Als Britta Meinecke-Allekotte aus Dinslaken vor acht Jahren einen schweren Arbeitsunfall hatte, entschied sie sich für eine Amputation ihrer linken Hand. Und sie schaffte es, sich gegen viele Widerstände durchzusetzen und in ihren früheren Beruf als OP-Schwester zurückzukehren. Heute begleitet und berät sie andere Betroffene.
Wenn man Britta Meinecke-Allekotte dabei zusieht, wie sie einen Handschuh über ihre linke Roboterhand zieht oder mit dieser einen Champignon greift und in eine Papiertüte befördert, wirkt das auf den ersten Blick leicht befremdlich. Es ist ein leises Surren zu hören, wenn sich die myoelektrische Roboterhand bewegt. Genauer gesagt ist es eine Hand-Unterarm-Prothese. Vor allen Dingen kann sich keiner, der Britta Meinecke-Allekotte nicht näher kennt, vorstellen, welche Kraft es brauchte, damit sie sich in ein selbstbestimmtes Leben zurückkämpfen konnte. Warum überhaupt trägt die heute 61-jährige Operationsschwester, die seit 44 Jahren in ihrem Beruf arbeitet, verheiratet und Mutter eines 22-jährigen Sohnes ist, eine Prothese?
Um zu verstehen, unter welchen Umständen sich Britta Meinecke-Allekotte für das Tragen dieser futuristisch anmutenden Roboterhand entschieden hat, hilft ein Blick in ihre Vergangenheit: Es ist ein normaler Donnerstagabend im November vor acht Jahren. Wie an anderen Tagen arbeitet sie bei ihrem früheren Arbeitgeber, einer Praxisklinik in Neuss, als angestellte OP-Schwester. Britta Meinecke-Allekotte sterilisiert gerade im OP die benutzten Instrumente. „Ich wollte gerade ein Instrumentensieb aus einem Dampfsterilisator herausholen, als in dem Moment ein sogenannter Druckminderer in dem Gerät platzte“, erzählt Britta Meinecke-Allekotte. Dazu muss man wissen, dass ein solches Gerät in etwa der Größe einer Wohnungstür entspricht. Was danach geschah, könnte einem Horrorfilm entsprungen sein: Infolge des technischen Defekts schnellt die Verriegelungstür wie ein Fallbeil nach oben und klemmt ihre linke Hand und Teile des Unterarms ein. Ein Gewicht von 9 bar Druck verursacht eine massive Quetschung des linken Handgelenks. Hinzu kommt, dass sich der Dampf im Sterilisator auf etwa 120 Grad erhitzt, sodass schwerste Verbrennungen die Folge sind.
„Mir war von Anfang an klar, ich wollte wieder in meinem Beruf arbeiten“
An die Situation, als sie in dem Gerät eingeschlossen war, auch an die unvorstellbar starken Schmerzen, die sie erlitt, erinnert sich Britta Meinecke-Allekotte ganz genau. „Ich musste mich zwingen, die Atmung zu kontrollieren, und musste darauf achten, nicht zu hyperventilieren, denn sonst hätte ich nicht genügend Kraft zum Schreien gehabt“, erzählt sie weiter. Es sollte 45 Minuten dauern, bis schließlich eine Patientin ihre Schreie hört und die Nachtschwester informiert. Erst dann wird die Rettungskette in Gang gesetzt. Als Erstes trifft die Feuerwehr ein, die das defekte Gerät aufbricht und Britta Meinecke-Allekotte befreit, ein zwischenzeitlich dazu gekommener Notarzt verabreicht ihr eine Kurznarkose. Von Neuss transportiert man sie nach Duisburg und liefert sie im BG-Klinikum für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Zentrum für Schwerbrandverletzte ein. „Als ich hörte, dass ich in die BG-Klinik komme, war für mich klar, dass ich da in guten Händen bin und mir geholfen wird“, sagt sie. Und sie war froh, dass sie den schweren Arbeitsunfall überlebt hatte und ihre Familie wiedersehen würde. Als sie ihren linken Arm anschaut, empfindet sie die Quetschverletzungen als nicht so schlimm. Doch was ihr zu dem Zeitpunkt nicht bewusst ist: Schon nach zehn Minuten ist bei einer Verletzung dieses Ausmaßes kein Erhalt der Hand mehr möglich.
