Das Deutsche Theater geht nach der Sommerpause ab 11. September mit vier Premieren in die Spielzeit: zwei aktuelle Stücke, ein Klassiker, eine Graphic Novel.
Jacob McNeal ist das Paradebeispiel für den inzwischen zum Symbol für Unbeweglichkeit, Rückwärtsgewandtheit und Ignoranz gewordenen alten weißen Mann. Das Team des Deutschen Theaters, an dem dieser Jacob McNeal in der neuen Spielzeit eine Rolle spielen wird, erklärt es so: „Er ist geradezu ein Prototyp einer heute zunehmend als toxisch gebrandmarkten Männlichkeit.“ Der berühmte US-amerikanische Schriftsteller ist Ende 60, ein Charismatiker mit einem Alkoholproblem und ein bisschen ungehobelten Manieren, eine ehrliche Haut, prominent, erfolgreich, raumgreifend. Im Laufe seines Lebens hat er sich seine Bildung, seine Sprachmacht und seinen Platz in der Literaturgeschichte seines Landes hart erarbeitet und dabei ohne Rücksicht auf Verluste sich selbst, seine Beziehungen und seine Gesundheit ausgebeutet und ruiniert. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms (er hat gerade den Literaturnobelpreis bekommen) und am Ende seines Lebens (es wurde eine Leberzirrhose diagnostiziert) holt ihn seine Vergangenheit ein, und es überholt ihn eine Technologie, die ihn als Autor bedroht: Künstliche Intelligenz.
Wie verändert KI unser Leben, die Gesellschaft und die Kunst?
Der Ausnahmeschauspieler Ulrich Matthes ist der Mann, der ab dem 26. September Jacob McNeal ist. An diesem Abend hat das Stück „Der Fall McNeal“ Premiere auf der Bühne des Deutschen Theaters (DT). Der Schriftsteller Daniel Kehlmann hat das Stück von Ayad Akhtar ins Deutsche übersetzt. „Der Autor Ayad Akhtar hat mit forschender Neugierde zwei Jahre lang intensiv eine KI trainiert, bis sie in der Lage war, dieses Stück zu schreiben – in seinem Stil, in seinem Sinn. Und ist dabei auf Probleme gestoßen: unter anderem, dass die KI kein literarisch interessantes Verhältnis zum Tod entwickelt, der ja eines der brennenden Menschheitsthemen ist“, erklärt die DT-Dramaturgie dazu. Daraus ergeben sich für das Theater folgende Fragen: „Wie wird KI unser Leben und Denken, unsere Gesellschaft und unsere Kunst verändern? Kann sich Theater als einer der letzten Orte analoger Vergemeinschaftung behaupten gegen die digitale Vereinzelung, die schon jetzt rasant um sich greift und zu einer ganz neuen Form von Einsamkeit und Beeinflussbarkeit führt?“ Darauf wird auch „Der Fall McNeal“ keine verbindliche Antwort geben können – aber zum weiteren Nachdenken anregen. Das Stück, bei dem András Dömötör Regie führt, ist eins von vieren, die als Premiere zu Beginn der neuen Spielzeit am DT angekündigt sind.
Bereits am 19. September steht in der DT-Kammer die Uraufführung von Nele Stuhlers Stück „Leichter Gesang“ auf dem Spielplan. Auch hier stehen große Fragen im Raum: „Was bedeutet es, etwas zu verstehen oder nicht zu verstehen? Welche Sprache braucht es für Verständigung? Und was geschieht, wenn genau dieser Versuch, das Verstehen, das Missverstehen, selbst zum Thema eines Theaterabends wird?“ Autorin Nele Stuhler und Regisseur FX Mayr begeben sich gemeinsam mit Schauspielerinnen und Schauspielern des DT und des inklusiven RambaZamba Theaters auf eine poetische Forschungsreise: ins Innere des Sprechens, des Schreibens und in das produktive Missverständnis.
