Der Trainerwechsel im Sommer galt als sensible Zäsur, nicht als Neuanfang. Nach Erfolgscoach Horst Steffen übernahm mit Vincent Wagner ein kaum bekannter Trainer die SV Elversberg – und führte sie durch ein erstes Halbjahr, das kaum hätte erfolgreicher sein können.
kommenden Wochen wieder viel Arbeit - Foto: picture alliance / dpa / Revierfoto
Als im Sommer bei der SV Elversberg der Trainer wechselte, lag der Fokus weniger auf dem Neuen als auf dem, was verloren ging. Horst Steffen hatte den Club geprägt, sportlich wie kulturell. Unter ihm war Elversberg nicht nur erfolgreich, sondern klar erkennbar geworden: im Spiel, in der Sprache, im Selbstverständnis. Mit ihm ging es von der Regionalliga bis in die Relegation zur Bundesliga. Sein Abschied stellte deshalb eine grundsätzliche Frage: Lässt sich Identität im Profifußball bewahren, wenn die prägende Figur geht? Oder beginnt zwangsläufig ein anderer Weg?
Neuer Stürmer wird dringend gesucht
Die Antwort der SV Elversberg zu diesem Thema fiel deutlich aus. Elversberg entschied sich nicht für einen Bruch, sondern dafür, diesen Weg weiterzugehen. Der neue Trainer heißt Vincent Wagner – ein Name ohne große bundesweite Strahlkraft, aber mit einem Profil, das zum Verein passte. Wagner kam nicht aus der ersten Reihe des Profifußballs. Er hatte im Nachwuchs gearbeitet, unter anderem in Essen, später bei der TSG Hoffenheim, wo er in der Ausbildung und Entwicklung von Spielern tätig war. Seine Arbeit war auf Wiederholung, Struktur und Verständnis ausgerichtet, nicht auf kurzfristige Ergebnisse. Mannschaften von Wagner sollten lernen, Situationen zu lesen, Abläufe zu verinnerlichen und Verantwortung zu übernehmen – Prinzipien, die in Elversberg längst Teil der DNA waren. Schon bei seiner Vorstellung machte Wagner klar, dass er keinen neuen Rahmen bauen wollte. Er sprach nicht von Ambitionen, sondern vom Klassenerhalt. Dieses Narrativ zog sich auch durch die gesamte Saison. Selbst als Tabellenführer hatte das Ziel Klassenerhalt höchste Priorität. Dieser Satz blieb immer präsent. Er war weniger Schutzbehauptung als eine Arbeitsgrundlage – und er passte zu einem Trainer, der Ergebnisse einordnet, statt sie auszuschlachten.
Dass Wagner diesen Weg in Elversberg gehen konnte, war vor allem die Entscheidung von Ole Book. Der Sportvorstand hatte früh betont, dass Wagner fachlich und menschlich passe, weil er anschlussfähig sei. Nicht, weil er alles anders mache, sondern weil er das Bestehende weitertragen könne. Book sprach von Klarheit, von Vertrauen, von einer gemeinsamen Vorstellung davon, wie Fußball in Elversberg funktionieren soll. Es ging nicht darum, Horst Steffen mit einer Blaupause zu ersetzen, sondern zu schauen, wer das Fundament weiter ausbauen und entwickeln kann. Für viele Experten lagen genau da die Fragezeichen und die Zweifel – doch die räumte die SVE schnell aus der Welt.
Wagner passte von Beginn an
Die SVE startete mit einer Phase, in der sich neue Rollen und neue Gesichter finden mussten. Der Kader war verändert, zentrale Spieler hatten den Club verlassen. Und doch stellte sich früh eine bemerkenswerte Stabilität ein. In den ersten neun Ligaspielen holte die SVE sieben Siege, blieb nur einmal ohne Punkt und setzte sich oben fest. Bezeichnend: Gleich im ersten Spiel gelang der Mannschaft von Vincent Wagner in der Nachspielzeit das Siegtor – durch einen Standard. Das war insofern beachtlich, weil im vergangenen Jahr unter Steffen die Standards, milde ausgedrückt, eine Katastrophe waren. Auffällig war dabei nicht die Serie an sich, sondern die Art, wie sie zustande kam: kontrolliert, strukturiert und mit dem nötigen Killerinstinkt. Nach Erfolgen sprach Wagner von „gut“, manchmal von „gut minus“. Selbst nach klaren Ergebnissen verwies er auf Details, auf Abläufe, auf Statistiken. „Wenn ich auf die xG-Werte schaue, war das Ergebnis zu hoch“, sagte er nach einem deutlichen Sieg – ein Satz, der seine Sicht auf Fußball gut beschreibt. Diese Nüchternheit blieb auch dann bestehen, als Elversberg begann, unterschiedliche Siegtypen auszubilden. Der späte Erfolg gegen Kiel, als die Mannschaft geduldig blieb und sich in der Nachspielzeit belohnte. Der knappe Sieg gegen Düsseldorf, als Wagner offen einräumte: „Wir hatten einen guten Torhüter und auch Glück – so ehrlich müssen wir sein.“ Oder das 6:0 gegen Fürth, ein Spiel, das nach außen wie ein Statement wirkte, intern aber erneut relativiert wurde. „Insgesamt gut, nicht mehr, auch nicht weniger“, sagte Wagner – und meinte damit nicht das Ergebnis, sondern die Leistung dahinter.