Über einen Zeitraum von sechs Wochen wird in der Duisburger Klinik alles Menschenmögliche getan, um ihre linke Hand zu erhalten. Im Zuge der ersten OP wird die Versorgung der Blutgefäße wiederhergestellt, damit die Hand wieder durchblutet werden kann. „Zwei Stunden später bei der Visite wurde mir der Verband gewechselt, da war die Hand dunkelblau. Ich kam also wieder in den OP und wurde acht Stunden operiert“, erzählt sie. Am Anfang sieht alles vielversprechend aus – bis Mittelfinger und kleiner Finger schwarz wurden. Mit jedem Tag, der auf diesen folgte, veränderte sich das Aussehen ihrer linken Hand, erst erholten sich die zwei Finger, dann wurden andere schwarz. Die Chancen für einen Erhalt der Hand schwinden jedoch zusehends. Im Prinzip bleiben Britta Meinecke-Allekotte nur zwei Optionen: Über einen langen Zeitraum die Funktionen der linken Hand durch den Einsatz von körpereigenen Gefäßen, Muskeln und Sehnen wiederherzustellen. „Ich hätte das auch fast gemacht, weil ich unbedingt meine Hand behalten wollte. Aber die Chance, dass es funktioniert, lag nur bei 20 Prozent. Außerdem hätte ich drei Jahre lang immer wieder operiert werden müssen.“ Die zweite Möglichkeit, die in ihrer Situation infrage kommt, ist eine Amputation des Unterarms. Angesichts eines Szenarios, in dem sie bis an ihr Lebensende mit einer funktionslosen Teilhand leben muss, erscheint ihr eine Amputation in ihrer Lage die bessere Lösung. „Mir war von Anfang an klar, ich wollte wieder in meinem Beruf arbeiten.“ Britta Meinecke-Allekotte informiert sich über die Möglichkeiten in der Prothetik, nimmt Kontakt zu Orthopädietechnikern auf und spricht mit anderen Betroffenen. Innerhalb von einer Woche trifft sie die Entscheidung: Ihre linke Hand soll amputiert werden.
Ihre eigene Erfahrung macht Meinecke-Allekotte zur besten Begleiterin für andere in dieser Lage
Die Frau, die wenige Wochen zuvor einen schweren Arbeitsunfall erlebt hatte, will das vermeintlich Unmögliche schaffen: wieder in ihren früheren Beruf als OP-Schwester zurückkehren. „Ich erzählte schon vor der Amputation meinem behandelnden Arzt, meinem heutigen Chef, dass ich unbedingt wieder im OP arbeiten will. Als er das hörte, hat er mich für verrückt erklärt und mir gesagt, dass das völlig unmöglich ist.“ Auch ihr Mann reagiert völlig perplex, als er von ihrem Plan, wieder in den früheren Beruf einzusteigen, erfährt. Auch ihrem seinerzeit 13-jährigen Sohn geht der Arbeitsunfall seiner Mutter sehr nahe. Als Britta Meinecke-Allekotte stationär behandelt werden muss, zieht er sich zurück und spricht nicht mehr mit ihr. „Ich habe schnell gemerkt, dass für ihn ganz wichtig war, dass ich wieder Normalität in die Familie reinbringe“, sagt sie. Um den Arzt davon zu überzeugen, dass sie den Wiedereinstieg schafft, nimmt sie Videos auf. In diesen klettert sie mit Probe-Handprothesen an einer Wand und fährt Fahrrad. „Ich habe ihm alle Videos geschickt und irgendwann merkte er, die Frau hat so viel Biss, sie will das unbedingt. Er war bereit, mit mir einen ganz neuen Weg zu gehen. Aber wir waren auch ganz ehrlich miteinander und sagten, es ist ein Versuch. Wenn es nicht funktioniert, brechen wir das Ganze ab.“ Für Britta Meinecke-Allekotte war dieser Versuch wichtig: Nicht eher würde sie zur Ruhe kommen, wenn sie nicht wüsste, ob dieser neue Weg sie ans Ziel führt.
