In „Dreams – Gefährliches Verlangen“ spielt Jessica Chastain eine wohlhabende Kunstmäzenin, die sich auf eine Affäre mit einem illegal aus Mexiko eingewanderten Tänzer einlässt.
Die Filme von Michel Franco sind alles andere als oberflächliche Hollywood-Unterhaltung. Der 46-jährige Mexikaner erzählt in seinen Filmen wie „Memory“, „The Box“ und „Sundown“ verstörende Geschichten schwieriger Menschen in noch schwierigeren Situationen. Auch sein neues Drama „Dreams – Gefährliches Verlangen“ ist befreit von jeglichem Kitsch oder plakativer Action und handelt von einer verstörenden menschlichen Beziehung.
Eine Frau voller Widersprüche
Fernando ist ein junger Balletttänzer und gilt als großes Talent. Er und sein Team in Mexiko werden finanziell von Jennifer gefördert. Die reiche US-Amerikanerin führt ein gänzlich anderes Leben als der mittellose Fernando. Wohnung, Auto, Schmuck, Kleidung: Alles strahlt nur so vor Luxus, den Jennifer sich als Tochter eines Multimillionärs gut leisten kann. Jennifer hat es sich zudem zur Aufgabe gemacht, junge Talente zu unterstützen. Allerdings nutzt sie ihre Besuche in Mexiko für ihr sexuelles Verhältnis mit Fernando. Er hingegen hofft, dass sie ihn auch noch unterstützt, wenn er für seine Karriere in die USA einreist – illegal, es geht nicht anders. Alles andere als einfach. Immerhin ist die Überfahrt im überfüllten Laderaum eines Lkw lebensgefährlich. Aber er schafft es, zieht bei Jennifer in San Francisco ein und versucht, einen Platz in der angesehenen Ballettwelt zu bekommen. Beim Zusammenleben der beiden unterschiedlichen Menschen offenbart sich die Kluft zwischen ihnen. Jeweils allein treffen beide Entscheidungen, die zu einer Tragödie führen.
Jennifer wird gespielt von Jessica Chastain, die zurzeit als eine der besten Schauspielerinnen der USA gilt. In Blockbustern wie „Interstellar“ und „Der Marsianer – Rettet Marc Watney“ war sie schon zu sehen, ebenso in dem Drama „The Eyes of Tammy Faye“. Für ihre Hauptrolle darin gewann sie den Oscar. Als Jennifer zeigt sie erneut eine faszinierende Darstellung. Jennifer ist eine Frau voller Widersprüche. Sie glaubt zum einen, ein guter Mensch zu sein – eine Selbstlüge, wie sich am Ende herausstellt. Es ist leicht, als schwerreiche Frau in den USA gute Dinge zu tun und sich als Unterstützerin der Armen feiern zu lassen. Ihren Liebhaber sieht sie als Spielzeug ohne echte Nähe. Sie ist ganz froh, dass er in Mexiko leben muss. Als er es geschafft hat, mit einem Schlepper in die USA zu kommen und unvermittelt in ihrer Wohnung auftaucht, ist Jessica gar nicht so erfreut, wie er es wiederum erwartet hatte.
Eine eindringliche Bildsprache
Regisseur Michel Franco lässt das Verhalten Jennifers nicht unerklärt. Eine Szene zeigt, wie Jennifers Vater seinen unscheinbaren Sohn und dessen Errungenschaften im übertriebenen Maße lobt, seine Tochter aber fast nebenbei schlicht dafür dankt, dass sie einfach schön ist und an seiner Seite steht. Den Schmerz über diese Nichtbeachtung lässt sich Jennifer kaum anmerken, jedoch hat sie diese Ungleichbehandlung und diese Erfahrung von Liebe als Besitztum verinnerlicht. Dieses Verhalten reproduziert sie in der Beziehung mit Fernando, der das instinktiv ablehnt. Er handelt schnell, so dass Jennifer nicht anders zu können glaubt, als im Finale besonders schwerwiegend Rache zu nehmen.
Michel Francos „Dreams – Gefährliches Verlangen“ ist weit mehr als eine dramatische Liebesgeschichte. Durch Fernandos illegale Einwanderung in die USA rückt der Regisseur und Drehbuchautor das Ungleichgewicht zwischen den Völkern in den Vordergrund. Jessicas grauenvolles Verhalten ist ein Symbol für die Degradierung, die von den USA unter Trump auf Länder wie Mexiko vollzogen wird.Dass der Film nicht im hollywoodesken Unterhaltungsstil daherkommt, ist da nur folgerichtig. Die Kamera zeigt die Tanzszenen ebenso wie die Liebesakte, den Streit und auch das Ergebnis von Jessicas Rache in kühlen, fast schon farblosen Bildern. Der Zuschauer kann da kaum anders, als in den wenigen präsentierten Symbolen und Metaphern etwas Erklärbares zu suchen – und zu finden.
Mit dieser Bildsprache erinnert „Dreams – Gefährliches Verlangen“ an europäische Großmeister wie Michael Haneke und Rainer Werner Fassbinder. Leicht zu konsumieren ist „Dreams“ nicht, aber sehenswert und im Gedächtnis bleibend.