Die Berliner Sängerin und Schauspielerin Inka Pabst hat mit dem Illustrator Hendrik Jonas ein Kinderbuch über den 20er-Jahre-Komponisten Friedrich Hollaender geschrieben.
Inka Pabst wirkt fassungslos. Vielleicht ist sie es aber gar nicht und die Fassungslosungslosigkeit ist nur gespielt – schließlich ist das ihr Beruf. Inka Pabst hat Tanz, Gesang und Schauspiel studiert. Doch die Verwunderung wirkt echt: „Es gibt Menschen, die finden das nicht absurd“, sagt sie. „Aber es ist doch total absurd: Der trifft Hitler!“ Der – das ist Friedrich Hollaen-
der. Der Mann, der wegen „Spuk in der Villa Stern“ und anderer Anti-Hitler-Revuen ins Visier der Nationalsozialisten geraten und ihnen gerade noch so entkommen war. Dieser Friedrich Hollaender ist mal Hitler begegnet, wiederholt die „singende Schauspielerin“, wie sie sich selbst nennt.
Inka Pabst kann viele solcher Geschichten erzählen. Sie sprudeln nur so aus ihr heraus. Schwer sei es, „dieses Nerd-Wissen rauszulassen“ aus dem, was sie erzählt. Rauszulassen aus dem Buch, das sie gerade zusammen mit dem Illustrator Hendrik Jonas für Kinder geschrieben hat. „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ heißt es – und die Sache mit den Nazis erklärt Inka Pabst den Kindern so: „Die Nazis hassten alle, die nicht in ihr Weltbild passten: Juden, Kommunisten, Homosexuelle, Freidenker, auch Menschen mit Behinderung. Sie alle lebten nun in ständiger Gefahr, verhaftet und getötet zu werden. Deshalb verließen viele das Land. Auch Friedrich Hollaender war in dem neuen Regime nicht mehr erwünscht.“
Dann geht sie aber doch ins Detail: „Als er mit seiner zweiten Frau Hedi Schoop von einer Reise zurückkehrte, bekam er den Hinweis, dass die Geheimpolizei seine Wohnung durchsucht und zerstört hatte. Er musste umgehend das Land verlassen. Sie nahmen ein Taxi und fuhren zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin kamen sie in eine Polizeikontrolle. Friedrich hatte schreckliche Angst, entdeckt zu werden, deshalb versteckte er sich im Wagen unter Jacken und Gepäckstücken. Er hatte großes Glück. Das Taxi konnte ungehindert passieren und Hedi und er erreichten ihren Zug, der sie in Sicherheit brachte. Sein britischer Pass, den er neben dem deutschen besaß, erleichterte ihm die Ausreise.“
„Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ – das Lied, das auch Titel des Buches ist, kennen viele Menschen, sagt Inka Pabst. Marlene Dietrich hat es 1929 in Joseph von Sternbergs Film „Der blaue Engel“ gesungen. „Die Dietrich“, die ist bis heute eine Ikone. Der Mann, der dieses Lied komponiert hat, ist in Vergessenheit geraten. „Es ist erstaunlich, wie viele Menschen Friedrich Hollaender nicht kennen“, bedauert Inka Pabst. Denn sie hat festgestellt: „Es wird viel über die 20er-Jahre in Berlin gesprochen. Der Name wird aber nie genannt.“
Manchmal denkt sie selbst: „Vielleicht war der nicht so wichtig.“ Aber dann kommt die Gewissheit zurück: „Es war schon beachtlich, was der alles gemacht hat. Hollaender war ein Tausendsassa, der sowohl die Musik als auch das Wort auf spielerische Weise beherrschte und miteinander verband. Er machte alles gleichzeitig, das macht ihn so wahnsinnig besonders.“ Und vor allem, wie er seine Lieder und Texte geschrieben hat, sei so wundervoll und bis heute schön: „Man kann sich fallen lassen in ein tiefes Meer von Menschlichkeit.“
Sie sei „früh in Kontakt gekommen mit dieser Kultur und der Faszination der 20er-Jahre“, erzählt Inka Pabst. „Ich bin Jahrgang 1972, der kindliche Alltag war geprägt von den Ausläufern des Zweiten Weltkriegs“, erinnert sie sich. Da sei zum Beispiel ein Mann mit nur einem Arm gewesen, der „ist im Krieg geblieben“. „Wir wussten: Es war Krieg und der hat viel Leid gebracht.“ Daraus habe sich die Frage ergeben: „Wie ist das gekommen?“ In einem Schulprojekt sei sie dann „an Kurt Tucholsky rangekommen, an Texte, die mich geflasht haben“.