Bevor Britta Meinecke-Allekotte die berufliche Rehabilitation beginnt, steht sie vor der Herausforderung, eine passende Handprothese zu finden. An der BG-Klinik in Duisburg dürfen alle Patienten drei Prothesenhände für einige Wochen testen. „Das Standard-Prothesensystem ist nicht unbedingt üblich. Das war schon sehr fortschrittlich“, sagt sie. Unter den drei Prothesenhänden ist eine myoelektrische. Solche Prothesen erfassen über Elektroden die Muskelaktivität am Armstumpf und aktivieren so elektrische Motoren, die Greif- und Umwendebewegungen der Hand steuern können. „Man sagte mir, das sei die beste Prothese, die es im Moment auf dem Markt gibt. Und diese Prothese habe ich relativ schnell supergut beherrscht“, erzählt sie. Aber: Um überhaupt in eine berufliche Reha-Maßnahme zu kommen und um mit dieser Prothese zu üben, muss sie sich für eine entscheiden. Das Problem war nur: Nach vier Tagen brach die Prothese auseinander. „Spätestens dann war klar, dass es so nicht funktioniert. Das war der erste Tiefpunkt“, sagt sie. Mit anderen Worten: Mit der Prothese konnte sie sich keine Handschuhe anziehen und auch keinen Instrumentencontainer tragen.
Das heißt: Sie brauchte eine neue Prothesenhand, eine, mit der sie im OP arbeiten kann, aber auch eine, die für den Alltag taugt. Über den Orthopädietechniker ihres Vertrauens gelangte sie an eine neue Handprothese. „Ich merkte schnell, dass mit der Hand alles möglich ist, und ich dachte, das könnte die Hand sein, mit der ich wieder in meinen Beruf zurückkehren kann.“ Wieder tut sich ein neues Hindernis vor ihr auf: Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), sprich die zuständige Krankenversicherung, weigert sich, die Kosten für die zweite, neue myoelektrische Prothese zu übernehmen. Da ihr aber als Prothesenträgerin nur eine zusteht, muss sie die zweite wieder zurückgeben. Aber Britta Meinecke-Allekotte lässt sich das nicht gefallen: Sie hält Vorträge und macht auf diesen Missstand aufmerksam. Als sie einen Vortrag hält, bei dem auch Verantwortliche der BGW anwesend sind, hinterfragt sie das bisherige Standard-Prothesenverfahren und spricht sich dafür aus, dass Patienten mit Amputationen individuell betrachtet werden sollen. Überraschenderweise lenkt die BG daraufhin ein und zeigt sich ihr gegenüber kooperativ. „Sie sagten: ‚Okay, wir finanzieren ihnen die zweite Prothese, aber nur, wenn sie den Nachweis erbringen, dass sie mit dieser Hand wieder in ihren Beruf können“, erzählt die OP-Schwester. Ihr ist klar, dass ihre Versicherung nicht damit rechnet, dass das funktionieren wird. Nur: Wie soll sie beweisen, dass sie in der Lage ist, wieder als OP-Schwester zu arbeiten? Wieder unterstützt sie dabei ihr späterer Chef, Prof. Dr. Hohmann, der ihr eine zweite berufliche Reha-Maßnahme in der handchirurgischen Abteilung in der BG Klinik Duisburg anbietet. „Das Ganze nannte sich erweiterte ambulante Physiotherapie“, erklärt sie.