Diese Phase – Kiel, Düsseldorf, Fürth – wurde zu einem Schlüssel für das Verständnis dieser Mannschaft. Die Elversberger zeigten, dass sie Spiele auf unterschiedliche Weise gewinnen können: dominant, geduldig, widerständig. Und vor allem, dass man dabei sprachlich und strukturell bei sich bleibt. Es gab keine Überhöhung, keinen Wechsel der Tonlage. Die Mannschaft blieb ruhig, der Trainer blieb sachlich, die Zieldefinition blieb unverändert.
Auch in der Phase, in der diese erfolgreiche Hinserie mal stockte, zeigte sich, wie belastbar dieses Modell ist. Vier Pflichtspiele ohne Sieg, darunter eine Partie auf Schalke ohne einen einzigen Torschuss – statistisch ungewöhnlich, strukturell aber erklärbar. Wagner benannte die Probleme offen. „Für mich war es das bislang schwerste Spiel der Saison“, sagte er nach Gelsenkirchen. Er sprach über fehlende Überzeugung im letzten Drittel, über saubere Entscheidungen, über die Qualität des Gegners. Von Krise war nicht die Rede. Von Panik auch nicht. Die Mannschaft blieb stabil – und sie reagierte.
Es folgte keine Kurskorrektur, sondern eine Weiterentwicklung. Elversberg fing sich, gewann wieder Spiele, blieb oben dran. Auch in Phasen, in denen der Aufwand größer war als der Ertrag, hielt Wagner an seiner Linie fest. „Sich Chancen herauszuspielen, ist die Königsdisziplin“, sagte er einmal.
Elversberg setzt nicht auf Stars
Der Satz erklärt viel. Für Wagner beginnt Fußball nicht beim Abschluss, sondern bei der Vorbereitung. Ballbesitz ist Mittel zur Kontrolle, nicht Selbstzweck. Elversberg baut ruhig auf, zieht Gegner auseinander, besetzt den Rückraum konsequent. Umschaltmomente gehören genauso zum Spiel. Es geht um das komplette Paket. Dass diese Spielidee trägt, liegt auch am Kader. Elversberg setzt nicht auf Stars, sondern auf den Teamgedanken. Das betonen die Spieler selbst immer in Interviews. Besonders spannend wird jetzt zu sehen sein, wie es nach dem Abgang des Top-Torjägers Younes Ebnoutalib weitergeht. Personell soll nachgelegt werden, weil auch Jason Ceka den Verein auf Leihbasis verlassen hat. Wagner betonte regelmäßig, dass Training und Haltung entscheidend seien, nicht Status oder Name. Diese Linie blieb konstant – auch als die Aufmerksamkeit wuchs und Elversberg zeitweise Tabellenführer war. Book hatte früh gesagt, dass der Verein keine Abkürzungen gehen wolle. Die Hinrunde bestätigte das. Und der Weg ist noch lange nicht zu Ende.
Zum Jahresabschluss steht Elversberg mit 34 Punkten auf einem direkten Aufstiegsplatz – erneut. Wagner zog ein positives Fazit – nicht wegen der Tabelle, sondern wegen der Art des Auftretens. Er freue sich darüber, „wie die Jungs auftreten, wie wir Fußball spielen“, sagte er. Und fügte hinzu, dass es ihm viel bedeute, „diese Jungs trainieren zu dürfen“. Der nun auch offizielle Fußball-Lehrer bringt damit viel Demut hinein – Demut, die der SVE schon seit ihrem ersten Auftritt im Profifußball guttut. Neben Demut braucht es auch eine Menge Mut, diesen Weg so zu gehen. Auch das ist Teil der Elversberger DNA. Und ebenfalls der Wagner-DNA.
Das erste Halbjahr unter Vincent Wagner ist kein Märchen und kein Zufallsprodukt. Es ist das Ergebnis eines Übergangs, der funktioniert hat, weil er vorbereitet war. Wagner ist kein Trainer, der Elversberg neu erfunden hat. Er ist einer, der verstanden hat, wo er angekommen ist und was es braucht, um noch besser zu werden. Diese Entwicklung ist noch lange nicht am Ende.