Einfach eintauchen in eine andere Geschichte
Außerdem sei da auch „diese wunderschöne Mode“ gewesen. „Es war eine wahnsinnig spannende Mode. Und da war plötzlich Freiheit, Frauen durften endlich wählen“, schwärmt Inka Pabst. Dass die „Goldenen Zwanziger“ heute wieder so populär sind, eine Serie wie „Babylon Berlin“ so erfolgreich ist, die Barkultur dieser Zeit kopiert wird – alles das habe sicher damit zu tun, dass Menschen in einer heute ja auch nicht einfachen Zeit „einfach eintauchen in eine andere Geschichte, eine andere Zeit“. Wie heute sei es ja auch vor 100 Jahren gewesen: „Party machen war ja auch: Wir vergessen mal kurz, ballern uns zu und tanzen, bis wir nicht mehr können. Diese Kultur prägt bis auf den heutigen Tag, aber die Protagonisten sind unbekannt – das will ich ändern mit dem Buch.“
Wobei sie die „Goldenen Zwanziger“ nicht glorifizieren möchte. „Da war natürlich nicht alles so golden. Sehr viele Menschen waren arbeitslos und arm und auf den Straßen sah man schwerverletzte Männer, die im Krieg einen Arm oder ein Bein oder ihren Verstand verloren hatten. Aber die Leute sehnten sich danach, all das Schwere und Furchtbare vergessen zu können, und deshalb trieb es sie in die Theater, Kabaretts, Musikbars und Tanzkeller Berlins, um sich zu amüsieren“, erklärt sie ihren jungen Leserinnen und Lesern – und kommt auf den Star ihres Buchs: „Friedrich Hollaender kam das nur gelegen. Er spielte überall und gleichzeitig und unterhielt das Publikum mit Jazz, Theatermusik, bissigem Kabarett und als Musikclown und verdiente damit viel Geld.“
Begonnen hat das Leben von Friedrich Hollaender so, schreibt Inka Pabst: „Ladies and Gentlemen, willkommen im Zirkus Barnum and Bailey! Lassen Sie sich entführen in eine Welt voller Zauber und Magie, Artistik und Sensationen. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass wir Ihnen unsere Hauptattraktion heute vorenthalten müssen. Die wunderbare Sängerin Rosa Perl hat vor wenigen Minuten einen Sohn entbunden und wird demzufolge heute nicht hoch oben auf einem Kamel ihre Arie schmettern. Der frischgebackene Vater Victor Hollaender hält jedoch die Stellung und dirigiert nun seinen bekannten Schlager ,Das Schaukellied‘. Viel Vergnügen!“
Ein Leben mit Musik im Scheinwerferlicht
„So oder so ähnlich könnte es geklungen haben, als Friedrich Hollaender am 18. Oktober 1896 in London das Licht der Welt erblickte“, sagt Inka Pabst. Das Leben mit Musik und im Scheinwerferlicht sei ihm quasi in die Wiege gelegt worden. Friedrich Hollaender wurde dann selbst ein Revue- und Tonfilmkomponist, Kabarettist und Musikdichter, der die Berliner Kulturszene in den 1920er-Jahren mitgeprägt hat. Dass die singende Schauspielerin das Buch über ihn jetzt veröffentlicht, liegt daran, dass Holländer am 18. Oktober 130 Jahre alt würde – wenn er nicht am 18. Januar 1976 gestorben wäre.
Die Idee war, „sein Leben, sein Wirken und vor allem seine Musik einem jungen Publikum zugänglich zu machen“, erklärt die Autorin. Was nicht heißt, dass nicht auch Erwachsene viel Freude haben und Erkenntnisse gewinnen können. Die Illustrationen von Hendrik Jonas fangen den Flair aus dieser Zeit ein. Aber was ist mit der Musik? Über QR-Codes können unterschiedliche Musikstücke gehört werden – das sei ihr ganz wichtig gewesen, sagt Inka Pabst. Und wie praktisch: Sie ist selbst Teil der Berliner Vocaphoniker, die sich auf Musik der 20er-Jahre spezialisiert haben. Das Buch ist also wie Friedrich Hollaender: vielseitig und für Überraschungen gut.
Eine Sache muss Inka Pabst aber dann doch noch erzählen: „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ habe er einfach so vor sich hingeklimpert und „irgendwas dabei gesungen“. Was für den Komponisten erstmal eine Übung war, hat das Filmteam restlos überzeugt: „Das ist es!“ Ja, es ist „total absurd!“.