Da sich daraufhin alles fügt und gut zu entwickeln scheint, denkt Britta Meinecke-Allekotte, dass sie in zwei bis drei Wochen ihrer Krankenversicherung den Nachweis vorlegen kann. Doch es dauert viel länger, als sie es sich vorstellt. „Ich habe mich ganz schwer vertan, weil ich erkennen musste, dass es nicht darum ging, die Funktionen der Hand zu beherrschen – das konnte ich schon aus dem Effeff. Sondern ich musste verstehen, dass es darum ging, jeden der 16 Griffe den verschiedenen Anforderungen zuzuordnen“, sagt sie. Für die OP-Schwester bedeutet das im Klartext: Sie muss neu lernen, ausprobieren, trainieren und Bewegungsabläufe verinnerlichen. So muss sie zum Beispiel lernen, wie sie sich einen sterilen OP-Handschuh anzieht, mit welchem Griff sie ein Skalpell öffnet oder wie sie einen Wunddrainageschlauch auf einen kleinen Spieß dreht. „Ich musste mir wirklich alles neu erarbeiten. Erschwerend hinzu kam, dass ich auf keine Erfahrungswerte zurückgreifen konnte, denn meines Wissens hat, das vor mir noch kein Mensch versucht“, sagt sie. Am Ende vergehen sieben Monate, bis die berufliche Reha beendet ist und jeder Handgriff im OP sitzt. Alles in allem dauert es nach dem Unfall eineinhalb Jahre, bis sie ab 2019 offiziell wieder in ihrem früheren Beruf als Operationsschwester arbeitet – und zwar in der Klinik, in der sie behandelt wurde und die berufliche Reha durchlief.
Wenn man hört, was Britta Meinecke-Allekotte aus dem nordrhein-westfälischen Dinslaken neben ihrer 20-Stunden-Stelle als OP-Schwester alles macht, stellt sich die Frage, wie sie Beruf, ehrenamtliches Engagement und Familienleben unter einen Hut bekommt: Sie hat das Buch „Anwender Trainingsprogramm für Vincent Evolution / Vincent Systems und andere Elektrohände“ geschrieben, entwickelt individuelle Trainingsprogramme, bildet sich regelmäßig weiter und hält auf Anfrage Vorträge und Seminare für verschiedene Akteure aus dem Gesundheitswesen, Reha-Verbände, Berufsgenossenschaften, Orthopädietechniker und Prothesenhersteller. Am BG Klinikum Duisburg bietet sie für Menschen, die auf Prothesen angewiesen sind, eine Peer-Betreuung an. „Das bedeutet, Betroffene helfen Betroffenen auf Augenhöhe“, sagt sie. Viele Patienten seien nach einer notfallmäßigen Amputation traumatisiert und noch nicht so weit, mit einem Psychologen zu sprechen. „Aber sie sind eher bereit, mit jemandem zu kommunizieren, der, wie ich, das alles durchgemacht hat. Nur derjenige kann auch wirklich nachfühlen, was in den Betroffenen vorgeht.“ Als Peer-Unterstützerin betreut Britta Meinecke-Allekotte stationär behandelte Patienten bei geplanten Amputationen vor der OP, klärt sie über Prothesen-Modelle auf, begleitet sie bei Operationen bis an den OP-Tisch und betreut sie danach weiter in der Klinik. „Wenn die Patienten an einer Studie teilnehmen, kann es sein, dass ich sie bis zu einem halben Jahr weiter betreue“, erzählt sie. Im Oktober 2024 wurde Britta Meinecke-Allekotte übrigens wegen ihres vielseitigen Engagements mit dem Preis „Der besondere Patient“ der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC) ausgezeichnet. Die DGPRÄC ehrt damit jene, deren Operation die vielfältigen Möglichkeiten der Plastischen Chirurgie erkennen lässt und deren Courage auch anderen Mut gemacht hat.
Und damit hört ihr Engagement noch nicht auf: Als Prothesengebrauchstrainerin für ein Orthopädietechnik-Unternehmen mit Sitz in Duisburg hilft sie den Betroffenen, mit der Prothese zurechtzukommen und sie in Alltag und Beruf zu integrieren. „Da entwickeln sich wirklich ganz enge freundschaftliche Verhältnisse, weil diese Patienten eine ganz lange intensive Betreuung bekommen“, sagt sie. Was sie motiviert, weiterzumachen, ist, zu sehen, wie die Anwenderinnen und Anwender über sich hinauswachsen – und wie sie es trotz Zweifeln und Rückschlägen ans Ziel schaffen und letztlich stolz darauf sind, was ihre Prothese alles kann.