Seit 36 Jahren ist sie Geschichte: die Deutsche Demokratische Republik. In Berlin ist sie an vielen Orten und in vielen Facetten noch präsent – man schwankt zwischen nostalgischen Erinnerungen und historischer Aufarbeitung.
Seit dem 3. Oktober 1990 ist die DDR Geschichte. Nach 41 Jahren hieß es: „Es war einmal …“ Was da war, darüber gibt es viele Geschichten, viele Dokumentationen, viele Gerüchte. Wer nicht dort gelebt hat, wird sich womöglich wundern, wie unterschiedlich die Erinnerungen derer sind, die Bürgerinnen und Bürger der Deutschen Demokratischen Republik waren. „Es war einmal ein Land, und ich hab dort gelebt. Wenn man mich fragt, wie es war: Es war die schönste Zeit meines Lebens, denn ich war jung und verliebt.“ So lässt der in der DDR aufgewachsene Regisseur Leander Haußmann seinen Protagonisten Micha Ehrenreich im Film „Sonnenallee“ sagen. Der Film über eine Jugend in der DDR der 70er-Jahre entstand nach dem Roman „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ des Ost-Berliner Autors Thomas Brussig.
Rahmgulasch und Eisbein für 3,25 Mark
Die Mauer, die die Sonnenallee in zwei Teile trennt, ist in dieser Geschichte nur eine Kulisse. In der Wirklichkeit vieler Bürgerinnen und Bürger der DDR war sie ein Symbol des „Systems aus Gewalt und Drohung, Belohnung und Bevorzugung“. So wird das Wesen dieses eingemauerten Staates im Stasimuseum beschrieben. „Der Einzelne sollte zu Anpassung, Unterwerfung und, wo möglich, zur Mitarbeit innerhalb der SED-Diktatur erzogen werden. Die SED hatte dabei uneingeschränkten Zugriff auf nahezu alle Lebensbereiche“, wird da erklärt.
Gibt es nicht die eine Wahrheit? Gibt es nur unterschiedliche Geschichten? Das Museum in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg formuliert es so: „Millionen Menschen, Millionen Alltage!“ In der Ausstellung „Alltag in der DDR“ geht es um die Menschen in der DDR, um ihre Träume und die Herausforderungen. Dafür hat das Museum ein kleines Stück DDR nachgebaut: das Büro einer Volkspolizei-Wache, ein Wohnzimmer, eine Werkbank, einen Kiosk mit einer auf den ersten Blick bunten Auswahl an Zeitungen und Zeitschriften für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Und da stehen ein paar Restaurant-Tische, auf denen Tageskarten liegen, die Einblick ins kulinarische Angebot des Sommers 1988 geben: Rahmgulasch, Rinderbraten oder Eisbein zum Beispiel für jeweils 3,25 Mark, eine Brühe mit Einlage 50 Pfennig – und „fürs Kind“ Milchreis mit Butter, Zucker und Zimt für 1,10 Mark.
Klingt nach einer entspannten Zeit, damals in den 80er-Jahren im Osten. War es aber nicht für alle, erklären die Ausstellungsmacherinnen und Ausstellungsmacher: „Die Deutsche Demokratische Republik hört am 3. Oktober 1990 um 0 Uhr auf, zu existieren. Sie war weder demokratisch, noch war sie eine Republik. Sie war eine Diktatur, in der es keine freien Wahlen, keine Gewaltenteilung und keine Reisefreiheit gab. Millionen Deutsche leben 40 Jahre lang in der DDR – aber wie? Wie funktioniert dieser Staat, in dem ein Brötchen 40 Jahre lang fünf Pfennig kostet, Bananen aber Mangelware sind? Der den höchsten Fernsehturm in Deutschland baut, aber nicht genug Wohnungen für alle? Der die schönsten Märchenfilme dreht, aber kritische Künstler ausbürgert?“
Solchen Fragen geht nicht nur das zur „Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ gehörende und damit staatlich geförderte Museum in Prenzlauer Berg nach. In Mitte, direkt gegenüber dem Berliner Dom, bietet auch das private DDR-Museum „Geschichte zum Anfassen“. Es geht um Bildung, Arbeitsleben, Urlaub, Einkaufen, Sport, Wirtschaft, Umwelt, die Stasi und ihre Überwachungsmethoden. Dazu hat das Museumsteam viele Alltagsgegenstände aus der Zeit zwischen 1949 und 1990 zusammengetragen. Im Kinderzimmer einer nachgebauten DDR-Wohnung sind zum Beispiel die Puppen aus dem Kinderprogramm des DDR-Fernsehens zu sehen: die Maus Mischa, die Ente Schnatterinchen, der Kobold Pittiplatsch, Herr Fuchs und – natürlich – das Sandmännchen.
