Sandro Wagner übernimmt Hannover 96 nach einem Trainerwechsel, der viele Fragen aufwirft. Der neue Coach soll den aktiven Fußball seines Vorgängers weiterentwickeln und die Mannschaft anders erreichen. Für ihn selbst ist es der zweite Anlauf nach dem schnellen Ende in Augsburg.
Sandro Wagner hatte noch kein Training geleitet, da gewann seine neue Mannschaft bereits. Das 2:1 gegen den VfL Bochum am Sonntag gehörte Interimstrainer Lars Barlemann und dessen Spielern. Wagner drückte zu Hause die Daumen und kündigte an, Barlemann habe nun ein Essen bei ihm gut. Die besondere Lage des neuen Trainers: Die Mannschaft hat gerade gezeigt, dass sie gewinnen kann. Wagner muss ihr nun erklären, warum sie trotzdem anders arbeiten soll.
Als Hannover Christian Titz eine Woche zuvor freistellte, standen vier Punkte aus fünf Zweitligaspielen und Tabellenplatz 15 zu Buche. Titz hatte 96 in seiner ersten Saison auf Rang vier geführt, so dicht an den Aufstieg wie seit dem Bundesliga-Abstieg 2019 nicht mehr. Nach der Niederlage in Nürnberg sah Sport-Geschäftsführer Jonas Boldt keine ausreichende Stabilität und Klarheit in den Leistungen. Er sprach von negativen Mustern, die bereits am Ende der Vorsaison sichtbar gewesen seien. Der Trainerwechsel war damit auch eine Entscheidung über die weitere Entwicklung, nicht nur über fünf Ergebnisse.
Erhebliches Risiko für Boldt
Damit übernimmt Boldt selbst ein erhebliches Risiko. Wer einen Trainer nach einem vierten Platz und einem misslungenen Start entlässt, kann die folgenden Probleme nicht allein dessen Arbeit zuschreiben. Der Geschäftsführer hat einen Kader zusammengestellt, der zu einer anspruchsvollen Spielweise passen soll, und sich nun auf Wagner festgelegt. Sein Argument ist, dass die Richtung stimmt, die Mannschaft darin aber nicht mehr verlässlich vorankam. Ob diese Diagnose trägt, lässt sich nur daran messen, ob der Nachfolger mit demselben Personal dauerhaft mehr erreicht.
Der Heimsieg über Bochum verschafft Wagner Luft. Stefán Teitur Thórdarson und Marcel Hartel erzielten die Tore, Torhüter Leo Weinkauf hielt den knappen Vorsprung mit starken Paraden fest. Hannover steht nun auf Rang zehn. Nach sechs Spielen ist das kein Urteil über die Saison. Wagner übernimmt eine Mannschaft mit erkennbaren Qualitäten und dem Problem, sie regelmäßig auf den Platz zu bringen.
Wagner ist 38 Jahre alt und hat bereits eine bewegte Trainerlaufbahn. Mit der SpVgg Unterhaching stieg er aus der Regionalliga in die 3. Liga auf. Danach arbeitete er an der Seite von Bundestrainer Julian Nagelsmann, auch bei der Heim-EM 2024. Beim FC Augsburg sollte er ab Sommer 2025 den nächsten Schritt machen. Anfang Dezember war nach drei Siegen aus zwölf Ligaspielen Schluss. Seine Ideen und seine auffälligen Aussagen hatten Aufmerksamkeit bekommen. Den Nachweis, dass er eine Bundesligamannschaft dauerhaft stabil führen kann, blieb er schuldig.
In Hannover präsentierte er sich am Montag zurückhaltender. Er nannte sich einen Arbeiter, wollte zunächst die Spieler kennenlernen und vermied große Versprechen über einzelne Profis. Ob dahinter eine Lehre aus Augsburg steckt, zeigt erst der Alltag. Ein Trainer muss auch dann zuhören und entscheiden, wenn sein Plan auf Widerstand stößt oder die Ergebnisse ausbleiben. Wagner sagte, bei der Zusammenarbeit gehe es vor allem um Menschen. Boldt erhofft sich ausdrücklich eine andere Ansprache der Mannschaft.
Das bedeutet nicht, dass Wagner leise werden muss. Seine Präsenz kann einer Mannschaft helfen, wenn aus einer klaren Forderung eine ebenso klare Unterstützung wird. In Augsburg wurde jede zugespitzte Aussage über ihn zum eigenen Thema; in Hannover dürfte er daran gemessen werden, ob seine Spieler auf dem Feld gemeinsame Entscheidungen treffen. Zwischen einem Trainer, der überzeugt ist, und einer Mannschaft, die seine Überzeugung teilt, liegt tägliche Arbeit. Der erste Auftritt vor den Kameras kann dafür nur ein Anfang sein.