Am 24. Oktober bringt das DT dann einen Klassiker auf die Bühne: Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O. und –“. Es sei vielleicht der „berühmteste Gedankenstrich der Weltliteratur“, schreibt die DT-Dramaturgie und erklärt: Mitten in einem nüchtern erzählten Satz über einen Kriegsüberfall heißt es in Heinrich von Kleists Novelle: „ – dass sie, ohne es zu wissen, in andere Umstände gekommen sei“. „Ein abrupter Schnitt– dort, wo eigentlich das Entscheidende stehen müsste. Statt Klarheit: Leerstelle.“
Die Handlung beginnt in einer norditalienischen Festung. Während russische Truppen die Stadt stürmen, gerät die Marquise von O. (Maren Eggert), eine junge, verwitwete Mutter, in höchste Gefahr – bis ein Offizier, Graf F., sie scheinbar heldenhaft rettet. Wenige Tage später verschwindet er. Alles scheint überstanden. Doch Wochen danach erkennt die Marquise entsetzt: Sie ist schwanger. Ohne Erinnerung. Ohne Einwilligung. Und ohne jemanden, der ihr glaubt. Ihr Vater verstößt sie, die Mutter schweigt. Was wie ein medizinisches Wunder erscheinen mag, wird zum sozialen Todesurteil. Die Marquise wählt den einzigen Ausweg, der ihr bleibt: den Schritt in die Öffentlichkeit. Per Zeitungsanzeige bittet sie den unbekannten Vater, sich zu melden. Die Antwort folgt prompt – es ist der Retter selbst. Der Mann, der sie im Moment der Ohnmacht missbraucht hat, bittet nun um ihre Hand. Und wieder stellt das Theater Fragen: „Was also tun, wenn Sprache versagt? Wenn Recht, Moral und Logik kollabieren?“
„Der berühmte Gedankenstrich markiert nicht nur einen erzählerischen Bruch, sondern auch einen kulturellen. Die Vergewaltigung wird nicht ausgesprochen, sondern ausgeklammert. Das, was geschehen ist, bleibt nur angedeutet – und genau darin liegt die verstörende Kraft des Textes. Kleist zeigt, wie sexualisierte Gewalt an Frauen sprachlich wie strukturell unsichtbar gemacht wird. Die Leerstelle im Satz ist kein literarisches Ornament, sondern ein Symptom: Sie zeigt, wo Sprache versagt – und wie tief Gewalt reicht, wenn selbst das Erzählen daran scheitert“, erklärt der Regisseur.
„Das Dinner“ steht weiter auf dem Spielplan
Die vierte Premiere ist am 25. Oktober in der DT-Kammer. Theresa Thomasberger führt Regie bei „Die drei Leben der Hannah Arendt“, einem Stück nach der Graphic Novel von Ken Krimstein. Krimstein ist ein Kenner der Materie. Der in Chicago beheimatete Cartoonist und Autor, der sonst für „The New Yorker“, „The Wall Street Journal“ und die „Chicago Tribune“ zeichnet, hat das Leben von Hannah Arendt in Hunderten von Bildern und kurzen Texten erzählt. Es liest sich wie ein Krimi aus vielen Leben: Königsberg in den 1910er-Jahren, Studienjahre bei Heidegger und Jaspers, das Berlin der 1920er, das Paris der 1930er, Fluchten und Freundschaften, das New York der 1950er und 1960er. Das Theater schreibt dazu: „Die Kriege und Totalitarismen des 20. Jahrhunderts prägen und beschäftigen sie. Ihr politisches Hauptwerk ,Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft‘ macht sie 1951 über Nacht bekannt. Als sie 1961 aus Jerusalem über den Eichmann-Prozess berichtet, erkennt sie in dem Massenmörder einen bürokratischen ,Hanswurst‘ und löst damit eine Kontroverse aus. Sie hält der Kritik stand. Sie will den Dingen auf den Grund gehen, auch wenn sie dadurch gezwungen ist, ,dahin zu denken, wo es wehtut‘, wie Hannah Arendt sagt. Freiheit im Denken ist ihr das höchste Gut. ,Denken ohne Geländer‘ nennt sie das.“ Der Premierenbogen spannt sich also von einem alten weißen Mann bis hin zu einer selbstbewussten Frau. Gespielt wird bereits ab dem 11. September mit „Schicklgruber“ und „Das Dinner“ auf der DT-Bühne, die Kammer beginnt mit ihrem Repertoire am 13., ebenso die Box. In „Das Dinner“, das die Theatergemeinde Berlin 2024 zur Aufführung des Jahres gewählt hat, steht dann ebenfalls Ulrich Matthes auf der Bühne.