiker sich immer seltener politisch positionieren. Mit uns teilt er seine Gedanken zu Demokratie, Wehrpflicht, Asylpolitik und über die Verantwortung von Künstlern.
Herr Kunze, ihr aktuelles Album heißt „Angebot und Nachfrage“. Welche musikalische Vision hatten Sie im Kopf?
Udo Rinklin hatte die mit mir zusammen. Er ist mein Leib- und Magenproduzent und hat diesmal viel mitkomponiert. Er ist zehn Jahre jünger als ich und machte mit mir eine Art Frischzellenkur. Seine Arbeitsweise tut mir sehr gut, fordert mich heraus und erinnert mich an die ersten Lyric-Jahre.
In dem Lied „Die Angst geht um“ singen Sie über die Furcht, mit seiner Meinung anzuecken. Kennen Sie das aus eigener Erfahrung?
Ich meine damit nicht nur meine ganz spezielle, seltsame Ausnahmearbeit, sondern schon eine gesamtgesellschaftliche Stimmung. Leider glaubt eine mittlerweile nicht zu vernachlässigende Anzahl der Deutschen, sie könnte nicht mehr ungestraft sagen, was sie denkt. Weil sie dann von einer angeblich pseudo-linksgrünen Meinungsdominanz sofort zum Nazi abgestempelt wird. Diese Einbildung führt leider dazu, dass immer mehr Leute die AfD wählen.
Was macht das mit Ihnen?
Ich mache mir schon große Sorgen. Die Demokratie wird von zwei Seiten unter Beschuss genommen, denn es kündigt sich ein Bündnis zwischen der Linken und radikalen Islamisten an. Das macht mich sehr besorgt. Ich glaube nicht, dass Heidi Reichinnek irgendwann Burka tragen möchte.
War es nicht immer die Aufgabe von Rock- und Popmusik, sich in gesellschaftliche Debatten einzumischen, anzuecken und den Hörer herauszufordern – und zwar ohne Kompromisse?
Lange Zeit war dem so. Aber inzwischen ist bei den meisten wohl der Rückzug ins Private angesagt. Schon bei meiner eigenen Generation, den Deutschrockern, höre ich da viel zu wenig klare Kante. Und bei den Jüngeren höre ich gar nichts. Nun gut, wenn man freundlich gesonnen ist, kann man sagen, die Jüngeren haben noch mehr zu verlieren. Die müssen sich anpassen, die dürfen es sich nicht verderben mit den Medien und mit ihren Plattenfirmen. Schade finde ich es trotzdem. Aber wir sind nicht alleine mit dem Problem. Auch in US-Amerika lässt man Bruce Springsteen verdammt alleine mit seinen kritischen Äußerungen. Neil Young poltert noch ein bisschen, aber Bob Dylan sagt gar nichts. Taylor Swift, mit deren Musik ich mich übrigens noch nicht beschäftigt habe, soll sich hingegen klar positioniert haben. Aber insgesamt wäre es Aufgabe einer breiten Künstlergruppe in den USA, Stellung zu beziehen gegen Trumps unberechenbaren Greiseninfantilismus.
In „Wir sind wir“ rufen Sie Deutschland dazu auf, seine Vielfalt zu feiern. Haben Sie das Gefühl, dass unsere Offenheit für Vielfalt kleiner geworden ist?
Ja, natürlich. Die Leute graben sich immer mehr in Wagenburgen ein und bellen sich nur noch an, statt miteinander zu reden und sich auszutauschen. Diese Diskussionskultur, die man doch als Grundnahrungsmittel für Demokratie braucht, die gibt es doch kaum noch. Vom herrschaftsfreien Diskurs, von dem Jürgen Habermas in den Sechzigern so schön geschrieben hat, sind wir weit entfernt. Alle reden aneinander vorbei, hören sich gar nicht mehr zu und versuchen nur lauter zu sein als die anderen. Und deswegen ist die Demokratie in Deutschland und eigentlich überall auf der Welt momentan wirklich bedroht und auf dem Rückzug. Und die Ränder werden immer stärker. Immer mehr Menschen sagen: „Ach, vielleicht geht es auch ohne Demokratie.“ Das ist auf jeden Fall sehr erschreckend.
Wollen Sie mit Ihren tiefgründigen Liedern am Ende auch ein bisschen Optimismus verbreiten?
Ich bin alt genug, ich habe schon viele Weltuntergänge prophezeit gehört. Und letzten Endes ging es immer weiter. Mein Restoptimismus, mit dem ich nur dienen kann, sieht folgendermaßen aus: Ich hoffe eben, dass die Generation meiner Kinder und meiner Enkel auf Dinge kommt, auf die wir nicht gekommen sind, um die Probleme der Zukunft zu lösen. Zum Beispiel zu verhindern, dass die Welt wieder so unübersichtlich wird und neue Kriege entstehen. Und diese ganz große Bedrohung: Wohlstand ohne Demokratie, wie es China vorzumachen versucht. Das ist ein ganz gefährliches Modell. Es gibt auch Wohlstand ohne Demokratie. Das ist eine bittere Erkenntnis.
In „Sie sind Migranten“ zeigen Sie Mitgefühl für Geflüchtete. Gibt es da, wo Sie wohnen, viele Geflüchtete, die „unfreiwillig umgepflanzt und aus ihrer Welt verbannt“ wurden?