Erinnerung an Erichs Lampenladen
Und dann, Tür auf: In einem Hängeschrank im Jugendzimmer steht eine Figur von Bruce Springsteen! Die gab es in der DDR natürlich nicht, sie wurde extra für die Ausstellung angefertigt, um auf ein Ereignis hinzuweisen, das vor allem für viele Jugendliche in der DDR zu etwas ganz Besonderem wurde: „Der Boss“ spielte auf seiner Welttournee 1988 auch in Ost-Berlin. Das Konzert am 19. Juli gilt als das meistbesuchte Konzertereignis in der DDR-Geschichte. Rund 160.000 Zuschauer waren zur Radrennbahn Weißensee gekommen. Es gibt Menschen, die überzeugt sind, dass die Wucht dieses Konzertes auch dazu beigetragen hat, dass gut ein Jahr später die Mauer gefallen ist. Für die Ausstellung haben die Museumsbetreiber nicht nur Bruce Springsteen im Kleinformat auf eine Bühne gestellt. Sie haben auch den Palast der Republik als Modell nachbauen lassen. Er stand, als das Museum eröffnet wurde, noch schräg gegenüber. Schrittweise wurde das Gebäude, in dem die DDR-Volkskammer tagte und einige Freizeiteinrichtungen untergebracht waren, dann bis 2008 abgerissen. An seiner Stelle steht heute das neu aufgebaute Stadtschloss. Es wurde im Krieg stark zerstört. Die Ruine wurde zu DDR-Zeiten weggesprengt, um für „Erichs Lampenladen“ Platz zu machen. Warum der Palast der Republik im Volksmund so hieß, zeigt das Museum auch: Über dem Modell hängen im Original einige der Lampen, die das Foyer und das Treppenhaus des Vorzeigegebäudes des Staatsrats- und SED-Parteivorsitzenden Erich Honecker Tag und Nacht beleuchteten.
Wie im Museum in der Kulturbrauerei steht auch im DDR-Museum ein Trabi, also der legendäre Kleinwagen mit Zweitaktmotor und Kunststoffkarosserie, der von 1958 bis zum 30. April 1991 produziert wurde. Während in Prenzlauer Berg gezeigt wird, wie sich der Trabant mit einem Zelt auf dem Dach im Urlaub umbauen ließ, ist der Wagen im Museum in Mitte zum Fahrsimulator geworden. Wem das nicht reicht: Interessierte können in Berlin auch noch funktionierende Trabis ausleihen. Für den Trip mit dem Miet-Trabi werden geführte Touren im Konvoi angeboten, Mutigere können auf eigene Faust losfahren. Wer ganz genau wissen will, wie das mit dem kultigen Gefährt war, der kann im Trabi-Museum in die Tiefe gehen.
Die Stasi-Zentrale ist nun Museum
So schnuckelig wie die niedlichen Autos war die DDR insgesamt allerdings nicht. Daran wird spätestens beim Betreten der Eingangshalle von Haus eins der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR in der Normannenstraße erinnert. Das Gebäude entstand als Teil eines großen Geheimdienstkomplexes 1960/61 als Dienstsitz von Erich Mielke. Er war von 1957 bis November 1989 Minister für Staatssicherheit, also der oberste Chef der Stasi, die sich als „Schwert und Schild der Partei“ verstand.
