Wanderer und Alpinisten finden im Nationalpark Berchtesgaden alles, was das Herz begehrt: unberührte Natur, romantische Seen und die wild-romantischen Alpen rund um den Watzmann, einer der höchsten Berge Deutschlands.
Wer ans Meer fährt, beruhigt seine Nerven durch den Blick in die unendliche Weite. Wer nach Berchtesgaden, jenem kleinen Ort im äußersten Südosten Oberbayerns, reist, muss ein unbedingter Liebhaber ehrfurchtgebietender Bergwelt sein. Wie ein fast vergessener Zipfel Deutschlands ist dieser Talkessel von den Berchtesgadener Alpen und in drei Himmelsrichtungen vom österreichischen Bundesland Tirol umschlossen. Hier gibt es weite Almen, glitzernde Seen und liebevoll gepflegte Bauernhöfe. Auch schroffe Felsen, tief eingeschnittene Täler, Gletscherreste und majestätische Gipfel bestimmen das Bild. Nicht erst die ARD-Unterhaltungsserie „Watzmann ermittelt“ hat den 2.713 Meter hohen Berg bekannt gemacht. Schon mit dem beginnenden Tourismus vor gut 150 Jahren faszinierte der höchste Berg der Region und prägte sich nachhaltig auch durch das beeindruckende Gemälde Caspar David Friedrichs in weiten Kreisen ein. Die Legende seiner Entstehung trug gewiss zu seiner Berühmtheit bei. Ein König, seine Frau und ihre zahlreichen Kinder, die ihre Untertanen grausam behandelten, erzürnten Gott und zur Strafe wurde diese bösartige Familie bis in alle Ewigkeit in Stein verwandelt. Zu Fels erstarrt hat diese Gipfelgruppe bis heute ihren Schrecken nicht vollkommen verloren. Denn die schroffe und steil abfallende Ostwand des Watzmann in 2.000 Metern Höhe gilt als höchste Wand der Ostalpen. Sie ist schwer zu durchsteigen und die schwierige acht- bis zehnstündige Klettertour ist nur für erfahrene und durchtrainierte Alpinisten zu empfehlen. Seit seiner Erstbesteigung 1881 hat das Watzmann-Massiv hundert Menschen das Leben gekostet – eine eindringliche Warnung für leichtsinnige Abenteurer: Sich selbst zu überschätzen, kann gerade in den Bergen ein schlimmes Ende nehmen.
Höchste Wand der Ostalpen
Funde einer ersten Besiedlung dieser Gegend stammen aus der Jungsteinzeit. Fischer und Jäger waren einem harten Überlebenskampf in dieser unwirtlichen Umgebung ausgesetzt. Urkundlich erwähnt wird der Ort Berchtesgaden dann erstmals 1102 n. Chr., als Augustiner Chorherren ein Kloster gründen. Mit dem Bau lassen sie sich allerdings Zeit, 20 Jahre dauert es, bis man in dieser wüsten Gegend mit den ersten Rodungsarbeiten beginnt. Kaiser Barbarossa gewährt schon bald Forsthoheit und Schürffreiheit auf Salz und Metall, sodass ein Marktzentrum und in den nächsten 400 Jahren langsam ein kleines, eigenständiges Fürstentum entsteht. Mal gehört es zu Österreich, kurze Zeit zum napoleonischen Frankreich, bis es ab 1810 dem Königreich Bayern zugeschlagen wird, deren Herrscher Berchtesgaden gerne als Sommerresidenz nutzen.
Mit der Anbindung an das Eisenbahnnetz knapp 80 Jahre später ist endgültig die Zeit des Tourismus angebrochen. Sind es anfangs eher wohlhabende Reisende, so lernen mit der Zeit auch immer mehr ganz „normale“ Menschen den Erholungswert dieser besonderen Bergwelt schätzen. Die frische Bergluft, die weitgehend unberührte Natur, die gemütliche Altstadt mit ihren bunt bemalten Häusern und auch die rustikal herzhafte Küche Oberbayerns finden schnell und in wachsender Zahl ihre treuen Anhänger. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Wer sich einen ersten Eindruck über den Ort und die Gegend verschaffen will, dem sei zunächst der Gipfel des Jenner empfohlen, jenes 1.874 Meter hohen Hausbergs, der in luftiger Höhe einen beeindruckenden Rundblick bietet. Eine Seilbahn mit geschlossenen Kabinen fährt zügig hinauf und nach knapp 20 Minuten leichten Fußwegs erreicht man den optimalen Aussichtspunkt knapp unter dem Gipfelkreuz. Wie alle Natur den Menschen demütig werden lassen sollte, so ist doch die Bergwelt dazu am ehesten geeignet. So oft man hinab schaut auf den Ort Berchtesgaden und die ringsherum verstreuten Nachbardörfer, so magisch angezogen fühlt sich der Besucher doch immer wieder von dem Blick auf die schneebedeckten Gipfel des Watzmann und die Tiroler Alpen im Hintergrund.
Aufmerksamer und genauer hinzuschauen, das lehren mitunter freundliche Mitarbeiter des Nationalparks Berchtesgaden. Unweit des Seilbahnausgangs bieten sie Interessierten einen Blick durch ihr extrastarkes Fernglas an, und mit etwas Glück kann tatsächlich eine Gruppe Gämsen in benachbarter Felswand beobachtet werden. Vom Jenner-Gipfel kann man nun auf verschiedensten Routen den Abstieg ins Tal wagen, vorausgesetzt, man ist halbwegs gut zu Fuß. Die ausgeschilderten Wanderwege versprechen abwechslungsreiche Aussichten, bieten ausreichend Bänke und Ruheplätze und bereichern auf unterschiedlichen Höhen die ersten Eindrücke vom Gipfel des Jenner. Festes Schuhwerk, gute Kondition und abstützende Wanderstöcke sind hier von Vorteil. Die Wanderzeiten für die angegeben Distanzen sind eher zu knapp bemessen oder nur für besonders sportliche Wanderer gedacht.