Auch bei mir in der Wedemark wurden Leute in Sammelunterkünften untergebracht. Als es losging, war ich in vielen Containerdörfern hier in Hannover und habe Musikinstrumente für Asylantenkinder gesammelt. Ich habe also die Lebensumstände in den Bauwagen mit angesehen. Ich weiß, dass das nicht dazu beiträgt, sich entspannt wohlzufühlen in dem Land, in das man kommt. Es wäre also sehr wichtig, dass alles unternommen wird, um diese Leute, wenn sie nun mal hier sind, so schnell wie möglich in Arbeit zu bringen, damit sie sich entfalten und teilnehmen können am Leben. Allerdings müssen sie das auch wollen. Für diejenigen, die sich eingraben, Subkulturen bilden wollen und die deutsche Gesellschaft eigentlich ablehnen, habe ich wenig Verständnis. An die Spielregeln müssen sie sich schon halten.
Auf welche Weise halten uns Migranten den Spiegel vor?
Irgendwo ist jeder Mensch auch sich selbst fremd. Und wenn man dann mit objektiv Fremden konfrontiert wird, sollte das bei einem sensiblen Menschen dazu führen, sich mal selbst zu überprüfen. Was habe ich für Wurzeln? Habe ich vielleicht auch Altvordere, die von woanders hierhergekommen sind? Vielleicht sollte man einfach mal Ahnenforschung betreiben und gucken, wer ist denn nun wirklich reinrassiger Germane? Da bleiben nicht so viele übrig.
Innenminister Alexander Dobrindt hat strengere Grenzkontrollen und Zurückweisungen von Asylsuchenden an der Grenze angeordnet. Wie denken Sie über diese Maßnahme?
Das ist derzeit leider partiell notwendig, denn wenn wir diese verrückten, hippieartigen Positionen der Grünen, der Linken und von Teilen der SPD uns zu eigen machen, landet unser Land innerhalb von zehn Jahren in einem Bürgerkrieg. Weil dann die ärmeren Deutschen instrumentalisiert werden und sich gegen die armen Fremden richten.
Sie warnen vor einem Bürgerkrieg in Deutschland?
Ja. Es ist doch alles eine Frage des sozialen Drucks. Der Dampf unterm Kessel wächst, wenn immer mehr Leuten das Gefühl suggeriert wird, um uns wird sich nicht gekümmert und denen wird alles geschenkt. Deswegen müssen wir die Zuwanderung kontrollieren, regeln und uns auch mal fragen, wer passt denn eigentlich zu uns? Deutschland kann nicht alleine die Welt retten. Wem können wir helfen, der sich hier entfalten, nützlich machen und dazu beitragen kann, dass unsere Gesellschaft weiterkommt? Die Frage ist legitim, finde ich.
Wie könnte Deutschland den Spagat zwischen restriktiver Asylpolitik und gezielter Zuwanderung schaffen?
Auf diesen Spagat kommt es ja an. Das ist natürlich immer ein Eiertanz. Natürlich empfinde ich es als unglaublichen Skandal, die armen Schweine aus Afghanistan im Stich zu lassen, die dort für die Bundeswehr gearbeitet haben und denen deshalb Folter und Tod drohen. Diese Leute nicht rüberzuholen, das geht gar nicht. Die haben auf jeden Fall den Schutz verdient, von dem in dem Lied „Sie sind Migranten“ die Rede ist.
Viele der Migranten in Deutschland sind ja Kriegsflüchtlinge. Mit „Jeder Tote einer zu viel“ haben Sie ein berührendes Antikriegslied geschrieben. Und jetzt wird die Wiedereinführung der Wehrpflicht gefordert.
Die Einführung einer Wehrpflicht auf Knopfdruck bewirkt gar nichts. Wenn man das leider für nötig hält, müsste man erstmal eine Bereitschaft schaffen zur Wehrhaftigkeit. Dass Leute überhaupt einsehen, dass das einen Sinn hat. Und wie man das hinkriegen will, das weiß ich auch nicht. Das ist auf jeden Fall ein echtes Problem. Natürlich möchte ich das meinen Enkeln möglichst ersparen. Auch da bin ich nur ein normaler Zeitgenosse, der ratlos ist. Ich fürchte, wir brauchen das, ja. Die Welt sieht nicht so aus, als ob sie in der nächsten Zeit friedlicher wird.
Erwarten Sie eigentlich, dass Ihr Antikriegslied im Radio gespielt wird?
Ein Antikriegslied? Auf dem Mars vielleicht! Das Radio ist – sagen wir es mal höflich – schwierig geworden. Ich wünschte mir die Situation, wie sie noch Anfang der 80er-Jahre bestanden hat. Da war der NDR zum Beispiel noch ein Radiosender mit einer ganz subjektiven Auswahl von Moderatoren, die ihr Programm selbst bestimmen konnten. In der Vormittagssendung von 9 bis 12 Uhr konnte man hintereinander Deep Purple und Klaus Hoffmann hören. Das gibt es ja alles nicht mehr. Heute ist alles stromlinienförmig glattgebügelt.
Die großen Antikriegslieder heißen „Where Have All the Flowers Gone?”, „Give Peace a Chance“, „Blowin’ in the Wind“ und „Imagine“. Haben diese Protesthymnen wirklich etwas bewirkt?
Nein, natürlich nicht. Aber sie haben zum Ausdruck gebracht, was wir Künstler denken und fühlen und dass wir dagegen sind. Mehr können wir nicht tun. Der Titel des Albums, „Angebot und Nachfrage“, ist meine Mini-Definition von Kunst: Wir Künstler machen ein Angebot, und das enthält eine tiefere Nachfrage. Und dann sind wir natürlich auch angewiesen auf Angebot und Nachfrage.