In Haus eins ist das repräsentative Büro des Ministers zu sehen, dem protzige Konferenzräume angeschlossen sind. Im Vergleich dazu wirken Mielkes Privaträume dort erstaunlich schlicht. Eine Ausstellung zeigt aber auch, wie die Stasi arbeitete: Mithilfe Inoffizieller Mitarbeitern (IM) sorgte sie dafür, dass Teile der Bevölkerung sich gegenseitig bespitzelten – und vor allem jene Menschen ins Visier nahmen, die sich unzufrieden zeigten. Es wird dargestellt, wie die Stasi sich teilweise unbemerkt ins Leben der Menschen schlich, Menschen zermürbte, sie gegeneinander ausspielte, Druck auf sie ausübte – und sogar manchmal auch offene Gewalt anwendete.
Für diejenigen, die mehr aushalten und sich auch mehr zumuten wollen, als im Stasi-Hauptquartier gezeigt wird, empfiehlt sich danach ein Besuch in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, einem ehemaligen Stasi-Gefängnis. Der Rundgang durch die ehemalige Haftanstalt ist allerdings nur im Rahmen einer Führung möglich. Diese übernehmen ehemals politisch Inhaftierte und Historikerinnen und Historiker.
Abschiednehmen im Tränenpalast
„Tränen und Sehnsucht, Wut und Verzweiflung, Hoffnung und Angst“ – davon erzählt auch der Tränenpalast. So wurde die Abfertigungshalle am Bahnhof Friedrichstraße genannt. „An wenigen Grenzübergängen können die Menschen vom einen in den anderen Teil der Stadt gelangen. Der Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße liegt mitten in Berlin, hier passieren Hunderte Reisende täglich die Grenze mit dem Zug, der S-Bahn oder der U-Bahn. Vor der kleinen Ausreisehalle mit den großen Fenstern und dem Flachdach ereignen sich emotionale Szenen: Die Ostdeutschen verabschieden sich hier von ihren Verwandten und Freunden, die zurück in den Westen kehren oder die DDR für immer verlassen. Durch diese Halle müssen sie durch, um in den Westen zu kommen. Es sind schmerzliche Abschiede, denn man weiß nicht, wann man sich wiedersehen wird. Es fließen viele Tränen – im Tränenpalast“, beschreiben die Ausstellungsmacher die Zeit, in der das Gebäude ein „Ort der deutschen Teilung“ war. In der Halle, die zwischenzeitlich für Kulturveranstaltungen genutzt wurde, ist eine Original-Passkontrollkabine aufgebaut. Außerdem gibt es Filme mit Nachrichtensendungen aus West- und aus Ost-Perspektive, die verdeutlichen, in welch unterschiedlichen Welten die Menschen vor allem in Berlin lebten. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die persönlichen Geschichten von Menschen, die die deutsche Teilung am eigenen Leib erlebt haben.
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen schildern in Interviews ihre Flucht und wie sie über Briefe und Pakete Kontakt zu ihren Familien im anderen Teil Deutschlands gehalten, wie sie Dokumente und geheime Fotografien über die Grenze geschmuggelt haben.
Grenzerfahrungen bieten auch die Gedenkstätte Berliner Mauer und die East Side Gallery. Die Gedenkstätte ist in der Bernauer Straße, die traurige Berühmtheit erlangt hat, weil die Mauer nicht nur die Stadt, sondern die Straße selbst teilte. In der Mühlenstraße steht zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke das längste noch erhaltene Stück Mauer, gestaltet von 118 Künstlerinnen und Künstlern. Diese 1,3 Kilometer lange East Side Gallery gilt als die längste Open-Air-Galerie der Welt.
Es lohnt also, sich die Zeit zu nehmen und einen Tag gedanklich in der DDR zu verbringen. Bestens einstimmen kann man sich darauf zu Hause mit dem Film „Sonnenallee“. Dessen jugendlicher Held Micha Ehrenreich eröffnet den Streifen schließlich mit dem Satz: „Ich lebe in der DDR. Ansonsten habe ich keine Probleme.“