Ein Freund des Ballbesitzes
Auf dem Platz ist kein radikaler Bruch vorgesehen. Boldt will weiterhin mutigen, aktiven Fußball sehen. Titz hatte Ballbesitz und offensive Ausrichtung zu prägenden Merkmalen gemacht, Wagner schätzt diese Grundlage ebenfalls. „Ballbesitz ist das, was mir gefällt“, sagte er bei seiner Vorstellung. Vieles sei gut bis sehr gut. Wagner muss nun verstehen, welche Abläufe der Mannschaft helfen und welche sie in entscheidenden Momenten bremsen.
Zwei Arbeitsfelder hat Wagner benannt: das Verhalten nach Ballverlust und die Präsenz im gegnerischen Strafraum. Gegenpressing verlangt eine gemeinsame Entscheidung. Wer sofort Druck macht, braucht Mitspieler, die Passwege schließen, und eine Absicherung für den Fall, dass der Gegner sich befreit. Fehlt eines davon, öffnet der Versuch, den Ball rasch zurückzuholen, Raum für einen Konter. Entscheidend sind die Abstände und Reaktionen um den ersten attackierenden Spieler.
Viel Ballbesitz bringt wenig, wenn eine Flanke oder ein Rückpass keinen Abnehmer findet. Wagner will mehr Spieler in torgefährliche Räume bringen. Das verlangt klare Laufwege: Einer greift die Nähe des Tores an, ein anderer bietet sich im Rückraum an, weitere sichern den Angriff. Mehr Personal vorn kann Chancen schaffen, macht die Mannschaft nach Ballverlusten aber verwundbarer. Offensive und Absicherung müssen zusammenpassen.
Wegen der Länderspielpause tritt Hannover erst am 10. Oktober beim 1. FC Magdeburg wieder um Punkte an – dem Verein, von dem Titz 2025 gekommen war. Die Pause hilft Wagner, doch mehrere 96-Profis sind bei ihren Nationalteams. Er kann mit den Anwesenden arbeiten, nicht aber jeden Ablauf sofort mit der voraussichtlichen Startelf einstudieren. In Magdeburg wird er erstmals in der Liga an der Seitenlinie stehen. Dann muss aus den Erkenntnissen der ersten gemeinsamen Wochen ein Plan für Punkte werden.
Bei Wagners erster Einheit sahen rund 500 Fans zu; nach Passübungen folgten intensive Spielformen. Als weiteren Co-Trainer holte er Can Ünal aus dem Nachwuchs des FC Bayern München. Levent Sürme und Clemens Döring bleiben im Trainerteam. Ünal ist 28 und passt zu Wagners Wunsch, Profis und Akademie enger zu verbinden. Junge Spieler brauchen auch in einem Verein mit Aufstiegsziel eine erkennbare Perspektive.
Laut „Bild“-Zeitung bietet Wagner nach den Einheiten zusätzliche Stationen für individuelle Arbeit an, intern „Buffet“ genannt. Trainingsinhalte sollen auch auf Bildschirmen und per Video verfügbar sein. Das kann helfen, wenn aus einem allgemeinen Anspruch eine konkrete Aufgabe für jeden Spieler wird. Auf dem Platz muss er dennoch in Sekunden entscheiden, wann er ins Pressing geht, welchen Laufweg er anbietet und wer hinter ihm absichert. Dafür braucht es gemeinsame Übung und klare Rückmeldungen.
Die Spielidee weiterführen
Wagner übernimmt Titz‘ Kader und viel von dessen fußballerischer Vorarbeit. Boldt sagte nach dem Bochum-Spiel, die aktive Spielweise habe gut gepasst; zuletzt habe Titz die Spieler möglicherweise nicht mehr in gleichem Maß erreicht. Das ist die Einschätzung des Geschäftsführers, kein Beweis für eine gescheiterte Beziehung zwischen Trainer und Mannschaft. Wagners Auftrag ist klar: Er soll die Spielidee weiterführen und im Umgang mit den Spielern einen neuen Zugang finden.
Hannover spielt im achten Jahr nacheinander zweitklassig. Der Club hat ein großes Stadion, viele Zuschauer und will wieder oben angreifen. Wagner unterschrieb bis 2028. Bei seiner Vorstellung sagte er, Druck oder Last verspüre er nicht. Boldt sucht einen Trainer, der die Aufgabe als Chance begreift. Die nächsten Wochen verlangen von beiden, Anspruch mit Geduld zu verbinden: Der Manager muss Entwicklung zulassen, der Trainer darf Geduld nicht als Ersatz für Ergebnisse benutzen.
Vielleicht ist das die eigentliche Probe nach Augsburg. Wagner muss seine Überzeugung vom offensiven Fußball nicht ablegen. Er muss sie so übersetzen, dass die Spieler ihr folgen können und dass sie auch gegen Widerstände trägt. Der Bochum-Sieg hat ihm einen freundlichen Empfang bereitet. Ob daraus ein neuer Weg für Hannover 96 wird, entscheidet sich in den Wochen nach dem ersten Applaus: bei Ballverlusten, im gegnerischen Strafraum und in den Gesprächen mit einer Mannschaft, die schon vor seiner Ankunft gezeigt hat, was in ihr steckt.