Der Königssee schillert in Grüntönen
Tief unterhalb der Watzmann-Gruppe funkelt im Sonnenlicht das smaragdgrüne Wasser des acht Kilometer langen und 1.250 Meter breiten Königssees. Zusammen mit der an einem der einsamen Ufer gelegenen Wallfahrtskirche St. Bartholomä ist der See das Postkartenmotiv Nummer eins für jeden Touristen. Malerischer bis an die Grenze des Kitsches geht es kaum, aber natürlich ist es wirklich schön. Die Wallfahrtskirche, schon von Weitem an ihrer roten Zwiebelturm-Silhouette erkennbar, stammt in ihrer heutigen Gestalt als dem 17. Jahrhundert. An dieser Stelle des Sees kann das Ausflugsboot für einen kleinen Rundgang verlassen werden. Es gibt neben dem Königssee kein zweites Gewässer dieser Art in Deutschland. Gespeist durch unterirdische Zuflüsse erreicht der sauberste See unseres Landes die tiefste Stelle bei 190 Meter. Seine in verschiedenen Grüntönen schillernde Farbe rührt von gelösten Kalkteilchen her, an denen sich das Sonnenlicht bricht. Die Fahrt über den See mit einem der zahlreichen Elektroboote ist ein unvergessliches Erlebnis. Zwar muss man sich zuvor bis zur Anlegestelle durch eine etwas aufdringliche Touristenmeile mit Souvenir- und Krimskrams-Läden schlängeln, aber kaum hat das Boot abgelegt, umfängt einen auf dem Wasser durchdringende Stille und die ganze Erhabenheit natürlicher Schöpfung. Fast wähnt man sich auf einem einsamen norwegischen Fjord. Die steilen Wände entlang des Ufers erweisen sich als natürlicher Vorteil. Eine vollständige Umrundung des Sees ist dadurch Gott sei Dank unmöglich, sodass die Abgeschiedenheit und Stille über dem See erhalten bleibt. Es sei denn, der Bootsführer – und dies geschieht bei jeder Fahrt und ohne ausdrücklichen Wunsch der Passagiere – greift zum Flügelhorn und schmettert eine Melodie gegen eine der Felswände, die das berühmte Echo mehrfach wiedergeben. Am Ende des Sees kann man auf einem Fußweg den kleineren und überaus idyllischen Obersee sowie die Fischunkelalm und den spektakulären Röthbach-Wasserfall erreichen.
Nun war Berchtesgaden lange Zeit nicht nur für Bergfreunde und Alpinisten eine Reise wert, auch an der Geschichte der Nationalsozialisten Interessierte pilgerten dorthin. Im Obersalzberg, früher Sperrgebiet, erholte sich die herrschende Clique der Nazibande und der Führer empfing ausländische Gäste, Diplomaten und Staatsmänner. Schon 1932 nahm Hitler an seinem Lieblingsort die Parade von 3.000 bayrischen und 3.000 österreichischen SA-Männern ab und hier gab die NSDAP den Ton an. Rund um das „Eagle’s Nest“ war neben Berlin ein weiteres Zentrum der NS-Macht entstanden, das erst mit dem Einmarsch der US-Truppen zerschlagen wurde. Doch noch viele Jahre später vertrieb man im Umfeld des Obersalzbergs idyllischen NS-Kitsch, bis – gegen den anfänglichen Widerstand von Lokalpolitikern – in den 90er-Jahren der Plan für ein Dokumentationszentrum reifte. Es wurde 1999 eröffnet und besticht durch seine sachliche und eindringliche Darstellung der Fakten und der Geschichte der NS-Verbrechen. Ein lohnendes Ziel, das vom Ort aus mit der Obersalzbergbahn leicht zu erreichen ist und von dem aus ein Besuch des auf 1.834 Metern gelegenen Kehlsteinhauses zu empfehlen ist. Hier bietet sich einer der besten Blicke über das Berchtesgadener Land bis tief in die Alpen und zum Großglockner.
Steinadler, Gämsen und Murmeltiere leben hier
Auf keinen Fall sollte man Berchtesgaden ohne einen Ausflug in den Nationalpark verlassen. Er umfasst den Königssee ebenso wie den Watzmann und bietet auf 210 Quadratkilometern ein einmaliges Refugium für selten gewordene Fauna und Flora. Auf drei Vierteln des Gebiets wird die Natur sich vollkommen selbst überlassen, und sie dankt uns die ungestörte Abgeschiedenheit. Wälder altern, Bäume brechen zusammen, wachsen neu, und Steinadler, Gämsen und Murmeltiere können sich wieder ausbreiten. Für eine beschauliche Wanderung bietet sich hier vornehmlich das Klausbachtal an. Auf sanften und gut ausgeschilderten Wegen werden vielfältige Informationen geboten und Mitarbeiter des Nationalparks stehen im Besucherzentrum für Hinweise und Auskünfte gerne bereit.
Besonders wildromantisch erweist sich ein weiterer Rundgang. Am Rande des Hintersees führt ein schmaler, hügeliger Pfad durch den Zauberwald. Riesige Findlinge, verschiedenste Bäume und seltene Pflanzen sowie ein schäumender Gebirgsbach säumen den Weg und spätestens hier fällt die Entscheidung: Berchtesgaden – wir kommen wieder!